Der Technikbegriff in der Lebensphilosophie. Technisch-philosophische Positionen im Spannungsfeld zwischen Mythos und Moderne


Seminararbeit, 2016
43 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Technik in der Lebensphilosophie
1.1. Technik und Leben
1.2. Der Begriff der Technik

2. Acht zentrale Fragestellungen der Technikphilosophie

3. Der Mythos von Prometheus und Epimetheus

4. Die Technik in der Lebensphilosophie
4.1. Der Begriff der Technik bei Theodor Lessing
4.2. Der Begriff der Technik bei Ortega Y Gasset
4.3. Der Begriff der Technik bei Oswald Spengler

5. Der Mythos als möglicher Zugang zur Wirklichkeit
5.1. Die Arbeit am Mythos
5.2. Der prometheische Mythos und die Technik in der Lebensphilosophie
5.3. Der Mythos als Pate in der Technikphilosophie von Oswald Spengler

6. Die Frage nach der Aktualität technisch-philosophischer Positionen der Lebensphilosophie.

7. Literaturverzeichnis

1. Die Technik in der Lebensphilosophie

„Die Realität wird für jeden Denker zur Falle.“ (Pilic, 2016)

1.1. Technik und Leben

Unabhängig davon, ob sich Überlegungen zur Technikphilosophie an philosophischen Traditionen, an konkreten technischen Begriffen, an Versuchen die Technik und ihren Gegenstand genau zu definieren oder an konkreten historischen technisch-philosophischen Fragestellungen orientieren, die Herausforderungen für technisch-philosophische Überlegungen gehen über klassische Anforderungen an Philosophie hinaus. Dies liegt im Wesentlichen in vier Punkten begründet.

- Erstens unterliegt der Begriff der Technik historischen sowie kulturellen Einflüssen und Erfahrungen. Beispielsweise sind die persönliche Kenntnis und der persönliche Wissensstand um die jeweils aktuellen technischen Entwicklungen für die jeweilige technisch-philosophische Position eines einzelnen Denkers von großer Bedeutung. Und dieses technische Wissen unterliegt der Möglichkeit genereller Überprüfbarkeit, auch im Nachhinein wenn man etwa die technischen Entwicklungen zu einer bestimmten Zeit mit den zu einem früheren Zeitpunkt getroffenen Aussagen in Beziehung setzt.
- Zweitens unterliegt gerade die Technik in beinahe jeder historischen Epoche einer rasch fortschreitenden Entwicklung. Dabei bildet der jeweilige historische Status der Technik (was sind gerade die aktuellen Probleme, wofür wird die Technik in erster Linie gerade eingesetzt, etc.) einen wichtigen Hintergrund für die jeweilige technisch-philosophische Beurteilung. Die meisten technisch-philosophischen Überlegungen enthalten zudem Aussagen über die konkrete (technische) Wirklichkeit. Insofern muss sich eine Technikphilosophie an den historischen bzw. jeweils aktuellen Entwicklungen der Technik messen lassen.
- Ein dritter Punkt sind die zumeist apodiktisch formulierten Aussagen der Technikphilosophen. Aussagen zur Technikphilosophie werden zumeist so formuliert, dass sie generelle Gültigkeit haben (sollen), unabhängig von Zeit und Raum und auf alle gewesenen und auch zukünftigen Entwicklungen der Technik zutreffen sollen. Dies ist ein hoher Anspruch, der in Anbetracht der Komplexität und Dichte an technischen Entwicklungen nur schwer umzusetzen ist.
- Ein vierter Punkt liegt darin, dass es in Anbetracht der Komplexität und unterschiedlichen Struktur der Technik sehr schwierig ist, den Begriff der Technik, also den Gegenstand der Untersuchungen bzw. Aussagen genau abzugrenzen, weder extensional noch intensional. Wenn von einem einzelnen Technikphilosophen dennoch der Versuch unternommen wird, Technik zu definieren, dann bleibt dies oftmals vage, es werden Teilgebiete bzw. Teilaspekte ausgeklammert oder aber es bilden einzelne aus der temporären Situation der Technik heraus durchaus verständliche, zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise aber vollkommen irrelevante Themenstellungen die Grundlage für die Definition der Technik.

Alle genannten Punkte treffen nun in besonderem Maße auch auf die Lebensphilosophen zu, die sich mit technischen Fragestellungen befasst haben. Die Lebensphilosophie, jene im 19. Jhdt. als Gegenbewegung zum Positivismus und Neukantianismus entstandene philosophische Strömung, bleibt in ihrer Struktur weitgehend inhomogen und lässt sich nicht oder nur sehr rudimentär in gemeinsame Kategorien fassen. Große spricht etwa davon, dass die Lebensphilosophie schon deshalb nicht einheitlich auftreten konnte, „weil sie sich stets der – historisch wechselnden – Vorherrschaft bestimmter Einzelwissenschaften gegenübersah.“1 2 Allerdings haben die meisten Vertreter der Lebensphilosophie den Anspruch, sich mit allen grundlegenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Deshalb bildet die Technik auch immer wieder einen wesentlichen Diskussionsgegenstand innerhalb der Lebensphilosophie.

Folgende fünf Grundelemente sind den meisten lebensphilosophischen Ansätzen gemein3:

1. Betrachtung und Analyse des Lebens in seiner Gesamtheit, ein „Bemühen um eine immanente Welt- und Daseinsdeutung“4, Ergänzung der Betrachtungsweise um nicht-rationale, persönliche und dynamische Elemente.
2. Einbeziehung der konkreten persönlichen Erfahrungswelt (Instinkte, der Wille, die Triebwelt, Macht, ...); Alltagsbeobachtungen bilden oftmals den Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen.
3. Gegenentwurf zu einem rein rationalistischen philosophischen Ansatz, zum Rationalismus generell, zum Materialismus sowie zum Positivismus.
4. Kritik an einem rein naturwissenschaftlich orientierten Betrachtungs- und Erklärungsmuster
5. Versuch einer ganzheitlichen philosophischen Reflexion. Damit ist gemeint, dass alle grundlegenden Begriffe des menschlichen Lebens und Seins in die philosophischen Überlegungen einbezogen werden.

Gerade dieser letzte Punkt ist für die technisch-philosophischen Überlegungen der einzelnen Lebensphilosophen wie oben angemerkt von zentraler Bedeutung. Mit Ausnahme der ´Ahnenväter der Lebensphilosophie´ Schopenhauer und Nietzsche haben beinahe alle anderen wichtigen Vertreter der Lebensphilosophie konkrete Aussagen zu den jeweils aktuellen Entwicklungen der Technik in ihren philosophischen Systemen formuliert. Die Technik wird als wesentlicher Bestandteil des Lebens gesehen und als solcher in die unterschiedlichen Zusammenhänge des Lebens gestellt und auch bewertet.

Auch bei Schopenhauer zeigt sich, dass seine Enthüllungsmetaphysik[5] von vielen Denkern, Schriftstellern oder Intellektuellen als Gegenentwurf zur positivistischen Umwelt der Tatsachengläubigkeit gesehen wird, ohne dass die Begriffe der Wissenschaft, Technik oder Industrialität von Schopenhauer in seinen Werken explizit erwähnt oder ausführlich diskutiert bzw. abgehandelt werden.

Bei allen oben schon erwähnten Unterschieden in den einzelnen Positionen ergeben sich doch einige Punkte, die für die Behandlung technisch-philosophischer Fragestellungen im Rahmen der Lebensphilosophie typisch sind und die den meisten Herangehensweisen von Vertretern der Lebensphilosophie zugrunde liegen.

1. Die Technik wird in den Gesamtzusammenhang der jeweiligen lebensphilosophischen Position eingebettet. Damit ist gemeint, dass Technik entweder auf andere Begriffe der jeweiligen philosophischen Position zurückgeführt oder dass zumindest ein Zusammenhang mit anderen Begriffen hergestellt wird.
2. Es wird ein sehr umfassender, allgemeiner Begriff der Technik vorausgesetzt oder angenommen. Technik wird zumeist nicht exakt definiert, aber in ihren Zusammenhängen und Verflechtungen mit anderen lebensphilosophischen Themen oftmals sehr detailliert beschrieben.
3. Die Technik wird in Verbindung mit menschlichen Eigenschaften sowie gesellschaftlich-historischen Entwicklungen gebracht.
4. Die Technik wird zur Abgrenzung des menschlichen Wesens gegenüber der Natur oder der Tierwelt verwendet.6
5. Die Technik wird als Beispiel für die zwischen dem Leben und der Philosophie bestehende grundlegende Kluft gesehen.
6. Die Technik sowie deren Folgen werden zumeist kritisch bewertet.

1.2. Der Begriff der Technik

„Die Technik ist das Ungedachte.“ Bernard Stiegler, Technik und Zeit Alle Themen der Technikphilosophie spielen sich wie oben angemerkt, vor dem Hintergrund einer sich dynamisch verändernden Technik ab. Sieht man von einzelnen Versuchen ab, so ist es der Technikphilosophie bisher nicht wirklich und umfassend gelungen sich auf eine klare, eindeutige und weitgehend anerkannte Abgrenzung des untersuchten Gegenstandes, nämlich der Technik selbst, zu verständigen. Auch sämtliche Versuche einer Definition (sowohl einer intensionalen als auch einer extensionalen) sind bisher für die weitere Arbeit im Rahmen der Technikphilosophie nur bedingt geeignet. Wenn etwa Grunwald und Julliard vorschlagen die Technik als reinen Reflexionsbegriff zu sehen und unter Technik das zu verstehen, „was wir meinen, wenn wir allgemein über Technik reden“7, dann ist das in Wirklichkeit für eine präzise technisch-philosophische Diskussion wenig hilfreich. In diesem Sinne ist die Anmerkung von Reydon sicher sehr zutreffend: „Technikphilosophie steht vor der Herausforderung, das Wesen eines bestimmten Bereichs von Phänomenen klären zu sollen, ohne die Grenzen dieses Bereiches festlegen zu können.“8

Historisch gesehen gibt es zahlreiche Versuche zu einer einvernehmlichen Abgrenzung des Begriffes Technik, um zu einer konkreten Festlegung des Gegenstandes einer Technikphilosophie zu gelangen. Auch die Vertreter der Lebensphilosophie versuchen das Wesen der Technik, den Gegenstand der Technik oder die Technik selbst abzugrenzen bzw. zu definieren. Beispielhaft sei hier Carl Weihe erwähnt, der sich in seiner Charakterisierung der Technik bereits auf Arthur Schopenhauer bezieht. Carl Weihe war von 1919-1945 Honorarprofessor für Geschichte und Kultur an der TH Dresden und Schriftleiter der Zeitschrift Technik und Kultur. Er versuchte das Verwandtschaftliche in der Denkweise des Ingenieurs und Arthur Schopenhauers[9] aufzuzeigen. Und Weihe versteht nun die Entwicklung der Technik „als eine Art Fortsetzung des Naturprozesses, vitalistisch gewissermaßen oder im Sinne von Schopenhauer als Objektivation des Willens, als Erzeugnis des menschlichen Naturtriebes, Instinktes, als Produkt der schaffenden Natur.“10

Dessauer selbst beschreibt die Technik als ein konkretes Sein aus Ideen oder an anderer Stelle „Technik ist ja finale Gestaltung aus Ideen mit Hilfsmitteln der Natur“11 und auch zahlreiche andere, der Lebensphilosophie nahestehende Denker bringen die Technik in einen Zusammenhang mit dem menschlichen Willen, den Begriffen sowie den Grundprinzipien der bzw. in der Natur.12

Genau diese drei Elemente sind es auch, die bei den drei in der gegenständlichen Arbeit behandelten Vertretern der Lebensphilosophie Theodor Lessing, Ortega Y Gasset sowie Oswald Spengler die Basis für das Verständnis von Technik bilden.

Und selbst moderne Ansätze einer Technikdefinition gehen von der hybriden Struktur von Technik aus: „In the light of what has been stated above, we may therefore define a technical artefact as a physical object with a technical function and use plan designed and made by human beings . “ [13] In diesem Sinne bilden das Objekt, das Wissen und die in die Natur eingebundene Aktivität des Menschen das charakteristische der Technik14. Alle diese Aspekte bilden auch die Grundlage der Technikphilosophien von Theodor Lessing, Ortega Y Gasset und Oswald Spengler.

2. Acht zentrale Fragestellungen der Technikphilosophie

„Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch. In Erfindungen listiger Kunst weit über Verhoffen gewandt, neigt bald er zu Bösem, zu Gutem bald.“ Sophokles, Antigone Traditioneller Weise werden in der Technikphilosophie Fragen wie die nach dem Wesen der Technik, dem Sinn und Umfang technischen Handelns, dem Entstehen und der Wirkung technischer Objekte, etc. gestellt. Es zeigt sich allerdings wie bereits oben erwähnt, dass einerseits sowohl der Begriff der Technik zumeist nicht oder nur unzureichend definiert wird sowie dass andererseits auch bei den jeweils behandelten Fragestellungen wenig bzw. keine Systematik angewandt wird. Entweder gehen Technikphilosophen von ihrer eigenen philosophischen Position aus oder sie beziehen sich auf einzelne konkrete Fragestellungen, sie beziehen sich auf Positionen anderer Philosophen oder sie versuchen auf Basis historischer Zusammenhänge zu ihren eigenen Theorien oder Positionen zu gelangen. Damit wird eine Gegenüberstellung wie auch ein analytischer Vergleich der Positionen durchaus schwierig.

Um eine systematische Gegenüberstellung nun bei den drei in der gegenständlichen Arbeit diskutierten Philosophen zu ermöglichen, werden nachstehend acht zentrale Themenfelder definiert, nach denen technisch-philosophische Fragestellungen doch weitgehend systematisch behandelt und damit auch gegenübergestellt werden können.

1) Technikbegriff: Was ist Technik, wie wird Technik charakterisiert, wie wird die Technik von der Natur abgegrenzt ?
2) Bedingungen der Technik: Wie entsteht die Technik, wie erfolgt der Prozess der Technisierung ?
3) Technisches Handeln: Wie ist die Stellung des Menschen zur Technik, wie die Stellung des Ingenieurs, wie kann die Bedeutung der Artefakte für das Handeln definiert werden ?
4) Technische Zusammenhänge: Wie hängt die Technik mit unterschiedlichen Disziplinen zusammen, wie ist der Zusammenhang der Technik mit den Wissenschaften ?
5) Gesellschaftliche Zusammenhänge: Wie hängen Technik und Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur oder Religion zusammen ?
6) Folgen der Technik: Wie beurteilt der Autor die Folgen der Technik ?
7) Bewertung der Technik: Wie wird die Technik eingeordnet, wie wird Technik bewertet?
8) Zusammenhang mit philosophischen Disziplinen: Wie hängt Technik mit den Einzeldisziplinen der Philosophie, wie Ethik, Ontologie, Anthropologie oder Sozialphilosophie zusammen?

Auf Basis dieser acht Themenbereiche ist es möglich einzelne technisch-philosophische Positionen darzustellen, zu kategorisieren und untereinander (auch tabellarisch) zu vergleichen. Dieses Konzept bildet die grundlegende Methodik der gegenständlichen Arbeit. (vgl. dazu die Kapitel 4.1 – 4.3)

3. Der Mythos von Prometheus und Epimetheus

„Die Strafe des Geistes ist die Bestrafung des Menschen. Prometheus hat sich selbst in Ketten gelegt, um büßend die Vergebung des Menschen zu erflehen.“ E. M. Cioran, Das Buch der Täuschungen Der Mythos der beiden titanischen Brüder Prometheus (der Vorausdenkende[15]) und Epimetheus (der danach Denkende[16]) ist weitgehend bekannt17, findet sich aber einerseits in unterschiedlichen Überlieferungen bzw. Reflexionen sowie Interpretationen wieder, wobei interessanterweise in den allermeisten Fällen nur auf Prometheus und nicht auf Epimetheus Bezug genommen wird.

Platon beschreibt im Protagoras wie die Lebewesen auf Erden im Auftrag der Götter durch Prometheus und Epimetheus mit Eigenschaften ausgestattet werden sollen. Epimetheus erbittet von Prometheus die Erlaubnis diese Verteilung vornehmen zu dürfen. Ob nun aus Vergesslichkeit oder „weil er doch nicht ganz weise war“18 hatte Epimetheus alle Kräfte für die unvernünftigen Tiere aufgewandt und übrig blieb noch unbegabt das Geschlecht des Menschen[19]. Als nun Prometheus dies bemerkt, stiehlt er den Göttern neben dem Feuer, die Weisheit der Athene, die Kunstfertigkeit des Hephaistos sowie einige andere zum Überleben notwendige Eigenschaften, um diese den Menschen geben zu können. Platon dazu: “Die zum Leben nötige Wissenschaft also erhielt der Mensch auf diese Weise, die bürgerliche aber hatte er nicht.“20 Denn die Menschen schlossen sich zum Schutz vor den Tieren in poleis zusammen, aber sie töteten einander, weil eben die staatsbürgerliche bzw. bürgerliche Kunst noch fehlte. Zeus sah sich daraufhin gezwungen seinen Götterboten Hermes zu den Menschen zu schicken, „um den Menschen Scham und Recht“21 zu bringen. Während die anderen Künste ungleich verteilt worden waren, verteilte Hermes die bürgerliche Kunst an alle, denn Zeus meinte, dass auch alle daran teilhaben sollten, „denn es könnten keine Staaten bestehen, wenn auch hieran nur wenige Anteil hätten, wie an anderen Künsten.“22 Wer aber nicht im Stande sei, sich Scham und Recht anzueignen, der so Platon weiter, solle getötet werden wie ein böser Schaden des Staates.23

Platon erwähnt an der angegebenen Stelle im Protagoras nicht, dass Prometheus von Zeus bestraft wird, indem er ihn „nackt an eine Säule in den kaukasischen Bergen“24 kettete. Diese Bestrafung durch Zeus wird in der Literatur unterschiedlich begründet:

- Einerseits wird diese Strafe mit der unerlaubten Weitergabe der Wissenschaft und des Feuers an die Menschen begründet. Als Schöpfer der Menschen und Tiere, gibt Prometheus den Menschen die Kunst, die Wissenschaft, die Technik, aber auch die Hoffnung und damit die tausendfache Kunst, wie auch die blinde Hoffnung und den Glauben an den Fortschritt, damit sich der Mensch über sein Geschick als irdisches und vergängliches Wesen hinwegtäuschen kann. Da mit der Technik zudem ein unstillbarer Durst nach Wissen in die Welt kommt, wird Prometheus für diesen frechen Ungehorsam an einen Felsen gebunden und ewiger Qual ausgesetzt.

- Eine andere Interpretation (vgl. dazu Ranke-Graves, p.128 ff.) sieht die Bestrafung des Prometheus in Zusammenhang mit Pandora, der schönsten, je geschaffenen Ehefrau von Prometheus. Zeus will sich nach dieser Interpretation an Prometheus deswegen rächen, weil er sich bei der Auswahl eines Tieropfers von Prometheus betrogen sah. Daraufhin habe Zeus Hephaistos befohlen, eine Frau aus Ton zu formen, die von allen Göttinnen des Olymps geschmückt wurde und er schickte diese in Begleitung von Hermes als Geschenk zu Epimetheus. Dieser lehnte das Geschenk von Zeus ab, da ihn sein Bruder davor gewarnt hatte, Geschenke von den Göttern anzunehmen. Daraufhin wurde Zeus noch wütender und bestrafte Prometheus indem er ihn wie oben erwähnt an einen Felsen kettete. Epimetheus aber war über das Geschick seines Bruders bestürzt und nahm Pandora zur Frau. Epimetheus hatte von Prometheus ein Kästchen bekommen, mit der Warnung es stets verschlossen zu halten. Die schöne, aber dumme Pandora ihrerseits öffnete diese Büchse der Pandora, in der alle Übel, von denen die Menschheit geplagt wird, enthalten waren. Diese Übel entwichen, zuletzt bzw. bei einem erneuten Öffnen dann auch die trügerische Hoffnung, die „die geplagten Menschen davon (abhielt), all ihrem Leiden durch den freiwilligen Tod ein Ende zu setzen.“25

- Eine dritte Überlieferung geht auf Euripides zurück.26 Auch in dieser Überlieferung geht es zumindest indirekt um die Technik. Die Menschen wussten nach dieser Erzählung des Mythos nicht nur, dass sie sterben müssten, sondern sie wussten ursprünglich auch den Zeitpunkt ihres eigenen Todes. Dieses Wissen führte allerdings zu Lähmung und Depression. Und es war Prometheus, „der ihnen das Vergessen des genauen Zeitpunktes ihres Todes brachte. So kamen Eifer und Tüchtigkeit unter ihnen auf, die zusätzlich durch die Gabe des Feuers angestachelt wurden.“27

Das Wissen um den Zeitpunkt des Todes wird gemäß dieser Interpretation gewissermaßen hinderlich für die Entwicklung und den eigenen persönlichen Antrieb gesehen. Umgekehrt kann damit das Nichtwissen des Todeszeitpunktes als notwendige Voraussetzung für Technik bzw. den technischen Fortschritt angesehen werden.

In diesem Mythos der beiden Brüder Prometheus und Epimetheus finden sich zahlreiche Themen, die immer wieder in der Literatur und auch Philosophie rezipiert, aufgenommen und interpretiert worden sind. Als Beispiele seien die folgenden, besonders im Hinblick auf technisch-philosophische Fragestellungen relevanten bzw. interessanten Rezeptionen erwähnt:

- Einerseits erwähnt der Mythos einzelne an die Lebewesen bzw. Menschen verteilte Eigenschaften, wie nützliche Künste oder Fähigkeiten der Wissenschaften, etc., die von Epimetheus in ungleicher Weise an die Lebewesen verteilt wurden und die zum Leben bzw. gegen die Natur nötig sind. Andererseits bezieht sich besonders Platon auf die sogenannte bürgerliche Kunst[28], ohne die ein Zusammenleben der Menschen nicht möglich ist und die deshalb für alle Menschen notwendig ist. Menschen die nicht in der Lage sind, diese Kunst zu erlernen, sollten wie oben schon erwähnt getötet werden. Die bürgerliche Kunst ist also von der technischen Kunst grundlegend zu unterscheiden, ein immer wieder diskutiertes Thema: Neutralität der Technik, Verantwortung des Ingenieurs, der Zusammenhang zwischen Politik bzw. Gesellschaft und der Technik, etc.

- Johann Wolfgang von Goethe, auf den sich zahlreiche Lebensphilosophen immer wieder gerne beziehen, widmet eines seiner frühen Gedichte aus der Zeit des Sturm und Drang Prometheus: „Ich kenne nichts ärmeres unter der Sonn als euch Götter.“29 Das menschliche, leidende aber schöpferische Genie trotzt den Göttern, verweigert sich sie zu verehren und zeigt ihnen, dass die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal den Manne schmiedet.30 Damit wird das Thema der ´schöpferischen Macht der Technik´ schon vor mehr zwei Jahrhunderten, gerade von einem der Urväter vieler Lebensphilosophen thematisiert.

- Karl Marx bezieht sich in seiner Dissertation ebenfalls auf Prometheus und bezeichnet ihn als „den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender.“31 Für Marx bildet die Technik besonders im Hinblick auf die ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung des Menschen ein zentrales Thema seines gesamten Werkes. Nebenbei wird auch die Person Karl Marx mit der Gestalt des Prometheus in Verbindung gebracht, denn „auf dem Titelbild der Gesamtausgabe seiner Werke, die das Marx-Engels-Institut in Moskau brachte, ist Karl Marx als Prometheus, und zwar als gefesselter Prometheus des neunzehnten Jahrhunderts, dargestellt.“32

- Hans Jonas beginnt sein Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung mit der Metapher aus dem Prometheus Mythos, wenn er meint: „Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.“33

- Der österreichische Philosoph Günther Anders bezieht sich mit dem Begriff der Prometheischen Scham direkt auf den Mythos von Prometheus.34

- Auch der Technikphilosoph Friedrich Dessauer setzt sich in seinem Werk Prometheus und die Weltübel mit dem prometheischen Mythos, dessen Beziehung zur Technik sowie zum christlichem Glauben auseinander. Dessauer weist darauf hin, dass die Technik immer wieder als „säkularisierte, religiöse Erlösungslehre und Erlösungsbemühung“35 gedeutet wird und stellt sich aufbauend auf den Mythos von Prometheus die grundlegende Frage nach dem Bösen, nach dem Übel in der Welt. Prometheus und Christus stehen für Dessauer nicht als Antipoden gegenüber, sondern sie zeigen unterschiedliche Seiten und Herangehensweisen des Menschen an das Problem des oftmals mit Technik verbundenen Übels in der Welt. Ohne auf diese wirklich tiefgehende Analyse an dieser Stelle eingehen zu können, sei doch Dessauers´ Fazit, das Ergebnis seines Nachdenkens erwähnt: “Die Lösung liegt im willentlichen Handeln, nicht in einem letzten Wissen. Wir müssen aus der ratio, die sich uns versagt, in die actio fliehen, aus dem Grübeln in das hingebende Handeln. Dort finden wir Trost.“36

- Die wahrscheinlich differenzierteste und interessanteste Interpretation des prometheischen Mythos gibt Bernard Stiegler in seinen Werken Denken bis an die Grenzen der Maschine sowie Technik und Zeit – Der Fehler des Epimetheus. Diese Interpretation geht, wie der Herausgeber von Denken bis an die Grenzen der Maschine Erich Hörl betont, auf Jean-Pierre Vernant zurück.37 Vernant, ein französischer Altphilologe und Anthropologe versuchte die griechische Antike „auf der Basis einer strukturanthropologischen und sozialwissenschaftlichen Gesamtgrundlage zu erfassen.“38 Auf die auf Basis dieser Interpretation mögliche Sicht der Technik, in der sich zentrale Elemente der lebensphilosophischen Sicht der Technik widerspiegeln, wird in Kapitel 5. näher eingegangen.39

- Auch Hans Blumenberg verwendet in seiner Arbeit am Mythos die prometheische Sage als Metapher bzw. als „Paradigma der menschlichen Selbstbehauptung gegen den Absolutismus der Wirklichkeit.“40

4. Die Technik in der Lebensphilosophie

4.1. Der Begriff der Technik bei Theodor Lessing

Der 1872 in Hannover geborene deutsch-jüdische Philosoph, Publizist und unglückliche Zwillingsbruder von Ludwig Klages[41] Theodor Lessing ist kein klassischer Technikphilosoph. Seine Thesen zur Technik finden sich eingebunden in seine philosophischen Thesen, er wird auch nur selten in klassischen Werken zur Geschichte oder Systematik zur Technikphilosophie rezipiert. Seine Philosophie ist eine Philosophie der Tat[42], seine Themenfelder liegen abseits der Fachphilosophie - Fachphilosophie hat mich immer enttäuscht und abgestoßen 43 - eher im Bereich der Geschichtsphilosophie. Geschichte ist für ihn Sinngebung des Sinnlosen.44 Weder in diesem Werk noch in seinen Schriften zu Nietzsche 45 bzw. in seinem 1918 erschienen Werk Europa und Asien gibt es eine explizite Definition von Technik oder eine ausführliche systematische Zusammenstellung seiner Technikthesen. Dennoch finden sich in den angegebenen Schriften interessante und über die damalige Zeit hinausgehende Thesen zu technischen oder Technik-nahen Themenstellungen.

Der zentrale Begriff in dem Zusammenhang bei Lessing ist die Maschine. Die Maschine befreit den Menschen von der Sklaverei der Arbeit, macht ihn von der Knechtschaft los[46] und schafft damit die Möglichkeit zur „selbstherrliche(n) Erlösung des Menschen aus Dunkel, Dumpfheit und ihn unterjochender Angst“.47

„Es ist der ungeheuerlichste Gedanke der Technik, dass das gesamte Objektive des augenblicklich gegenwärtigen Lebens aufbewahrt werden kann, für späte Zeiten und übertragen werden kann nach den fernsten Räumen, ohne dass das lebende Element darum fortzuwirken braucht. Die ganze Menschenwelt kann somit als Automat dauern.“48

Auch den Grundgedanken seiner Philosophie, wie er das nennt, beschreibt Lessing in Zusammenhang mit der Technik, wenn er in Nietzsche schreibt:

[...]


1 Große, p.125

2 Dieses Argument gilt wie eben angemerkt analog auch für die sich stets verändernde Technik.

3 Der Begriff Lebensphilosophie wird im Folgenden nicht im Sinne einer Lebenskunst (wie etwa bei Novalis) verstanden, vgl. dazu die Unterscheidung in Große, p. 7 ff.

4 Große, p. 67

5 Für den folgenden Zusammenhang, vgl. Große, p.68

6 Es ist interessant, dass auch noch in der heutigen modernen Philosophie immer wieder neue und unerwartete Abgrenzungskriterien zwischen Mensch und Tier gesucht und gefunden werden, so spricht etwa Rüdiger Safranski davon, dass der Mensch ein Wesen ist, dass sich im Unterschied zum Tier langweilen kann. (vgl. Safranski, p.19)

7 Grunwald / Julliard, 2005, Technik als Reflexionsbegriff, zitiert nach Nordmann, Technikphilosophie, p. 12

8 Reydon, T.A.C., Philosophy of Technology, 2012 zitiert nach Michael Veit, Technikphilosophie, 2013, p.70

9 Dessauer (1956), p. 445

10 Anzeiger für Industrie und Technik, 1909; zitiert nach Dessauer, p.231

11 Dessauer, Prometheus, p. 183

12 Vgl. den oftmaligen Hinweis auf die Naturgesetze die der Technik zu Grunde liegen (etwa Dessauer, Prometheus, p. 22, wobei die Naturgesetze von Dessauer mit der Schöpferkraft Gottes in Zusammenhang gebracht werden)

13 Vermaas, p.7

14 Vgl. dazu Mitcham, p.247

15 WIKIPEDIA, Prometheus

16 WIKIPEDIA, Epimetheus

17 Wobei man sagen muss, dass die Rolle des Epimetheus in vielen Erwähnungen oder Interpretationen des Mythos wenig bis gar nicht gewürdigt wird, also zumeist nur auf den Mythos des Prometheus alleine Bezug genommen wird.

18 Platon, Protagoras, 321c

19 Ebda.

20 Ebda. 321d

21 Ebda., 322c

22 Edba., 322d

23 Ebda.

24 Ranke-Graves, Band 1, 39 Atlas und Prometheus, p. 128

25 Ranke-Graves, p.129

26 Vgl. dazu Safranski, p.71

27 Ebda.

28 Siehe Protagoras, 322c

29 Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus, Lyrik des Sturm und Drang, 40 zitiert nach Goethe, Gedichte, Hg. von Bernd Witte

30 Siehe Goethe, Prometheus zitiert nach Goethe, Gedichte, p. 69

31 Siehe WIKIPEDIA, Prometheus

32 Dessauer, Prometheus, p. 12

33 Hans Jonas, 1989, p. 7

34 Vgl. dazu etwa Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1, Über die prometheische Scham

35 Dessauer, Prometheus, p. 12 mit einem Verweis auf Prof. Donald Brinkmann (Schweizer Philosoph, 1909-1963)

36 Ebda., p. 200

37 Vgl. dazu Bernard Stiegler, Denken bis an die Grenzen der Maschine, Hg. von Erich Hörl, p.46

38 WIKIPEDIA, Jean-Pierre Vernant

39 Es ist dem Autor durchaus bewusst, dass die Interpretationen Vernants in der Fachwelt umstritten sind und insbesondere die differenzierte Sichtweise des Mythos von Prometheus weit über die üblichen Interpretationen hinausgeht. Eine detaillierte Untersuchung dieses Umstandes, die u.a. eine Analyse der Originaltexte bei Hesiod, Aischylos, etc... erfordern würde, würde jedoch den Umfang der gegenständlichen Arbeit wesentlich übersteigen. Insofern verwendet der Autor die äußerst interessanten Interpretationen Vernants und in der Folge dann Bernard Stieglers als Basis für die gegenständliche Arbeit. Vernant verweist insbesondere auch darauf, dass z.B. die an unterschiedlichen Stellen bei Hesiod zu findenden Überlieferungen des Mythos ein zusammenhängendes Ganzes bilden und deshalb auch gemeinsam untersucht werden müssen. Siehe Vernant (1987) p.170 ff

40 WIKIPEDIA, Prometheus

41 So Reinhard Falter im Kapitel über Theodor Lessing, p.76

42 So der Titel seiner 1907 erschienen Antrittsvorlesung

43 Einmal und nie wieder, 1935; zitiert nach Albert, p. 35

44 So der Titel seines zentralen Werkes: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, erschienen 1921

45 Vgl. Nietzsche, Essay, erschienen 1882

46 Europa – Amerika, p. 230

47 Ebda., p.229

48 zitiert nach Dessauer, p. 232

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Der Technikbegriff in der Lebensphilosophie. Technisch-philosophische Positionen im Spannungsfeld zwischen Mythos und Moderne
Hochschule
Universität Wien  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar zur Lebensphilosophie
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V322379
ISBN (eBook)
9783668216723
ISBN (Buch)
9783668216730
Dateigröße
1937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technikphilosophie, Technikbegriff
Arbeit zitieren
Christian Zwickl-Bernhard (Autor), 2016, Der Technikbegriff in der Lebensphilosophie. Technisch-philosophische Positionen im Spannungsfeld zwischen Mythos und Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322379

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