Gatekeeper trifft auf modernen Journalismus

Gatekeeper-Tätigkeiten, ihre wichtigsten Auswahlkriterien und ein Ausblick in die Zukunft


Seminararbeit, 2016
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Gatekeeping-Funktion eines Journalisten
2.1 Grundgedanke der Gatekeeper-Theorie
2.2 Ansätze nach White und Lippmann

3. Die Rolle eines Journalisten
3.1 Verantwortung
3.2 Medienspezifische Eigenschaften der Journalisten-Rolle
3.2.1 Printmedien..
3.2.2 Radio..
3.2.3 Fernsehen..
3.2.4 Internet.

4. Kriterien in Entscheidungsprozessen der Gatekeeper
4.1 Eingrenzung der vorhandenen Kriterienauswahl
4.2 Die wichtigsten Merkmale der Nachrichtenselektion durch Gatekeeper

5. Gatekeeping heutzutage
5.1 Online-Journalismus und Veränderung des Gatekeepings Web 2.0

6. Zukunftsausblick – der Gatekeeper in der Zukunft

7. Exkurs: Abgrenzung von Wissenschaftlichen Arbeiten

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Vorwort

In dieser wissenschaftlichen Arbeit möchte sich der Autor mit dem Grundgedanken des Journalisten als Gatekeeper und Auswahlkriterien der Gatekeeping-Funktion auseinandersetzen. Modelle der ersten Ansätze dieser Thematik in der Journalismus- und Kommunikationsforschung sollen erläutert und auf eine vorhandene Relevanz in der heutigen Zeit geprüft werden. Schlussendlich wird der Autor Veränderungen der Tätigkeiten des Gatekeepers von damals bis in die Zukunft aufzeigen und erörtern, ob sich das Gatekeeping in den letzten Jahren verändert hat, immer noch als wichtig anerkannt wird und überhaupt eine Zukunft besitzt.

Journalismusforschung, öffentliche Meinungsbildung und Arbeitsweisen von Journalisten, Redakteuren und Mediengestaltern interessieren den Autor sehr und ziehen auch im Laufe seines Studiums große Aufmerksamkeit auf sich. Mit dem Wunsch, später einmal in der Branche der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu arbeiten, befasst er sich sehr gern mit Fragen rund um Berichterstattung und Textgestaltung. Mögliche Fragestellungen, die im Laufe dieser Arbeit resultieren, aber nicht erläutert werden können, da dies den Rahmen der vorliegenden Hausarbeit deutlich überschreiten würde, wären beispielsweise: Gibt es im digitalen Zeitalter noch echten Qualitätsjournalismus? Braucht die heutige Gesellschaft trotz Online-Nachrichten, Tickern und Social Media überhaupt noch Journalisten? Wie wird sich das Bild der Berichterstattung mit immer zunehmender Digitalisierung weiter verändern? Der Grundgedanke der Arbeit soll jedoch auf dem der Gatekeeper-Tätigkeit eines Journalisten liegen. Angehängt an die Arbeit ist eine Beschreibung der Eigenschaften einer Wissenschaftlichen Arbeit zu finden, sowie eine Abgrenzung zu anderen nichtwissenschaftlichen Erzeugnissen.

2. Die Gatekeeping-Funktion eines Journalisten

2.1 Grundgedanke der Gatekeeper-Theorie

„Zu einer […] wichtigen Aufgabe des […] Journalisten gehört es, aus der Fülle der täglich einlangenden Informationen und dem oft überbordenden Angebot von Stories jene Beiträge auszuwählen, die publiziert werden sollen.“1 Dieses Zitat des bekannten Kommunikationswissenschaftlers Heinz Pürer beschreibt den primären Gedanken der Gatekeeping-Funktion ziemlich eindeutig. Tag für Tag werden Journalisten und Redakteure von Print-, Rundfunk- und Onlinemedien mit einer riesigen Bandbreite von Informationen konfrontiert - selbstverständlich in ihrem Beruf. All diese Fakten, Geschichten und Artikel zu veröffentlichen, ist jedoch gänzlich unmöglich, jedes Medium ist in irgendeiner Weise limitiert. Beim Beispiel Tageszeitung ist zu sagen, dass „der Redakteur [meistens] viel mehr Material auf seinem Tisch [hat], als er verwenden kann. Nachrichtenagenturen liefern ein Vielfaches dessen, was am nächsten Tag in der Zeitung stehen kann […]“2 Der Grundgedanke der Gatekeeping-Theorie besteht demnach darin, aus einer Vielzahl von Nachrichten diejenigen auszuwählen, die auch tatsächlich veröffentlicht werden sollen. Vorgegangen wird hierbei nach bestimmten Kriterien und Erfahrungswerten, die in Kapitel 4 noch genauer erläutert werden sollen.

Mit dem Begriff der Gatekeeperforschung setzte sich erstmals der Sozialpsychologe Kurt Lewin in einer Studie auseinander. Dieser wollte das Verhalten deutscher Hausfrauen nach dem 2. Weltkrieg und ihre Gewohnheiten bezüglich Lebensmitteln und dem damit verbundenen Kaufverhalten untersuchen. Nach der Differenzierung von verschiedenen Kanälen (Einkauf/Anbau) betrachtete er, welche Lebensmittel den Haushalt erreichen. Diese passierten dabei verschiedene „Gates“ (= Schleusen), wer also die Entscheidungsgewalt über das Erreichen des nächsten Gates hatte wurde als „Gatekeeper“ bezeichnet.3

2.2 Ansätze nach White und Lippmann

Demnach stellen sich die Hausfrauen in Lewins Forschungen einer Reihe von Selektionen, bevor sie zu entsprechendem Ergebnis kommen. Den Transfer des Modells der Hausfrauen in die Kommunikationsforschung vollführte größtenteils David Manning White, indem er in einer amerikanischen Zeitungsredaktion nachforschte, welche der einkommenden Nachrichten für das Printmedium verwendet würden, und welche nicht.4 Er begründetet somit die Gatekeeper-Forschung, die sich fortan damit beschäftigte, wie die Nachrichtenauswahl bei Journalisten vonstattenging und an welchen Gesichtspunkten sie sich orientierte. Der Nachrichtenredakteur besagter amerikanischer Zeitung wurde von White „Mr. Gates“ genannt, ein weiterer Ursprung des Namens des Gatekeepers („Torwächter“, „Schleusenwärter“). „Die Gatekeeper-Forschung ging anfangs davon aus, dass die Nachrichtenauswahl nach mehr oder weniger subjektiven Kriterien des einzelnen Journalisten sowie nach professionellen Auswahlkriterien eher passiv erfolgt. […] In weiterführenden Gatekeeper-Studien wurde [jedoch] erkannt, dass bei der Nachrichtenauswahl auch soziopsychologische und soziologische Aspekte eine Rolle spielen.“ 4 Erstere stellen den Journalisten in seinem Beruf genauer dar, letztere berufen sich eher auf das Zusammenwirken und die Rahmenordnungen der kompletten Redaktion.

Es ergeben sich an diesem Punkt viele weitere Ansätze. Der individualistische Ansatz von White bezieht sich auf das Abhängen der Selektionsentscheidungen von Gates‘ persönlichen Auffassungen und den Rahmenbedingungen denen er unterlag. Auch die Auswahl der Nachrichten nach ihrer Kategorie (u.a. Verbrechen, Human Interest, internationale Politik, …) zeigt Gates‘ persönliche Neigung, denn er bevorzugte Human Interest Meldungen mit 23,2% und dies selbst mit dem Zitat „I go for human interest stories in a big way“ belegt.5

Eine weitere Ansatzmöglichkeit bietet Walter Lippmann mit seinen Ausführungen aus seinem Buch „Public Opinion“ aus dem Jahr 1922: „Jede Zeitung ist im Augenblick, wo sie den Leser erreicht, das Endergebnis einer ganzen Reihe von Auswahlvorgängen, die bestimmen, welche Artikel an welcher Stelle mit wieviel Raum und unter welchem Akzent erscheinen sollen.“6 Was White nach Kurt Lewins Studie in die Kommunikationsforschung übertragen hatte, wusste auch Lippmann schon 1922 – das Selektieren von Nachrichtenströmen ist essentieller Bestandteil der journalistischen Arbeit und ist ein wichtiger Schritt der alltäglichen Arbeit eines Journalisten. Ohne das gezielte (Aus-)Sortieren der Informationen könnte man keine Zeitungsausgabe drucken, keine TV-Nachrichten produzieren und auch keinen Radiobeitrag ausstrahlen, denn: Es ist unmöglich, alle dieser Fakten, Daten, Geschichten und Stories einzubringen. Ein Printmedium hat nur ein bestimmtes Platzangebot, Radio und Fernsehen sind zeitlich beschränkt. Ein weiterer Grund dafür, dass der Arbeitsschritt des Gatekeepings nicht wegzudenken wäre, ist die Tatsache, dass die eingetroffenen Informationen nicht nur nach dem Ja/Nein-Prinzip sortiert und nach Inhalt kategorisiert, sondern auch anschaulich aufbereitet, hinterfragt und umformuliert werden. Walter von La Roche beschreibt dies auch mit dem Begriff Redigieren. „[…] aus dem eingegangen Material eine konsumierbare inhaltliche und formale Einheit zu gestalten. Redigieren ist das Auswählen, Bearbeiten und Präsentieren des Stoffes in der dem Medium entsprechenden Form.“7 Demnach zufolge ist das Gatekeeping dem redigieren sehr ähnlich, geht im Bereich des Auswählens der Nachrichten jedoch noch weit darüber hinaus. Man könnte also sagen, redigieren sei Teil der Tätigkeiten der Gatekeeper.

3. Die Rolle eines Journalisten

3.1 Verantwortung

„Zu erwähnen ist […], dass die Journalisten zur Erfüllung ihrer öffentlichen und dem Gemeinwohl dienenden Aufgabe einerseits mit Sonderrechten ausgestattet sind, ihnen andererseits auch besondere Pflichten auferlegt werden.“8 Journalisten besitzen eine Ausnahmerolle im Vergleich zu anderen Berufen und Professionen. Bevor also die Kriterien der Auswahlvorgänge beim Gatekeeping erklärt werden, soll der Journalist vor allem unten den Aspekten des Vertrauens und der Verantwortung, sowie seiner Rolle in Bezug auf spezielle Eigenheiten einzelner Medien nochmals genauer betrachtet werden. Journalisten und Redakteure sind diejenigen, die unter Pürers Punkt der „objektiven Vermittlung“9 in einer neutralen Vermittlungsaufgabe arbeiten und Nachrichten möglichst „faktgetreu und unverfälscht“ weitergeben. Auch arbeiten sie als Organ der „Kritik und Kontrolle“9, d.h. sie prüfen und kontrollieren in „aufdeckend-enthüllenden [oder] kritischen Beiträgen“. Weitere nennenswerte Eigenschaften, die Heinz Pürer an dieser Stelle anführt, sind das bekanntmachen von der Öffentlichkeit vorenthaltenen oder verschwiegenen Beiträgen, das Verständnis des Journalisten als Dienstleisters oder auch das Einordnen von zunächst kleinen Fakten und Zahlen in größere Zusammenhänge und das Anbieten von Einschätzungen und Interpretationsansätzen.10

Unter anderem fällt dem Journalist aber auch die große Aufgabe der Meinungsbildung zu. Niemanden braucht man heutzutage zu sagen, dass Medien und ihre Inhalte riesigen Einfluss auf die Gesellschaft und damit eine breite Masse an Personen hat. So trägt jeder ‚Meinungsbildner‘ auch ein großes Maß an Verantwortung mit sich. Beispielsweise dürfen die vorher angesprochenen Sonderrechte von Journalisten nicht missbraucht werden, und ihre Pflichten müssen zwingend eingehalten werden. Pürer zeigt dies am Beispiel der „Sorgfaltspflicht“, die „[Journalisten anhält], alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung genau auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen“11 und demnach eine absichtlich falsche oder verwirrende Berichterstattung von vorneherein strikt ausschließt! Der positive oder auch negative Einfluss, den der Publisher der Nachricht also auf die Gesellschaft hat, hängt von der Art seiner Berichterstattung ab. Dies soll an einem Beispiel erklärt werden:

Der Automobilhersteller A produziert erfolgreich mehrere verschiedenen Fahrzeugreihen. Der Journalist J aber findet bei seiner Recherche heraus, dass die Wagen von A nicht den allgemeingültigen Richtlinien zum Umweltschutz und Schadstoffausstoß erfüllen. In seiner Reportage einer überregionalen Tageszeitung enthüllt J den Skandal und übt dadurch riesigen Einfluss auf alle Rezipienten (= Konsumenten des Mediums) aus. Unter den 1Mio Lesern sind auch viele, die Fahrzeuge von A besitzen, andere spielen mit dem Gedanken, das nächste Auto bei A zu kaufen. Folglich leiden Image und Anerkennung des Automobilherstellers sehr. Dass das Aufdecken und Enthüllen von Missständen zur Aufgabe der Journalisten gehört, wurde gerade gesagt. Was wäre aber, wenn J unrechtmäßig die falsche Information verbreitet hätte, die Autos des Herstellers hätten Mängel oder entsprächen nicht den Richtlinien? An diesem Punkt stehen sich Pflichten und Gefahren des Journalismus sehr nahe. Der große Einfluss auf ein breites Publikum hat sowohl seine positiven Aspekte, als auch seine Schattenseiten. Gezieltes Ausnutzen der Publikationsmacht und Manipulation der Konsumenten kann schwerwiegende Auswirkungen haben, in diesem Fall Klagen gegen A, große Image- und Kapitalverluste oder die Zerstörung des bisher aufgebauten Vertrauensverhältnisses.

Je nachdem welche Nachrichten der Gatekeeper auswählt, in welchem Umfang er sie präsentiert und wie er sie aufbereitet, kann er die Meinung der Öffentlichkeit entscheidend prägen. Er selbst besitzt die Monopolstellung, zu entscheiden, welche Informationen an die Öffentlichkeit geraten und welche nicht. „Sie setzen die Themen der öffentlichen Diskussion […]“12

[...]


1 Pürer, Heinz: 1991, S. 17

2 Von La Roche, Walther: 1975, S. 20

3 Kunczik, Michael und Zipfel, Astrid: 2005, S. 241/242

4 Pürer, Heinz: 2003, S. 128

5 Waldschik, Daniel: 2012, S. 3/4

6 Lippmann, Walter: 1990, S. 241

7 Von La Roche, Walther: 1975, S. 20

8 Pürer, Heinz: 2003, S. 113

9 Pürer, Heinz: 2003, S. 122

10 Pürer, Heinz: 2003, S. 122

11 Pürer, Heinz: 2003, S.114

12 Orle, Manfred: 2014

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gatekeeper trifft auf modernen Journalismus
Untertitel
Gatekeeper-Tätigkeiten, ihre wichtigsten Auswahlkriterien und ein Ausblick in die Zukunft
Hochschule
SRH Hochschule Calw
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V318611
ISBN (eBook)
9783668178069
ISBN (Buch)
9783668178076
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Kommunikation, Gatekeeper, Gatekeeping, Journalismus, Journalistik, Kommuniktionswissenschaften, Lewin, White, Pürer, Lippmann, Nachrichtenwert, Selektion, Auswahlkriterien, Gatewatcher, Schleusenwärter, Journalist, modern, Internet, Online, Presse, Rundfunk, Radio, Fernsehen, Redakteur, Seminararbeit, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Lukas Sorge (Autor), 2016, Gatekeeper trifft auf modernen Journalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318611

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