Ausgehend von den in Swakopmund, Okahandja, Windhuk und auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht errichteten Gefangenenlagern soll, exemplarisch untersucht an Augenzeugenberichten, in der vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen werden, welchen spezifischen Formen der Gewalt Frauen innerhalb der Gefangenlagern in Deutsch-Südwestafrika zur Kolonialzeit zu Opfer fielen. Der hierbei zu untersuchende Zeitraum ist Januar 1905 bis zur Entlassung der letzten Kriegsgefangenen im Januar 1908.
Im Fokus liegt die Deutsche Kolonialmacht in Deutsch Südwest-Afrika. Auch andere europäische Kolonialmächte gingen im Zuge der Kolonisierung Afrikas gewaltsam gegen die indigene Bevölkerung vor. Auch hatten bereits Spanien und Großbritannien von der Errichtung von „Konzentrationslagern“ Gebrauch gemacht. Diese sind allerdings nicht Teil des Folgenden.
Verschiedene junge Beiträge von Gesine Krüger und Jürgen Zimmerer befassen sich mit der Thematik. Die Definition von Heinrich Popitz zu Gewalt legt Grundlagen, ebenso wie die Beiträge von Jan Philipp Reemtsma zu „extremer Gewalt“. Die exemplarischen Augenzeugenberichte des Blue Books werden mithilfe verschiedener Beiträge des von Joachim Zeller und Jürgen Zimmerer herausgegebenen Sammelbandes sowie Gesine Krügers Arbeit zum Kriegsbewusstsein und zur Geschichtsbewältigung untersucht.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. HAUPTTEIL
1. Was ist Gewalt?
1.1. Definition Heinrich Popitz
1.2. Definition „Extreme Gewalt“
2. Warum wird Gewalt an Frauen untersucht?
3. Formen der Gewalt
3.1. Unzureichende Ernährung und Versorgung
3.2. Zwangsarbeiten innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager
3.3. Körperliche Gewalt und Ermordung
3.4. Sexuelle Gewalt
4. Die Genoziddebatte und der Begriff des Konzentrationslagers
III. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch anhand von Augenzeugenberichten, welchen spezifischen Formen der Gewalt Frauen in den Gefangenenlagern der deutschen Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika im Zeitraum von Januar 1905 bis Januar 1908 ausgesetzt waren. Dabei steht die Frage im Vordergrund, inwieweit diese Gewaltausübung über allgemeine Kriegsfolgen hinausging und der Unterwerfung der Herero und Nama diente.
- Analyse spezifischer Gewaltformen gegen Frauen (physisch, sexuell, strukturell).
- Untersuchung der Rolle von Zwangsarbeit und unzureichender Versorgung als Mittel der Unterwerfung.
- Einordnung der Gefangenenlager in den Kontext der Genoziddebatte.
- Diskussion des Begriffs „Konzentrationslager“ im kolonialhistorischen Kontext.
- Auswertung von Primärquellen wie dem sogenannten „Blue Book“ und Augenzeugenberichten.
Auszug aus dem Buch
3.3. Körperliche Gewalt und Ermordung
Körperliche Gewalt richtet sich unmittelbar gegen den Körper, da absichtlich körperliche Verletzungen herbeigeführt werden.
Those [women] who did not work well were brutally flogged with sjamboks. I even saw women knocked down with pick handles. The German soldiers did this. I personally saw women (Herero girls) murdered by German soldiers. They were ripped open with bayonets.
Bereits vor dem Krieg war die Prügelstrafe weit verbreitet und wurde als selbstverständliches Züchtigungsrecht ausgeübt, da es einen festen Platz in der kolonialen Rechtsordnung hatte. Dafür wurden oft „sjambok“, aus Nilpferdhaut hergestellten Peitschen, benutzt. Durch das Heranziehen einer weiteren Aussage eines Augenzeuge, Johan Noothout, wird das Ausmaß dieser körperlich ausgeübten Gewalt erschreckend deutlich:
The manner in which the flogging was carried out was the most cruel imaginable…pieces of fesh would fly from the victim´s body into the air.
Noothout, dessen Existenz in einer offiziellen deutschen Liste aller Arbeiter in Lüderitz bestätigt ist, war Holländer und ein eingebürgerter Brite. Wie für Hendrik Fraser, so war es auch für ihn schwer fassbar, das unfassbar brutale Ausmaß an körperlicher Gewalt zu sehen und er hebt spezifisch die Frauen als Opfer dieser hervor, von denen viele sichtbare Schäden der Prügel trugen und sogar als Folge davon starben. Daher seien die Deutschen als Kolonisierende in seinen Augen in höchstem Maße ungeeignet. Inwieweit diese Folgerung auf der spezifisch gegenüber Frauen ausgeübten Gewalt baut, kann hier nicht näher untersucht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt das Thema der Gewalt in den Gefangenenlagern von Deutsch-Südwestafrika vor und legt den zeitlichen sowie theoretischen Rahmen der Untersuchung fest.
II. HAUPTTEIL: Der Hauptteil analysiert verschiedene Definitionen von Gewalt, begründet die Fokussierung auf Frauen und untersucht systematisch die Formen der Gewalt sowie die Debatte um den Begriff des Konzentrationslagers.
1. Was ist Gewalt?: Dieses Kapitel definiert Gewalt anhand von Heinrich Popitz und Jan Philipp Reemtsma, um sowohl physische Gewalt als auch „extreme Gewalt“ theoretisch zu erfassen.
1.1. Definition Heinrich Popitz: Hier wird die Definition von Popitz erörtert, die Gewalt als Machtaktion zur absichtlichen körperlichen Verletzung oder Unterwerfung versteht.
1.2. Definition „Extreme Gewalt“: Dieses Unterkapitel erweitert den Gewaltbegriff um Reemtsmas Konzept der extremen Gewalt, die über das für das Kriegsziel Notwendige hinausgeht.
2. Warum wird Gewalt an Frauen untersucht?: Das Kapitel erläutert die besondere Relevanz der Untersuchung des Frauenschicksals in den Lagern, da Frauen als spezifisch gefährdete Opfergruppe unter einem ausbleibenden Schutz durch militärische Ehrenkodizes litten.
3. Formen der Gewalt: Dieses Kapitel stellt die verschiedenen Arten der Gewaltausübung dar, denen die Frauen in den Internierungslagern systematisch ausgesetzt waren.
3.1. Unzureichende Ernährung und Versorgung: Hier wird beschrieben, wie der vorsätzliche Entzug von Lebensmitteln als eine Form der Gewalt den körperlichen Zustand der Frauen systematisch verschlechterte.
3.2. Zwangsarbeiten innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager: Dieses Kapitel thematisiert die menschenunwürdige Zwangsarbeit, zu der Frauen ungeachtet ihres Gesundheitszustandes herangezogen wurden.
3.3. Körperliche Gewalt und Ermordung: Hier werden Berichte über die Anwendung der Prügelstrafe sowie direkte Tötungen durch Soldaten unter Verwendung von Waffen dargestellt.
3.4. Sexuelle Gewalt: Dieses Kapitel beleuchtet das systematische Ausmaß sexueller Übergriffe, Zwangsuntersuchungen und die Behandlung von Frauen als Objekte im Lagerkontext.
4. Die Genoziddebatte und der Begriff des Konzentrationslagers: Hier wird die historische Debatte diskutiert, ob die Lager als Vorläufer des NS-Systems und als erster deutscher Genozid zu bewerten sind.
III. SCHLUSS: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Gewalt gegen Frauen eine gezielte Strategie zur Unterwerfung der Herero und Nama darstellte.
Schlüsselwörter
Deutsch-Südwestafrika, Herero, Nama, Gefangenenlager, Kolonialkrieg, Gewalt gegen Frauen, extreme Gewalt, Konzentrationslager, Genoziddebatte, Zwangsarbeit, Prügelstrafe, sexuelle Gewalt, Blue Book, Kolonialherrschaft, Unterwerfung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Formen von Gewalt, denen Frauen in den Gefangenenlagern von Deutsch-Südwestafrika zwischen 1905 und 1908 ausgesetzt waren.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung abgedeckt?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition von Gewalt, verschiedene Ausprägungen von Gewalt (physisch, sexuell, ökonomisch) sowie die historische Einordnung der Lager in die Genoziddebatte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, auf Basis von Augenzeugenberichten zu belegen, dass Frauen in den Lagern spezifischer Gewalt ausgesetzt waren, die über den kriegerischen Kontext hinausging und der Unterwerfung ganzer Bevölkerungsgruppen diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die kritische Auswertung von Primärquellen, insbesondere Augenzeugenberichten aus dem sogenannten Blue Book und Archivmaterialien.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil besonders im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Gewaltbegriffs und die empirische Darstellung von Gewaltformen wie Zwangsarbeit, Mangelernährung, körperlicher Misshandlung und sexueller Gewalt.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter dieser Publikation?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kolonialkrieg, Herero und Nama, Gefangenenlager, extreme Gewalt, Genoziddebatte und koloniale Unterwerfung charakterisiert.
Inwiefern spielte sexuelle Gewalt eine Rolle für die Internierung von Frauen?
Sexuelle Gewalt war weit verbreitet und die Arbeit zeigt auf, dass Lager teilweise als „Orte der Gewalt“ fungierten, wo Soldaten Frauen ohne Schutz willkürlich übergriffen.
Wie bewertet die Arbeit die Debatte um den Begriff „Konzentrationslager“?
Die Arbeit führt aus, dass der Begriff historisch für Lager verwendet wurde, in denen Menschen konzentriert wurden, warnt jedoch davor, diese unkritisch mit den nationalsozialistischen Vernichtungslagern gleichzusetzen.
Was verdeutlicht die Aussage von Hendrik Fraser im Kontext der Arbeit?
Frasers Bericht belegt die Grausamkeit des Lageralltags und unterstreicht die Rolle von Frauen als besonders schutzlose Opfer kolonialer Gewalt.
Was ist die Schlussfolgerung der Autorin oder des Autors bezüglich der Gewaltausübung?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass die systematische Gewalt gegen Frauen ein bewusster Akt war, um die Widerstandskraft der Herero und Nama zu brechen und deren vollständige Unterwerfung zu erzwingen.
- Citar trabajo
- Janina Madlener (Autor), 2013, Gewalt gegenüber Frauen in Gefangenenlagern in Deutsch-Südwestafrika, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317219