"Gerusalemme Liberata" von Torquato Tasso. Eine Figurenanalyse der christlichen Helden Goffredo, Rinaldo und Tancredi


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einleitend: Poetologische Fragen und Ausgangssituation
2.1 Zur Poetologie Tassos
2.2 Kurze Einführung in die Handlung und Ausgangslage

3 Goffredo
3.1 Eine Hommage an den „Duca“ Alfonso II d’Este
3.2 Goffredo – auf der Suche nach dem Makel

4 Rinaldo
4.1 Vorbild Achilles – Eine Charakterisierung anhand von Gemeinsamkeiten mit dem antiken Helden
4.2 Rinaldo und Armida
4.3 Rinaldos Stammbaum

5 Tancredi
5.1 Grenzüberschreitung in der Liebe zu Clorinda- Tancredi als Paradebeispiel der aristotelischen Harmatia
5.2 Clorindas Tod als Befreiung?

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit wurde im Rahmen eines Hauptseminars zu Torquato Tassos Gerusalemme liberata [1] im Jahr 2015 verfasst.

Einleitend sollen ein paar Worte zu Tassos Verständnis von Literatur gesagt werden, soweit sie für den Fortgang der Arbeit relevant sind. Darüber hinaus wird hier die Ausgangslage geschildert, ein kleiner Überblick über das Werk, soweit es die behandelten Figuren betrifft.

Im Zentrum aber steht die Figurenanalyse, die, ausgehend vom idealen Heldentypus, der so viele Tugenden in sich vereint, zunächst stereotyp und nicht besonders facettenreich daherkommt. Inwieweit die glatten Charaktere gebrochen werden und wie sie sich zurück zur Vollkommenheit bewegen, nachdem sie von der Ideallinie abgewichen sind, soll im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Ausgehend von der Überlegung, was es bedeutet, dass Goffredo di Buglione zunächst als eccelente, als ausnahmslos positiv dargestellt wird, werden die beiden raueren Charaktere Tancredi und besonders der ungestüme Rinaldo[2] in den Fokus gerückt.

Natürlich steht das Werk auch ganz stark im Zeichen der sogenannten Revisione Romana, also der Kritik seitens des römischen Umfeldes der katholischen Kirche, der sich Tasso ganz bewusst ausgesetzt hat. Die Gerusalemme kommt später als Gerusalemme conquistata in einer komplett überarbeiteten (und als einziger von Tasso selbst autorisierten) Fassung heraus, die so stark kirchenkonform abgewandelt ist, dass sie etliche der Besonderheiten, derentwegen das Werk so sehr geschätzt wird, entbehrt. Im Folgenden wird ausschließlich die Gerusalemme Liberata in ihrer ursprünglichen Fassung behandelt, da sie sowohl im Ganzen, als auch in der Fokussierung auf die hier behandelten Figuren wesentlich aufschlussreicher erscheint.

2 Einleitend: Poetologische Fragen und Ausgangssituation

2.1 Zur Poetologie Tassos

Es ist nahezu unmöglich, sich einem Thema bei Tasso zu nähern, ohne vorweg ein paar Worte über seine Einstellung zu poetologischen Fragen zu verlieren, da damit eine Reihe von Entscheidungen besonders in der Gerusalemme zu erklären sind: Kapp beispielsweise verweist auf Folgendes: „(…), wo z.B. Tasso seine Epen gezielt nach poetologischen Leitlinien schafft, aus denen die Struktur des Erzählens hervorgeht.“ [3] Hier wird schon angedeutet, dass eben das Spiel mit und die Überlegungen zu poetologischen Fragen das Erzählen – und somit auch die in der Erzählung auftretenden Figuren – massiv beeinflussen.

Das Cinquecento erlebt unter den Augen von Torquato Tasso eine Diskussion über die Bedeutung und eventuelle Wiederbelebung antiker Theorien insbesondere der aristotelischen Poetik.[4] Nachdem Tasso am Hof von Urbino schon in einem literarischen Umfeld tätig ist, studiert er ab 1560 in Padua, wo er sich mehr und mehr literaturtheoretisches Rüstzeug aneignet. Relevant sind beim behandelten Thema seine Rezeption des Werkes von Aristoteles, dem er die Einheit von Handlung, Zeit und mit Abstrichen dem Ort als Credo entnimmt, sowie Horaz‘ Einheitlichkeit von Literatur, in dessen Geiste er sein Epos anlegen will. Es wird sich später zeigen, dass er, trotzdem er andere Werke[5] wegen ihrer fehlenden Einheitlichkeit kritisiert, selbst in der Gerusalemme diese nicht konstant einhält.

Wie stark Tasso in den Diskurs zur Dichtungstheorie des Cinquecento involviert ist, zeigt neben der Vielzahl seiner theoretischen Schriften auch die Umsetzung dieser in vielen Facetten seiner Werke. Sein theoretisches Hauptwerk nennt er dann auch deutlich die Discorsi dell’arte poetica (in ihrer zunächst 1564 geschriebenen Form) beziehungsweise später offiziell Discorsi del poema eroico (1597).

Im Zusammenhang mit Tancredis Liebe zu Clorinda und der aristotelischen Harmatia werden wir sehen, wie eng hier tragische Momente mit den epischen verknüpft sind: „ Während für die petrarkistische und antipetrarkistische Poesie literarische Texte erst nachträglich literaturtheoretisch aufbereitet werden, geht in der dramatischen und epischen Dichtung machnmal die Theoriediskussion den Werken voraus. Dies gilt besonders für die Tragödie, die erst durch die Aristoteles-Rezeption aus dem Schatten der Epik heraustritt.[6]

2.2 Kurze Einführung in die Handlung und Ausgangslage

Das Christenheer versammelt sich vor den Toren Jerusalems. Nach göttlicher Eingebung wird Goffredo di Buglione zum Heerführer ernannt. Ihm zur Seite stehen die beiden großen Kämpfer und Helden, Tancredi und Rinaldo. Diese drei Figuren bilden, auch wenn sie selten gemeinsam auftreten, das Herzstück von Tassos Werk. Die Verteidiger Jerusalems, angestachelt und unterstützt von den Mächten der Finsternis in Form von Dämonen und bösen Zauberinnen und Zauberern, säen Zwietracht im Heer der Christen und alles scheint verloren, als mit Rinaldo einer der größten, wenn nicht sogar der größte Krieger das Heer verlässt und die Belagerungsmaschinen zerstört werden. Doch auf unterschiedlichen Wegen enden die Irrfahrten der Helden und schließlich besiegen sie gemeinsam die stärksten Helden auf der Gegenseite und befreien letztlich Jerusalem.

Ines Labib hat in ihrem Aufsatz eine der Prädispositionen der Gerusalemme dargelegt[7]: einerseits findet sich der Gegensatz der männlichen, also guten, rationalen, christlichen Charaktere, im Kontrast zu den weiblichen, arabesken, heidnischen und animalischen Frauen. Die männlichen Helden, natürlich allen voran der allen moralischen Zweifeln erhabene Goffredo, versuchen, die Lösung ihrer Aufgaben ganz der ratio zu überlassen.[8] Auch Tancredi und Rinaldo wollen ja durchaus gute Christen sein und Ruhm und Ehre erlangen. Dass dies nicht uneingeschränkt gelingt, wie die Verfehlungen narrativ motiviert sind, und inwieweit sie in den Figuren begründet liegen, wird in den Überlegungen eine große Rolle spielen.

3 Goffredo

Der Hauptmann Goffredo di Buglione, wird direkt im ersten Gesang als eine absolut besondere Figur eingeführt, denn Gott selbst sieht ihn wie folgt: „ vide Goffredo che scacciar desia / de la santa città gli empi pagani, / e pien di fè, di zelo, ogni mortale / gloria, imperio, tesor mette in non cale.[9] Der Erzengel Gabriel wird von Gott gesandt und verkündet Goffredo unmissverständlich, dass er das Christen-Heer führen soll.

Tugendhafter als Goffredo kann ein Charakter nicht sein. So betont Tasso mehrfach (1.8; 1.18), dass ihn weder Ruhm, noch Eitelkeit treiben, sondern einzig der Wille, dem Wunsch Gottes gerecht zu werden und Jerusalem zu befreien.

Goffredo di Buglione geht zurück auf die gleichnamige historische Figur, den Grafen der belgischen Stadt Bouillon aus dem elften Jahrhundert, der tatsächlich in den Kreuzzügen eine Rolle gespielt hat und in der Literatur des Öfteren erwähnt wird, so zum Beispiel in der Commedia dell‘arte von Dante. Mit dieser Verknüpfung von Historizität und Fiktion – einer von vielen im Werk - ist, nach Tasso, die Geschichte glaubwürdiger, verisimile. Die vorliegende Arbeit wird allerdings nicht auf die Zusammenhänge der fiktiven und der realen Person eingehen, da die Züge der Figur bei Tasso im Zentrum stehen sollen. Einzig der Zusammenhang zwischen Alfonso d’Este scheint hier interessant zu sein:

3.1 Eine Hommage an den „Duca“ Alfonso II d’Este

Wie eingangs schon erläutert, schreibt Tasso sein Epos am Hof von Luigi dell‘ Este. Die Familie d’Este, die über das Fürstentum Ferrara herrschte, stand im Wettstreit mit den Medici in Florenz, die neben ihrer politischen Macht ein Kulturerbe schufen, in dem die Literatur eine wichtige Rolle spielte. Um dem in nichts nach zu stehen, wurden am Hof von Ferrara Literaten wie Tasso beschäftigt. Und wie könnte er ihn noch stärker ehren, als die perfekte Figur des Goffredo an ihn anzulehnen: So ruft er in 1.4 seinen Mäzen an: „Tu, magnanimo Alfonos, il qual ritogli al furor di fortuna e guidi in porto me peregrino errante(…)“ [10] . Im weiteren Verlauf wird Alfonso auf hyperbolische Art vergöttlicht, wenn der Dichter ihm das Werk als „Weihgabe“ [11] darbietet. Es versteht sich, dass eine solche, wenn auch nur metaphorisch gebrauchte Erhöhung einer Person dieser in größtem Maße schmeicheln muss. Unabhängig von der tatsächlichen Meinung des Autors von seinem Mäzen, ist diese Form der Dedicatio nicht unüblich.

Ganz besonders gewürdigt wird Alfonso dann kur darauf in 1.5, wo er als „Emulo di Goffredo“ [12] erneut angesprochen wird. Natürlich macht sich Tasso hier auch unangreifbar, denn allen „objektiven“ Kriterien zufolge setzt er den Herrn von Ferrara mit einer perfekten Figur gleich. Inwiefern dies bei genauerer Betrachtung eingeschränkt werden kann, soll in der Folge diskutiert werden.

[...]


[1] Im folgenden Zitiert aus: Torquato Tasso: Gerusalemme liberata. Einaudi 1971, Torino.

[2] Da aus der Einaudi-Ausgabe zitiert wird, werden die Namen in der Original-Lautung benannt

[3] Kapp 2007, S. 116

[4] Hierzu hat Brigitte Kappl (Kappl, 2007) eine ausführliche Untersuchung vorgelegt, die detailliert das Verhältnis der Literaten des Cinquecento zur aristotelischen Poesie analysiert.

[5] Vor allem Ariosts Orlando Furioso

[6] Kapp, S. 158

[7] Ines Labib: „Rianldo e Clorinda: Due percorsi della Gerusalemme Liberata“

[8] Vlg Labib S. 54 – für eine Ausführliche Besprechung der effeminatezza des Rinaldo

[9] Tasso, S. 16 (1.8)

[10] Tasso, S. 14

[11] So die deutsche Übersetzung nach Staiger 1972

[12] Tasso, S. 15

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Gerusalemme Liberata" von Torquato Tasso. Eine Figurenanalyse der christlichen Helden Goffredo, Rinaldo und Tancredi
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanistik)
Veranstaltung
Torquato Tasso: La Gerusalemme Liberata
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V316556
ISBN (eBook)
9783668155060
ISBN (Buch)
9783668155077
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tasso, Tancredi, Rinaldo, Goffredo, Helden, Mittelalter, Literatur, Poetologie, Achilles
Arbeit zitieren
Philipp Kracht (Autor), 2015, "Gerusalemme Liberata" von Torquato Tasso. Eine Figurenanalyse der christlichen Helden Goffredo, Rinaldo und Tancredi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316556

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