Zwischen Wagnis und Zensur. Zu den Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR von 1945 bis 1965


Essay, 2015
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

„Zwischen Wagnis und Zensur – Zu den Entwicklungen der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR von 1945 bis 1965“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der diesem voraus gegangenen endgültigen Zerschlagung des Nationalsozialismus, war auch auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone die Grundlage für eine humanistische, vor allem aber nach dem Vorbild Karl Marx und Friedrich Engels sozialistische Neukonstituierung der Gesellschaft geschaffen. Von diesen grundlegenden Veränderungen betroffen sah sich auch der Literaturbetrieb, darin insbesondere die Kinder- und Jugendliteratur. Vor allem diese Gattung sah sich von dem neuerlichen Selbstverständnis der Mehrheit der Schriftsteller und Schriftstellerinnen betroffen, Prinzipien des aktiven Humanismus, des sozialistischen Patriotismus sowie proletarischen Internationalismus[1] in der Literatur auch an Kinder und Jugendliche zu vermitteln. Maßgeblich für diesen hohen ideellen Anspruch war die Kinder- und Jugendliteratur der UdSSR, welche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Literaturlandschaft der späteren Deutschen Demokratischen Republik bestimmte. In den Beiträgen zur Kinder- und Jugendliteratur von 1967 heißt es von Willi Meinck dazu:

Ohne die sowjetische Kinder- und Jugendliteratur wäre es nicht möglich gewesen, nach dem Zusammenbruch des Faschismus so schnell eine gute und wirksame antifaschistische – später dann sozialistische – Kinder- und Jugendliteratur zu schaffen […] Die Entwicklung für den einzelnen Schriftsteller und damit für die Gesamtheit der Literatur hätte ohne die Vorbilder der sowjetischen Kinder- und Jugendliteratur länger gedauert.[2]

Neben grundsätzlichen, ideologischen Prinzipien des Sozialismus, übertrug sich auch die in der sowjetischen Kinder- und Jugendliteratur etablierte Auffassung von der Stellung und Rolle der Kinder und Jugendlichen auf die Autoren und Autorinnen der DDR, die sich bald selbiger Gattung verschrieben sahen. Nach sozialistischer Auffassung sind Heranwachsende das Erbe aller geistigen und materiellen Güter der Menschheit sowie „potentielle Repräsentanten der gesellschaftlichen Zukunft“[3], demzufolge im Aufbau einer humanistischen Gesellschaftsordnung nicht weniger wichtig als Erwachsene. So formulierte Maxim Gorki: „Der sozialistische Staat kann nicht Wirklichkeit werden, wenn die Kinder keine Sozialisten werden.“[4]

Auf diese Weise legten Werke wie Waltentin Katajews Es blinkt ein einsam Segel, Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde oder Timur und sein Trupp von Arkadi Gajdar die Darstellung der „Welt des Kindes“ als „zu romantiserende Kindheitsenklave“[5] ab und begangen, neue Modelle für die künstlerische Gestaltung literarischer Kinder und Jugendlicher zu entwerfen, die die kindlichen Helden im Alltag der sozialistischen Gesellschaft realistischer abzubilden versuchten. Vor allem aber fungieren diese „Kindbilder“ im weitesten Sinne als Indikatoren zur Bewertung des Standes der Kinder- und Jugendliteratur in der historischen, politisch-ideologischen sowie ethisch-moralischen (Weiter-)Entwicklung der DDR. Auch stehen die sich weiterentwickelnden Persönlichkeiten der Kinder- und Jugendbuchfiguren in mancher Hinsicht in Analogie zu den sich weiterentwickelnden Standpunkten der Autoren und Autorinnen in der DDR, deren Werke hinsichtlich der Zensur zweigesichtig sind. Einerseits geht es darum, die Glaubwürdigkeit gegenüber den offiziellen Amts- und Entscheidungsträgern, andererseits doch die eigene subjektive Wahrhaftigkeit für die Leserschaft zu wahren.[6]

In dieser Darstellung der Kindbilder herrschen im Wesentlichen zuerst in der sowjetischen Kinder- und Jugendliteratur vier Modelle der literarischen Figuren Kinder und Jugendlicher[7] vor, denen sich zunehmend die Literatur der DDR annimmt. So kennt man in der Literatur erstens Werke wie Benno Pludras Die Jungen von Zelt 13 (1952), in welchen das Kollektiv als Protagonist agiert. Darin gibt es keine Reflektorfigur, stattdessen eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen, die sich zumeist nach anfänglichen Schwierigkeiten, schlussendlich besonnen zu einer idealen Gemeinschaft hin entwickeln. Zweitens gibt es Werke, in denen ein kindlicher Protagonist ein Kollektiv bildet, ein solcher Protagonist wie die Titelfigur Bärbel in Ilse Korns Mit Bärbel fing es an (1952) zeichnet sich dadurch aus, alle für den Aufbau des Sozialismus wünschenswerten Eigenschaften inne zu haben. Auf diese Weise gelingt es einem solchen kindlichen Helden, Gleichaltrigen den richtigen Weg vorzugeben, der ebenfalls in das Kollektiv führt. Erwin Strittmatters Tinko (1954) gehört zu einem vierten Modell der literarischen Kinder- und Jugendfiguren, in welchem ein Außenseiter, Zögling oder Skeptiker erst davon überzeugt werden muss, ins Kollektiv eingegliedert zu werden. Zuletzt gibt es auch den einzelnen kindlichen Protagonisten wie in Pludras Lütt Matten und die weiße Muschel (1963) oder Karl Neumanns Frank (1958). In Werken wie diesen wurde das kindliche Individuum von Erwachsenen, zumeist Mutter- oder Vaterfiguren, sich selbst überlassen, wendet sich daher dem Kollektiv zu, in welche es eine neue Familie findet.

Die sowjetische Kinder- und Jugendliteratur legte eben diese gewissen Maßstäbe in der Figurenkonstellation, welche Adaption in den unter anderem zuvor genannten Werken der Kinder- und Jugendliteratur der DDR fanden. Doch traditionellen Auffassungen über angebliche Grenzen der Literatur für Kinder und Jugendliche, denen der DDR-Literaturbetrieb nach der Gründung der DDR 1949 zunächst noch verschrieben blieb, hemmten die Entwicklung einer eigenständigen realistischen Erzählprosa in dieser Gattung. Die noch engstirnige, aus der bürgerlich-idealistischen Kindauffassung abgeleitete Sicht auf das Leistungsvermögen der Gattung hatte zur Folge, dass viele der Werke an Typisierungen von Figuren oder Handlungen sowie der ausschließlichen Verwendung konventioneller Erzählmittel und linearer Erzählweise krankten. Letztlich aber gelang es, weiterhin auf Grund des unmittelbaren Vorbildcharakters der Sowjetliteratur, die Erzählprosa für Kinder und Jugendliche von alten Konventionen und Schematismus zu befreien, die Kinder- und Jugendliteratur letztlich ebenfalls Ausdrucksform von Kunst zu begreifen.[8]

[...]


[1] Vgl. Emmrich, Christian 1981: Literatur für Kinder und Jugendliche in der DDR, S.141.

[2] Zitiert in: Emmrich, Christian 1981, S. 141.

[3] Emmrich 1981, S.141.

[4] Zitiert in: Kunert, Heinz 1993: „Kinderliteratur in der DDR: Was bleibt?“, in: Havekost/Langenhahn/Wicklein: Helden nach Plan? Kinder- und Jugendliteratur der DDR zwischen Wagnis und Zensur, S. 109.

[5] Zitiert in: Emmrich 1981, S.141.

[6] Vgl. Kunert 1993, S.126.

[7] Hier mit ausgewählten literarischen Beispielen zusammengefasst, vgl. dazu Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 7, SBZ, DDR : von 1945 bis 1990, Hrsg. v. Rüdiger Steinlein, Heidi Strobel, Thomas Kramer, Theodor Brüggemann. Stuttgart: JB Metzler, 2006.

[8] Vgl. Emmrich 1981, S,165.

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Details

Titel
Zwischen Wagnis und Zensur. Zu den Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR von 1945 bis 1965
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V315716
ISBN (eBook)
9783668152502
ISBN (Buch)
9783668152519
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, wagnis, zensur, entwicklungen, kinder-, jugendliteratur
Arbeit zitieren
Anna Stumpe (Autor), 2015, Zwischen Wagnis und Zensur. Zu den Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR von 1945 bis 1965, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315716

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