Der Einfluss der Akademisierung auf das System der Dualen Ausbildung


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Wissen ist Macht

2 Wachsender Bildungsstand
2.1 Erscheinungsformen der Akademisierung
2.2 Die Akademisierung der Gesellschaft
2.2.1 Wirtschaftliche Motivationen
2.2.2 Gesellschaftliche Gründe
2.3 Zur Abwendung von der nichtakademischen beru ichen Bildung

3 Auswirkungen der Akademisierung
3.1 Auswirkungen auf das duale System
3.2 Konsequenzen für die Didaktik nichtakademischer beru icher Bildung
3.3 Auswirkungen auf die Arbeitswelt

4 Zukunft des Dualen Systems

Literatur

Abbildungsverzeichnis

1 Prozentualer Anteil des in der Bevölkerung vorhandenen Bil- dungsabschlusses

2 Arten des Hochschulzugangs in Deutschland

3 Entwicklung der Anzahl der in Deutschland studierenden Personen

4 Durchschnittliche Lebensverdienste (Brutto) nach höchstem Bil- dungsabschluss

5 Bundesweite Entwicklung des Ausbildungsplatzangebots 1992 bis 2014

6 Bisherige und prospektive Entwicklung der Akademikerquote in Deutschland

7 Das Berliner Modell nach Heimann, Otto, Schulz

8 Voraussichtlicher Bedarf von Arbeitskräften bis 2025 nach Qua- li kationsniveaus in Prozent

9 Vergangene und zukünftige Entwicklung des Verhältnisses zwi- schen beru icher und allgemeiner Bildung

1 Wissen ist Macht

In den vergangenen Jahren stiegen die Anforderungen an Schüler1 und jun- ge Erwachsene im Bezug auf Bildung stetig. Der Aufschrei nach fehlenden Fachkräften wurde immer lauter, im gleichen Zuge stiegen jedoch z. B. die Anforderungen an Auszubildende und Studierende. War es vor einigen Jah- ren noch möglich, mit einem guten Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Industriemechaniker zu beginnen, wird von vielen Firmen mittlerweile häu g als untere Grenze ein guter Realschulabschluss bzw. das Abitur gefordert. Der Anteil von Menschen mit Fachhoch- oder Hochschulreife in der Bevölkerung war 2008 noch bei 24,4 % und ist innerhalb von 6 Jahren um 4,4 % angestie- gen mit weiterhin steigender Tendenz. Die Quote der Hauptschulabschlüsse ist in diesem Zeitraum hingegen von 39,3 % auf 33,8 % gefallen (siehe Abbil- dung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prozentualer Anteil des in der Bevölkerung vorhandenen Bil- dungsabschlusses (Darstellung: Eigene; Daten: vgl. Statistisches Bun- desamt 2015a)

Die Ansicht, Deutschland habe eine viel zu geringe Abiturientenquote und in der Folge auch einen dramatischen Akademiker- und Fachkräftemangel, gehört heute zu den Grundüberzeugungen der Politiker jedweder Couleur, wird aber auch in der Öffentlichkeit zu den unumstöÿlichen Tatsachen gerechnet, die man nicht hinterfragt. (Meidinger 2013, S. 122)

Trotzdem ist nun immer häu ger in Zeitungen und Fachblättern von stei- genden Zahlen der Studierenden zu lesen. Tatsächlich sind laut Statistischem Bundesamt die Zahlen der Studienanfänger von etwa 315 000 (2000) auf gut 500 000 (2014) angestiegen (vgl. Statistisches Bundesamt Pressestelle 2015a). Demgegenüber sanken die neu abgeschlossenen Berufsausbildungsver- träge auf 518 000 (2014). Die Zahlen schwankten in den letzten zehn Jahren zwar stark der Spitzenwert lag im Jahr 2007 bei 620 000 dennoch ist zuletzt eine Rezession zu erkennen. Diese Zahlen lassen darauf schlieÿen, dass viele der jungen Menschen sich gegen eine duale Ausbildung entscheiden, da sie nur in einem Studium eine sichere Zukunft sehen. Des Weiteren entscheiden sich viele der Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung für ein anschlieÿen- des Studium über den zweiten Bildungsweg. Welche Folgen entstehen nun aus den Entwicklungen der letzten Jahre für das heutige duale Ausbildungssystem? Werden die sinkenden Zahlen eine Anpassung des dualen Systems notwendig machen oder sogar den Wechsel hin zu einer akademisierten Berufsausbildung? Hat die wachsende Akademisierung einen positiven Ein uss auf die Didaktik der beru ichen Bildung, oder wird das Lehren und Lernen durch diesen Wandel behindert?

2 Wachsender Bildungsstand

2.1 Erscheinungsformen der Akademisierung

Der Begri Akademisierung wird oft in Verbindung mit dem Fachkräftemangel genannt, ohne zu konkretisieren, was damit gemeint ist.

1. Der Wandel der volkswirtschaftlichen Quali kationsstruktur durch soge- nannte Tertiarisierung. Der Anteil des Dienstleistungssektors steigt so- wohl an der Wertschöpfung als auch an der Zahl der Erwerbstätigen, und insbesondere der Anteil der Beschäftigten mit Hochschulabschluss in diesem Bereich.
2. Das Ausbildungsverhalten ändert sich. In der Berufsbildung gibt es weni- ger Neuzugänge und die Studienanfängerzahl steigt. Mit einbezogen wird auch die Ö nung der Hochschulen für Berufstätige, sodass mit und auch ohne herkömmliche Studienberechtigung ein Studium ermöglicht wird.
3. Die Einrichtung von Studiengängen in Bereichen, deren Nachfrage an Personal bisher durch betriebliche Ausbildungen oder Berufsfachschulen gedeckt wurde. Besonders in den Gebieten P ege, Gesundheit und Erziehung wird das sogenannte Upgrading betrieben.
4. Der Einsatz von Akademikern in Stellen, die bisher durch Absolventen beru icher Ausbildungen gedeckt wurde. (vgl. Wolter u. a. 2015, S. 16).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Arten des Hochschulzugangs in Deutsch- land, vgl. (Hartmann 2009, S. 100)

Auÿerdem wird die steigende Zahl der Abiturienten einbe- zogen, da das Ab- itur eines der maÿ- geblichen Kriterien für die Hochschul- zugangsberechtigung sind. Die Erscheinungsformen der Akademisierung sind dementsprechend um- fangreich, denn die Möglichkeiten eine Hochschulzugangsberechtigung zu er- langen sind vielfältig geworden. Neben den Gesamtschulen und Gymnasien können diese beispielsweise auch an beru ichen Gymnasien, Fach- und Berufsoberschulen, Abendgymnasien und je nach Bundesland auch an Fachschulen und Berufsfachschulen erworben werden (vgl. Spangenberg 2015, S. 117). Die Möglichkeit des zweiten Bildungswegs erö nete bereits 2008 18 % der Studierenden den Zugang zum Studium (siehe Abbildung 2).

Weiterhin besteht die Möglichkeit, ein Studium mit einem Teil Praxisblöcken in einem Unternehmen aufzunehmen, das duale Studium. Ist eine Hochschulzu- gangsberechtigung vorhanden, kann eine Duale Ausbildung auch in Verbindung mit einem Studium erfolgen. Absolventen dieses Systems sind höher quali ziert als Facharbeiter, was sie für die vielen o enen Stellen ungeeignet macht. Die folgenden Systeme sind mit Ausnahme des ausbildungsintegrierten Dualen Stu- diums ein Schritt in Richtung fort von der Dualen Ausbildung. Zwar werden neben dem Studium praxisnahe Inhalte vermittelt, jedoch werden Absolven- ten dualer Studiengänge oft von den Unternehmen für in absehbarer Zeit zu besetzende Führungspositionen z. B. Team- oder Abteilungsleiter in einer Konstruktionsabteilung ausgebildet.

- Ausbildungsintegriert : Ein anerkannter Ausbildungsberuf ist Teil des Du- alen Studiums. Nach Ende der Ausbildung wird bis zum Abschluss des Studiums die beru iche Tätigkeit im Unternehmen ausgeführt.
- Praxisintegriert : Ein eng mit der Ausbildung im Betrieb verzahntes Stu- dium. Der Wechsel zwischen den Lernorten ist je nach Studiengang un- terschiedlich. Ein IHK-Abschluss ist im Gegensatz zum Ausbildungsinte- grierten Dualen Studium meist nicht inbegri en.
- Berufsintegriert : Dieses Angebot wird häu g von Personen, die bereits eine Berufsausbildung absolviert haben, wahrgenommen, jedoch wird ne- ben dem Studium der Beruf in Teilzeit ausgeübt. Das Studium ist auf eine beru iche Weiterbildung ausgerichtet.
- Berufsbegleitende : Es besteht keine direkte Verbindung zwischen Unter- nehmen und Fachhochschule bzw. Universität. Das Studium wird im Selbststudium mit Begleitseminaren absolviert, das Unternehmen kann dazu Freistellungen ermöglichen. (vgl. Flasdick 2015a)

Zurzeit werden die Studienangebote überwiegend von Fachhochschulen (41 %) und Berufsakademien (19 %) angeboten. Universitäten bieten lediglich 1 % der verfügbaren Studienplätze an. Demzufolge werden duale Studiengänge über- wiegend von Unternehmen im produzierendem Gewerbe angeboten. Berufe in Branchen der typischerweise von Universitäten angebotenen Studiengänge stel- len einen wesentlich geringeren Anteil dar (vgl. Flasdick 2012b). Das Duale Studium wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen und die bessere Alternative zu einer reinen Akademisierung, deren Nachteile (Dequali kation von Hoch- schulabsolventen und Mangel an Fachkräften) in vielen anderen Ländern be- obachtet werden können , sein (vgl. Bosch 2010, S. 54).

2.2 Die Akademisierung der Gesellschaft

2.2.1 Wirtschaftliche Motivationen

Ab Ende des Zweiten Weltkrieges sind wachsende Zahlen bei den Studierenden zu vermelden. Seit 1975 fand eine Steigerung um 200 % auf etwa 2,4 Millionen Studierende statt (siehe Abbildung 3). Allerdings werden von Unternehmen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entwicklung der Anzahl der in Deutschland studierenden Perso- nen (Darstellung: Eigene; Daten Statistisches Bundesamt 2015b)

für viele vor einigen Jahren noch nicht vorhandenen Stellen auch Akade- miker gefordert, vor allem in leitenden Positionen. Durch z. B. das mittlerweile weit verbreitete Qualitätsmanagement im Rahmen der DIN 9000 oder der Pro- zessoptimierung in Fertigungsstraÿen werden vermehrt Akademiker eingesetzt. Doch diese Entwicklungen sind keinesfalls nur in Deutschland zu beobachten.

Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg galt es in vielen Ländern als nor- mal, dass etwa drei bis fünf Prozent eines Jahrgangs ein Studium an einer Universität oder an einer anderen Hochschule aufnahmen. Dass aus den USA [von] mehr als doppelt so hohe Quoten berichtet wurden, wurde gewöhnlich als 'nicht vergleichbar' abgetan. Im Laufe der 1960er Jahre war erkennbar, dass Studienanfängerquoten von 20 Prozent allmählich zur Normalität würden. Im Jahre 2000 zeigten internationale Hochschulstatistiken bereits eine beträcht- liche Zahl von Ländern, in denen mehr als 50 Prozent ein Studium aufnah- men. Inzwischen werden in einzelnen Ländern mehr als 80 Prozent genannt. (Teichler 2013, S. 30 f.)

Der Trend, durch Politik und Institutionen wie die Organisation für wirtschaft- liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gelenkt, geht hin zu einem immer höheren Bildungsstand. Die hohen Zahlen sind unter anderem auch dem verkürzten Abitur (G8), das in den letzten Jahren deutschlandweit2 ein- geführt wurde, geschuldet. Die Universitäten und Fachhochschulen verzeichnen von Jahr zu Jahr immer höhere Immatrikulationszahlen beru iche Schulen werden hingegen immer weniger besucht. So war im Jahre 2013 zum ersten Mal die Zahl derjenigen, die ein Studium aufnahmen, höher [...] als die Zahl derjenigen, die eine Lehre begannen (Nida-Rümelin 2014, S. 21). Kon- kret waren es 510.672 Studienanfänger sowie 497.427 begonnene Ausbildungen (vgl. Hasselhorn 2014, S. 292). Das Aussetzen der Wehrp icht und des Zi- vildienstes im Jahre 2011 führte ebenfalls zu einem kurzzeitigen Hoch (15,8 % gegenüber dem Vorjahr) der Erstimmatrikulierten, aber auch im dualen Sys- tem stiegen die Zahlen um 1,7 % (vgl. Statistisches Bundesamt Presse- stelle 2015b). Doch dies waren lediglich temporäre Indikatoren, die einen sogenannten Peak erzeugten.

Den Takt gibt die OECD vor, insbesondere durch ihre spezi sche ö entliche Interpretation der seit 2000 durchgeführten PISA-Studie und ihrer statistischen Bände `Bildung auf einen Blick' (`Education at a glance'), worin Deutschland regelmäÿig vorgeworfen wird, den internationalen Bildungsboom zu verschlafen, weil die Akademikerquoten hinter denen anderer Länder zurückbleiben. (Meidinger 2013, S. 122)

Im üblichen Vergleich mag diese Behauptung zutre en. Betrachtet man als Bei- spiel das amerikanische Bildungssystem, so ist zu erkennen, dass aufgrund der unterschiedlichen Auslegung des Begri es Akademiker nur etwa 10 % der amerikanischen Hochschulen auf dem Niveau deutscher Hochschulen anzusie- deln sind. (vgl. Nida-Rümelin 2014, S. 18). Laut OECD ist ein Akademiker eine Person mit einem tertiären Bildungsabschluss (nach International Stan- dard Classi cation of Education (ISCED) Klasse 5A und 6), also mit Fachhoch- und Hochschulabschluss oder Promotion. Oft wird jedoch die ISCED Klasse 5B mit einbezogen, was in Deutschland den Technikern und Meistern entspricht, die keine Fachhoch- oder Hochschule besucht haben und deren Abschluss dem- nach keine Graduierung mit sich bringt (vgl. Nida-Rümelin 2014).

2.2.2 Gesellschaftliche Gründe

Die Aussicht auf besser be- zahlte Arbeitsplätze sowie einen höheren Lebensstan- dard lassen viele junge Men- schen den Weg zum Studi- um einschlagen. Da durch das Arbeiten in erster Linie das Erwirtschaften von Einkom- men zur Sicherung der Le- bensgrundlage erreicht wer- den soll, gilt es diese möglichst e ektiv zu erfüllen. Dabei ermöglicht ein höhe- res Einkommen den Konsum von ausgefalleneren Gütern, was (vermeintlich) gesellschaftliches Ansehen erwirkt. Während lange Zeit das Einkommen als einziger und valider Indikator für den Erfolg einer beru ichen Situation galt, wurde das Konzept Berufserfolg sowohl empirisch als auch theoretisch auf ein immer breiteres Fundament gestellt. (Kühne 2009, S. 210) Mittlerweile gilt nicht nur das Einkommen als ausschlaggebendes Kriterium für eine erfolgreiche beru iche Laufbahn. Vor dem Hintergrund der Relevanz der individuellen Per- spektive, wird den beiden objektiven Indikatoren (Einkommen und beru iche Stellung) mit der 'Zufriedenheit mit der beru ichen Situation' ein zweites sub- jektives Kriterium gegenübergestellt. (Kühne 2009, S. 90) Die Unterschiede beim Einkommen der verschiedenen Bildungsstände sind teilweise erheblich (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: Durchschnittliche Lebensver- dienste (Brutto) nach höchstem Bildungsab- schluss; Abbildung: (IAB 2014, S. 1)

[...]


1 Im Folgenden wird bei Personenbezeichnungen zu Gunsten des Lese usses die jeweils männliche Form genannt. Es gilt ebenso die weibliche Form.

2 Rheinland-Pfalz weiterhin nach dem G9-System, Niedersachsen kehrt zurück zum G9- System. In einigen Bundesländern besteht Wahlfreiheit.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Akademisierung auf das System der Dualen Ausbildung
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik)
Veranstaltung
Theorie und Praxis der beruflichen Bildung
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V323214
ISBN (eBook)
9783668262553
ISBN (Buch)
9783668262560
Dateigröße
1204 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Akademisierung, berufliche Bildung, Duale Ausbildung, Bildungsstand
Arbeit zitieren
Johannes Bracker (Autor), 2015, Der Einfluss der Akademisierung auf das System der Dualen Ausbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323214

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