Felix Dahn und der Missbrauch des Nibelungenliedes

Eine Untersuchung von Werken Felix Dahns und deren Einbettung in den historischen Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

12 Seiten, Note: 1,3

Max Gerstenhuber (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Felix Dahn und der Missbrauch desNibelungenliedes
2.1 Historischer Kontext
2.1.1 Geschichtlich
2.1.2 Auswirkungen auf dieNibelungenlied-Rezeption
2.2 Untersuchung von Dahns Gedichten
2.2.1Der Bundestag
2.2.2Deutsche Lieder

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Das Nibelungenlied als Bestandteil der deutschen Geschichte ist auch im 21. Jahrhundert noch allgegenwärtig. Jüngstes Beispiel dafür ist der frisch gekürte Oscar-Preisträger Christoph Waltz, der in seiner Rolle als Dr. King Schultz in dem US-amerikanischen Kinofilm Django Unchained die Geschichte von Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen nacherzählt, um die Herkunft eines deutschen Frauennamens zu erklären. Und da das Nibelungenlied noch heute ein fester Bestandteil im Schulunterricht ist, dürfte den meisten Deutschen zumindest der Teil des Nibelungenliedes bekannt sein, in dem der Held Siegfried den Drachen Fafnir erschlägt und anschließend in dessen Blut badet. Nur ein Ahornblatt an seinem Rücken verhindert die vollständige Unverwundbarkeit Siegfrieds, was ihm später zum Verhängnis wird.

Erklärt werden kann dieser Status des Nibelungenliedes einerseits, weil das Werk bereits im Mittelalter zur beliebtesten Lektüre gehörte und in vielen Handschriften verbreitet war (vgl. Wunderlich 1977: 9). Genauso gewichtig dürfte aber auch die Stilisierung des Werkes zum „deutschen Nationalepos“ gewesen sein, die Mitte des 19. Jahrhunderts begann. Damit ist das Nibelungenlied jedoch auch ein Beispiel dafür, dass literarische Werke in ihrer Rezeptionsgeschichte nicht selten für politische und ideologische Zwecke missbraucht wurden (vgl. Saalfeld 1977: VII f., Wunderlich (1977): 6):

Seit seiner Wiederentdeckung durch den Arzt Jakob Hermann Obereit im Jahr 1755 wurde das Nibelungenlied immer wieder aus seinem ursprünglichen literarischen und historischen Kontext herausgelöst. Die Autoren bedienten sich dabei meist nur einiger Elemente des Liedes, die bei der Verbreitung ihrer Meinungen und Ansichten unterstützend interpretiert werden konnten und das Werk für eine nationalistische Rezeption geeigneter machten (vgl. Martin 1992: 1 ff., Wunderlich 1977: 6). Deshalb steht die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes auch in einem engen Zusammenhang mit dessen oben erwähnter Stilisierung zum „deutschen Nationalepos“, die schließlich in der Instrumentalisierung für politische Indoktrinierung im Dritten Reich gipfelte (vgl. Martin 1992: 1, Härd 1996: 18).

Eine besondere Rolle in dieser Rezeptionsgeschichte nimmt der deutsche Autor und Historiker Felix Dahn ein. Der „bekannteste und pathetischste Verherrlicher „altdeutscher Vergangenheit““ (Wunderlich 1977: 37) versuchte wie kein zweiter, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts das deutsche Nationalbewusstsein zu stärken und den Anspruch auf ein deutsches Reich zu artikulieren (vgl. Martin 1992: 16 f.; Wunderlich 1977: 37).

In der vorliegenden Arbeit soll nun bewiesen werden, dass Dahn zu diesem Zweck einige Elemente des Nibelungenliedes aus ihren Kontexten löste und als Stereotype für seine Gedichte missbrauchte. Dazu werden im zweiten Kapitel exemplarisch zwei Gedichte von Felix Dahn untersucht. Begonnen wird mit einer Einbettung der Gedichte in ihren historischen Kontext. Danach werden die Gedichte auf Elemente des Nibelungenliedes und deren Wirkung hin untersucht. Anschließend werden diese Elemente und ihre angedachte Wirkung mit der ursprünglichen Wirkung im Originaltext verglichen.

2. Felix Dahn und der Missbrauch des Nibelungenliedes

2.1 Historischer Kontext

Felix Dahn lebte von 1834 bis 1912 und ist der literarischen Strömung des Realismus zuzuordnen. Zum besseren Verständnis seiner in der vorliegenden Arbeit untersuchten Gedichte Der Bundestag und Deutsche Lieder werden diese nun in ihren historischen Kontext eingeordnet.

2.1.1 Geschichtlich

Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Preußen unter Friedrich II. den Höhepunkt seiner Machtstellung in Europa erreicht. Danach begann ein zunächst schleichender Verfall Preußens, der durch den Siebenjährigen Krieg gegen Russland 1756-1763 und schließlich durch die Niederlage Preußens gegen Frankreich im zweiten Napoleonischen Krieg im Jahr 1805 zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen führte (vgl. stefanjacob.de).

Und auch nach dem Sieg der Koalition aus Österreich, Preußen, Russland und Bayern gegen Frankreich 1813 wurde Preußen beim Wiener Kongreß 1815 kein neues deutsches Reich zugestanden. Man fürchtete um das Gleichgewicht der Machtverhältnisse, weshalb es nur zum Deutschen Bund, einem losen Staatenbund aus 35 autonomen Ländern und Städten kam. Während die übrigen Länder Europas zu dieser Zeit eine Phase der Stabilisierung und Zentralisierung durchliefen, gestaltete sich dieser Verlauf in Deutschland genau entgegengesetzt. Man konnte keine nationale Identität entwickeln und hatte keinen positiven Gründungsmythos, was eine Entwicklung vom Stände- zum Nationalstaat verhinderte (vgl. Martin 1992: 124 ff.; stefanjacob.de).

Auch die sogenannte März-Revolution im Februar 1848 konnte die ersehnte politische Einigung nicht herbeiführen. Bis zur Reichsgründung 1871 durch den Sieg Preußens gegen Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg wurde der Ruf nach einer deutschen Einheit und einem deutschen Nationalgefühl deshalb immer lauter (vgl. Härd 1996: 144 ff.; stefanjacob.de).

2.1.2 Auswirkungen auf die Nibelungenlied-Rezeption

Die Niederlage Preußens gegen Frankreich 1805 wurde unter den deutschen Verbündeten als „nationale Erniedrigung“ empfunden (vgl. Martin 1992: 7f.). Das hatte zu einer „Steigerung patriotischer Effekte geführt, die zu einer nie wieder erreichten Belebung altdeutscher Studien führte, in deren Zentrum das Nibelungenlied stand und von da an blieb“ (Martin 1992: 8).

Der deutsche Germanist Friedrich Heinrich von der Hagen war anschließend der erste Autor, der das Nibelungenlied trotz seines negativen Endes in ein positives Werk umstilisierte. Im Vorwort seiner 1810 erschienenen Nibelungenausgabe hatte er das Lied zudem als „Deutsches Nationalepos“ bezeichnet und damit den Grundstein für die fortan verbreitete Rezeption des Werks gelegt. Seine Interpretation wurde nicht kritisch hinterfragt, sondern vielmehr als gegeben hingenommen (vgl. Martin 1992: 11 ff., Wunderlich 1977: 11 f.). Im Schulunterricht hatte sich das Nibelungenlied fest etabliert und galt als Beispiel für nationale Qualitäten. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden nur noch ausgewählte Elemente und Motive aus dem Epos benutzt und umfunktionalisiert – das Nibelungenlied war zu einem Stereotyp verkommen (vgl. Martin 1992: 13 ff.; Wunderlich 1977: 11 ff.).

Mitten in der Tristesse nach der gescheiterten März-Revolution 1848 trat nun Felix Dahn in den Mittelpunkt der poetischen Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes. Er setzte die Interpretationen von der Hagens in seinen Gedichten um und wollte dadurch das deutsche Nationalbewusstsein stärken und den Anspruch auf ein deutsches Reich formulieren. Zudem war Dahn der erste Autor, der in seinen Gedichten ein Überlegenheitsgefühl des deutschen Volkes anklingen ließ (vgl. Härd 1992: 144 f.; Martin 1992: 16 f., Wunderlich 1977: 37 f.).

Diese von 1805 bis zur Reichsgründung 1871 dauernde erste Phase der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes war also vor allem bestimmt von Wellen nationaler Euphorie und einer daraus resultierenden Popularisierung des Werkes. Das Lied wurde zum Symbol der Hoffnung auf einen deutschen Einheitsstaat, auf den die Deutschen mehr als 65 Jahre warten mussten (vgl. Härd 1996: 144 f.; Martin 1992: 25 f.).

2.2 Untersuchung von Dahns Gedichten

Im folgenden Abschnitt werden die zwei von Felix Dahn verfassten Gedichte Der Bundestag und Deutsche Lieder auf Elemente des Nibelungenliedes hin untersucht. Die Wirkung der Elemente in den Gedichten wird anschließend mit ihrer ursprünglichen Intention im Nibelungenlied verglichen.

2.2.1 Der Bundestag

Im Gedicht Der Bundestag bedient sich Dahn mehrere Elemente aus dem Nibelungenlied. Zu einem erwähnt er Schlangen, die einen Hort hüten sollen:

Da liegt ein wirrer Knäul von vielen Schlangen,

Auf ihren Häuptern goldne Krönlein prangen:

Sie hüten einen Hort, um den ich weine. (Dahn o.J.: 536)

Die Schlangen können in Bezug auf den Frankfurter Bundestag, der als Verfassungsorgan des Deutschen Bundes 1850 wiedereröffnet wurde, als die Monarchen und Fürsten des Deutschen Bundes verstanden werden (vgl. Härd 1996: 145; stefanjacob.de). Der Hort selbst, den sie beschützen, soll ein Kleinod beinhalten, zu dem das deutsche Volk nie gelangen könne:

[...]

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Details

Titel
Felix Dahn und der Missbrauch des Nibelungenliedes
Untertitel
Eine Untersuchung von Werken Felix Dahns und deren Einbettung in den historischen Kontext
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Nibelungen(lied)rezeption
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V318894
ISBN (eBook)
9783668181069
ISBN (Buch)
9783668181076
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
felix, dahn, missbrauch, nibelungenliedes, eine, untersuchung, werken, dahns, einbettung, kontext
Arbeit zitieren
Max Gerstenhuber (Autor), 2013, Felix Dahn und der Missbrauch des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318894

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