Die folgende Arbeit setzt sich zum Ziel, das Prinzip des organisationalen Lernens herauszuarbeiten und auf die Soziale Arbeit zu projizieren. Dieser Projektion soll eine allgemeine Definition der lernenden Organisation vorausgehen, die für die nachfolgende Übertragung des Konzeptes auf die soziale Dienstleistung hilfreich sein wird. Die Darstellung rückt insbesondere die Frage in den Vordergrund, wie die lernende Organisation dazu beitragen kann, soziale Dienstleistungen erfolgreicher zu gestalten. Oder umgekehrt: wie kann eine soziale Organisation eine lernfähige und schließlich eine lernende Organisation werden?
Die Idee, dass nicht nur Individuen, sondern auch Organisationen lernfähig sind, kam Anfang der 60er Jahre auf und etablierte sich im Laufe der 80er Jahre. Seit den 90ern ist das organisationale Lernen schließlich in sämtlichen Disziplinen, die in Organisationen operieren, ein unbestreitbares Managementmodell, das zur Qualitätssicherung und -verbesserung dient. Die Organisation, die als „selbständig handelndes Subjekt“ zu betrachten ist, muss sich den ändernden Bedingungen anpassen und aus Erfahrungen lernen können. Die lernende Organisation hat sich als besonders überlebensfähiges Modell erwiesen.
Diese Anpassung an sich ändernde Bedingungen wird im Bereich der praktischen Sozialen Arbeit besonders relevant, da diese ein lebendiges System darstellt, das nicht nach vorhersehbaren Mustern (Ursache-Wirkung), sondern „diskontinuierlich, nicht-regelhaft, konfliktreich, unvorhersehbar, spontan und auf gleiche Weise unwiederholbar“ verläuft und somit auf ständige Prozessjustierungen, die auf praktischen Erfahrungen basieren, angewiesen ist.
In der vorliegenden Arbeit wird sich im Wesentlichen auf die Ausführungen zu „Lernen vom Erfolg“ (1996) von Jona M. Rosenfeld in Zusammenarbeit mit Donald A. Schön – die den Begriff der lernenden Organisation im US-amerikanischen Diskurs wesentlich geprägt haben – bezogen, das in Berlin von Reinhart Wolff weiter entwickelt wurde. Dies soll vor genau jenem Hintergrund geschehen, wie die Erfolglosigkeit professioneller, sozialer Praxis überwunden und ständig neue Wege der Intervention gefunden werden können (inventions of interventions).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung, Fragestellung und Aufbau der Arbeit
2. Definition: Lernende Organisation / organisationales Lernen
2.1. Modell nach Schön und Argyris
2.2. Modell nach Senge
2.2.1. Personal Mastery
2.2.2. Mentale Modelle
2.2.3. Die gemeinsame Vision
2.2.4. Team-Lernen
2.2.5. Die fünfte Disziplin: Das Systemdenken
3. Lernen vom Erfolg
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der lernenden Organisation und dessen Übertragbarkeit auf den Bereich der Sozialen Arbeit, um professionelle Interventionsmöglichkeiten bei komplexen sozialen Problemlagen durch systematisches Lernen aus Erfolgen zu optimieren.
- Grundlagen des organisationalen Lernens nach Argyris, Schön und Senge
- Methoden der Qualitätssicherung durch das Prinzip des "Lernens vom Erfolg"
- Die Rolle der persönlichen Vision und des Team-Lernens in sozialen Organisationen
- Systemdenken als Basis für die Professionalisierung sozialer Dienste
- Überwindung von Erfolglosigkeit durch das "Erfinden von Interventionen"
Auszug aus dem Buch
3. Lernen vom Erfolg
Mit der durchgängigen Professionalisierung der Sozialen Arbeit kam auch der Anspruch einer Qualitätssicherung auf (vgl. Merchel 2002: 126ff.). Für Fachkräfte im sozialen Hilfesystem stellt diese Entwicklung eine Chance dar, da sie die Möglichkeit bietet, von früheren Erfahrungen und Fehlern der Qualitätsentwicklung zu lernen und dadurch organisationales Lernen erst möglich zu machen (vgl. Wolff 2002: 59).
Eine solche Methode zur Qualitätssicherung in der Sozialen Arbeit stellt das Prinzip des „Lernen vom Erfolgs“ (learning from success) dar, das von Jona M. Rosenfeld und Donald A. Schön entwickelt wurde, um sozialen Gruppen Hilfe zu leisten, denen in der Regel nicht geholfen wird; Menschen oder Kollektive also, die am Rande der Gesellschaft leben oder die herausgefallen sind (vgl. Rosenfeld/Schön/Sykes 1995: 2). Sowohl Rosenfeld (1996: 2), als auch Wolff (2002: 59) sprechen in diesem Zusammenhang vom Begriff des „professionellen Altruismus“, der auf den Pittsburgher Sozialforscher und -historiker Roy Lubove zurückgeht und auf die Balance zwischen Professionalität und dem „Herz des Berufs“ (Rosenfeld 1996: 2) wie z.B. Mitleid oder Mitgefühl abzielt.
Die These, die sich durch jede feine Faser von Rosenfelds Forschungen zum „Lernen vom Erfolg“ zieht, ist folgende: Soziale Organisationen und Sozialarbeiter als ihre wesentlichen Akteure produzieren und reproduzieren Wissen und Handlungsverfahren auf Grundlage von Erfahrungsschätzen, die sie im Laufe ihrer professionellen Vergangenheit gesammelt haben, um durch diese den Erfolg ihrer Handlungen (Dienste) zu garantieren. Dadurch eignen sie sich ein verfügbares Wissen an. Wenn es allerdings Gruppen gibt, denen in der Vergangenheit wie in der Gegenwart nicht geholfen wurde bzw. wird, dann ergibt sich das Problem, dass auf ein solches Handlungswissen nicht zurückgegriffen werden kann, da sie nicht ausreichend ergründet wurde; sonst wäre diesen Menschen geholfen (vgl. Rosenfeld 1996: 3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung, Fragestellung und Aufbau der Arbeit: Das Kapitel führt in die Relevanz des organisationalen Lernens für die Soziale Arbeit ein und skizziert das Ziel, das Prinzip des "Lernens vom Erfolg" als Instrument zur Qualitätsverbesserung zu prüfen.
2. Definition: Lernende Organisation / organisationales Lernen: Hier werden theoretische Grundlagen und Modelle zur lernenden Organisation erarbeitet, wobei insbesondere die Ansätze von Argyris, Schön und Senge im Fokus stehen.
3. Lernen vom Erfolg: Dieses Kapitel erläutert das von Jona M. Rosenfeld entwickelte Prinzip, das durch die Analyse gelungener Interventionen systematisch Handlungswissen für schwierige soziale Fälle generiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Soziale Arbeit durch ständige Lernprozesse und die Integration von Personal Mastery und Systemdenken zu einer lernenden Organisation heranwachsen kann.
Schlüsselwörter
Lernende Organisation, organisationales Lernen, Soziale Arbeit, Lernen vom Erfolg, Qualitätssicherung, Systemdenken, Personal Mastery, Mentale Modelle, professioneller Altruismus, Interventionsforschung, Handlungswissen, Reflexion, soziale Dienstleistung, Führung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theoretische Modell der "lernenden Organisation" und dessen spezifische Anwendungsmöglichkeiten innerhalb der Sozialen Arbeit zur Verbesserung der Dienstleistungsqualität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Definition von Organisationslernen, die methodischen Ansätze von Senge, Argyris und Schön sowie das spezifische Konzept des "Lernens vom Erfolg" nach Jona M. Rosenfeld.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie soziale Organisationen durch systematisches Lernen aus erfolgreich verlaufenen Interventionen ihr Handlungswissen erweitern können.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der existierende organisationstheoretische Konzepte auf den Kontext der Sozialen Arbeit projiziert und kritisch diskutiert werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch das Senge-Modell der fünf Disziplinen und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Rosenfelds Ansatz zur Überwindung von Erfolglosigkeit in der Sozialen Praxis.
Durch welche Schlüsselbegriffe lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind organisationales Lernen, Systemdenken, Reflexion, professioneller Altruismus und die Generierung von actionable knowledge (anwendbarem Wissen).
Was unterscheidet das "Lernen vom Erfolg" von klassischen Ansätzen?
Im Gegensatz zur reinen Fehleranalyse fokussiert dieser Ansatz auf die explizite Untersuchung gelungener Interaktionen, um daraus übertragbare Strategien für schwierige soziale Fälle zu entwickeln.
Welche Rolle spielt der einzelne Sozialarbeiter in der lernenden Organisation?
Der Sozialarbeiter ist zentraler Akteur, der durch seine persönliche Vision (Personal Mastery) und die Reflexion seiner Handlungen aktiv zur Entwicklung der gesamten Organisationswissensbasis beiträgt.
- Arbeit zitieren
- Poyraz Hannutoglu (Autor:in), 2012, Die lernende Organisation in der Sozialen Arbeit. Eine Übertragung des Managementmodells auf soziale Dienstleistungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317838