Kirchenraumpädagogik. Chancen und Grenzen am Beispiel religiöser Räume


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1.0 Einleitung

2.0 Kirchenraumpädagogik

3.0 Die Kirche als Lernort
3.1 Alternative Religiöse Räume am Beispiel eines Moscheebesuchs
3.2 Besuch einer Freikirche

4.0 Fazit

5.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Kirchen prägen das Stadt- und Ortsbild von fast allen deutschen Groß und Kleinstädten sowie von Dörfern. Sie sind durch ihre prägnante Optik und Größe kaum zu übersehen. Für die Christen können sie ein Ort des Glaubens und tiefer Spiritualität sein. Das Innere einer Kirche bedient sich dabei einer Bild- und Symbolsprache die bei dem Gläubigen sofort Assoziationen und Emotionen auslösen kann. Er versteht es das Äußere und Innere der Kirche zu "lesen". Wann immer dem Gläubigen, mit der Kirche vertrauten Christen, diese Elemente und Symbole in der Außenwelt begegnen, zum Beispiel in der Werbung, im Fernsehen, in Büchern oder in der Schule, kann er sie wie Buchstaben zuordnen und deuten. Es lässt sich daher also durchaus sagen das die Kirche, welche allein schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild und vor allem aber eben auch durch ihre Symbolik und Bildsprache ein Ort ist, der weit um sich "greift". "Die sichtbare Kirche ist ein Symbol für die unsichtbare Kirche." [1]

Wenn es also Menschen gibt die die Symbolik einer Kirche oder verallgemeinert eines religiösen Raumes zu lesen und zu deuten wissen, wirft das jedoch auch die Frage auf oder weist darauf hin, dass es Menschen gibt, welchen eben diese Symbolik und Zeichensprache fremd ist. Diese Gruppen sind klar zu benennen. Zum einen sind es alle Nichtchristen, also all jene die nicht dem Christentum angehören, Beispielsweise Muslime, Hindu, Atheisten usw. Zum Anderen sind es Christen, die keinen Bezug zur Kirche oder Gemeinde haben. Also jene die zwar aus der Familientradition getauft sind aber noch nie oder erst selten eine Kirche besucht haben weil sie entweder keinen Bezug zu ihr haben da sie auch den christlichen Glauben nicht sonderlich ausleben oder aber weil sie bewusst auf das aufsuchen einer Kirche verzichten da es aus ihrem Selbstverständnis bei der Ausübung ihrer Religion keine zentrale Rolle einnimmt und ihnen nicht als dienlich erscheint. Zusammenfassend also Menschen die nicht christlich sozialisiert sind.

Es muss also davon ausgegangen werden, das die genannten Nichtchristen und die "passiven Christen" nicht oder nur kaum in der Lage sind religiöse Elemente in ihrer Umwelt zu verstehen (Die deutsche Gesellschaft ist seit spätestens Karl dem Großen geprägt vom Christentum und es finden sich unzählige Symbole und Verweise auf die christliche Tradition im Stadtbild). Vor allem, und dies erscheint sogar noch wichtiger, soll an dieser Stelle die These aufgestellt werden, das diese Gruppen nicht in der Lage sind die Religion des Christentums vollends zu begreifen. Das kann auf lange Sicht zu Unverständnis und letztlich zu Intoleranz führen. Es stellt sich aber auch die Frage, inwieweit andere Angehörige anderer Religionen in der Verantwortung stehen sich diese Sprache anzueignen. Es muss nämlich, betrachtet man das aktuelle Gesellschaftsbild, auch berücksichtigt werden, das die zukünftige und heutige Gesellschaft auch durch andere Religionen geprägt wird und ist. Möchte man also über eine Vermittlung dieser religiösen Elemente sprechen so darf diese nicht einseitig passieren. Ansonsten besteht Gefahr in naher Zukunft wieder vor der selben Problematik zu stehen. Die Hausarbeit soll sich daher kritisch mit der Frage beschäftigen, wie dieser religiöse Analphabetismus nachhaltig und nicht einseitig aufgelöst werden kann. Dafür wird zunächst die Disziplin der Kirchenpädagogik oder auch Kirchraumpädagogik vorgestellt und untersucht. Anschließend wird die Kirche unter Berücksichtigung des zuvor erarbeiteten, als Lernort vorgestellt sowie eine Moschee um dann den Versuch zu unternehmen die dort erarbeiteten Ergebnisse und Anforderungen auf eine Freikirche zu übertragen. An dieser Stelle soll am konkreten Beispiel einer Freikirche versucht werden sie als Lernort für die Schule aufzubereiten. Abschließend soll dieser Versuch und die Ergebnisse dieser Hausarbeit bewertet werden.

2.0 Kirchenraumpädagogik

Die Kirchenraumpädagogik oder auch Kirchenpädagogik ist eine Disziplin, die zu Beginn der 1990er Jahre entstand. Eben aus der Motivation heraus, dass das Interesse an der Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zuge der 68er Revolution nachließ und hier die fortschreitende Gefahr erkannt wurde das dass sonst so "selbstverständlich weitergereichte Wissen um ihre vielschichtige Symboldeutung in unserem Jahrhundert verloren geht."[2] Gleichzeitig sind Kirchen und ihr Inhalt unser Erbe der Vergangenheit mit dem wir verantwortungsvoll umgehen müssen. Um ein Bewusstsein dafür zu wecken ist jedoch Vorrausetzung sie auch zu verstehen und zu schätzen. Diese zurückgehende Entwicklung des Interesses lässt sich auf drei Teilaspekte zurückführen: 1. Der Traditionsbruch oder Traditionsabbau in der Gesellschaft der zu einem "Analphabetismus" gegenüber religiösen Symbolen oder Bräuchen führt. 2. die Suche nach des modernen Menschen nach "auratischen" Räumen, also solchen die durch ihre Ausstattung oder Größe eine besondere Anziehungskraft besitzen. 3. Im protestantischen Bereich die starke Ausprägung auf die Verkündigung Gottes durch das Wort wodurch Rituale und Symbole in den Hintergrund rücken.[3]

Die Kirchenraumpädagogik versucht also neue Zugänge zu bieten sich einem kirchlichen Raum und einem Glauben anzunähern und ihn für sich zu erschließen. Dabei ist die Kirchenraumpädagogik als solche keine bloße Kirchenführung, sondern bietet eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Raum. Die junge Disziplin der Kirchenraumpädagogik ist zu großen Teilen auch aus der Museumpädagogik entsprungen in welcher von einem großen Fundus an bereits vorhandenen Erfahrungen profitiert werden konnte.[4]

Sie bietet außerdem eine ganze Reihe von verschiedenen methodischen Ansätzen einen Kirchenraum zu erschließen:

1. Die stadtgeschichtliche Auslegung: Es wird nach der Bedeutung der Kirche für ihr Umfeld gefragt.
2. Die kunstgeschichtliche Auslegung: Hier wird auf Stilrichtungen von Bildern, Skulpturen oder Bauwerken geachtet.
3. Semiotische Auslegung: Es wird nach bedeutungsvollen Zeichen im Raum gesucht.
4. Liturgische Auslegung: verbindet den Zusammenhang von Raum und Liturgie.
5. Verkündigende Auslegung: Stellt Bezüge zwischen einzelnen Elementen der Kirche, wie zum Beispiel: Altar, Kreuz usw. da.
6. Biografische Auslegung: Bezieht persönliche Lebensgeschichten auf die Kirche.
7. Frömmigkeitsgeschichtliche Auslegung: Zeigt lokale Frömmigkeit auf.
8. Phänomenologische Auslegung: Lässt den Raum als heilig wahrnehmen.
9. Mystagogische Auslegung: Hier werden persönliche Erfahrungen mit dem Heiligen inszeniert.[5]

Die Kirchenraumpädagogik ist, wie es sich bereits vermuten lässt, stark handlungsorientiert und arbeitet allgemein hin nach dem Dreischritt Wahrnehmen, Deuten und Handeln. In dem Schritt "Wahrnehmen" wird der Übergang von der Alltagswelt des Besuchers zum religiösem Raum deutlich. Dies geschieht durch das Äußere als auch durch das Innere der Kirche. Der Schritt "Deuten" ist geprägt von der persönlichen Beziehung zu dem Kirchenraum. Ein eigener Zugang wird hergestellt. "Handeln" bezeichnet jenen Schritt der sich mit den religiösen Bedeutungen des Gesehenen auseinandersetzt.[6].Dieser Dreischritt schlüsselt sich dabei noch einmal wie folgt auf:

1. von außen nach innen
2. vom Befremden zum Wundern und Staunen
3. von Annähern zum Verweilen
4. vom Einzelnen zur Gemeinschaft
5. vom Wahrnehmen zum Verstehen
6. vom eigenen Erleben und Fragen zu Deutung und Antwort
7. vom äußeren Raum zur Wahrheit der göttlichen Gegenwart[7]

Diese Aufschlüsselung lässt sich im Einzelnen wie folgt verstehen: Zu 1: Grundsätzlich und logischerweise wird der Besuch einer Kirche oder eines religiösen Raumes von Außen begonnen. Es soll nämlich erst einmal das Äußere verinnerlicht werden um eine Erwartungshaltung hervorzurufen die auch eine Neugier und ein Interesse weckt und den Besucher für das Innere vorbereitet oder öffnet. Zu 2: Die vielen Eindrücke sind für den Besucher etwas Neues, er fühlt sich unter Umständen fremd in dieser Umgebung, gleichzeitig löst das fremdartige Verwunderung, Staunen und vielleicht sogar Begeisterung (Im schlimmsten Fall löst die Fremdartigkeit Angst aus die durch geschickte pädagogische Führung in Neugier gewandelt werden sollte um diese Ängste abzubauen.) aus wodurch der nächste Schritt eingeläutet wird. Zu 3: Nach dem anfänglichen Staunen und der Befremdlichkeit beginnt der Besucher "anzukommen". Durch seinen geplanten Aufenthalt nähert er sich an und setzt sich idealerweise mit den ihm befremdlichen Dingen auseinander. Zu 4: Nach der Betrachtung Einzelner, für den Besucher scheinbar interessanter Dinge folgt eine Umfassende Betrachtung des Raumes, in dem seine ganze Fülle an Sonderbarem wahrgenommen wird. Zu 5: Der Kreis der Wahrnehmung schließt sich, von der anfänglichen Betrachtung einzelner Dinge hin zu einer umfassenden Wahrnehmung des Raumes in dem die Besonderheiten vielleicht sogar miteinander verknüpft werden, welches ein Verstehen im Besucher auslöst. Zu 6: Nachdem der Besucher sich auf seine eigene Art und Weise mit dem Raum und seinen Besonderheiten auseinander gesetzt hat, ergeben sich ihm nun Deutungen und Antworten auf die Fragen, die er während des Besuchs an ihn gestellt hat. Zu 6: in diesem letzten Schritt werden alle Beobachtungen und Erkenntnisse verknüpft und es wird die Spiritualität begriffen die in diesem Raum für die Gläubigen herrscht.

Wahrscheinlich können nicht alle genannten Punkte in dieser exakten Reihenfolge beim Individuum durchlaufen werden, zumal sich einige von ihnen auch überschneiden. Es stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt einer Anleitung von außen bedarf um alle Schritte zu durchlaufen ohne sie vorher zu kennen oder ob die Kirchenraumpädagogik auch von alleine wirkt, sozusagen eine "Auto- Kirchenraumpädagogik". Gerade bei Kindern lässt sich zumindest aufgrund ihrer noch nicht voll ausgereiften kognitiven Fähigkeiten wohl eher darauf schließen, dass es sehr wohl einer Anleitung von außen bedarf um diese Schritte zu durchlaufen und den Raum vollends zu begreifen. Im Allgemeinen ist Anleitung von außen wohl als eher sinnvoll zu betrachten berücksichtigt man nämlich das Ziel der Kirchenraumpädagogik welche nämlich ist, einen religiösen Raum zu verstehen und zu begreifen. Ohne diese "Führung" könnten Dinge Missverstanden oder falsch interpretiert werden, welches die Kirchenraumpädagogik ja letztendlich zu vermeiden versucht.

Weiterhin stellt sich im Rahmen dieser Untersuchung die Frage ob Kirchenraumpädagogik neutral sein kann oder neutral sein muss. Ersteres ist wohl eher kritisch zu betrachten da die Kirchenraumpädagogik unter Anleitung, das heißt wenn sie von einer Führungsperson begleitet wird suggestiv durch diese auf den Besucher einwirkt. Ziel des Pädagogen sollte es natürlich sein den Besuchern den Raum auf eine positive Art und Weise so nahe wie möglich zu bringen jedoch ist fraglich ob dies auf eine angemessene Weise geschehen kann. Allein schon durch seine eigenen Erfahrungen und vor allem Weltansichten. Es bedarf schon eines hohen Maßes an Professionalität und Distanz soll der Besuch nicht durch die positiven oder negativen Empfindungen der Führungsperson eingefärbt sein. Ist diese Professionalität die einen schmalen Grat zwischen Begeisterung und Distanz fährt gegeben so ist es dennoch schwierig sie beispielsweise bei dem Besuch mehrerer religiöser Räume in Folge, wie dies durchaus in der Schule üblich ist, aufrechtzuerhalten und keine Wertigkeit zwischen ihnen zu suggerieren. Damit ist auch die Frage nach dem "muss" Kirchenraumpädagogik neutral sein erst einmal klar zu bejahen, in Anbetracht der genannten Tatsachen, scheint dies jedoch unmöglich und könnte daher eher mit einem "sollte" ersetzt werden. Nun könnte man natürlich auch davon ausgehen das jeder religiöse Raum von einem Stellvertreter dieser religiösen Gemeinde vorgestellt wird, welcher sie sozusagen repräsentiert und dabei natürlich sein Bestes gibt ihn so positiv wie möglich zu vermitteln. Hier ist jedoch einzuwenden, dass die Kirchenraumpädagogik dann wohl aufgrund der Gefahr einer bestehenden Konkurrenz, in ein grobes Werben oder Missionieren ausartet. Dies ist jedoch als nicht zielführend zu betrachten, weshalb sich an dieser Stelle der Untersuchung für eine "neutrale Kirchenraumpädagogik" ausgesprochen werden soll. Gerade im Bildungsbereich liegt diese Aufgabe selbstverständlich bei den Lehrkräften, in diesem speziellen Fall bei den Religionslehrern (Was natürlich auch wieder die Frage aufwirft ob diese aufgrund ihres eigenen, meist religiösen Hintergrundes dazu überhaupt in der Lage sind oder ob sie aufgrund ihrer fachlich einseitigen Ausbildung nicht allein schon durch ihr Wissen Wertigkeiten suggerieren. Soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden da es zu sehr in das Selbstverständnis des Religionslehrers und der Kirchenraumpädagogik geht).

[...]


[1] Kirchen erkunden, Kirchen erschließen. S. 16

[2] Kirchen erkunden, Kirchen erschließen. S. 118

[3] Vgl. Kirchenräume entdecken. S. 6

[4] Vgl. Kirchenräume entdecken. S. 6

[5] Vgl. Handbuch der Kirchenpädagogik. S. 17

[6] Vgl. Kirchenräume entdecken. S. 9

[7] Kirchenräume entdecken. S. 8

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kirchenraumpädagogik. Chancen und Grenzen am Beispiel religiöser Räume
Hochschule
Universität Bielefeld  (Abteilung Theologie)
Veranstaltung
Didaktik der Kirchengeschichte
Note
1,7
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V323086
ISBN (eBook)
9783668220096
ISBN (Buch)
9783668220102
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moscheepädagogik, religiöse Räume entdecken, religiöse Räume in der Schule, Kirchenraumpädagogik, Besichtigung einer Kirche in der Schule
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Kirchenraumpädagogik. Chancen und Grenzen am Beispiel religiöser Räume, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323086

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