Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in den Medien. Welche Rolle spielen ungeplante Medienevents für die Artikulation einer europäischen Öffentlichkeit?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Öffentlichkeit
2.2. Europäische Öffentlichkeit
2.3. Medienevents

3. Medienevents und ihre Bedeutung für Europa

4. „Charlie Hebdo“ als Medienevent
4.1. Zwei Anschläge, 20 Tötungen: Überblick über die Ereignisse in Paris
4.2. Live-Ticker und Sondersendungen: Betonung
4.3. Ein Angriff auf die Freiheit Europas: Performativität & Loyalität
4.4. „Je Suis Charlie“: Geteilte Erfahrung

5. Schluss

1. Einleitung

Am 7. Januar drangen zwei Täter in die Redaktionsräume der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein. Sie töteten elf Redakteure und einen weiteren Polizisten auf ihrer Flucht. Drei Wochen später standen europaweit tausende Menschen Schlange, um ein Exemplar der ersten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ seit den Anschlägen zu ergattern.

Diese Arbeit geht der Frage nach, was genau dazu geführt hat, dass einen knappen Monat nach den grausamen Anschlägen vom 7. Januar in Paris selbst eine Millionenauflage der französischen Zeitschrift nicht ausreichte, um auch nur einen Bruchteil der europaweit gewillten Käufer zu bedienen. Es wird sich zeigen, dass das aus den grausamen Anschlägen entstandene Medienevent temporär eine als gemeinsam empfundene Basis der europäischen Öffentlichkeit artikuliert hat, die nicht allein EU-politisch relevante Akteure und die Medien, sondern eine den europäischen Raum umfassende Öffentlichkeit aktiv teilten. Am vorliegenden Beispiel soll dabei deutlich gemacht werden, welche Rolle gerade ungeplante Medienevents für die Artikulation einer europäischen Öffentlichkeit besitzen. Denn insbesondere europäische Öffentlichkeit steht immer wieder dafür in der Kritik, ein künstliches Konstrukt zu sein, welches von Akteuren der EU erzwungen werde (vgl. Baisnée 2007, 496). Die Ereignisse um „Charlie Hebdo“ jedoch waren offensichtlich weder von Seiten der Institution EU geplant oder gar vorhergesehen.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Klärung der notwendigen Begriffe „europäische Öffentlichkeit“ und „Medienevent“, bevor die Rolle des Medienevents für die Artikulation einer europäischen Öffentlichkeit hinterfragt wird. Die dort erlangten Schlüsse werden im Anschluss am Beispiel der Ereignisse rund um „Charlie Hebdo“ überprüft. Dabei wird nicht nur untersucht, ob es sich bei genanntem Beispiel um ein Medienevent handelt und ob dieses eine europäische Öffentlichkeit artikuliert, sondern weiterhin auf welche zentralen Narrative sich die entstandene Öffentlichkeit stützt.

2. Begriffsklärung

2.1. Öffentlichkeit

In den letzten 30 Jahren gewann Europäische Öffentlichkeit als Forschungsgegenstand zunehmend an Relevanz, zum Beispiel in Arbeiten von Brüggemann, Baisnée, Rumford oder van de Steeg. Beinahe so zahlreich wie die Forschungsarbeiten fallen dabei auch die ihnen zugrundeliegenden Definitionen von Öffentlichkeit aus. Als kleinsten gemeinsamen Nenner haben sie jedoch alle das Verständnis von Öffentlichkeit als Raum der gesellschaftlichen Debatte, sozialen Kommunikation und Interaktion. Das Vorhandensein eines solchen öffentlichen Raums wird dabei als Voraussetzung für eine bürgerliche Gesellschaft gesehen (vgl. Rumford, 2003, 28f). Das grundsätzliche Verständnis von Öffentlichkeit dieser Arbeit basiert auf dem Öffentlichkeitsbegriff von Jürgen Habermas. Habermas beschreibt Öffentlichkeit ursprünglich als allgemein zugängliches Netzwerk von Foren politischer Kommunikation und definiert den Begriff folgendermaßen:

By ‘the public sphere’ we mean first of all a realm of our social life in which something approaching public opinion can be formed. Access is guaranteed to all citizens. A portion of the public sphere comes into being in every conversation in which private individuals assemble to form a public body. (Habermas 1984, 49)

In der Praxis macht schon allein die hohe Bevölkerungszahl bürgerlichen Gesellschaften eine offene Konversation aller Beteiligten auf direktem Weg unmöglich. Habermas sieht es folglich als Aufgabe der Medien an, also des Radios, des Fernsehens, der Zeitung und mittlerweile des Internets, Öffentlichkeit zu ermöglichen (vgl. Habermas in Hahn u.a. 2008, 335). Dies bedeutet jedoch nicht, dass allein Medieninhaltsanalysen Aufschluss über die Beschaffenheit von Öffentlichkeit erlauben. Medieninhalte geben weder direkten Aufschluss darüber, wie eine Gesellschaft ihre Inhalte rezipiert, noch welche Debatten sich auf ihnen entwickeln (vgl. Splichal 2006, 706f). Öffentlichkeit besitzt ferner keine direkte Handlungsmacht. Diese Funktion übernimmt in einer Gesellschaft das politische System. Der Öffentlichkeit kommt es stattdessen zu, Meinungen und Stimmungen innerhalb der Gesellschaft zu artikulieren.

2.2. Europäische Öffentlichkeit

Europäische Öffentlichkeit ist primär aus einem Grund Thema vieler wissenschaftlicher Arbeiten: Folgt man dem zuvor geäußerten Verständnis von Öffentlichkeit als Grundvoraussetzung einer bürgerlichen Gesellschaft, dann ist das Vorhandensein einer Europäischen Öffentlichkeit zur Legitimation des politischen Systems Europäische Union essenziell.[1] Daher hat nicht zuletzt die EU selbst ein Interesse daran, Studien zur europäischen Öffentlichkeit zu fördern, zeitweise verschiedene Initiativen zur Bildung einer europäischen Öffentlichkeit auf den Weg zu bringen und finanziell zu untersützen (vgl. Baisnée 2007, 496). Andere argumentieren, dass eine solche Öffentlichkeit in Europa, auch temporär, gar nicht erst vorhanden sei (vgl. Baisnée 2007, 494).

Ein weiterer Grund für die Auseinandersetzung mit einer potentiellen europäischen Öffentlichkeit liegt darin, dass Öffentlichkeit in der Vergangenheit grundsätzlich innerhalb nationaler Begrenzungsrahmen gedacht wurde. Das politische System der EU fordert somit ein Neudenken der Möglichkeiten von Öffentlichkeitsartikulation. Brüggemann nennt europäische Öffentlichkeit „zunächst eine politische Utopie“, die den Bürgern ein besseres Verständnis der EU ermöglicht während gleichzeitig auch die europapolitische Politik ihr Handeln an den Wünschen der Bürger orientieren kann. (vgl. Brüggemann 2008, 16) Ebenso wie Brüggemann geht der Großteil des Forschungsstands davon aus, dass eine dauerhafte europäische Öffentlichkeit (noch) nicht existiert. Eine vollkommene Erfüllung der von Brüggemann umschriebenen Utopie würde eine supranationale europäische Öffentlichkeit bedeuten. Es wäre die „Herausbildung eines homogenen, die nationalen Arenen überspannenden Kommunikationsraums, der von europäischen Medien und einem europäischen Publikum getragen wird“ (Lingenberg 2008, 43).

Eine solche Form der Öffentlichkeit ist für Europa selbst langfristig nicht in Sicht. Sie überträgt das Konzept der Öffentlichkeit eines Nationalstaats eins zu eins auf eine staatenübergreifende Ebene, ohne die gänzlich unterschiedlichen Grundbedingungen, wie zum Beispiel die Vielzahl an Sprachen und unterschiedliche kulturelle Werte der einzelnen Teilgemeinschaften zu berücksichtigen. Nicht zuletzt aus diesen Gründen plädiert Habermas selbst dafür, dass eine europäische Öffentlichkeit von Grund auf anders gefasst werden muss als eine nationalstaatliche:

A European-wide public sphere […] will rather emerge from the mutual opening of existing national universes to one another, yielding to an interpenetration of mutually translated national communications. (Habermas 2001, 18)

Unter anderem Hepp, Brüggemann und Rumford sprechen daher in Bezug auf Europa und andere Großregionen wie Südamerika oder dem arabischen Raum von transnationaler statt supranationaler Öffentlichkeit. Transnationale Öffentlichkeiten sind Räume der Verdichtung von Prozessen öffentlicher, medial vermittelter politischer Kommunikation, die den nationalen Bezugsraum übersteigern (vgl. Hepp u.a. 2009, 176-177). In einer transnationalen Öffentlichkeit führen verschiedene Länder zeitgleich eine Debatte innerhalb der jeweiligen nationalen Medien. Die Medien nehmen relevante Akteure verschiedener Länder als gleichberechtigt wahr und lassen sie dementsprechend zu Wort kommen. Die Debatte ist dabei geprägt von ähnlichen Bedeutungsstrukturen. Dies bedeutet nicht, dass sämtliche Länder dieselbe Meinung teilen müssen. Im Gegenteil, auch artikulierte Meinungsdifferenzen können Indikator sein für eine starke transnationale Öffentlichkeit. Die Argumente müssen jedoch innerhalb desselben Bezugsrahmens geäußert werden (vgl. Groothues 2004, 4). Ein Beispiel hierfür ist die europäische Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen, die auf Booten an der italienischen Küste ankommen. Auf der einen Seite äußert ein italienischer Sprecher, dass sich das Land mit der Lage überfordert fühlt. Ebenso zu Wort kommen Sprecher anderer Länder, die einen noch stärkeren Einsatz der Italiener einfordern. Die Argumente sind unterschiedliche, der Bezug derselbe. Zu Wort kommen sie über Ländergrenzen hinweg in nationalen Medien. Die Frage, ob eine solche transnationale Öffentlichkeit eine nationale ersetzt, stellt sich längst nicht. Vielmehr stellt sie nach Brüggemann ein „Netzwerk der Netzwerke“ dar (vgl. Brüggemann 2008, 266). Europäische Öffentlichkeit kann also neben nationalen Öffentlichkeiten bestehen.

Doch selbst eine solche transnationale Öffentlichkeit ist in der Europäischen Union zurzeit nicht dauerhaft vorhanden, sondern zeitlich gebunden an diverse politische Events, wie zum Beispiel die Gipfeltreffen des Europäischen Rates. Öffentlichkeit bildet sich in diesem Fall mit der Vorberichterstattung, die in der Regel Bezug nimmt auf die Interessen einzelner Akteure, begleitet dann in Echtzeit den Gipfel, ordnet die Ergebnisse in der Nachbereitung unter Berücksichtigung internationaler Sprecher ein, bevor sie sich wieder auflöst. Zeitliche Gebundenheit bleibt damit vorerst ein wichtiger Faktor für Öffentlichkeit innerhalb Europas.

Der Philosoph John Dewey schließt diesen Zeitfaktor in seinen Öffentlichkeitsbegriff mit ein. Nach Dewey entsteht Öffentlichkeit, wenn verschiedene Individuen infolge eines Problemzusammenhangs wechselseitige Interdependenzen wahrnehmen. Dewey baut sein Konzept damit auf der simplen Annahme, dass menschliches Handeln Konsequenzen für andere hat. Sobald betroffene Individuen diese Handlungsfolgen wahrnehmen, bewerten und adressieren, konstituiert sich Öffentlichkeit. Öffentlichkeit lässt sich bei Dewey also als eine Kommunikationsgemeinschaft von Betroffenen fassen (vgl. Lingenberg 2008, 45f). Diese Ergänzung zum Konzept von Habermas ist besonders in Bezug auf die Europäische Union hilfreich, bildet sich dort eben wie zuvor beschrieben, Öffentlichkeit nur zu bestimmten Anlässen, die Deweys Kriterium erfüllen. Gleichzeitig erklärt Deweys Konzept, warum transnationale Öffentlichkeit gerade in einem politischen System wie der EU entsteht, in welchem die Bürger ebenjene beschriebene Abhängigkeit erfahren.

Unter Bezugnahme auf Dewey sind folglich innereuropäische Konflikte und Krisen für die Ausformung einer europäischen Öffentlichkeit nicht als hinderlich anzusehen, sondern lassen im Gegenteil eine vitale europäische Öffentlichkeit erst entstehen und legitimieren sie gleichzeitig (vgl. Lingenberg 2008, 48). Lingenberg diskutiert in Anschluss an Dewey die europaweite Diskussion um eine gemeinsame Verfassung beispielhaft als eine solche Krise, speziell in Bezug auf die gescheiterten Referenden (vgl. Lingenberg 2008, 43). Ein weiteres Beispiel für eine krisengebundene temporäre Entstehung von Öffentlichkeit ist die Diskussion um die Regierungsbeteiligung des rechtspopulistischen Politikers Haider in Österreich im Jahr 2000 (vgl. Brüggemann u. a. 2009, 401). Auch in diesem Fall artikulierte sich europäische Öffentlichkeit. Jedoch unterscheidet der Fall sich insofern vom Beispiel der europäischen Verfassung, als es sich um einen ungeplanten, spontanen Vorfall handelte. Europäische Öffentlichkeit sollte folglich trotz ihrer politischen Relevanz keinesfalls als Forum verstanden werden, dass sich nur nach von der EU selbst platzierten Themen zu bilden vermag.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Öffentlichkeit ist als Kommunikationsnetzwerk zu verstehen. In der Europäischen Union existiert neben den einzelnen nationalen Öffentlichkeiten eine transnationale Öffentlichkeit, die dadurch entsteht, dass nationale Medien horizontal verschränkt europarelevante Ereignisse aufgreifen und Sprecher anderer Nationen und der EU gleichberechtigt zu Wort kommen lassen. Diese Öffentlichkeit hat jedoch keinen dauerhaften Bestand. Vielmehr entsteht sie problemgebunden immer dann, wenn Menschen in Bezug auf europapolitische Entscheidungszusammenhänge gegenseitige Interdependenz erfahren und dadurch in einen Diskurs eintreten. Ein Ereignis, in welchem europäische BürgerInnen eine solche Interdependenz erfahren können, ist das Medienevent.

2.3. Medienevents

Dayan und Katz entwickelten das Konzept von Medienevents 1992 in ihrem Buch „Media Events: The Live Broadcasting of History“. Ursprünglich definieren sie Medienevents dort als „the high holidays of mass communication“ (Dayan, Katz 1992, 1). Für Dayan und Katz besteht die Relevanz von Medienevents darin, dass sie die Routine des Medienalltags durchbrechen, mediale Kommunikation über verschiedene Medienkanäle hinweg weitgehend monopolisieren, live übertragen werden und vorgeplant sind. Durch ihre kollektive Rezeption wirken sie integrativ auf Gesellschaften ein (vgl. Dayan, Katz 1992, 4f). Als Beispiel für Medienevents nennen Dayan und Katz die Beerdigung von John. F. Kennedy, die Olympischen Spiele oder die Mondlandung. Für all diese Beispiele sind Veranstalter außerhalb der Medien verantwortlich, die Regierung, der IOC oder die NASA. Dass nicht die Medien selbst Veranstalter des Events sind, ist ein weiteres von Dayan und Katz genanntes Kriterium. Es stellt sich somit immer auch die Frage, welche Botschaft der Veranstalter mit dem Event übermitteln möchte und inwiefern Medien und Publika diese übernehmen.

Die Arbeit von Katz und Liebes entstand geprägt von den technologischen Gegebenheiten und der Organisation des damaligen Rundfunks. Seit den 1990er Jahren hat sich jedoch die Technologie der Rundfunkanstalten entscheidend verändert. Die Anzahl an Fernsehkanälen hat sich vervielfacht und technische Werkezuge sind inzwischen mobiler und damit allgegenwärtiger und spontaner einsetzbar, wie Katz selbst feststellt (vgl. Katz, Liebes 2007, 159). Allein diese Umstände, entscheidend unterstützt von der Entwicklung digitaler Medienangebote, haben zu einer starken Segmentierung in diverse Publika geführt, die sich immer seltener kollektiv zu den oben definierten Medienevents vor dem Fernseher zusammenfindet.

[...]


[1] Ist in dieser Arbeit die Rede von europäischer Öffentlichkeit, bezieht sich „europäisch“ folglich auf den geographischen Raum innerhalb der Europäischen Union.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in den Medien. Welche Rolle spielen ungeplante Medienevents für die Artikulation einer europäischen Öffentlichkeit?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Medienwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V321634
ISBN (eBook)
9783668210479
ISBN (Buch)
9783668210486
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transnationale Öffentlichkeit, Öffentlichkeit, Charlie Hebdo, Europäische Medienpolitik, Medienevent
Arbeit zitieren
Julian Pfahl (Autor), 2015, Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in den Medien. Welche Rolle spielen ungeplante Medienevents für die Artikulation einer europäischen Öffentlichkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321634

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