Von der Weimarer Republik zur nationalsozialistischen Diktatur. Welche Faktoren begünstigen die Systemtransformation?


Hausarbeit, 2015

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Systemtransformation in der Theorie
2.1 Allgemeine Theorie der Systemtransformation
2.2 Der typische Krise-Zusammenbruch-Zyklus

3 Das Ende der Weimarer Republik und der Beginn der NS-Diktatur
3.1 Konsolidierungsniveau und Stabilität der Weimarer Republik
3.2 Weimarer Republik und NS-Regime im Krise-Zusammenbruch-Zyklus
3.3 Bewertung des Transformationsprozesses

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Transformationsforschung befasst sich mit „[..] dem Übergang von einer politischen Ordnung zu einer grundsätzlich anderen“ (Merkel 2010: 15). Derartige Prozesse können unterschiedliche Gestalt annehmen. Sie können von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen angestoßen und auf verschiedene Weise mit unterschiedlichem Ergebnis umgesetzt werden.

Vor dem Hintergrund anhaltender gewaltsamer Auseinandersetzungen im ara- bischen Raum, in denen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedliche poli- tische Systeme verwirklicht sehen wollen, scheint die wissenschaftliche Auseinander- setzung mit solchen Prozessen wieder an Bedeutung zu gewinnen. Aber auch Eu- ropäisierung und Globalisierung stellen die heutige Politik und alle Beteiligten vor Probleme, welche im größtmöglichen Konsens gelöst werden müssen, will man nicht eine Spaltung von politischer Führung und Gesellschaft in Kauf nehmen. Die Analyse „fehlgeschlagener“ Demokratisierungsprozesse kann dabei helfen, bei der zukünftigen Konzeption eines europäischen politischen Systems Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll daher der Prozess des Wandels der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus stehen. Die Betrachtung der Weimarer Republik, ihres Scheiterns und der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur hat gleich mehrere Vorteile: Zum Einen handelt es sich um eine abgeschlossene Periode, d.h. dass mit großer Wahrscheinlichkeit keine neuen, plötzlich auftauchenden Informationen die Bewertung des Prozesses grundlegend verändern werden. Zum Anderen handelt es sich in diesem Fall um einen Prozess der auf deutschem, also mitteleuropäischen Boden stattgefunden hat, was eine erhebliche Überschneidung mit heutigen Prozessen darstellt.1

Welche Faktoren begünstigten also die Systemtransformation weg von der Weimarer Republik hin zur nationalsozialistischen Diktatur?

Zunächst sollen die grundlegenden Annahmen der Transformationsforschung erläutert werden, ehe die Faktoren des Krise-Zusammebruch-Zyklus vorgestellt werden. An diese sollen auch die Forschungshypothesen angelehnt sein. Diese Theorie soll als Rahmen zur Analyse des konkreten Falles dienen: Welche Faktoren lassen sich für den Fall des Scheiterns der Weimarer Republik bestätigen, welche nicht? Die Beantwortung der Forschungsfrage und -hypothesen, kann wiederum eine Bewertung der einleitenden Worte vor dem Hintergrund der gewonnen Erkenntnisse ermöglichen.

2 Systemtransformation in der Theorie

Die wissenschaftliche Transformationsforschung beschäftigt sich vornehmlich mit Untersuchungen von Wechseln, die ein autokratisches System als Ursprung und ein demokratisches als Ergebnis vorweisen (vgl. Merkel 2010). Die voranginge Beschäfti- gung mit drei Demokratisierungswellen lässt aber auch den Schluss zu, dass es Gegen- wellen gegeben haben muss. Zu einer dieser Gegenwellen kann der Prozess des Scheit- erns der Weimarer Republik und der darauf folgenden nationalsozialistischen Elite gerechnet werden.

2.1 Allgemeine Theorie der Systemtransformation

Die Transformationsforschung versucht Systemwechsel fassbar zu machen, in- dem verschiedene solcher Wechsel analysiert und aus ihnen verschiedene Phasen ex- trahiert werden, um anhand dieser neue Phänomene erklären zu können. Dem Begriff Transformation liegt keine spezifische Information bezüglich der Ausgestaltung des Systemwechsels inne (Merkel 2010: 66). Es bleibt also zunächst offen, wie sich der konkrete Wechsel vollzieht und auch welche Verlaufsform der konkrete Fall annimmt.

Die vergleichende Konzeption von O´Donnell et al. (1988) basiert auf einer Dreiteilung in die Phasen Liberalisierung, Demokratisierung und Konsolidierung.2 Da eine Liberalisierung allgemein aber keine Notwendigkeit für Demokratisierung- sprozesse darstelle (Merkel 2010: 105) ließen sich drei allgemeinere Perioden konzip- ieren: Merkel (2010) geht vom Ende eines autokratischen Systems aus, dem die Institu- tionalisierung der Demokratie folgt, welche sich anschließend konsolidiert (S. 95). In der ersten Phase, dem Ende des autokratischen Systems, werden Ursachen und Verlaufsformen unterschieden. Während Ursachen interner und externer Natur sein können und daher im Einzelfall ermittelt werden müssen (ebd.: 96), können sechs Ver- laufsformen unterschieden werden: Es kann sich um eine (V1) langandauernde Evolu- tion, einen (V2) Regimekollaps, den (V3) Zerfall und die Neugründung eines Staates, um einen (V4) von alten Eliten gelenkten, (V5) von unten erzwungenen oder um einen

(V6) ausgehandelten Systemwechsel handeln (ebd.: 101). Die genannten Formen sind ebenso wie die Transformationsphasen selbst als Idealtypen3 zu verstehen und dienen somit der wissenschaftlichen Untersuchung, nicht der passgenauen Abbildung der Realität (vgl. Korte 1999: 110f.)

Die zweite Phase bildet die eigentliche Demokratisierung deren hauptsächliche Eigenschaft darin liegt, dass die politische Herrschaft „[..] auf ein ´Set´ institutionalisierter Regeln, die von allen anerkannt werden müssen und für alle, d.h. für Regierende und Regierte, gleichermaßen gelten“ (Merkel 2010: 105) übergeht.

Als Beginn der Konsolidierung, der dritten Phase, kann die Revision der alten Verfassung betrachtet werden (ebd.: 110). Die Konsolidierung ist die „aufwendigste“ Phase, da sie auf verschiedenen Ebenen stattfinden muss: Neben der konstitutionellen Konsolidierung und der repräsentativen Konsolidierung müssen auch eine Verhaltenskonsolidierung und eine Konsolidierung der Bürgergesellschaft stattfinden, um von einer vollständigen Demokratie sprechen zu können (ebd.: 112f.).

Merkels Bestreben ist die Entwicklung eines möglichst weitgehend einsetzbaren Werkzeugs, wie seine Kritik an O´Donnell zeigt. Aber auch er verweilt bei der Prämisse, dass es sich bei den zu analysierenden Fällen um solche der Demokratisierung handelt. Merkels Transformationsphasen sind Demokratisierungsphasen. Sie können aber dank der Verwendung des sehr weit gefassten Transformationsbegriffs auch im Hinblick auf gegenläufige Prozesse nutzbar gemacht werden. So kann man Merkels Beispiel folgen, einen Schritt weiter gehen und innerhalb der Transformationsforschung allgemein von drei Phasen sprechen: Dem Ende des alten Systems, der Institutionalisierung des neuen Systems und der Konsolidierung des neuen Systems (vgl. Jesse 2010: 201). Auch diese Einteilung ist, ähnlich den genannten Idealtypen, als Modell4 zu verstehen.

Diese weit gefasste Einteilung hat den Vorteil keine vielleicht relevanten Fak- toren schon vor Beginn der eigentlichen Untersuchung eines konkreten Falles auszuschließen; wie dies bei der Prämisse, es handele sich um Demokratisierung, der Fall ist: denn auch für gegenläufige Prozesse gibt es einen Ausgangspunkt, es gibt bes- timmte Initiatoren, es existieren interne und externe Ursachen. Auch autokratische Herrschaft muss institutionalisiert und schließlich konsolidiert werden, um dauerhaft bestehen zu können. Die im Hinblick auf Demokratisierungsprozesse genannten Ver- laufsformen behalten also auch im Allgemeinen ihre Gültigkeit, weshalb sie also auch den Rahmen zur Analyse von Autokratisierungsprozessen bilden können.

2.2 Der typische Krise-Zusammenbruch-Zyklus

Die bloße Übertragung der im Rahmen der Untersuchung von Demokratisierungsprozessen gebildeten Transformationsphasen alleine kann die wesentliche analytische Lücke zwischen beiden Phänomenen aber nicht schließen. Im Krise-Zusammenbruch-Zyklus (Merkel 2010: 132) sind die wesentlichen Faktoren zusammengefasst, die das Zusammenbrechen der zuvor existenten Demokratien zur Zeit der ersten autokratischen Gegenwelle erklären können.

Der Zyklus besteht aus zehn Faktoren (ebd.: 133): (F1) Dem Versagen der Poli- tik beim Lösen gesellschaftlich relevanter Probleme; (F2) der daraus resultierenden sinkenden Anerkennung der Bevölkerung gegenüber dem noch herrschenden demokratischen System; (F3) der Abnahme spezifischer Legitimität und einer Ausweitung der politischen Krise; (F4) der Zunahme von Gewalt; (F5) der Mobil- isierung der antidemokratischen Kräfte; (F6) der Schwächung des Parlaments einherge- hend mit einer Stärkung der Exekutive; (F7) der Verschiebung des Entscheidungszen- trums auf Personen; (F8) der Unberechenbarkeit der Entscheidungsträger und einem herrschenden Vertrauen in die Werte der neuen Elite; (F9) den meist nicht demokratisch eingestellten Eliten und deren antidemokratischem Handeln; (F10) dem Zusammen- bruch der Demokratie. Um diese Einteilung nutzbar zu machen, müssen einige Ein- schränkungen vorgenommen werden. Zum Einen werden unter einem Faktor, beispiel- sweise Nr. 6 und Nr. 8, mehrere einzelne Faktoren genannt. Dies ist nicht zwingend problematisch aber mindestens kontraproduktiv, da eine klare Trennung eine bessere Analyse des Einzelfalls gewährleisten würde. Da aber zum Anderen eine reine Tren- nung der Faktoren aufgrund vielfacher inhaltlicher Interdependenzen ohnehin nicht möglich ist, wird der genannte Zyklus in seiner genannten Form aufrecht erhalten.

Problematischer ist, dass Merkel (2010) wesentliche Grundannahmen nicht als solche kennzeichnet. Er spricht von einer „noch unkonsolidierten Demokratie“ (ebd.: 133) und von einer „instabile[n] demokratische[n] Ordnung“ (ebd.). Einer Einzelfallun- tersuchung muss dem entsprechend eine Betrachtung des Konsolidierungsgrades der Demokratie und ihrer Stabilität vorangestellt werden. Aus den bisherigen Erkenntnissen können im Hinblick auf die formulierte Forschungsfrage zwei Hypothesen abgeleitet werden.

H1: Eine nicht abgeschlossene Konsolidierung des demokratischen Systems erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Transformation hin zu einem autoritären System.

Diese Hypothese basiert auf der Annahme, dass ein geringes Konsolidierungsniveau mit einem niedrigen Stabilitätsgrad der Demokratie und damit einer höheren Anfälligkeit für negative Einflussfaktoren einhergeht.

H2: Ein Zusammenspiel von internen und externen Faktoren begünstigt den Aufbau eines autoritären Systems.

Dies erscheint insofern schlüssig, da interne Tendenzen durch externe Faktoren in ihren Auswirkungen „abgefedert“ würden - und umgekehrt.5

3 Das Ende der Weimarer Republik und der Beginn der NS-Diktatur

Das allgemeine Modell bezüglich Transformationsprozessen kann in Verbindung mit den von Merkel genannten Faktoren des Krise-Zusammenbruch-Zyklus als Werkzeug genutzt werden, um den konkreten Fall des Systemwechsels von 1933 zu analysieren. Der Prüfung der Faktoren müssen Betrachtungen zu Konsolidierungsniveau und Stabilität der Weimarer Republik vorangehen. Dies bedarf einer theorie- und methodenorientierten Auseinandersetzung.

3.1 Konsolidierungsniveau und Stabilität der Weimarer Republik

Will man Aussagen über Konsolidierung und Stabilität einer Demokratie treffen müssen zwei grundsätzliche Fragen zwangsläufig gestellt werden: Eher auf normativer Ebene ist die Frage gelagert, was unter dem Begriff Demokratie überhaupt zu verstehen ist.6 Methodologisch schließt sich daran die Problematik an, wie man deren Konsoli- dierung und Stabilität empirisch greifbar, also messbar machen kann. Beiden Aspekten muss im Hinblick auf die Forschungsfrage und das Erkenntnisinteresse in aller Kürze begegnet werden.

Die Analyse defekter Demokratien entspringt dem Konzept der embedded democracy (Merkel 2003: 46). Hier wird davon ausgegangen dass Demokratien sowohl intern als auch extern in Teilregime eingebettet sind (ebd.: 47). Als Teilregime werden (T1) demokratische Wahlen, (T2) Freiheitsrechte, (T3) Partizipationsrechte, (T4) Machtkontrolle und (T5) effektive Regierungsmacht genannt (ebd.: 70). Alle Teilregime erfüllen eine spezifische Funktion und durch Störung eines Teilregimes wird der Gesamtkomplex tangiert, sodass nicht mehr von einer funktionierenden Demokratie gesprochen werden kann (ebd.: 63). Je nach beschädigtem Teilregime wird von einer exklusiven, einer illiberalen, einer delegativen oder einer exklusiven Demokratie gesprochen.7

[...]


1 Dem Vorwurf, dass eine Analyse der 1920er und 1930er Jahre nicht zielführend sei muss entgegnet werden, dass eine derartige Bewertung erst stattfinden kann, nachdem man die Analyse durchgeführt hat. Vielleicht liegt der Untersuchung des genannten Falles das Potenzial inne, neue Perspektiven zu er- schließen.

2 Zur spezifischen Anwendung der Konzeption auf Transformationsprozesse siehe O´Donnell et al. (1991)

3 Siehe hierzu Weber (1981: 39)

4 „Unter einem Modell verstehen wir im allgemeinen eine vereinfachende und modifizierende Darstel- lung eines tatsächlichen oder antizipierten Sachverhalts, die es ermöglichen soll, den gesamten Sachverhalt in seiner Struktur zu verstehen“ (Bahrdt 1994: 19).

5 Beispiel: Interne autoritäre Einstellungen könnten durch den Einfluss der externen Außenpolitik be- nachbarter Staaten gedämpft werden, während eine externe Wirtschaftskrise durch eine starke demokratische Gesinnung der Bevölkerung in ihren potenziellen Auswirkungen geschwächt würden.

6 Das Feld der Demokratietheorie kann hier nur in Form einer negativen Bestimmung angerissen werden. Einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Demokratietheorie und verschiedene Demokratieverständnisse gibt Sartori (2006).

7 Zur genauen Typisierung siehe Merkel (2003).

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Details

Titel
Von der Weimarer Republik zur nationalsozialistischen Diktatur. Welche Faktoren begünstigen die Systemtransformation?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V321668
ISBN (eBook)
9783668210615
ISBN (Buch)
9783668210622
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weimarer Republik, Nazionalsozialismus, Systemtransformation
Arbeit zitieren
Sven Schneider (Autor), 2015, Von der Weimarer Republik zur nationalsozialistischen Diktatur. Welche Faktoren begünstigen die Systemtransformation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321668

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