Subjektiv oder objektiv? Musikalische Bedeutungszuweisung bei Carl Dallhaus und Dorothee Barth


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Werturteil und Sachurteil

Nicht Ethnie, nicht Bildung, sondern Bedeutungszuweisung

Einleitung

Die drei verschiedenen Kulturbegriffe
1. Der normative Kulturbegriff
2. Der ethnisch- holistische Kulturbegriff
3. Der bedeutungsorientierte Kulturbegriff

Der bedeutungsorientierte Kulturbegriff als Basis einer interkulturell orientierten Musikpädagogik

Voraussetzungen

Anwendungsmöglichkeiten in der musikpädagogischen Praxis

Zusammenfassung und Zusammenführung

Literaturverzeichnis

Werturteil und Sachurteil

Carl Dahlhaus leitet seinen Artikel über das Werturteil und das Sachurteil damit ein, indem er allgemeine Aussagen über das ästhetische Urteil prüft.

Dabei wird festgestellt, dass ein ästhetisches Urteil stets als subjektiv gewertet wird. Hiermit wird erreicht, dass - obwohl der Sinn „vage und unbestimmt“(Dahlhaus, Carl, 1970, S.11, Z.2) ist - Reflexion und Rechtfertigung als überflüssig gelten. Man könnte das ästhetische Urteil deswegen auch als Vorurteil werten, oder als Idol der Trägheit. Dahlhaus beschreibt dies folgendermaßen:

„Wer sich auf das ästhetische Urteil beruft, fühlt sich im Recht, wenn er auf dem eigenen Urteil beharrt, ohne sich Argumente, welche die Voraussetzungen des Urteils gefährden, beirren zu lassen.“(Dahlhaus, Carl, 1970, S. 11, Z.5)

Der individuelle Geschmack wird als letzte Instanz aufgefahren, gegen die es keinen Einspruche gibt, wobei hier außer Acht gelassen wird, dass dieser Geschmack nicht individuell ist, sondern eine Reflexion gängiger Gruppennormen.

Wird der Versuch unternommen, ein Argument auf einem Sachverhalt aufzubauen, ist dieses Argument schnell dem Verdacht ausgesetzt, kein Fundament zu bilden - da ein ästhetisches Urteil als Gefühlsurteil gilt - sondern das ästhetische Urteil nur zu illustrieren. Die dabei entstehende Rationalität wird als Zusatz gedeutet, als „sekundärer Moment“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S.11, Z. 14-15)

Im Folgenden führt Dahlhaus drei Argumente auf, die diese allgemeine Sichtweise des ästhetischen Urteils gefährden.

Erstens muss laut Dahlhaus bei einem ästhetischen Urteil die Entstehung von seiner Legitimation unterschieden werden. Es ist unbestreitbar, dass ein Gefühlsurteil die Voraussetzung, bzw. der Ausgangspunkt für die Entdeckung rationaler Gründe ist, dies schließt aber nicht aus, „ dass es die Gründe sind und nicht das Gefühlsurteil selbst, die entscheiden, ob das Urteil triftig ist oder nicht.

Zweitens sind in ästhetischen Urteilen über Musik frühere musikalische Erfahrungen und Einsichten enthalten, die jedoch nicht explizit ins Bewusstsein kommen. Eine Erklärung oder Begründung ist demnach kein Zusatz von außen, keine „pseudologische Verkleidung des Irrationalen“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 11, Z. 30) sondern „eine Entdeckung dessen, was im Innersten dem Gefühlsurteil, wenn auch unausgesprochen, immer schon zugrunde liegt.“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S.11, Z. 30-32) Aus diesem Grund ist eine Rechtfertigung gleichzusetzen mit einem Rückgang zu den Voraussetzungen.

Drittens sieht Dahlhaus in der Weigerung sich auf Argumente im Ernst mit der Gefahr des Widerrufs einzulassen eine „aristokratische, antibürgerliche Attitüde“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 11, Z. 36). Der Argwohn gegen die Rationalität ist keine natürliche Begebenheit sondern ein gesellschaftliches Merkmal des ästhetischen Urteils.

Die Wurzeln sieht Dahlhaus im 17. Und 18. Jahrhundert. Damals galt Geschmack als eine aristokratische Kategorie, bzw. ein soziales Privileg, das man irrational behauptete. Eine Absprache des Geschmacks kam einer Verletzung des sozialen Selbstgefühls und Ehrgeizes gleich.

Da demnach die Sperrigkeit, bzw. der Argwohn gegen die Rationalität ein - wie eben hergeführt „pseudo- aristokratisches Relikt“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 12, Z. 11) ist, ein „Stück Vergangenheit im Denken der Gegenwart“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 12, Z.11-12) braucht es nicht übernommen zu werden sondern kann verbannt werden, bzw. in sein Gegenteil verkehrt werden in ein „Misstrauen gegen ästhetische Irrationalität“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 13, Z.12)

Dahlhaus geht im Weiteren darauf ein zu definieren, was die objektiven Momente des ästhetischen Urteils sind und versucht einen Begriff der Objektivität im ästhetischen Urteil zu formulieren, der den natürlichen Gegebenheiten des ästhetischen Urteils adäquat sind.

Er beginnt mit einer Definition von Objektivität im ästhetischen Urteil.

Im Allgemeinen ist mit Objektivität der Glaube verbunden, sich mit rigoroser Selbstverleumdung einer Sache zu stellen. Dies muss hier jedoch als fragwürdig betrachtet werden, da das Gefühlsurteil der Ausgangspunkt des Sachurteils gilt.

Demnach ist Objektivität keine Auslösung von sich selbst sondern entsteht durch:

„die Anstrengung zwischen dem ästhetischen Gegenstand und dem, was das Subjekt von sich aus mit- bringt zu vermitteln“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 12, Z.29-31) Ein Gefühlsurteil ohne Sachurteil erscheint leer; eine Bemühung um Sachlichkeit ohne Gefühlsurteil ist jedoch unlogisch, da ihr jegliche Substanz entrissen wird.

Weiter geht Dahlhaus auf die soziologische Bestimmung von Objektivität ein; wobei er in diesem Fall Objektivität als Intersubjektivität festlegt. Diese ist jedoch nur dann gegeben, wenn „die normale Wahrnehmung und die allgemein gleiche Vernunft genügen, im über einen Sachverhalt sinnvoll zu urteilen“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 12, Z. 37-38).

Nach dieser Aussage wird Intersubjektivität schwierig, wenn zu einem Urteil Voraussetzungen gehören, die schwer zugänglich oder selten sind, was darin mündet, das sich gewisse Widersprüche ergeben.

An dieser Stelle führt Dahlhaus ein Beispiel an:

Das „natürliche musikalische Gefühl“[1] galt im 18. Jahrhundert als common sense[2] in der Musik und wurde als höchste ästhetische Instanz erhoben; dieses natürliche Gefühl hatte als entscheidende Kriterien „der Schein des Bekannten“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 13, Z. 6) und die „Expressivität in den Grenzen des Schönen“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 13, Z. 7 ) waren. Genau aus dieser Gegebenheit entwickelt sich der Widerspruch: Auf der einen Seite wäre es ungerecht den common sense der Borniertheit zu verdächtigen, auf der anderen Seite ist es unumstößlich, dass es für die Weiterentwicklung der Musik wichtig war, in musikalischer Hinsicht nicht immer nur nach dem Schein des Bekannten zu suchen.

Die Bedeutung von Objektivität als Intersubjektivität ist demnach geschichtlichen Veränderungen unterworfen.

Als dritten Punkt erhebt Dahlhaus die Aussage, dass Objektivität keine Eigenschaft ist, sondern eine Forderung. Demzufolge ist es verkehrt, von einem ästhetischen Urteil zu verlangen, einen so großen Maß an Objektivität mitzubringen, den sogar ein musikalisches Sachurteil nicht erreicht.

Auch an dieser Stelle macht Dahlhaus ein Beispiel; er führt aus, dass - wer einen so großen Objektivitätsbegriff voraussetzt- man leugnen könnte, dass Taktschwerpunkte gegeben sind, denn diese sind nicht kausal begründet.[3] Taktschwerpunkte sind also nicht real sondern intentional, aber dennoch objektiv, weil Merkmale des Gegenstandes.

Genauso gegenständlich sind auch Gefühlscharaktere in der Musik. So ist z. B. Trauer eine Eigenschaft der Musik selbst, weder wir noch der Komponist selbst müssen zwangsläufig trauern, wenn wir die Musik als Trauermusik erkennen.

Objektivität erscheint in verschiedenen Stufen und Abfärbungen; Merkmale der Musik, wie Tonhöhen, Taktschwerpunkte, Gefühlscharaktere oder ein ästhetisches Urteil „prägen verschiedene Grade von Objektivität aus“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 14, Z. 2)

Natürlich hat die Bestimmung einer Tonhöhe ein größeres Maß an Objektivität als ein ästhetisches Urteil, dies bedingt aber nicht die Aussage, dass bei einem ästhetischen Urteil Objektivität vollkommen verfehlt sein.

Als letzten Punkt erklärt Dahlhaus, dass sich Werturteile - um triftig zu sein - auf dem Gegenstand adäquate Sachurteile stützen müssen. Wer beispielsweise in einer Sonate expressive Melodien vermisst, fällt ein Fehlurteil, da in einer Sonate die motivisch - thematische Entwicklung im Vordergrund steht; sein Sachurteil war demnach dem Gegenstand nicht adäquat.

Auf der Basis, das ein ästhetisches Urteil von einem Sachurteil abhängig ist, ist die These, dass „ästhetische Urteile in nichts anderem als Gruppennormen begründet seien, über deren Triftigkeit niemand entscheiden könne, hinfällig“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 14, Z. 16-18), da sich in diesem Fall nicht auf die Werke selbst eingelassen wird.

So haben beispielsweise beide Gruppennormen - die eine, die Schlager als Inbegriff der Komposition und eine Beethoven Sinfonie als musikalisch sinnlos betrachten und die, die genau das Gegenteil behaupten - ein Daseinsrecht, ästhetisch gesehen ist jedoch erstere eine Täuschung, da das Sachurteil dem es zugrunde liegt, nicht genauso stark fundiert ist wie das entgegengesetzte Urteil. Denn ein Hörer, der eine Beethoven Sinfonie erfasst, ist im Allgemeinen auch fähig den musikalischen Sachverhalt eines Schlagers zu durchschauen, selten ist dies jedoch umgekehrt der Fall.

Nichtwissen ist demzufolge ein „brüchiges Fundament“ (Dahlhaus, Carl, 1970, S. 14, Z. 32) für die Fällung eines ästhetischen Urteils.

[...]


[1] Seite 13 Z. 3-4

[2] Sensus communis (lat. sensus communis, gr. koinê aisthêsis) oder Gemeinsinn (common sense) nannte die ältere Psychologie ein Mittleres zwischen der Sinnestätigkeit der einzelnen Sinne und dem Verstand (Aristoteles, de anima III, 2 p. 425 an 15 tôn koinôn echomen aisthêsin koinên), eine Art inneren Sinnes. Galenus (131200) zerlegt den inneren Sinn in mehrere Sinne, und Augustinus (353-461) läßt ihn nicht bloß das Empfinden der Sinne, sondern auch ihr Nichtempfinden wahrnehmen (de lib. arb. II, 4). (http://www.textlog.de/2068.html, 22.11.2009, 17.14 Uhr)

[3] Zitat: „denn sie werden, statt auf einer immer gleich akustischen Grundlage zu beruhen, durch wechselnde und divergierende Mittel geprägt: nicht nur durch Nachdrucksakzente , sondern auch durch geringe agogische Dehnungen oder durch gleichmäßig wiederkehrende rhythmische und harmonische Muster“ ( Dahlhaus, Carl, 1970, S. 13, Z. 22-26 )

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Subjektiv oder objektiv? Musikalische Bedeutungszuweisung bei Carl Dallhaus und Dorothee Barth
Hochschule
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim  (Musikpädagogik)
Veranstaltung
subjektiv-objektiv
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V319522
ISBN (eBook)
9783668186569
ISBN (Buch)
9783668186576
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
subjektiv, musikalische, bedeutungszuweisung, carl, dallhaus, dorothee, barth
Arbeit zitieren
Julia Müller (Autor), 2008, Subjektiv oder objektiv? Musikalische Bedeutungszuweisung bei Carl Dallhaus und Dorothee Barth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319522

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