Lehrer, die aufgrund ihrer Herkunft oder (erst) ihrer Ausbildung überwiegend daran gewöhnt sind, in gehobener Standardsprache zu kommunizieren und die diese Sprache sowohl als Unterrichtssprache nutzen als auch als Zielsprache für die Unterrichteten anstreben, werden im Kontakt mit Schülern und Eltern mit den unterschiedlichsten Sprachen, Dialekten, Soziolekten und Sprachstilen etc. konfrontiert.
Da jeder Sprecher durch seine Sprachwahl seine Identität wesentlich mit konstruiert und ihm gleichzeitig entsprechend den Konnotationen des Rezipienten durch diesen eine bestimmte Identität zugeschrieben wird, sind Lehrer in ihrem beruflichen Handeln ständig in der Gefahr, im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Eltern vorurteilsvoll zu begegnen und bei ihrer Leistungsbewertung über subjektive Fehlerquellen zu stolpern.
Die Stigmatisierung durch den Rezipienten, der mit einer bestimmten Sprache bestimmte Eigenschaften verbindet, ohne sich dessen bewusst zu sein, kann sich demnach vor allem im Kontext von Schule nachteilig darauf auswirken, welche Leistungsfähigkeit den Sprechern zugetraut wird. Deshalb müssen sich gerade Lehrer Rechenschaft darüber ablegen, mit welchen Zuschreibungen sie ihre Schüler belegen, wenn sie von diesen mit einem bestimmten Sprachverhalten konfrontiert werden. Im Interesse der pädagogischen Verantwortung des Lehrers und des Rechtes des Schülers auf differenzierte Wahrnehmung ist es deshalb wichtig, dass der Zusammenhang zwischen Sprachverhalten des Schülers und der Einschätzung des Lehrers bei abweichendem Sprachverhalten reflektiert wird.
Ein Aspekt dieses komplexen Problembündels, die Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch angehende Lehrer, soll hier untersucht werden. Im Rahmen des Seminars habe ich gemeinsam mit drei Kommilitonen eine Befragung zum Kiezdeutschen unter Hamburger Lehramtsstudenten durchgeführt, die ich hier hinsichtlich der Frage nach der persönlichen Wahrnehmung und dem erwarteten Einfluss des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher auswerten werde.
Zunächst kläre ich dafür die dieser Arbeit zugrunde gelegten Begrifflichkeiten, den Sprecherkreis des Kiezdeutschen und die Unterschiede des Kiezdeutschen zum Standarddeutschen. Ich umreiße kurz die Hauptdiskussionspunkte der aktuellen Forschung und kläre dann, was unter sprachlichen Varietäten und Dialekten zu verstehen ist, um mich so der Frage nach der Klassifizierung des sprachlichen Phänomens zu nähern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Begrifflichkeiten
3. Sprecher
4. Charakteristika des Kiezdeutschen in Abgrenzung zum Standarddeutschen
4.1 Wortschöpfungen und Übernahme von Ausdrücken
4.2 Möglichkeiten der Informationsstruktur
4.3 Einheitliche grammatikalische Muster
4.4 Gebrauch von Flexionen und Funktionswörtern
5. Aktueller Forschungsstand
6. Linguistische Varietäten und Dialekte
7. Erhebung im Rahmen des Seminars
7.1 Problematik bei der Bewertung von Sprache durch Laien
7.2 Matched Guise Technique
7.3 Methodisches Vorgehen
7.4 Stichprobe
7.5 Auswertung der Ergebnisse allgemein
7.6 Auswertung bezüglich des Einflusses des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher
8. Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch angehende Lehrkräfte. Dabei wird analysiert, inwiefern Vorurteile gegenüber dieser Sprachvarietät die Leistungsbeurteilung von Schülern beeinflussen können und ob die Befragten einen negativen Einfluss des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher wahrnehmen.
- Kiezdeutsch als sprachliches Phänomen und dessen Abgrenzung zum Standarddeutschen
- Wahrnehmung und Stigmatisierung durch Lehrkräfte
- Methodische Anwendung der "Matched Guise Technique" zur Einstellungsanalyse
- Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und sozialer Zuschreibung
- Reflexion über vorurteilsbewusstes pädagogisches Handeln
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung und Fragestellung
Lehrer, die aufgrund ihrer Herkunft oder (erst) ihrer Ausbildung überwiegend daran gewöhnt sind, in gehobener Standardsprache zu kommunizieren und die diese Sprache sowohl als Unterrichtssprache nutzen als auch als Zielsprache für die Unterrichteten anstreben, werden im Kontakt mit Schülern und Eltern mit den unterschiedlichsten Sprachen, Dialekten, Soziolekten und Sprachstilen etc. konfrontiert. Da jeder Sprecher durch seine Sprachwahl seine Identität wesentlich mit konstruiert und ihm gleichzeitig entsprechend den Konnotationen des Rezipienten durch diesen eine bestimmte Identität zugeschrieben wird, sind Lehrer in ihrem beruflichen Handeln ständig in der Gefahr, im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Eltern vorurteilsvoll zu begegnen und bei ihrer Leistungsbewertung über subjektive Fehlerquellen zu stolpern. Die Stigmatisierung durch den Rezipienten, der mit einer bestimmten Sprache bestimmte Eigenschaften verbindet, ohne sich dessen bewusst zu sein, kann sich demnach vor allem im Kontext von Schule nachteilig darauf auswirken, welche Leistungsfähigkeit den Sprechern zugetraut wird.
Deshalb müssen sich gerade Lehrer Rechenschaft darüber ablegen, mit welchen Zuschreibungen sie ihre Schüler belegen, wenn sie von diesen mit einem bestimmten Sprachverhalten konfrontiert werden. Im Interesse der pädagogischen Verantwortung des Lehrers und des Rechtes des Schülers auf differenzierte Wahrnehmung ist es deshalb wichtig, dass der Zusammenhang zwischen Sprachverhalten des Schülers und der Einschätzung des Lehrers bei abweichendem Sprachverhalten reflektiert wird. Ein Aspekt dieses komplexen Problembündels, die Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch angehende Lehrer, soll hier untersucht werden. Im Rahmen des Seminars habe ich gemeinsam mit drei Kommilitonen eine Befragung zum Kiezdeutschen unter Hamburger Lehramtsstudenten durchgeführt, die ich hier hinsichtlich der Frage nach der persönlichen Wahrnehmung und dem erwarteten Einfluss des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher auswerten werde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Die Einleitung stellt die Problematik der Sprachbewertung durch Lehrkräfte dar und definiert das Ziel der Befragung zum Kiezdeutschen unter Lehramtsstudenten.
2. Begrifflichkeiten: In diesem Kapitel werden die Ursprünge und Definitionen von Kiezdeutsch sowie die Abgrenzung zu Begriffen wie "Kanak Sprak" erläutert.
3. Sprecher: Hier wird der typische Sprecherkreis des Kiezdeutschen definiert und von den gängigen, oft verzerrten öffentlichen Vorurteilen abgegrenzt.
4. Charakteristika des Kiezdeutschen in Abgrenzung zum Standarddeutschen: Das Kapitel beschreibt linguistische Besonderheiten wie Wortschöpfungen, Änderungen der Informationsstruktur sowie grammatikalische Muster.
5. Aktueller Forschungsstand: Es wird der Stand der linguistischen Diskussion zur Klassifizierung des Kiezdeutschen als Dialekt, Soziolekt oder Übergangsvarietät dargestellt.
6. Linguistische Varietäten und Dialekte: Dieses Kapitel liefert die theoretische Basis zur Einordnung des Kiezdeutschen anhand von Varietätenmodellen, insbesondere nach Coseriu.
7. Erhebung im Rahmen des Seminars: Dieser Abschnitt beschreibt das methodische Vorgehen, die Stichprobe sowie die Auswertung der Umfrage zur Akzeptanz des Kiezdeutschen.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Notwendigkeit einer vorurteilsbewussten Haltung bei Lehrkräften gegenüber Sprachvarietäten.
Schlüsselwörter
Kiezdeutsch, Jugendsprache, Lehramtsstudierende, Matched Guise Technique, Sprachvarietät, Leistungsbewertung, Vorurteile, Sprachwissenschaft, Soziolekt, Sprachwandel, Identitätskonstruktion, Stigmatisierung, Mehrsprachigkeit, Kommunikation, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie angehende Lehrkräfte die Jugendsprache Kiezdeutsch wahrnehmen und bewerten und welche Einstellungen sie gegenüber deren Sprechern haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die linguistischen Merkmale des Kiezdeutschen, die psychologischen Aspekte bei der Bewertung von Sprache durch Laien sowie die professionelle Haltung von Pädagogen gegenüber sprachlicher Diversität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob Lehramtsstudenten dazu neigen, Sprecher des Kiezdeutschen negativer einzuschätzen und ob sie befürchten, dass diese Varietät die Qualität des Hochdeutschen der Sprecher beeinträchtigt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Untersuchung verwendet?
Es wurde die "Matched Guise Technique" angewendet, bei der Probanden ein Hörbeispiel in Standarddeutsch und ein identisches in Kiezdeutsch bewerten, ohne zu wissen, dass es sich um denselben Sprecher handelt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu sprachlichen Varietäten, die Charakteristika des Kiezdeutschen sowie die praktische Erhebung und Auswertung der Daten aus der Befragung von Lehramtsstudenten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kiezdeutsch, Sprachvarietät, Matched Guise Technique, Lehrereinstellungen, Vorurteile, Stigmatisierung und Sprachwandel.
Wie bewerten die befragten Lehramtsstudenten den Kiezdeutschsprecher im Vergleich zum Standardsprecher?
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Tendenz zur negativen Bewertung des Kiezdeutschsprechers in Kategorien wie "schön", "gut" oder "gründlich", während der Standarddeutschsprecher signifikant positiver wahrgenommen wird.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bekanntenkreis und der Einstellung zum Kiezdeutschen?
Ja, die Auswertung deutet darauf hin, dass Teilnehmer, die im privaten Umfeld Kontakt zu Sprechern des Kiezdeutschen haben, eine differenziertere und weniger vorurteilsbeladene Sichtweise einnehmen.
Welchen Einfluss hat das "Schubladendenken" laut der Autorin auf den Lehrberuf?
Die Autorin argumentiert, dass Kategorisierung zwar eine notwendige kognitive Strategie ist, Lehrer jedoch die Auswirkungen dieses Schubladendenkens reflektieren müssen, um Schülern gegenüber unvoreingenommen und professionell zu begegnen.
- Quote paper
- Miriam Wepunkt (Author), 2015, Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch Lehramtsstudenten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319722