Alle Menschen haben Träume, denn in ihnen werden persönliche Erlebnisse und Gedanken verarbeitet. Jedoch können wir uns meistens nur noch verschwommen an sie erinnern. Aufgrund dieser Tatsache faszinieren und verwirren Träume die Menschen seit mehreren Jahrtausenden. Bereits in der Antike setzte man sich mit Träumen auseinander und Philosophen wie Aristoteles versuchten die Ursachen und Bedeutungen von Träumen zu erklären.
Der Traum fand auch in der Literatur einen besonderen Stellungswert. Schon die mittelalterlichen Autoren ließen sich von Träumen inspirieren. In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt auf der mittelalterlichen Epik, da die Träume in diesen Texten immer zu einem bestimmten Handeln der Figur führen. Des Weiteren träumen die Figuren immer aus einem bestimmten Grund; ihre Träume sind bedeutungsvoll, denn sie treiben die Handlung weiter. Diese Arbeit behandelt die Darstellung des Traumes sowie die Reaktionen der handelnden Figuren in den Werken „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach, dem „Nibelungenlied“ und „Flore und Blanscheflur“ von Konrad Fleck.
Der Umgang mit den Träumen der Figuren ist in jedem einzelnen Werk anders. Es wird sich zeigen, dass jeder, der hier aufgeführten Träume eine prophetische Einstellung hat. Außerdem werden die verschiedenen Reaktionen der Träumenden deutlich gemacht werden. Ich möchte an dieser Stelle noch anführen, dass sich durch Träume ein Spannungsmoment entwickelt. Der Grad zwischen dem Wissen was passieren kann und der Ungewissheit wann das Ereignis eintreten wird, ist höchst spannend.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Traumtheorie
2.1 Das Frühmittelalter
2.2 Hochmittelalter
2.3 Fazit
3. Die Klassifikation der Träume
4. Der Traum teilt dem Leser Wissen mit
4.1 Parzival
4.2 Der Traum Parzivals
4.3 Fazit
5. Der Traum teilt der Figur und dem Leser Wissen mit
6. Ignoranz
6.1 Der Traum der Herzeloyde
6.1.1 Flug durch das Gewitter
6.1.2 Angriff des Greifen
6.1.3 Geburt und Säugung des Drachen
6.2 Fazit
7. Angst
7.1 Das Nibelungenlied
7.1.1 Der Falkentraum
7.1.2 Der Ebertraum
7.1.3 Der Bergtraum
7.4 Fazit
8. Fehldeutung
8.1 Flore und Blanscheflur
8.2 Fazit
9. Schlussfolgerung
10. Bibliographie
10.1 Primärliteratur
10.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die narrative Funktion und Darstellung von Träumen in bedeutenden Werken der mittelhochdeutschen Epik, insbesondere in "Parzival", dem "Nibelungenlied" und "Flore und Blanscheflur". Ziel ist es zu analysieren, wie Träume als prophetische Mittel zur Handlungssteuerung sowie zur Wissensvermittlung an Leser und Figuren fungieren und welche Reaktionen die Träumenden auf diese visionären Erfahrungen zeigen.
- Darstellung und Bedeutung des Traumes in der mittelalterlichen Epik
- Traumtheoretische Grundlagen seit der Antike und deren mittelalterliche Rezeption
- Prophetische Funktionen von Träumen als Wissensvorsprung und Warnsignale
- Analyse von Traummotiven und deren symbolische Entschlüsselung in ausgewählten Werken
- Reaktionen der literarischen Figuren auf Traumbotschaften und deren Folgen für den Handlungsverlauf
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Flug durch das Gewitter
Ir kom ein forhtlîcher schric. Si dûhte wie ein sternen blic si gein den lüften fuorte, dâ si mit kreften ruorte manc fiurîn donerstrâle. die flugen al zemâle gein ir: dô sungelt unde sanc von gänstern ir zöphe lanc. mit krache gap der doner duz: brinnde zäher was sîn guz. ir lîp si dâ nâch wider vant,
In dieser Szene wird Herzeloyde von einem Himmelskörper (sternen blic) in die Luft gerissen und in ein kosmisches Gewitter gebracht. „Es handelt sich in erster Linie um ein bedrohliches Traumszenario, in dem Herzeloyde auf gewalttätige Weise der Boden unter den Füßen entrissen wird.“ „Sternen blic“ könnte man mit Kometen übersetzen, denn die gelten seit der Antike als Unheilsboten, die Katastrophen wie Pest, Hungersnot, den Tod des Königs oder allgemeine Umbrüche ankündigen. Weiterhin wird Herzeloyde von „donerstrâle“, die als Blitze gesehen werden können, getroffen, die unter Funkenregen ihre Zöpfe verbrennen. Eine mögliche Interpretation wäre, dass sich Herzeloydes Aggressionen gegen sich selbst richten. Außerdem kann man davon ausgehen, dass der Vers „ir lîp si dâ nâch wieder vant“ eine Zäsur hervorruft. Entweder erlangt Herzeloyde in ihrem Traum ihr Bewusstsein wieder oder sie sieht sich wieder auf die Erde versetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Träumen in Literatur und Wissenschaft vor und definiert den Schwerpunkt der Arbeit auf der mittelalterlichen Epik.
2. Die Traumtheorie: Das Kapitel erläutert historische Traummodelle, insbesondere das von Macrobius, und den Wandel der Bewertung von Träumen vom Früh- zum Hochmittelalter.
3. Die Klassifikation der Träume: Hier werden anhand von Klaus Speckenbach verschiedene Traumtypen definiert, wobei der Fokus auf dem mantischen, also vorausdeutenden Traum liegt.
4. Der Traum teilt dem Leser Wissen mit: Dieses Kapitel thematisiert Träume, die primär den Leser über das Schicksal der Figuren aufklären, während die Figuren selbst das Wissen ignorieren oder nicht deuten.
5. Der Traum teilt der Figur und dem Leser Wissen mit: Hier wird der Traumtyp beschrieben, der sowohl dem Leser als auch der Figur neue, handlungsrelevante Erkenntnisse liefert.
6. Ignoranz: Es wird analysiert, wie Figuren trotz vorhandener Traumbotschaften diese ignorieren, illustriert am Beispiel von Herzeloyde.
7. Angst: Das Kapitel untersucht die Funktion von Warnträumen im Nibelungenlied, durch die Kriemhild versucht, das Schicksal ihres Gatten abzuwenden.
8. Fehldeutung: Hier wird anhand von "Flore und Blanscheflur" aufgezeigt, wie Träume zwar als Warnung wahrgenommen, aber in ihrer spezifischen Bedeutung falsch interpretiert werden können.
9. Schlussfolgerung: Die Arbeit resümiert, dass Träume in der untersuchten Literatur maßgeblich als prophetische und handlungstreibende Elemente fungieren.
Schlüsselwörter
Mittelalterliche Epik, Traumtheorie, Prophetie, Parzival, Nibelungenlied, Flore und Blanscheflur, Traumsymbolik, Wissensvermittlung, Handlungssteuerung, Warnträume, Schicksal, Literaturwissenschaft, Epische Vorausdeutung, Traumdeutung, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung, Funktion und Deutung von Träumen in drei zentralen Werken der mittelhochdeutschen Epik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Traumtheorie des Mittelalters, der prophetische Charakter literarischer Träume und der Umgang von Figuren mit Traumbotschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, wie Träume als narrative Werkzeuge dienen, um Spannung zu erzeugen und wie sich die Reaktionen der Figuren auf diese Prophezeiungen gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung von Primärtexten und einschlägiger Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden exemplarische Träume aus "Parzival", dem "Nibelungenlied" und "Flore und Blanscheflur" analysiert und hinsichtlich ihrer Funktion und Symbolik besprochen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie mittelalterliche Epik, Traumsymbolik, prophetische Funktion, Schicksal und die spezifischen Werktitel charakterisiert.
Warum ignorieren Figuren in der Literatur oft ihre Träume?
Die Ignoranz der Figuren, wie etwa im Fall von Herzeloyde, dient oft der erzählerischen Spannung, da der Leser durch den Traum einen Wissensvorsprung erhält, den die Figur erst zu spät erkennt.
Wie unterscheidet sich der "Bergtraum" von den anderen Träumen Kriemhilds?
Der Bergtraum ist, wie die anderen Träume Kriemhilds im Nibelungenlied, eine prophetische Vorahnung auf den Tod Siegfrieds, wobei Kriemhild durch die Wiederholung der Warnsignale ihre wachsende Angst und Machtlosigkeit verdeutlicht.
- Citation du texte
- Tamara Micelli (Auteur), 2015, Träume als handlungsbestimmende Elemente der mittelhochdeutschen Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323401