Diese Arbeit hat die Beschreibung der Veränderungen entlang wichtiger Dimensionen institutionell bedingter Interaktion im Wirtschaftsraum zum Ziel um die Frage nach der Verortung der BRD in der Varieties of Capitalism Typologie zu beantworten. Dabei wird zunächst die Theorie mit Fokus auf die beiden Interaktionsdimensionen der Corporate Governance und Industrial Relations vorgestellt, wobei die Rolle von Akteuren und Institutionen im Vordergrund steht und die beiden Idealtypen der koordinierten und liberalen Marktwirtschaften kurz skizziert werden. Im Anschluss werden die Veränderungen in der deutschen Empirie vorgestellt, wobei der Fokus dem Theorieteil entsprechend auf Corporate Governance und Industrial Relations liegt. Dabei werden signifikante Veränderungen der Koordinations-Strukturen aufgezeigt, zusammengefasst und eingegrenzt. Zum Schluss werden die Ergebnisse zu einem Fazit gezogen.
Die Bundesrepublik Deutschland wird im Rahmen der „Varieties of Capitalism“ Forschung häufig als ein Wirtschaftssystem beschreiben, das dem Idealtypus der Koordinierten Marktwirtschaft besonders nahe steht und als das „Deutsche Modell“ oder der „Rheinland Kapitalismus“ bezeichnet wird. Dabei steht im Idealbild ein institutioneller Rahmen im Vordergrund, der Arbeitnehmer und Arbeitgeberinteressen eine verbindliche Verhandlungsplattform bietet, den Aufbau von dichten Netzwerken zwischen Industrie und Kapitalgebern fördert, „geduldiges Kapital“ bereitstellt und durch einen ausgeprägten Arbeitsschutz und Sozialstandart gekennzeichnet ist. Das ermöglicht eine von kurzfristigen Marktschwankungen und der Möglichkeit feindlicher Übernahmen unabhängige Unternehmensplanung, eine hoch spezialisierte Qualitätsproduktion, die auf Export orientiert ist und kurzfristigen Marktschwankungen überlegen ist sowie verbindliche und flächendeckende Lohntarife, dessen Rahmenbedingungen durch ein tiefes Verständnis der wirtschaftlichen Situation seitens der Arbeitnehmermitbestimmung gekennzeichnet sind.
In der Realität ist das „Deutsche Modell“ in seiner Idealform jedoch seit Anbeginn seiner Deklaration als solches permanenten Veränderungen unterworfen, die einem Trend folgen, der dem Idealbild bestimmter Interaktionsdimensionen entgegensteht und eine Einordnung in die Varieties of Capitalism Typologie zunehmend erschwert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Varieties of Capitalism
2.1 Die Rolle von Akteuren
2.2 Die Rolle von Institutionen
2.2.1 Corporate Governance
2.2.2 Industrial Relations
2.3 Koordinierte Marktwirtschaften
2.4 Liberale Marktwirtschaften
3. Integrität und Zerfall der „Deutschland AG“
3.1 Corporate Governance
3.2 Industrial Relations
4. Zusammenfassung
5. Einschränkung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die institutionellen Veränderungen des deutschen Wirtschaftssystems im Kontext der „Varieties of Capitalism“-Typologie, mit besonderem Fokus auf die Erosion der „Deutschland AG“ und die Auswirkungen auf Corporate Governance sowie Industrial Relations.
- Grundlagen der Varieties of Capitalism-Theorie
- Die Bedeutung von institutionellen Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Akteure
- Wandel von Corporate Governance Strukturen in Deutschland
- Veränderungen in den Industrial Relations und der Verhandlungsmacht
- Diskussion über die Einordnung der BRD als koordinierte oder liberale Marktwirtschaft
Auszug aus dem Buch
Die Rolle von Institutionen
Formelle wie informelle Institutionen spielen eine zentrale Rolle bei der Konstituierung eben jenes Handlungsrahmens und somit bei der Ausprägung einer Volkswirtschaft entlang des Spektrums der binären Typologie, Liberal – Koordiniert (Hall & Soskice, 2001, S9). Dabei sind verschiedene Dimensionen der Interdependenz-Beziehungen zwischen wirtschaftlichen Akteuren von besonderer Relevanz:
Corporate Governance bezeichnet die Finanzierungs- und Liquiditätsoptionen für Unternehmen beziehungsweise das Verhältnis zwischen den Kapitalgebern und den Kapitalnehmern, speziell Unternehmen, Banken und Investoren. Unterschiedliche institutionelle Faktoren bieten unterschiedliche Anreize und Grenzen für das Vorhandensein unterschiedlicher Finanzierungsoptionen für Investitionen in unternehmerische Tätigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Forschungsfeld der „Varieties of Capitalism“ und die Problemstellung der Verortung des „Deutschen Modells“.
Varieties of Capitalism: Theoretische Herleitung der Interaktionsmuster zwischen Akteuren und Institutionen sowie Skizzierung der Idealtypen koordinierter und liberaler Marktwirtschaften.
Die Rolle von Akteuren: Analyse der rationalen Nutzenkalkulationen und institutionellen Arrangements, die das Verhalten von Unternehmen, Arbeitnehmern und Kapitalgebern bestimmen.
Die Rolle von Institutionen: Detaillierte Betrachtung der Einflussparameter von Corporate Governance und Industrial Relations auf die ökonomische Ausprägung.
Koordinierte Marktwirtschaften: Darstellung des Idealtyps, der durch Netzwerke, langfristiges Kapital und Mitbestimmung gekennzeichnet ist.
Liberale Marktwirtschaften: Beschreibung des auf Konkurrenz, Shareholder-Value und Deregulierung basierenden Gegenentwurfs.
Integrität und Zerfall der „Deutschland AG“: Historische Analyse des Wandels des deutschen Modells hin zu einer stärkeren Markt- und Shareholder-Orientierung.
Corporate Governance: Untersuchung des Rückzugs deutscher Hausbanken aus ihrer Schutzfunktion und den Folgen für die Unternehmensfinanzierung.
Industrial Relations: Erörterung der abnehmenden Macht von Gewerkschaften und der schleichenden Kommodifizierung der Arbeitsverhältnisse.
Zusammenfassung: Fazit des institutionellen Wandels und der Erosion der kooperativen Strukturen.
Einschränkung: Reflexion über die beobachteten Entwicklungen als Tendenzen statt als absoluten Systemwechsel.
Fazit: Schlussfolgerung über die aktuelle Verortung Deutschlands im Spannungsfeld der beiden Idealtypen.
Schlüsselwörter
Varieties of Capitalism, Deutschland AG, Corporate Governance, Industrial Relations, Koordinierte Marktwirtschaft, Liberale Marktwirtschaft, Institutioneller Wandel, Mitbestimmung, Shareholder-Value, Neokorporatismus, Kapitalismus, Arbeitnehmerinteressen, Globalisierung, Bankennetzwerke, Tarifverhandlungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich das deutsche Wirtschaftssystem institutionell verändert hat und inwiefern es heute noch dem Modell der koordinierten Marktwirtschaft entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Corporate Governance und den Industrial Relations in Deutschland.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die Verortung der Bundesrepublik Deutschland in der „Varieties of Capitalism“-Typologie im Licht der beobachteten strukturellen Veränderungen zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird eine theoriegeleitete Analyse von institutionellen Veränderungen in der deutschen Empirie angewandt, wobei auf bestehende politikwissenschaftliche Konzepte zurückgegriffen wird.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem historischen Wandel von der „Deutschland AG“ hin zu einem liberalisierten System und den Auswirkungen auf die Machtverhältnisse zwischen Akteuren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe „Koordinierte Marktwirtschaft“, „Rheinischer Kapitalismus“, „Institutioneller Wandel“ und „Erosion“ charakterisiert.
Warum spielt die Rolle der Hausbanken eine solch zentrale Rolle in der Analyse?
Hausbanken fungierten historisch als „quasi-institutioneller Überbau“, der durch Informationsvorsprünge und Beteiligungen Schutz vor kurzfristigen Marktschwankungen bot; ihr Rückzug ist ein wesentlicher Indikator für den Systemwandel.
Inwiefern hat sich die Mitbestimmung durch Betriebsräte gewandelt?
Betriebsräte werden laut Autor zunehmend von ihrer Rolle als Vertreter der Arbeitnehmerinteressen entfremdet und mutieren in einigen Fällen zu Kommunikationskanälen für die Arbeitgeberlogik.
Ist der Zerfall des deutschen Modells laut dem Autor als absolut zu betrachten?
Nein, der Autor betont, dass es sich um eine Tendenz handelt und das Modell nicht vollständig liberalisiert wurde; Strukturen der Koordination bestehen in veränderter Form fort.
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- Andrej Mihailik (Autor), 2015, Varieties of Capitalism. Nachkriegs-Deutschland und der Versuch einer Einordnung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317531