Die Tragödie entstand im antiken Griechenland und geht auf den Dionysoskult zurück. Das Fest zu Ehren des griechischen Gottes der Fruchtbarkeit und des Gesanges gilt als Ursprung des Theaters. Den Höhepunkt des Festes bildeten die Tragödienaufführungen, später kamen Komödienaufführungen hinzu. Die aufgeführten Tragödien basierten auf mythologischen Überlieferungen und wurden durch einen Chor begleitet.
Die erste Theorie des Dramas entwarf der griechische Philosoph und Dichter Aristoteles. Die erstmals durch ihn formulierten Strukturmomente der Tragödie bilden den Ausgangspunkt dieser Arbeit. Die deutsche Theatersituation des 18. Jh. bewirkte eine Rückbesinnung zu den Tragödienursprüngen. Dabei führte die Auseinandersetzung mit der Wirkungslehre des Aristoteles zu Debatten zwischen deutschen Dichtern.
Die Diskussion wird durch die Aufklärer Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing dominiert, deren konträre Positionen die Tragödie des 18. Jh. prägen. Die durch Gottsched eingeleitete Reformierung des Theaters veranlasste Lessing einige Jahre später zu starker Kritik an dessen klassizistisch orientiertem Tragödienverständnis. Beide Dichter argumentierten auf der Basis Aristoteles’ „Poetik“, wodurch sie ihre Positionen zu legitimieren versuchten. In dieser Arbeit sollen die Theorien der genannten Vertreter untersucht und vor dem Einfluss Aristoteles’ betrachtet werden, wobei die wirkungsästhetischen Termini jeweils dem Verständnis des einzelnen Dichters angepasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aristoteles, Gottsched und Lessing
2.1. Die „Poetik“ als Vorbild aufklärerischer Tragödientheorien
2.2. Das deutsche Theater vor Gottsched
2.3. Gottsched und die Tragödie
2.4. Lessing und die Tragödie
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der Tragödie im 18. Jahrhundert, wobei der Fokus auf der konträren Interpretation der aristotelischen „Poetik“ durch Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing liegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Dichter die wirkungsästhetischen Konzepte des Aristoteles nutzten, um ihre jeweiligen Forderungen an das Theater und die bürgerliche Dramatik zu legitimieren.
- Rezeption der aristotelischen Tragödientheorie in der deutschen Aufklärung
- Die Reformbestrebungen Johann Christoph Gottscheds und sein Konzept des moralischen Theaters
- Entstehung und Begründung des bürgerlichen Trauerspiels durch Lessing
- Vergleich der unterschiedlichen Auffassungen von Katharsis, Mitleid und Furcht
- Diskussion um die Ständeklausel und die Bedeutung der Heldenidentifikation
Auszug aus dem Buch
2.2. Das deutsche Theater vor Gottsched
Das erste Drittel des 17 Jh. gilt als literarische Übergangsphase, welche stark durch den Barock geprägt war. Neben dem Hoftheater und der italienischen Oper wurden in Deutschland nur auf Wanderbühnen und im Schultheater regelmäßig Dramen zur Aufführung gebracht. Die Wanderbühnen waren dabei die verbreiteste Form des Theaters und bedienten das niedere Publikum, während das Hoftheater der adligen Gesellschaft vorbehalten war.
Das Repertoire der Wanderbühnen reichte von der Komödie bis zum Trauerspiel, wobei literarisches Niveau trivialer Unterhaltung untergeordnet wurde. Die aufgeführten Trauerspiele wurden bearbeitet und durch Harlekinszenen ergänzt, welche die pathetische Wirkung auf den Zuschauer abmildern sollten, aber damit den Charakter der Tragödien verfremdeten. Die Schauspieler der Wanderbühne verfügten über keinerlei Schauspielausbildung oder literarische Kenntnisse, und ihre Sprache ließ den jeweiligen regionalen Dialekt erkennen.
Die adlige Hofgesellschaft bevorzugte vor allem das französische Drama und die italienische Oper. Bereits am Ende des 17. Jh. wurden an deutschen Fürstenhöfen französische Theater errichtet, die in französischer Sprache für die aristokratische Gesellschaft spielten.
Da die Berufsschauspieler des höfischen Theaters durch die finanziellen Mittel der französischen und italienischen Schauspielgesellschaften materielle Sicherheit genossen, waren auch die Schauspieler der Wanderbühne stets um ein Engagement an der Hofbühne bemüht. Während die Hofveranstaltungen dem adligem Publikum vorbehalten blieben, erfreute sich die Oper auch beim bürgerlichen Zuschauer großer Beliebtheit, sodass 1678 in Hamburg ein vom Bürgertum finanziertes Opernhaus entstand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Tragödie ein und skizziert die konträren Positionen von Gottsched und Lessing zur aristotelischen Theorie.
2. Aristoteles, Gottsched und Lessing: Dieses Kapitel analysiert detailliert die theoretischen Fundamente der Tragödie, die Situation des deutschen Theaters und die spezifischen Ansätze der beiden Aufklärer zur Reform des Dramas.
3. Zusammenfassung: Dieses Kapitel resümiert die theoretische Auseinandersetzung und stellt die unterschiedlichen Ansätze zur moralischen Läuterung und Identifikation des Zuschauers gegenüber.
Schlüsselwörter
Tragödie, Aristoteles, Poetik, Gottsched, Lessing, Aufklärung, Bürgerliches Trauerspiel, Katharsis, Mitleid, Furcht, Ständeklausel, Dramentheorie, Wirkungssästhetik, Identifikation, Theaterreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der tragödientheoretischen Debatte im 18. Jahrhundert, die maßgeblich durch die Rezeption des Aristoteles geprägt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Tragödie bei Gottsched und Lessing, die Funktion des Theaters als erzieherische Institution und der Wandel hin zum bürgerlichen Trauerspiel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung, wie Gottsched und Lessing die aristotelischen Tragödien-Konzepte interpretierten, um ihre Reformen des Theaters und die Begründung neuer Gattungen zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse dramengeschichtlicher Quellentexte und wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Aufklärung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die „Poetik“ des Aristoteles, die desolate Theatersituation vor der Ära Gottsched sowie die spezifischen Theorien von Gottsched und Lessing im Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Tragödie, Aufklärung, Katharsis, Mitleid, Furcht und das bürgerliche Trauerspiel.
Warum lehnte Gottsched den Harlekin ab?
Gottsched betrachtete das Theater als eine erzieherische Institution; der Harlekin und die damit verbundenen „Lustbarkeiten“ störten die moralische Botschaft und das angestrebte Niveau.
Wie unterscheidet sich Lessings Interpretation der „Furcht“ von Gottscheds „Schrecken“?
Während Gottsched die Affekte eher dogmatisch trennte, sah Lessing die Furcht als notwendige Voraussetzung, um Mitleid für das tragische Schicksal eines Helden zu empfinden, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann.
- Citar trabajo
- Tanja Wille (Autor), 2009, Gottsched und Lessing. Die Tragödie in der Aufklärung unter dem Einfluss Aristoteles, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323433