Das Ziel folgender Arbeit ist eine knappe Analyse der Motette Nr. 4 von Guillaume de Machaut. Dabei soll untersucht werden, wie das Werk aufgebaut ist, welche Einflüsse aus einer anderen Gattung sich finden lassen, und wie sich das Verhältnis von Text und Musik gestaltet.
Die Edition der Motetten Machauts von Friedrich Ludwig diente vorliegender Analyse als Quelle.
Die Motette ist dreistimmig aus Tenor, Motetus und Triplum aufgebaut und entsprechend in c4 und zweimal in c1 geschlüsselt. Der Modus und das Tempus sind imperfekt und die Prolatio perfekt. Die perfekte Prolatio oder Prolatio maior, die die Teilung der Semibrevis in drei Minimae angibt, wird in den Noten als Triole wiedergegeben. Eine Mensur wird hier als eine Einheit verstanden, die die Dauer einer Longa oder von zwei Breven besitzt. Ein auffälliges Formmerkmal stellt der zweiteilige Aufbau der Motette dar. Ab Mensur 103 beginnt der zweite, diminuierte Teil, der insofern verkürzt ist, als die Notenwerte im Tenor jeweils um die Hälfte kleiner werden und somit Talea und Color doppelt so schnell erklingen.
Die Motette Nr. 4 ist eine isorhythmische Motette. Die Talea oder Tondauernreihe umfasst 12 Töne und der Color 18 Töne, was ein kleinstes gemeinsames Vielfaches von 36 ergibt. Das bedeutet, dass die Talea dreimal und der Color zweimal erklingen müssen, um ein gemeinsames Ende zu finden und einen Durchlauf zu beenden. In Teil II erscheint der Tenor dagegen diminuiert, was zur Folge hat, dass sich die Bewegung gewissermaßen beschleunigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufbau
1.1 Allgemeiner Aufbau
1.2 Isorhythmischer Aufbau
2. Tenor
2.1 Der Tenor als Grundlage einer Motette
2.2 Herkunft des Tenors aus einem Gregorianischen Choral
2.3 Zusammenhang zwischen Tenor und Triplum- und Motetustext
3. Struktur
3.1 Isorhythmie als Strukturelemet oder transzendentales Moment
3.2 Binnengliederung und Analogien
3.2.1 Unterteilung im Teil I
3.2.2 Unterteilung im Teil II
4. Musikalische Textbezüge
4.1 Strukturelle Analogien von Versenden und Kadenzen
4.2 Textausdeutung in der Motette
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Motette Nr. 4 von Guillaume de Machaut, um deren formalen Aufbau, die Verwendung isorhythmischer Strukturen sowie das komplexe Verhältnis zwischen musikalischen Elementen und den Textinhalten der Oberstimmen zu untersuchen.
- Isorhythmische Kompositionstechniken und ihre Bedeutung
- Der Tenor als musikalisches und textliches Fundament
- Korrespondenz zwischen musikalischer Struktur und Textgliederung
- Fragen der Textausdeutung in der mittelalterlichen Motette
- Der Einfluss gregorianischer Choräle auf Machauts Werk
Auszug aus dem Buch
Musikalische Textbezüge
In der Motette kann zunächst ein ähnlicher Topos festgestellt werden.: Im Triplumtext wird das lyrische Ich von Sehnsucht nach der Geliebten verzehrt, findet zunächst aber Trost in der Hoffnung, der Erinnerung an sie und in der Vorstellung von ihr. Als Anklang an das „speravi“ des Chorals steht der Trost „espoir“ als erstes Wort im Gedicht, womit ihm auch eine Schlüsselfunktion zukommt, die durch ein dreimaliges Wiederholen verstärkt wird. Mit dem Ausruf „Las“ wird in einem zweiten Teil die Zunahme der Sehnsucht bei gleichzeitiger Abnahme der Hoffnung und der Erinnerung beschrieben. Im letzten Abschnitt des Gedichts, der mit „et que m a dame“ beginnt, klagt das lyrische Ich den Grund für seine miserable Situation an: Die Dame, die jede Hoffnung bitter enttäuscht. Sie weiß um die Gefühle ihres Anbeters, doch lehnt sie ihn trotzdem, oder gerade deswegen, grausam ab. Das lyrische Ich fügt sich jedoch in sein Schicksal und beteuert seine ewige Liebe zu ihr.
Der Text des Motetus ist inhaltlich ähnlich. In starken Bildern beschreibt das lyrische Ich seine Liebe zur angebeteten Dame, die mit einem Feuer verglichen wird. Doch obwohl es kaum Hoffnung auf Erfüllung der Liebe gibt, beschließt es, lieber zugrunde zu gehen, als die Liebe aufzugeben.
Triplum und Motetus werden dabei simultan vorgetragen, wobei im Triplum fast doppelt so viele Verse wie im Motetus deklamiert werden. Damit werden die drei Stimmen der Motette auch durch Anzahl der Verse unterschieden, die in jeder Stimme festgelegt ist. Für den Zuhörer entsteht somit bei zunehmender Anzahl der Verse der Eindruck einer zunehmenden Lebhaftigkeit der Musik.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufbau: Dieses Kapitel erläutert den formalen und isorhythmischen Aufbau der Motette Nr. 4.
2. Tenor: Hier wird der Tenor als Fundament des Werks analysiert, insbesondere seine Herkunft aus einem gregorianischen Choral und seine Beziehung zu den Oberstimmen.
3. Struktur: Dieser Abschnitt untersucht die Isorhythmie als strukturelles Element sowie die Binnengliederung in den Teilen I und II.
4. Musikalische Textbezüge: Dieses Kapitel beleuchtet die Korrespondenz zwischen musikalischen Kadenzen und Versenden sowie die Frage nach einer bewussten Textausdeutung.
5. Zusammenfassung: Hier werden die wesentlichen Erkenntnisse über Einflüsse und kompositorische Absichten Machauts zusammengefasst.
Schlüsselwörter
Guillaume de Machaut, Motette Nr. 4, Isorhythmie, Tenor, Gregorianischer Choral, Triplum, Motetus, Talea, Color, Zahlensymbolik, Textausdeutung, Musiktheorie, Mittelalter, musikalische Struktur, Kompositionstechnik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einer detaillierten Analyse der Motette Nr. 4 von Guillaume de Machaut, wobei insbesondere der strukturelle Aufbau und das Verhältnis von Musik und Text im Vordergrund stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Anwendung isorhythmischer Verfahren, die Herleitung des Tenors aus gregorianischem Material und die Untersuchung, ob und wie Machaut Texte musikalisch ausdeutet.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die kompositorischen Absichten Machauts zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie formale Strenge (Isorhythmie) mit inhaltlicher Gestaltung (Textbezüge) in der mittelalterlichen Motette interagiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf der Edition von Friedrich Ludwig basiert und sowohl musiktheoretische Parameter als auch textkritische und literarische Vergleiche heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Aufbaus, die Bedeutung des Tenors, die Analyse der inneren Struktur sowie die Diskussion über musikalische Textbezüge und die Frage nach affektiver Textausdeutung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Isorhythmie, Talea, Color, Motette, gregorianischer Choral, Text-Musik-Verhältnis und strukturelle Analogie.
Welche besondere Rolle spielt der gregorianische Choral für Machaut?
Der Choral dient nicht nur als musikalisches Fundament, sondern seine inhaltliche Bedeutung (hier: Hoffnung auf Gottes Güte) bildet den thematischen Ausgangspunkt für die gesamte Motettenkonzeption.
Warum wird im Werk ein Tritonus vermieden?
Der Tritonus wird durch die Verwendung von b-molle vermieden, um den kompositorischen Regeln der Zeit zu entsprechen, wobei die Arbeit diskutiert, ob Abweichungen davon als bewusste expressive Mittel interpretiert werden könnten.
- Citation du texte
- Philip Henri Unterreiner (Auteur), 2011, Analyse der Motette Nr. 4 von Guillaume Machaut, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315862