Die vorliegende Hauptseminararbeit analysiert, ausgehend vom idealen Heldentypus, die Figuren des Goffredo, Rinaldo und Tancredi in Torquato Tassos Epos "Gerusalemme Liberata". Eingangs wird auf für den Fortgang der Arbeit relevante Aspekte der Poetologie Tassos eingegangen.
Inwieweit die glatten Charaktere gebrochen werden und wie sie sich zurück zur Vollkommenheit bewegen, nachdem sie von der Ideallinie abgewichen sind, soll im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Ausgehend von der Überlegung, was es bedeutet, dass Goffredo di Buglione zunächst als eccelente, als ausnahmslos positiv dargestellt wird, werden die beiden raueren Charaktere Tancredi und besonders der ungestüme Rinaldo in den Fokus gerückt.
Natürlich steht das Werk auch ganz stark im Zeichen der sogenannten Revisione Romana, also der Kritik seitens des römischen Umfeldes der katholischen Kirche, der sich Tasso ganz bewusst ausgesetzt hat. Die Gerusalemme kommt später als Gerusalemme conquistata in einer komplett überarbeiteten (und als einziger von Tasso selbst autorisierten) Fassung heraus, die so stark kirchenkonform abgewandelt ist, dass sie etliche der Besonderheiten, derentwegen das Werk so sehr geschätzt wird, entbehrt.
Im Folgenden wird ausschließlich die Gerusalemme Liberata in ihrer ursprünglichen Fassung behandelt, da sie sowohl im Ganzen, als auch in der Fokussierung auf die hier behandelten Figuren wesentlich aufschlussreicher erscheint.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einleitend: Poetologische Fragen und Ausgangssituation
2.1 Zur Poetologie Tassos
2.2 Kurze Einführung in die Handlung und Ausgangslage
3 Goffredo
3.1 Eine Hommage an den „Duca“ Alfonso II d’Este
3.2 Goffredo – auf der Suche nach dem Makel
4 Rinaldo
4.1 Vorbild Achilles – Eine Charakterisierung anhand von Gemeinsamkeiten mit dem antiken Helden
4.2 Rinaldo und Armida
4.3 Rinaldos Stammbaum
5 Tancredi
5.1 Grenzüberschreitung in der Liebe zu Clorinda- Tancredi als Paradebeispiel der aristotelischen Harmatia
5.2 Clorindas Tod als Befreiung?
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die zentralen Figuren des Epos „Gerusalemme liberata“ von Torquato Tasso, um zu untersuchen, wie durch individuelle Konflikte und menschliche Schwächen die stereotypen Heldentypen aufgebrochen werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit die Charaktere Goffredo, Rinaldo und Tancredi trotz ihrer gottgegebenen oder heldenhaften Bestimmung durch persönliche Leidenschaften und moralische Dilemmata zu einer tieferen, menschlicheren Identität finden.
- Poetologische Grundlagen der Tasso-Rezeption im Cinquecento
- Die Funktion der Helden Goffredo, Rinaldo und Tancredi als Identifikationsfiguren
- Einfluss der aristotelischen Poetik und des Konzepts der Harmatia auf die Charakterentwicklung
- Die Rolle der Liebe und die Verflechtung von Epos und Lyrik im Werk
- Historische und fiktive Verknüpfungen der Figuren mit dem Hof von Ferrara
Auszug aus dem Buch
3.2 Goffredo – auf der Suche nach dem Makel
Während Goffredo auf den ersten Blick makellos erscheint, der Heerführer, der, in Anlehnung an Vergil ein echter „eroe“ ist, so braucht man doch nicht allzu lange zu suchen, um eine große Problematik in der Anlage dieser Figur zu finden: denn schon in der Propositio finden wir diesen Wortlaut:
Canto l’arme pietose e `l capitano
che `l gran sepolcro liberò di Cristo.
Molto egli oprò co `l senno e con la mano […]
Il Ciel gli diè favore […]
Einerseits ist Goffredo von der göttlichen Macht begünstigt, was im Zweifelsfall nur auserwählten Charakteren geschieht. Allerdings lässt die Tatsache, dass sein Handeln so stark von überirdischen Kräften gesteuert wird, die Annahme zu, dass es mit seinen ihm inne liegenden Stärken nicht allzu weit her ist. Eine Figur, die ausschließlich fremdgesteuert wird, deren Fähigkeiten ihr geschenkt wurden und die nur deswegen perfekt erscheint, ist im besten Falle eindimensional, im schlechtesten nichts weiter als eine Marionette.
Es fehlt der Konflikt, an dem der Held wachsen kann, bei dem er durch richtige Entscheidungen seine Fähigkeiten ausfeilt und so selbst zu seinem Heldenstatus beiträgt.
Im fünften Canto, in dem Rinaldo Gernando erschlägt, ist trotz reiflicher und wiederholter Überlegung Goffredos Entscheidungskraft zumindest in Frage gestellt. Ungern – und natürlich auch fälschlicher Weise – gibt er Armida zehn seiner stärksten Kämpfer mit und lässt sie einen Keil zwischen seine Truppen treiben. Auch Rinaldos Wutausbruch kann er nicht verhindern und es ist wohl in Tassos Figurenkonstellation die einzige Variante, dass Rinaldo selbst fortgeht – man kann sich nicht vorstellen, wie Goffredo seine Unfehlbarkeit beibehalten und gerecht über seinen besten Kämpfer gerichtet hätte, hätte dieser ihm nicht die Entscheidung abgenommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt den Rahmen der Arbeit dar und skizziert die Analyse der Figurendynamik in Tassos Werk mit Fokus auf Goffredo, Tancredi und Rinaldo.
2 Einleitend: Poetologische Fragen und Ausgangssituation: Dieses Kapitel erläutert Tassos literaturtheoretische Einordnung im Cinquecento und die grundlegende Ausgangslage des Epos.
3 Goffredo: Hier wird der Heerführer Goffredo als idealer, aber durch seine stereotype Anlage potenziell eindimensionaler Charakter untersucht.
4 Rinaldo: Das Kapitel widmet sich der aufbrausenden, individuellen Natur Rinaldos und zieht Vergleiche zu antiken Helden wie Achilles.
5 Tancredi: Diese Sektion analysiert Tancredis Rolle als melancholischer Held und dessen tragische Liebesgeschichte mit Clorinda im Kontext der aristotelischen Harmatia.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass erst die persönlichen Verfehlungen und Konflikte die Helden für das Publikum greifbar machen.
Schlüsselwörter
Torquato Tasso, Gerusalemme liberata, Figurenanalyse, Goffredo di Buglione, Rinaldo, Tancredi, Aristotelische Poetik, Harmatia, Cinquecento, Epik, Heldenbild, Literaturtheorie, Liebesmotiv, Tragödie, Literaturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Figurengestaltung in Torquato Tassos Epos „Gerusalemme liberata“ und analysiert, wie die drei Protagonisten Goffredo, Rinaldo und Tancredi literarisch konstruiert sind.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Tasso durch die Konfrontation seiner Helden mit persönlichen Leidenschaften und moralischen Konflikten die starren Idealtypen bricht und sie zu komplexeren Charakteren entwickelt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Neben der Figurenanalyse spielen Tassos eigene poetologische Schriften, die Bedeutung der aristotelischen Poetik für das Cinquecento sowie die Verflechtung von historischen und fiktiven Elementen eine zentrale Rolle.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Figurenanalyse, die auf der Textinterpretation des Epos sowie der Einbeziehung zeitgenössischer poetologischer Theorien und der Forschungsliteratur basiert.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen zu Goffredo, Rinaldo und Tancredi, wobei besonders deren Handlungen, Entscheidungen und emotionale Entwicklungen in Bezug auf ihre jeweilige Funktion im Epos beleuchtet werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den Namen der Helden insbesondere „Harmatia“, „Poetologie“, „Heldentypus“ sowie die Abgrenzung von christlichen Pflichten und individueller Leidenschaft.
Wie unterscheidet sich Rinaldo von Goffredo im Kontext der göttlichen Steuerung?
Während Goffredo stark durch göttliche Vorsehung als nahezu fehlerfreie Führungspersönlichkeit agiert, bricht Rinaldo durch persönliche Konflikte und Zorn aus der strikten Lenkung aus und zeigt so ein wesentlich höheres Maß an Individualität.
Welche Bedeutung hat die Figur des Tancredi für das Verständnis des tragischen Helden?
Tancredi wird als Paradebeispiel für die aristotelische „Harmatia“ gesehen, da seine unglückliche Liebe zu Clorinda ihn in eine tragische Situation führt, die für den Leser aufgrund seines jugendlichen Fehlverhaltens nachvollziehbar bleibt.
- Citar trabajo
- Philipp Kracht (Autor), 2015, "Gerusalemme Liberata" von Torquato Tasso. Eine Figurenanalyse der christlichen Helden Goffredo, Rinaldo und Tancredi, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316556