„Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Poma de Ayala. Zur Bedeutung der Bilder innerhalb der Chronik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.„Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Poma de Ayala
2.1 Historische Situierung
2.2 Der Autor Poma de Ayala
2.3 Inhalte und Anliegen der Chronik

3. Die Illustrationen als besondere Form der Repräsentation kultureller Ereignisse
3.1 Die Bilder in der Funktion zur Legitimation
3.2 Die Bilder zur Konservierung andiner Kultur
3.3 Die Bilder zum Ausdruck von Kritik

4. Zusammenfassung

Anhang

1. Einleitung

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."[1]

Fred R. Barnard

Schon immer kam Bildern bei der Bewahrung geschichtlicher Ereignisse eine besondere Bedeutung zu. Seien es lediglich simple Skizzen an Höhlenwänden, in Stein gehauene Reliefe, Federzeichnungen auf Pergament, Gemälde in Öl oder schließlich photographische Aufnahmen – all diese bildlichen Darstellungen halfen und helfen dabei, sich Vergangenes in Erinnerung zu rufen und sich wortwörtlich ein Bild von zum Teil unvorstellbaren Geschehnissen machen zu können. Wäre es beispielweise dem deutschen Volk nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelungen, sich eine auch nur ansatzweise realistische Vorstellung von den Verbrechen der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern zu machen, wenn es nicht die Aufnahmen der Alliierten gegeben hätte? Bis heute haben sie sich Generation für Generation ins Gedächtnis gebrannt und werden wohl auch weiterhin Teil unserer kollektiven Erinnerung bleiben.

Auch Jahrhunderte vorher versuchte man, Ungerechtigkeit, aber auch kulturelle Bräuche und wichtige historische Ereignisse im Bild festzuhalten. Ein herausragendes Beispiel im Kontext lateinamerikanischer Geschichte stellt hierfür die „Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Felipe Guamán Poma de Ayala dar. Sie ist sowohl Zeugnis prähispanischer als auch kolonialzeitlicher Geschehnisse in Peru und wird auf Grund zahlreicher Illustrationen auch als „Bilderchronik“ bezeichnet.

In den nachfolgenden Kapiteln soll deshalb die Bedeutung der Bilder innerhalb der von Poma de Aylala verfassten Schrift untersucht werden. Dabei werden insbesondere folgende Fragen im Mittelpunkt stehen:

- Zu welcher Zeit wurde die „Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ verfasst?
- Welchem sozialen und kulturellen Hintergrund gehört der Autor an?
- Was beabsichtigt Poma de Ayala mit seiner Chronik?
- Inwiefern fungieren die Illustrationen als Legitimation des Textes?
- Auf welche Weise tragen die Bilder zur Konservierung andiner Kultur bei?
- Inwieweit benutzt der Autor die bildliche Darstellung zur kritischen Äußerung gegenüber den Kolonialherren?

2.„Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Poma de Ayala

Die von [2] Poma de Ayala verfasste Chronik umfasst - abhängig von der jeweiligen Zählweise - fast 1200 Seiten mit 400 Illustrationen. Sie entstand vermutlich in den Jahren 1600 bis 1615, wobei der Autor angibt, insgesamt 30 Jahre für die Arbeit an seinem Werk benötigt zu haben.[3] In ihm vereinen sich zahlreiche Gattungen und Textsorten zu den Thematiken „andine Kultur“, „prähispanische Geschichte“ und „Eroberung Perus“; zusammen bilden sie die „Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“. Ursprünglich beabsichtigte Poma de Ayala, die vollendete Chronik an den damaligen spanischen König Felipe III zu schicken. Dazu brachte er laut eigenen Beschreibungen[4] das Unikat nach Lima zum Vizekönig. Von dort an verlieren sich die genauen Spuren des Transportes. Einer der wenigen Anhaltspunkte dafür, dass die Chronik tatsächlich in Lima in Empfang genommen worden ist, bildet die Entdeckung, dass ein damaliger Angehöriger des vizeköniglichen Hofes, der Franziskanermönch Buenaventura de Salinas y Córdoba, von den Inhalten des Werks profitierte und sie in seiner eigenen Schrift „Memorial de las historias del Nuevo Mundo, Pirú“ (1630) einbezog.[5] Weiterhin muss die Chronik auch ihren Weg über den Atlantischen Ozean gefunden haben, da man heute mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass sie am spanischen Hof in Madrid ankam. Ob sie allerdings vom eigentlichen Adressaten, Felipe III, gelesen wurde, bleibt bis heute fraglich. Sicher ist lediglich, dass die wertvolle Schrift aus bisher nicht gänzlich geklärten Gründen nach Dänemark gelangte und dort 1908 von dem deutschen Ethnologen Richard Pietschmann in der Königlichen Bibliothek Kopenhagen entdeckt wurde. Dieser veröffentlichte die „Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ erstmals 1936, nachdem sie fast 300 Jahre unbeachtet geblieben war.[6]

2.1 Historische Situierung

Um die Beweggründe Poma de Ayalas für das Verfassen seiner Chronik und deren Inhalte verstehen zu können, bedarf es zunächst einer genaueren Betrachtung des historischen Kontextes.[7]

Vierzig Jahre nach der Landung von Kolumbus in Lateinamerika und der damit verbundenen Entdeckung der „Neuen Welt“ traf Francisco Pizarro, der sich die Eroberung des bestehenden Inkareiches zum Ziel gesetzt hatte, im November 1532 auf dem Hauptplatz der Stadt Cajamarca erstmals auf den damaligen Inkakönig Atahualpa. Dass es zu dieser zunächst friedlich verlaufenden Begegnung kam, rührte unter anderem[8] daher, dass die Inkas durch eine göttliche Vorhersage zu jenem Zeitpunkt die Ankunft neuer Götter erwarteten und dementsprechend verunsichert auf die Ankunft der Spanier mit ihren Pferden, Rüstungen und Gewehren reagierten. Als Atahualpa an jenem Novembertag den Fremden gegenübertrat, übergab ihm der Dominikanerpater Vicente de Valverde eine Bibel oder ein Brevier, um ihn daraufhin aufzufordern, den katholischen Glauben sowie die Autorität des spanischen Königs anzuerkennen und sich der spanischen Herrschaft zu unterwerfen.[9] Den Überlieferungen zufolge soll der Inkakönig das Schriftstück an sein Ohr gehalten und ihm befohlen haben, zu sprechen. Da es keine Antwort gegeben habe, warf er es schließlich achtlos auf den Boden, womit er sein eigenes Schicksal besiegelt hatte. Die Spanier nahmen nach einem kurzen Kampf, welcher wahrscheinlich längst von ihnen geplant worden war und in dem sie den Eingeborenen technisch weit überlegen waren, Atahualpa gefangen. Dieser bot Pizarro einen ganzen Raum gefüllt mit Gold- und Silberschätzen, wenn er ihn freilassen würde. Zwar gingen die Eroberer auf die Abmachung ein, doch hielten sie ihr Wort nicht und verurteilten den Inkaherrscher zum Tod durch die Garotte.[10] Das, was auf diese Begebenheit hin die Eingeborenen erwartete, bezeichnet Nathan Wachtel als „traumatismo de la Conquista“; so schreibt er:

„Derrotados, el choque psicológico sufrido por los indios no se reduce a la irrupción de lo desconocido; lo estraño de los españoles se manifiesta de acuerdo con una modalidad particular: la violencia.“[11]

Das sich einst über 4000 km erstreckende Inkareich, welches sich bei der Ankunft Pizarros noch auf dem Höhepunkt seiner Macht befunden hatte, wurde innerhalb weniger Jahre durch die spanischen Eroberer gestürzt. Der einzige Widerstand der Indigenen, der den Spaniern gefährlich wurde und deutliche Verluste einbrachte, fand unter Manco Capac, einem Bruder Atahualpas, statt und wurde schließlich im Jahre 1571 in einer Schlacht in Vilcabamba, nahe Cuzco, endgültig niedergeschlagen.

Mit den zahlreichen Toten, welche der Eroberungsfeldzug, aber auch die Ausbeutungspraktiken und Krankheiten der Spanier mit sich brachten, starben auch die traditionellen andinen Bräuche. Übrig blieben lediglich die Erinnerung an eine verlorene Zivilisation und die Wehmut über die aufgegebenen Traditionen.[12] Zu etwa diesem Zeitpunkt begann Poma de Ayala Informationen über eben jene Bräuche zusammenzutragen[13] und in seiner Chronik aufzuzeichnen. Er selbst konnte nur begrenzt über seine ursprüngliche Kultur Auskunft geben, da er, wie er später schrieb, erst nach der Eroberung Pizarros geboren wurde: „Porque yo no nací en tienpo de los Yngas para sauer todo [...]”[14].

2.2 Der Autor Poma de Ayala

Der Lebenslauf Poma de Ayalas lässt sich nur aus seinen autobiographischen Angaben in der Chronik und einigen wenigen zeitgenössischen administrativen Dokumenten erschließen.[15] Auf eine ausführliche Darstellung der biographischen Stationen soll jedoch an dieser Stelle verzichtet werden. Im Folgenden wird lediglich auf die wichtigsten Daten bezüglich seiner sozialen Herkunft und seiner Position als kultureller Mittler eingegangen.

Guamán Poma stammte aus Huánuco, welches im nordwestlichen Teil des ehemaligen Inka-Reiches, dem sogenannten Chinchaysuyu, lag. Nachdem die Spanier Peru erobert hatten, wurden er und seine Eltern vermutlich noch in den 1530er Jahre in die Provinz Huamanga umgesiedelt.[16] Laut eigenen Angaben gehörte Poma einer adligen Familie an, welche stets besondere Privilegien durch den höchsten Inka erfahren hatte.[17] So soll sein Vater Guamán Malqui de Ayala als Vertreter des Inka Francisco Pizarro, Diego de Almagro und deren Gefolgsleute bei ihrer Ankunft empfangen haben (siehe Anhang Abb. 1). Poma de Ayala selbst bezeichnet sich auf dem Titelblatt seiner Chronik sogar als „príncipe“ (siehe Anhang Abb. 2), wobei bis heute nicht geklärt werden konnte, ob diese Angabe der Wahrheit entspricht.[18] Dafür spräche seine Ausbildung, die er möglicherweise in einer der spanischen Kaziken-Schulen erhalten hatte und welche nur sozial höher gestellten Eingeborenen zuteil wurde. Er bekam Unterricht in den Fächern Latein, Spanisch, Rechnen und katholische Religion und genoss demzufolge eine von den Eroberern geprägte Erziehung. Man geht davon aus, dass die Konquistadoren beabsichtigten, eine im europäischen Sinne gebildete, katholische und vor allem spanienfreundliche neue Generation heranzuziehen.[19] Auf diese Weise geriet Poma de Ayala in die sogenannte „Kontaktzone zwischen den Kulturen“[20] und wurde zum sprachlichen und kulturellen Übersetzer. So zeigt er sich in der gesamten Chronik als tiefgläubiger Christ, der jedoch gleichzeitig genaue Kenntnisse von indianischen Götzenkulten besitzt.[21] Dieses Wissen nutzte er, um dem Visitator Cristóbal de Albornoz bei seiner „Kampagne zur Ausrottung traditioneller andiner Kulte und zur Zerschlagung der mythisch-religiösen inkaischen Befreiungsbewegung ‚taqui oncoy‘“[22] zu unterstützen. Doch im Zusammenhang mit der Chronik wird er eindeutig auch zum Kritiker der spanischen Kolonialherren und Kleriker. Auf zahlreichen Zeichnungen zeigt er sowohl Verwaltungsbeamte als auch katholische Priester bei der Misshandlung von Eingeborenen und bittet darum, diesem Verhalten Einhalt zu gebieten. Darauf soll in einem der folgenden Kapitel noch genauer eingegangen werden. An dieser Stelle sei jedoch darauf hingewiesen, dass Poma seine Kritik stets in individualisierter Form äußerte und sowohl der spanischen Krone als auch dem Papst gegenüber grundsätzlich positiv gesinnt war.[23] Dadurch ergibt sich deutlich das Bild eines Mannes, der sich sowohl der eigenen ursprünglichen als auch der fremden spanischen Kultur zugehörig fühlte und versuchte, beide miteinander zu vereinen. Thomas Bremer bezeichnet dies als den „Zwiespalt der ersten Generationen der Eingeborenen nach der Eroberung, der sich [auch in dieser Person] […] manifestiert.“[24]

[...]


[1] Dieses deutsche Sprichwort stammte ursprünglich aus einer amerikanischen Fachzeitschrift der Werbebranche namens „Printer‘s Ink“ und erschien dort am 8. Dezember 1921 mit dem originalen Wortlaut: „One picture is worth ten thousand word.”

[2] Die im Folgenden genannten Textstellen aus der Chronik stammen aus der Kopenhagener digitalisierten Faksimileedition mit Transkription (hrsg. von Rolena Adorno). Zitate und Seitenangaben richten sich nach dieser Ausgabe und werden mit „Poma Blatt…“ angegeben. Die dazugehörige Internetadresse befindet sich im Literaturverzeichnis.

[3] vgl. Poma Blatt 715

[4] vgl. Poma Blatt 1105

[5] vgl. Adorno (2001), S.49

[6] Hintergründe zu den (Um-)Wegen des Manuskripts können u.a. bei Rolena Adorno (2001), S.45ff. und Sabine Fritz, S.200ff. nachgelesen werden.

[7] Die weiteren Angaben zum geschichtlichen Kontext beruhen soweit nicht anders gekennzeichnet auf Sabine Fritz, S.26-43

[8] Ein weiterer Grund für die Schwächung der Eingeborenen war der vorangegangene Erbfolgekrieg zwischen den Brüdern Huáscar und Athualpa, bei dem sich Letzterer durchgesetzt hatte. Dennoch hatten beide Seiten herbe Verluste erlitten.

[9] Diese Art und Weise der Aufforderung an die Eingeborenen, sich zu ergeben, war damals durchaus üblich. Sie beruhte auf dem im Jahre 1513 von spanischen Juristen und Theologen entwickelten „Requerimiento“, welches die rechtliche Grundlage für die Eroberungskriege und die Versklavung der Indios schuf. Ausführlichere Informationen dazu findet man bei Eberhard Schmitt (s. Literaturverzeichnis). (vgl. auch Steiner, S.40)

[10] vgl. Flindell Klarén, S.31ff.

[11] Wachtel, S.54

[12] vgl. ebd., S.57

[13] Die von Poma de Ayala in seiner Chronik verarbeiteten Angaben zur Geschichte und den andinen Bräuchen basieren sowohl auf seinen persönlichen Erfahrungen als auch auf den Informationen mündlicher indigener Quellen, die im Einzelnen nicht mehr nachvollzogen werden können. (vgl. Fritz, S.215)

[14] Poma Blatt 860

[15] vgl. Fritz, S.224

[16] vgl. Varallanos, S.17ff.

[17] vgl. Adorno (2001), S.59

[18] vgl. Steiner, S.19

[19] vgl. Bremer, S.131

[20] Fritz, S.211

[21] vgl. Poma Blatt 263-285; vgl. Steiner, S.17

[22] Steiner, S.17; vgl. Poma Blatt 282

[23] vgl. Bremer, S.132

[24] ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
„Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Poma de Ayala. Zur Bedeutung der Bilder innerhalb der Chronik
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Poma de Ayala
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V322212
ISBN (eBook)
9783668214408
ISBN (Buch)
9783668214415
Dateigröße
1461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
primer, nueva, corónica, buen, gobierno, poma, ayala, bedeutung, bilder, chronik
Arbeit zitieren
Franziska Kober (Autor), 2012, „Primer Nueva Corónica y Buen Gobierno“ von Poma de Ayala. Zur Bedeutung der Bilder innerhalb der Chronik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322212

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