Erinnerung und ihre Grenzen in "El libro de los recuerdos" von Ana María Shua


Hausarbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Die Einleitung „El libro de los recuerdos“

2. Das Werk „El libro de los recuerdos“
2.1 Die Autorin
2.2 Die Entstehung und Intention
2.3 Die Inhaltliche Zusammenfassung und formale Gestaltung

3. Die Erinnerungskultur und Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft

4. Der historische Kontext
4.1 Ein Überblick über die Geschichte Argentiniens 1816 bis
4.2 Die argentinische Immigrationspolitik
4.3 Die jüdische Einwanderung und Literatur in Argentinien

5. Die Analyse des Buches
5.1 Die stilistischen Mittel
5.1 Die Unmöglichkeit objektiver Erinnerung - Die Widersprüche-
5.2 Die Einsicht in die Unzuverlässigkeit des Buches
5.3 Die Sprache und die Identität

6. Das Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Die Einleitung „El libro de los recuerdos“

In Zeiten der Globalisierung und der damit einhergehenden digitalen Vernetzung, den Möglichkeiten des unmittelbaren Austausches ohne Zeitverlust, aber auch des individuellen Kontrollverlustes über persönliche Daten, werden auch Erinnerungen und somit Identitäten signifikant beeinflusst und unter Umständen verändert.

Erinnerungskultur ist inzwischen ein universelles Thema, das auch in der Literatur eine wichtige Stellung einnimmt. Viele Romane beschäftigen sich mit dem individuellen und kollektiven Gedächtnis und den selektiven oder persönlichen Erinnerungen. Eine spezielle Art Erinnerungen festzuhalten und wiederzugeben hat Ana María Shua in ihrem Buch El libro de los recuerdos gefunden.

Diese Hausarbeit wird sich der Frage widmen, inwieweit Erinnerungen, selbst wenn sie schriftlich festgehalten wurden, dazu taugen, Historie objektiv zu beschreiben.

Die Verwobenheit von individuellem Erleben im argentinisch-historischen Kontext, sowie von politischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf einzelne Personen, bildet das Szenario für Ana María Shuas Sicht auf das Erinnern im Allgemeinen und die gesellschaftliche Erinnerungskultur in Argentinien im Speziellen. Sie hat es geschafft, dass Erinnerungen von Menschen, so unscharf sie auch immer sein mögen, dem Leser helfen, Historie sowohl als individuelle, familiäre aber auch kollektiv-kulturelle Entwicklungslinie zu begreifen. Die Herausforderung besteht darin, die Zusammenhänge in Ihrem Buch zu verstehen und herauszufiltern, wenn die Grenzen zwischen Realitäten und verklärten, nicht verifizierbaren Erinnerungen zerfließen.

2. Das Werk „El libro de los recuerdos“

Um dem Rezipienten den Einstieg in die Arbeit zu erleichtern, werden im Folgenden die Autorin, ihr Werk und ihre Intentionen vorgestellt.

2.1 Die Autorin

Ana María Shua wurde 1951 in Buenos Aires geboren. Ihre Wurzeln hat sie väterlicherseits in Libanon und mütterlicherseits in Polen. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wanderte ihre Familie nach Argentinien aus. Ana María Shua, deren eigentlicher Nachname Schoua ist, studierte Literatur an der Universität ihrer Geburtsstadt und veröffentlichte schon früh Kurzgeschichten unter dem Pseudonym Diana de Montemayor.

Nach der Machtergreifung Jorge Rafael Videlas 1976 floh sie freiwillig ins Exil, kehrte aber schon nach einem Jahr Aufenthalt in Frankreich in ihr Heimatland zurück.

Bereits mit sechzehn veröffentlichte Ana María Shua ihre erste Lyrikanthologie unter dem Namen El sol y yo, für die ihr von der Sociedad Argentina de Escritores (SADE) der Premio de la Editorial Losada verliehen wurde. Die nachfolgenden Romane konnten an den Erfolg anschließen. So verlieh man ihr für El libro de los recuerdos das Beca Guggenheim und für La muerte como efecto secundario den Premio Club de los XIII y Premio Ciudad de Buenos Aires. Ein weiterer Roman, Los amores de Laurita, wurde sogar verfilmt.

Am meisten Beachtung findet Ana María Shua allerdings für ihre Kurzgeschichten und Kinderbücher. Für diese erhielt sie mehrere nationale und internationale Preise. Ihre Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt.1

2.2 Die Entstehung und Intention

El libro de los recuerdos ist eine fiktive Familiengeschichte mit einigen wenigen autobiographischen Zügen aus dem Leben der Autorin.

Die zentralen Themen, die das Werk behandelt, sind die Unmöglichkeit der objektiven Erinnerung, die Sprache als aktive Erinnerungskultur und deren Grenzen, Einwanderungs- und interfamiliäre Probleme sowie die É poca de miedo (Epoche der Angst)2.

2.3 Die Inhaltliche Zusammenfassung und formale Gestaltung

El libro de los recuerdos hat siebzehn Kapitel. Das Buch ist als Interview konzipiert. Unklar bleibt lange Zeit, wer der Interviewer ist. Bis zum Schluss bleibt ebenfalls offen, wer und wie viele Personen in die Interviews involviert sind. In diesen werden verbale Aussagen und Erinnerungen einzelner Familien- mitglieder zu ihrer Familiengeschichte mit schriftlichen Aufzeichnungen aus dem

Libro de los recuerdos (ein Buch, in dem einzelnen Ereignisse im Leben der Familie Rimetka zum Zeitpunkt des Geschehens festgehalten wurden) abgeglichen und ergänzt.

In den einzelnen Kapiteln geht es in erster Linie um die Erinnerungen der jüdisch- polnischen Einwandererfamilie Rimetka. Die Köpfe der Familie bilden Gedalia und „Babuela“ Rimetka, die auf Grund der Kriegsdesertion Gedalias Anfang des 20. Jahrhunderts unter falschen Namen nach Argentinien einreisten.

Im Buch beginnt die Geschichte der Familie mit der Beschreibung der Auswanderung von Polen nach Argentinien. Auf Grund der schlechten Qualität der gefälschten Ausweise von Gedelia und der Babuela konnte das eigentliche Ziel der Emigration, die Vereinigten Staaten von Amerika, nicht erreicht werden. Die weniger strengen Kontrollen an den Grenzen von Argentinien und die immigrationsfreundliche Politik ermöglichten ihnen jedoch die Einwanderung in das Land. Die Rimetkas zeugten vier gesunde Kinder: Silvester, Pinche, Judith und Clara. Das Werk beschreibt mittels der Erinnerungen, aber vielen inhaltlichen Widersprüchen der einzelnen Erzähler, die Lebensgeschichten der Großeltern Rimetka, ihrer Kinder und Enkelkinder. Eine verworrene Geschichte verschiedener Schicksale, die eng miteinander verbunden sind und doch gegensätzlicher nicht sein könnten.

3. Die Erinnerungskultur und Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft

Erinnerungen und die Erinnerungskultur sind sowohl für das menschliche Individuum, als auch für das Kollektiv, die Gesellschaft existenziell. Erinnerungen sind es unter anderem, die den Menschen erst zum Menschen machen, die es ihm ein ermöglichen, ein Selbstbild zu erzeugen und als Individuum mit anderen kommunizieren zu können. Dies gilt insbesondere für biographische Erinnerungen. Aus ihnen ziehen wir unsere Erfahrungen, sie sind Grundlage für die Gestaltung der eigenen Identität, der Individualität und unserer Beziehungen.3

Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann entwickelten in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Theorie eines individuellen und kollektiven, sowie eines kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses.

Auf Grund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit wird der Fokus hier auf das individuelle und das kommunikative Gedächtnis gelegt.

Eine Grundthese von J. Assmann besagt, dass jedes Individuum ein individuelles Gedächtnis besitzt. Dieses wird aber immer durch Interaktion und Kommunikation innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe geprägt. Diese sozialen Gruppen wiederum sind beeinflusst von ihrem kulturellen Hintergrund. Von einem manifestierten kollektiven Gedächtnis kann wohl daher nicht gesprochen werden, dennoch beeinträchtigt es das individuelle Gedächtnis der Mitglieder einer Gesellschaft. Erinnerungen allgemein sind in ihrem Ursprung stets mit dem Handeln und Denken der sozialen Gruppe verbunden, der wir uns angeschlossen haben oder verbunden fühlen. Empfindungen hingegen können individuell und an den eigenen Körper gebunden sein. „Man erinnert nur, was man kommuniziert und was man in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses lokalisieren kann.“4 Diese Aussage Assmanns stützt sich auch auf den französischen Soziologen und Philosophen Maurice Halbwachs, der zeigte, dass sich Erinnerungen im sprachlichen Austausch mit ihren Mitmenschen aufbauen. So wird das Erzählen zu einer „elaborierten Kodierung“, die die Möglichkeit erschafft, Erlebtes in eine Geschichte zu übersetzen. Diese „Verwandlung“ hält er für den Grundbaustein, zu ermöglichen, sich exakt und lebendig an vergangene Erlebnisse zu erinnern. Ohne diese Elaboration würden, laut Halbwachs, unsere Erinnerungen verarmen.5

Das individuelle Gedächtnis ist somit ein dynamisches Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung. Episodische Erinnerungen sind grundsätzlich perspektivisch und somit weder austauschbar, noch übertragbar. Dennoch sind sie sozial vernetzt. Durch Überlappung und Anschlussfähigkeit, durch Bestätigung und Festigung gewinnen sie an Kohärenz und Glaubwürdigkeit, und wirken so gemeinschaftsbildend. Erinnerungen sind meist Ausschnitte aus Geschehnissen, ohne exakten Anfang oder Ende, die erst durch Kommunikation zu einer Geschichte geformt werden. Diese verändern sich allerdings im Laufe der Zeit.6

Das kommunikative Gedächtnis kann, nach J. Assmann, als Generationen- gedächtnis bezeichnet werden. Die wiedergegebenen Erinnerungen beschränken sich auf die jüngere, noch fast gegenwärtige Vergangenheit und überdauern einen Generationenwechsel, der drei bis vier Generationen umfasst, meist nicht.7 Es ist charakterisiert durch seine Alltagsnähe und umfasst jene Spielarten des kollektiven Gedächtnisses, die ausschließlich auf Alltagskommunikation beruhen und die Halbwachs in seinen beiden Büchern Les cadres sociaux de la memoire (1925) und La memoire collective (1950) unter dem Begriff Kollektivgedächtniss zusammengefasst und analysiert hat.8

Das kulturelle Gedächtnis hingegen bedient sich der institutionalisierten Mnemotechnik und orientiert sich an bestimmten Fixpunkten der Vergangenheit.9 Allerdings macht das kulturelle Gedächtnis keinen Unterschied zwischen Mythen und realen geschichtlichen Fakten - es erinnert Geschichte. So werden zum Teil Fakten erinnert und im Verlauf der Weitergaben in Mythen verwandelt. Das kulturelle Gedächtnis verlangt, im Gegensatz zum kommunikativen, eine ordnende, ggf. institutionelle Leitung und ist somit anfällig für etwaige Manipulationen, die eine Veränderung der memorierten Geschichte bewirken können.10

In oralen Erinnerungskulturen können, im Gegensatz zu literalen, bestimmte Informationen externalisiert werden und somit ein weitaus größeres Speichergedächtnis erzeugen. Die strukturelle Amnesie oraler Erinnerungskulturen, bei denen Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis zwingend zusammenfallen, bewirkt somit einen unausweichlichen Verlust an Informationen.11

Das bedeutendste und effektivste Medium Erinnerungen festzuhalten, ist die Literatur. Sie speist sich aus und bedient sich literaler Kulturen, und fungiert generell als Speicher von Erinnerungen, da sie durch eine literarische Welterzeugung und Bedeutungsstiftung charakterisiert ist, die der des kollektiven Gedächtnisses gleicht. Gleichzeitig produziert Literatur konstruktiv eine Wirklichkeits- und Vergangenheitsversion. Astrid Erll grenzt literarische Werke im Kontext von Gedächtniskultur strikt von ähnlichen Medien wie Geschichtsschreibungen oder religiösen Schriften ab. Zeitgleich mit der Herausbildung des modernen Sozialsystems bildeten sich in der Literatur im Verlauf des 18. Jahrhunderts distinktive Merkmale aus, wie die Möglichkeit zur fiktiven Innenweltdarstellung. Literatur erhält in Erinnerungskulturen sowohl den Status des erinnernden Mediums, als auch des erinnerten Gegenstandes des kulturellen Gedächtnisses.12

Besonders verbalisierte Erinnerungen bergen die Gefahr der gesteuerten oder unbewussten Verfälschung. Der britische Psychologe Ala Baddeley unterscheidet zwischen leibhaften und der lebhaften Erinnerung. Leibhafte Erinnerungen sind jene, die man tatsächlich erlebt hat. Lebhafte Erinnerungen hingegen beziehen sich auf erworbene Erinnerungen. Diese sind in der Lage, leibhafte Erinnerungen zeitweilig oder auch dauerhaft zu substituieren und zu verdrängen.13

Auch Neurologen und kognitive Psychologen wie Wolf Singer, Direktor des Max- Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, unterstützen ebenfalls die Auffassung, dass das Gehirn nicht auf exakte Speicherung ausgerichtet sei, sondern eher auf individuelle Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Jede Reaktivierung einer Erinnerung, zugleich eine Neueinschreibung der Gedächtnisspur, überschreibt, wenn notwendig, die Ersterfahrungen.14 Diese Neueinschreibungen können auch unter dem Einfluss von Stolz und Scham bzw. Schuld und Leid stehen.15

Da die Prozesse der Substitution und der Neueinschreibung keine aktiv gesteuerten Prozesse darstellen, stellt sich die Frage, wie authentisch unsere Erinnerungen tatsächlich sind oder sein können.

Diesem komplexen Thema nähert sich Ana María Shua in ihrem Roman El libro de los recuerdos, indem sie sich der Problematik der vermeintlichen Authentizität von Erinnerungen, in diesem Fall einer Familie, annimmt.

4. Der historische Kontext

Um die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Argentiniens und die damit verbundenen Schicksale in El libro de los recuerdos nachvollziehen zu können, wird im Folgenden sowohl auf relevante politische und historische Ereignisse, als auch auf die Sonderstellung der argentinischen Juden eingegangen.

[...]


1 Vgl. URL [http://www.anamariashua.com.ar/], 20.02.2015, 16:35h.

2 Militärdiktatur 1976-1983

3 Vgl. Assmann, Aleida (2006): Der lange Schatten der Vergangenheit - Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, Verlag C. H. Beck, München, S. 24.

4 Vgl. Assmann, Jan (1992): Das kulturelle Gedächtnis, Verlag C. H. Beck, München, S. 35f.

5 Vgl. Assmann, Aleida (2006), S. 128.

6 Vgl. ebd.: S. 24f.

7 Vgl. Assmann, Aleida (2006): S. 50.

8 Vgl. Assmann, Jan (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, Suhrkamp, Frankfurt a. M., S. 10ff.

9 Vgl. Assmann, Jan (1992): S. 52.

10 Vgl. ebd.: S. 54f.

11 Vgl. Erll, Astrid (2005): Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin, S. 253.

12 Vgl. Erll, Astrid (2005): S. 262.

13 Vgl. Assmann, Aleida (2006), S. 132f.

14 Vgl. ebd.: S. 134.

15 Vgl. ebd.: S. 63.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Erinnerung und ihre Grenzen in "El libro de los recuerdos" von Ana María Shua
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Die literarische Produktion jüdischer ArgentinierInnen seit 1970
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V317585
ISBN (eBook)
9783668166738
ISBN (Buch)
9783668166745
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit spanischen Auszügen aus dem Buch "EL libro de los recuerdos".
Schlagworte
erinnerung, grenzen, maría, shua
Arbeit zitieren
Leonie Schwedek (Autor:in), 2015, Erinnerung und ihre Grenzen in "El libro de los recuerdos" von Ana María Shua, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317585

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