Warum wünschen wir uns Kinder? Eine empirische Studie zu einer nicht-trivialen Frage


Forschungsarbeit, 2014

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Aktueller Forschungsstand
2.2 Begriffliche und theoretische Grundlagen
2.2.1 Kinderwunsch aus einer historischen Perspektive
2.2.2 Ökonomischer Ansatz
2.2.3 Value of Children-Ansatz
2.3 Theoretische Annahmen über die Einflussfaktoren
2.3.1 Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie
2.3.2 Zum Frauenbild
2.3.3 Zur Familientypologie

3 Methode
3.1 Datensatzbeschreibung
3.2 Operationalisierung der Kinderorientierung
3.3 Operationalisierung der Indikatoren
3.3.1 Vereinbarkeit Familie und Beruf
3.3.2 Frauenbild
3.3.3 Familientypologie
3.4 Statistische Verfahren

4. Ergebnisse

5. Diskussion

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, ob Männer und Frauen Eltern werden wollen, ist eine Frage, „die sich in dieser Form historisch noch gar nicht so lange stellt“ (Kahlert 2007, S. 356). Mittlerweile ist es jedoch eine Selbstverständlichkeit, dass zu einer Familie auch dann Kinder gehören, wenn man ihre Arbeitskraft nicht zwingend benötigt. Sie dienen zu einem gewissen Grad auch immer noch der Absicherung, sei es genetisch, finanziell oder auf den eigenen Stammbaum bezogen - immerhin ist das Fortbestehen der Menschheit auf Kinder angewiesen und keiner unserer direkten Vorfahren ist jemals kinderlos geblieben.

Dennoch, in Deutschland geht ein alarmierender Geburtenrückgang durch die Medien und der demographische Wandel wirft seine überalternden Schatten voraus; und das obwohl Kinder in Deutschland immer noch als Inbegriff von Familienglück und Freude gelten. Es kann also nicht davon gesprochen werden, dass die Deutschen grundsätzlich keine Kinder mehr bekommen möchten. Hier setzt diese Arbeit an und versucht Faktoren zu bestimmen, die Rückschlüsse auf die generelle Bereitschaft, Kinder zu bekommen, erlauben. Wo liegen die Unterschiede zwischen Menschen, die Kinder bekommen und denen, die kinderlos bleiben? Handelt es sich dabei um bewusste Entscheidungen? Haben Lebensläufe, Werte oder Ideale einen Einfluss darauf, wie sehr wir uns Kinder wünschen und wie intensiv wir dieses Ziel verfolgen?

Wahrscheinlich ist, dass Elternschaft aus ihrer biologischen und finanziellen Notwendigkeit herausgelöst und in ihrer Selbstverständlichkeit neu überdacht wird. Sie stellt sich dabei als eine Alternative von vielen dar und zwingt besonders Frauen, und immer mehr auch Männer, dazu, sich zwischen Kindern, Familie, Beruf, Freunden oder Hobbys entscheiden zu müssen.

Diese Entscheidung wird sicher nicht leichtfertig getroffen, soweit überhaupt von einer bewussten Entscheidung gegen Kinder gesprochen werden kann. Vielmehr wird "auf den richtigen Zeitpunkt gewartet", sich "erstmal auf die Karriere konzentriert" und manchmal "passt es gerade einfach nicht". Auch die hiermit implizierten Rahmenbedingungen, in die eine mögliche Elternschaft eingebettet ist, scheinen relevant zu sein.

Um diese Fragen beantworten zu können, soll anhand der vorliegenden Studie exploriert werden, wie groß der Einfluss bestimmter, ausgewählter Elemente auf die Bereitschaft zur Elternschaft ist. Den theoretischen Rahmen dazu bilden sowohl ökonomische, als auch sozialpsychologische Ansätze, die, aufbauend auf einer historischen Bestimmung der Bedeutung von Kindern und Familien für die Gesellschaft, auf ihre inhaltliche Passung hin untersucht werden (Kapitel 2.2) und als theoretisches Fundament der Analyse dienen (Kapitel 2.3).

Die auf diese Weise strukturierten Daten werden anschließend statistisch aufbereitet (Kapitel 3) und die Ergebnisse dargestellt (Kapitel 4). Anschließend werden die getroffenen Annahmen basierend auf den empirisch gewonnen Daten diskutiert und ihre Relevanz für das Forschungsvorhaben herausgestellt. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick auf relevante weitere Untersuchungsgegenstände.

2. Theoretischer Rahmen

Die Familiensoziologie ist mittlerweile ein sehr breitgefächertes Gebiet. Letztendlich geht es in ihr um die „individuellen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Faktoren, welche beeinflussen, ob und wann im Leben Individuen eine Familie gründen, wie sie ihr Familienleben gestalten und welche Auswirkungen auf ihre Lebensumstände und ihren Lebenslauf insgesamt damit verbunden sind“ (Huinink und Konietzka 2007, S. 12). Darum braucht die vorliegende Forschungsarbeit Eingrenzung auf ausgewählte Theorien, in diesem Fall auf die Fertilität und damit eingeschlossen auch auf den Kinderwunsch deutscher Männer und Frauen. Im Folgenden wird sich zeigen, dass damit jedoch nicht die Vielzahl der beeinflussenden Faktoren eingegrenzt werden kann. Dafür ist die Familie zu sehr individuell und gleichzeitig gesellschaftlich geprägt.

2.1 Aktueller Forschungsstand

In der Literatur lassen sich zahlreiche Beiträge und Ansätze finden, die sich mit reproduktiven bzw. generativen Verhalten beschäftigen. Dabei wurden für diese Arbeit vier allgemeine, relevante Ansätze herausgearbeitet, die Einflussfaktoren identifizieren könnten: (1) Ökonomische Ansätze, (2) Wertewandel, (3) Präferenz-Theorie und (4) Familienpolitik. Bieten diese Ansätze auch jeweils hilfreiche (Teil-)Erklärungen der untersuchten Phänomene, so ist es bisher nicht gelungen, abschließend Determinanten von Kinderwunsch zu bestimmen (vgl. Schleutker 2014, S. 192).

Ökonomische Ansätze sehen den Kinderwunsch eines Paares als Folge persönlicher Idealvorstellungen in Abhängigkeit von Kosten-Nutzen-Abwägungen und der Verfügbarkeit von Ressourcen. Entsprechend sind die zentralen Untersuchungsgegenstände das Einkommen der Partner, aber auch Bildung und staatliche Unterstützungssysteme werden betrachtet. Die Ergebnisse sind dabei nicht eindeutig (vgl. Schleutker 2014, S. 193). Studien haben zwar zahlreiche positive (vgl. Dribe und Stanfors 2010; Brodmann et al. 2007) aber auch negative (vgl. Westoff und Marshall 2010; Dribe und Stanfors 2010) Zusammenhänge zwischen der Geburtenrate und dem Einkommen bzw. der Bildung zeigen können. Ähnlich stellt sich das Bild dar, wenn entsprechende Studien nur über Frauen durchgeführt werden. Zumindest für Europa legen diese Studien den Schluss nahe, dass mit steigenden Einkommens- und Bildungsniveaus die Fertilität von Frauen sinkt (vgl. Rønsen 2004; Kreyenfeld 2004) und mit Arbeitslosigkeit oft zunimmt (vgl. Kravdal 2002; Vikat 2004; Kreyenfeld 2010). Eine Ausnahme bilden die skandinavischen Länder, wo zwischen Einkommen und Fertilität von Frauen ein positiver Zusammenhang gezeigt werden kann (vgl Vikat 2004). Schleutker führt dies auf die speziellen familienpolitischen Rahmenbedingungen dieser Länder zurück und stellt fest, dass klar ist, dass Einkommen und Bildung in jedem Fall einen Einfluss auf die Fertilität haben, die Richtung des Zusammenhangs aber von anderen Faktoren abhängen muss (vgl. Schleutker 2014, S. 197).

Der Blick auf den Wertewandel spielt insbesondere im Hinblick auf sich verändernde Familienbilder eine Rolle. Dabei kommen sowohl nichteheliche Lebensformen, aber auch steigende Scheidungsraten und außereheliche Kinder in Betracht (vgl. Schleutker 2014, S. 198). Zahlreiche Studien konnten für Verheiratete die höchste Fertilität zeigen, während diese bei Alleinstehenden, aber auch bei unverheirateten, jedoch zusammenlebenden, Partnern niedriger ausfällt (vgl. Rønsen 2004; Schröder und Brüderl 2008).

Die Präferenz-Theorie ist nicht unumstritten und schließt an die Theorie der Konkurrenz der Genüsse ( vgl. Brentano 1909) an. Es wird davon ausgegangen, dass vor allem Frauen u.a. durch die Erfindung empfängnisverhütender Mittel, Bestrebungen zur Gleichberechtigung, die Einführung von Teilzeit-Arbeitsverhältnissen und einer allgemein stärkeren Orientierung an individuellen Wünschen und Zielen viel stärker selbst bestimmen können, welches Leben sie führen wollen und sich erstmals zwischen Beruf und Familienleben bzw. traditioneller Mutterrolle entscheiden können (vgl. Schleutker 2014, S. 204). Studien konnten zwar zeigen, dass die Präferenzen von Frauen tatsächlich vielfältiger geworden sind, diese Vielfalt lässt sich für die tatsächlich realisierten Entscheidungen nicht sicher zeigen, da Präferenzen aufgrund von Einschränkungen, z.B. dem Fehlen staatlicher Unterstützungsangebote, nicht immer realisiert werden können (vgl. Vitali et al. 2009), eine Tatsache die die Präferenz-Theorie nicht berücksichtigt (vgl. Schleutker 2014, S. 204). Der Zusammenhang von Präferenzen mit Fertilität und dem Wunsch nach Kindern wurde hingegen bisher noch nicht näher untersucht, auch wenn einzelne Studien (vgl. Vitali et al. 2009) einen solchen Zusammenhang nahelegen (vgl. Schleutker 2014, S. 204).

Der letzte erwähnenswerte Theoriestrang ist der Einfluss der Familienpolitik auf Fertilität und Kinderwunsch. Zentraler Punkt dieses Ansatzes sind die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen, die es ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren, ohne zu große Zugeständnisse machen zu müssen; oder das Fehlen entsprechender Angebote (vgl. Schleutker 2014, S. 200). Dabei lässt sich ein positiver Zusammenhang mit Fertilität sowohl für das Angebot von Kinderbetreuung (vgl. Rindfuss et al. 2010) als auch von finanziellen Anreizsystemen (Lalive und Zweimüller 2009) zeigen. Es finden sich aber auch Belege, die in die entgegengesetzte Richtung deuten (vgl. Rønsen 2004; Vikat 2004).

2.2 Begriffliche und theoretische Grundlagen

Nach diesem Überblick über die bisherige und aktuelle Forschung auf dem Gebiet der Geburtenforschung wird klar, dass es zahlreiche Ansätze gibt, die das Bedürfnis nach reproduktivem Verhalten erklären wollen. Gleichzeitig konnte bisher kein Ansatz diesem Anspruch in Gänze gerecht werden. Im Folgenden haben wir uns darum für einen mehrdimensionalen Ansatz entschieden, der sowohl sozialpsychologische als auch ökonomische Theorien vereint. Damit wollen wir der Tatsache Rechnung tragen, dass durch aktuelle und vergangene Individualisierungs- und Modernisierungsprozesse die Entscheidung zur Elternschaft aus ihren strukturellen Zwängen und kulturellen Selbstverständlichkeiten herausgehoben wurde, und potentielle Eltern in ihrer Konsequenz vermehrt über ihr Fortpflanzungsverhalten reflektieren müssen (und können) (vgl. Klein 2006, S. 9-10). Diese bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder war im historischen Verlauf nicht selbstverständlich und diese tief verwurzelten historischen Faktoren wirken auch heute noch.

2.2.1 Kinderwunsch aus einer historischen Perspektive

Bis ins 18 Jahrhundert hinein war das Leben vor allem in Bauern- und Handwerkerfamilien im Sinne einer Wirtschaftsgemeinschaft in einem „ganzen Haus“ organisiert. Demnach galt es für die Existenzsicherung gemeinsam mit Männern, Frauen, Kindern und dem Gesinde unter einem Dach zu arbeiten. Dass dabei kein Platz für Gefühle und Wünsche einer Einzelperson war, zeigte sich auch in der Partnerwahl, die „ein vorwiegend ökonomisches Arrangement […] zur Gewinnung von Arbeitskräften für den Familienbetrieb, Sicherung des vorhandenen Besitzes, Vermögens und Ansehens“ (Beck-Gernsheim 2006, S. 30) darstellte. Die Familien in der vorindustriellen Zeit waren definitiv reicher an Kindern als dies heute der Fall ist, jedoch war das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern ebenso gefühlsarm wie das zwischen den Eheleuten. Manche Sozialhistoriker bezweifeln gänzlich, ob es die „natürliche Mutterliebe“ zu dieser Zeit überhaupt gab oder „ob sie nicht erst eine Erfindung der Neuzeit ist“ (Beck-Gernsheim 2006, S. 30). Kinder wurden schlichtweg als Arbeitskräfte, Erben und Namensträger sowie zur Alterssicherung gebraucht. Aufgrund der schlechten Infrastruktur gab es viele Totgeburten und eine hohe Kindersterblichkeit, was dazu führte, dass in einer Familie bewusst mehr Kinder geboren wurden, um diese Mortalität auszugleichen (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 31).

Mit dem Übergang in die Moderne wurde die Lebensweise des „ganzen Hauses“ aufgebrochen, denn die Familie wird im Zuge der Industrialisierung nicht mehr als Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft gebraucht. Außerdem treten Werte wie Selbstbestimmung und Autonomie in der bürgerlichen Gesellschaft in den Fokus. Dieses Leitbild galt insbesondere für die Männer und entsprechend entstand eine neue Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau: Frauen wurden auf das Familienleben eingegrenzt, der Mann kümmerte sich um den Beruf und die Öffentlichkeit. Dadurch erfahren die „weibliche und männliche Natur“ eine völlig neue Definition, welche als Leitbild des erstarkenden Bürgertums schließlich auch in die unteren Schichten durchdringt (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 33-34). Zwar gewann Erwerbsarbeit im heutigen Sinne zunehmend an Bedeutung, doch waren Frauen von den „besseren“ Berufen größtenteils ausgenommen. Da sich die Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts nur noch um Haus, Heim und Kindern kümmern sollten, wurde die Kindererziehung Mittelpunkt ihres Lebens und das Kind zum Beruf. Pädagogische Konzepte und erzieherische Methoden wurden entwickelt und boten den Frauen des Bürgertums eine Profession abseits der männlich dominierten Erwerbsarbeit (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 42-45). Für die Frauen des Bürgertums dieser Zeit boten dieses Mutterschaftsideal und die neue Aufgabe der Erziehung[1] durchaus Zufriedenheit und Erfüllung (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 52-53). Für die Familie aus den Arbeiterschichten war dieses bürgerliche Rollenverständnis jedoch utopisch, da der Lohn des Mannes nicht den ganzen Familienunterhalt abdecken konnte und Frauen sowie Kinder arbeiten mussten. Diese Einschränkung nahm mit Beginn der Industrialisierung und damit einhergehend den veränderten Arbeitsstrukturen immer mehr ab und die bürgerliche Rollenverteilung diffundierte auch in die unteren Schichten.

„Das Ergebnis ist schließlich ein doppeltes: Die Säuglingssterblichkeit sinkt – und die Geburtenhäufigkeit auch“ (Beck-Gernsheim 2006, S. 81-82). Im 19. Jahrhundert kann also bereits der erste starke Geburtenrückgang verzeichnet werden, sowohl im Bürgertum als auch in den unteren Schichten. Lujo Brentano sprach 1909, bezogen auf den starken Geburtenrückgang, davon, dass es „zwei höchst konkrete Bedürfnisse“ sind, die zur Zunahme der Bevölkerung führen, „das Geschlechtsbedürfnis und die Kinderliebe“ (Brentano 1909, S. 579). Damit hat er bereits zwischen Sexualtrieb und Fortpflanzung unterschieden und jene Tatsache beschrieben, die mit der flächendeckenden Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zur Normalität wurde: Die Möglichkeit sich bewusst gegen Kinder zu entscheiden, ohne dabei der Sexualität entsagen zu müssen (vgl. Huinink und Konietzka 2007, S. 21). Brentano hat erkannt, dass der eigene Lebensstandard mit der höheren Bildung und steigendem Wohlstand nun auch höheren Ansprüchen genügen muss, und gleiches gilt für die Beziehung und Erziehung der Kinder innerhalb der Familie. Und so schreibt er: „was die Abnahme des Zeugungswillens hervorgerufen hat, sind die Zunahme der Konkurrenz der Genüsse und eine Verfeinerung im Gefüge der Kinderliebe“ (Brentano 1909, S. 602). Die Bedürfnisse sind so mannigfaltig wie die Möglichkeiten, mit denen sie befriedigt werden können und führen laut Brentano zu einem ökonomischen Denken innerhalb der Lebensplanung.

Mit diesem Einstieg soll im Folgenden der Ökonomische Ansatz[2] nach Gary Becker vorgestellt werden, der die strukturellen Determinanten der Wünsche für oder gegen Kinder betont und sich der (ökonomisch paradoxen) Frage stellt, warum bei steigendem Wohlstand die Kinderzahlen sinken. Es wurde viel Kritik daran geübt, Entscheidungen zum Familienleben ausschließlich in ökonomische Annahmen zu fassen. Doch haben ökonomische Theorien durchaus neue Vokabeln und Sichtweisen in die familiensoziologische Diskussion eingebracht und dort ihre Berechtigung. Der Kritik wird jedoch im zweiten Theoriestrang mit Hoffmanns und Hoffmanns sozialpsychologischem Value of Children -Ansatz Rechnung getragen.

2.2.2 Ökonomischer Ansatz

In seiner einflussreichen Familientheorie vereint der amerikanische Ökonom Gary Becker zwei wichtige Aspekte. Zum ersten trifft er die Unterscheidung zwischen der Zahl der Kinder und ihrer Qualität. „Kinder stellen für ihn (dauerhafte) psychische Nutzen vermittelnde Konsumgüter dar, die Elternschaft grundsätzlich erstrebenswert machen“ (Huinink und Konietzka 2007, S. 149). Mit der Qualität eines Kindes meint Becker dessen Merkmale wie Bildung, Gesundheitszustand und zukünftiges Erwerbseinkommen. Vergleicht man den Preis von „zusätzlichen Einheiten an Kinderqualität“ mit dem Preis eines zusätzlichen Kindes, ist der Anreiz bei zunehmendem Einkommen für Eltern größer, in die Qualität der Kinder zu investieren (vgl. Becker 1993, S. 135-138). Oder anders formuliert: Die Höhe der direkten Kosten steigt mit der Anzahl der Kinder ungleich stärker als mit ihrer steigenden Qualität (vgl. Leibenstein 1962, S. 162).

Der zweite wichtige Punkt betrifft die Zeit der Eltern für ihre Kinder. Der Zeitaufwand lässt sich bei Becker als Kosten begreifen, die zusätzlich zu den bereits nötigen Aktivitäten im Haushalt anfallen. Zum anderen entgeht Einkommen in Form von Opportunitätskosten (vgl. Becker 1993, S. 43).

Es dürfte nicht verwundern, dass Beckers Theorie heftig kritisiert wurden ist. Ein naheliegender Vorwurf ist, dass die Gründung einer Familie mehr als eine Kosten-Nutzen-Kalkulation ist. Becker hat in seiner Theorie keine sozialen Normen und Wertvorstellungen berücksichtigt (vgl. Blossfeld und Hunink 1991, S. 146-147), ebenso fehlen dem Modell auch Momente von Irrationalität, Emotionalität, Kultur und Sozialisation (vgl. Burkart 1994, S. 73-76). Ein zweiter wichtiger Kritikpunkt betrifft das Opportunitätskostenargument: Damit möchte Becker erklären, dass hochqualifizierte Frauen nicht nur später sondern auch weniger Kinder zur Welt bringen, da sie ansonsten mit hohen Einkommenseinbußen, ergo höheren Opportunitätskosten zu rechnen haben.

„Allerdings bleibt dieses Erklärungsmodell unvollständig, wenn nicht auch der gesellschaftliche Kontext in Form von infrastrukturellen Randbedingungen (z.B. Verfügbarkeit von Krippen- und Hortplätzen, Angebot an Ganztags- versus Halbtagsschulen), soziokulturellen Rahmenbedingungen (z.B. geschlechterspezifische Rollenleitbilder hinsichtlich der Verteilung von Familien-, Haus- und Erwerbsarbeit) und arbeitsmarktspezifischen Randbedingungen (z.B. Arbeitsmarktflexibilität, Toleranz und Akzeptanz von familienbedingen Ausfallzeiten) als wesentliche Bedingungsfaktoren der Opportunitätskosten berücksichtigt wird“ (Wirth 2007, S. 170).

Die Bedeutung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen zur Realisierung von Beruf und Familie gleichzeitig sollte folglich nicht unterschätzt werden.

Der Tatsache, dass Elternschaft heute nur bedingt ein rational geplantes Ereignis Lebensverlauf darstellt – dass häufig überhaupt nur unter formalen Gesichtspunkten von einer Entscheidung gesprochen werden kann (vgl. Burkart 2002, S. 25) – soll der Value of Children-Ansatz im Folgenden gerecht werden.

2.2.3 Value of Children-Ansatz

Lois Hoffmann und Martin Hoffmann haben in den 1970er Jahren den sogenannten Value of Children -Ansatz entwickelt, der zum Ziel hatte, „Unterschiede im generativen Verhalten von Eltern sowohl unter dem Aspekt interkultureller Differenzen als auch unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen zu erklären“ (Hillmann 2010, S. 6). Wie der Name schon sagt, verbinden Eltern mit ihren Kindern einen bestimmten Wert. Insgesamt stellen die beiden Autoren neun Wertekategorien auf:

„1. Adult status and social identity 2. Expansion on the self, tie to a larger entity, ‚immortality‘ 3. Morality: religion; altruism; good of the group; norms regarding sexuality, impulsivity, virtue 4. Primary group ties, affiliation 5. Stimulation, novelty, fun 6. Creativity, accomplishment, competence 7. Power, influence, effectance 8. Social comparison, competition 9. Economic utility“ (Hill und Kopp 2013, S. 171)

Mit dieser Aufstellung schaffen es die beiden Autoren, den Kinderwunsch nicht als konstante Größe festzuhalten, sondern ihm eine Variabilität zuzugestehen (vgl. Huinink und Konietzka 2007, S. 151-152), die von „äußeren Rahmenbedingungen, individuellen Ressourcen und subjektiven Lebenszielen“ (Hillmann 2010, S. 13) abhängig ist (vgl. Marbach und Tölke 2007, S. 245-247)).

[...]


[1] Es ging sogar so weit, dass sich bürgerliche Frauenbewegungen dafür einsetzen, die Eingrenzung der Frauen auf das Private aufzubrechen, indem sie sich auf die Verschiedenheit der Geschlechter konzentrierten. Mit dem Besonderen der Frau, dem „Mütterlichen“ in ihr, wird die Familien- und Erziehungsarbeit und in Folge auch Tätigkeiten im Sozial-, Pflege- und Erziehungsbereich zu ihren Handlungs- und Einflussfeldern erklärt Beck-Gernsheim (2006, S. 61-64).

[2] Harvey Leibenstein (1962) als Vorreiter von Gary Becker wird an dieser Stelle aufgrund des begrenzten Umfangs nicht vorgestellt. Er teilte in drei Nutzarten von Kindern, in den Konsumnutzen, den Einkommensnutzen und den Versicherungsnutzen (vgl. S. 161). Er stellte ebenfalls heraus, dass es direkte und indirekte Kosten von Kindern gibt. Das wichtige an der Theorie ist, dass sich die Höhe der Kosten und Nutzen mit dem Wohlstand der Menschen verändern – sie wie es auch Brentano bereits in Ansätzen gesagt hat. Laut Leibenstein nehmen die Kosten zu, der Versicherungs- und Einkommensnutzen hingegen ab. Der Konsumnutzen der Kinder bleibt unverändert. In der Konsequenz gehen die Geburtenzahlen mit steigendem Wohlstand zurück (vgl. Leibenstein 1962, S. 162).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Warum wünschen wir uns Kinder? Eine empirische Studie zu einer nicht-trivialen Frage
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Forschungspraktikum
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V323172
ISBN (eBook)
9783668223172
ISBN (Buch)
9783668223189
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderwunsch in Deutschland, Familiensoziologie, Demografischer Wandel, Quantitative Forschung, Frauenbild, Vereinbarkeit Beruf und Familie, Familientypologie, Value of Children-Ansatz, Ökonomischer Ansatz, Statistische Verfahren
Arbeit zitieren
Laura Röhrs (Autor), 2014, Warum wünschen wir uns Kinder? Eine empirische Studie zu einer nicht-trivialen Frage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323172

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