Untersuchung des Züricher Textanalyserasters und seiner Anwendbarkeit auf Schülertexte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

22 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen und Probleme der Textbewertung
2.1 Differenzierte Bewertung der Textsorten
2.2 Rahmenbedingungen der Textanfertigung
2.3 Problematik der Textqualität

3. Das Züricher Textanalyseraster

4. Bewertung zweier Schülertexte
4.1 Schülertext 1
4.2 Schülertext 2

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Texte sind in der modernen Welt allgegenwärtig und fester Bestandteil unseres Alltags. Sie übermitteln uns Informationen zu bestimmten Themen und Sachverhalten und können sowohl mündlich, z.B. als Radiomoderation, als auch schriftlich realisiert werden. Die Varianzbreite von Text ist groß und erstreckt sich über ein weites Feld von literarischen Texten bis hin zu Gebrauchstexten. Die Wissenschaft der Textlinguistik stützt sich für ihre Untersuchungen meist auf einen weiten Definitionsbegriff für den Untersuchungsgegenstand Text. „Demnach ist jede sprachliche Äußerung, die einen kommunikativen Zweck erfüllt, ein Text, ganz gleich, ob es sich um eine Einwort- oder Einsatzäußerung handelt oder um ein Gebilde aus Tausenden von Sätzen.“1 Auf Basis von Lebenserfahrung, Weltwissen und Kontakt mit einer Sprache haben Rezipienten bestimmte Prototypen von Texten in ihrem Langzeitgedächtnis gespeichert und können über deren Funktionen und Eigenschaften jederzeit sprachliche Äußerungen als Text oder Nicht-Text identifizieren und klassifizieren. Ein Text entsteht im Kopf eines Schreibers. Mit Hilfe seines Wissens über Sprache bringt der Schreiber seinen Text vom Kopf auf das Papier oder ein anderes Trägermedium, wobei bei der Übertragung stets textliche Veränderungen entstehen. Letztendlich entsteht dann im Kopf eines Rezipienten der Text neu. Auch dies geschieht unter Einbeziehung seines Wissens über die Welt sowie durch sein Wissen über Sprache. Das Textprodukt im Kopf des Rezipienten kann von dem gelesenen Text abweichen (vgl. Maass, Kerstin, 2010, 20).

Meine Arbeit geht der Frage nach, wie wir als Rezipienten wahrgenommene Texte bewerten, welche Kriterien wir für eine angemessene Bewertung zugrunde legen müssen und mit welchen Schwierigkeiten sich die Textlinguistik auseinandersetzen muss. Daraus ergibt sich dann die Möglichkeit zu bewerten, ob ein wahrgenommener Text eine gute oder schlechte Qualität besitzt. Was definieren wir als guten Text und was als schlechten Text? Was macht die Qualität eines Textes aus? Welche Faktoren müssen erfüllt sein, damit im Kopf des Rezipienten möglichst genau der Text inhaltlich ankommt, den der Verfasser übermitteln wollte?

Wichtig ist die Beantwortung dieser Fragen unter anderem im Bereich der schulischen Bildung. Schüler eignen sich von Beginn ihrer Schullaufbahn, vor allem im Deutschunterricht, Kompetenzen an, die sie im Laufe der Jahre immer besser dazu befähigen sollen, ein umfassendes Textverständnis zu erlangen. Dieses Textverständnis ist auch nötig, um selbst gute Texte verfassen zu können. Daher gehe ich in meiner Arbeit nicht nur der Frage nach, wie Textqualität bewertet werden kann, sondern auch, welche Kompetenzen und Rahmenbedingungen gegeben sein sollten, damit Schüler einen guten Text verfassen können. Hier beziehe ich mich auch auf den Bildungsplan Gymnasium in Baden-Württemberg für das Fach Deutsch.

Zugrunde legen werde ich dabei das Bewertungskonzept des Züricher Textanalyserasters. Dieses Raster kann Lehrenden als hilfreiches Instrument dienen, um geeignete Kriterienkataloge zu erarbeiten, die in den jeweiligen Klassenstufen zur Bewertung von Schülertexten angewendet werden können.

Nach dem theoretischen Teil meiner Arbeit werde ich zwei Schülertexte der Klasse 8/9 anhand der zuvor erläuterten Kriterien und Bewertungsmöglichkeiten miteinander vergleichen und bewerten. Die Bewertung erfolgt zum einen in verbalisierter Form und zusätzlich mit dem Versuch einer Notengebung.

2. Grundlagen und Probleme der Textbewertung

Bewerten ist ein kognitiver Akt des Einschätzens, dem bewusst oder unbewusst ein Wertmaßstab in Form von bestimmten Kriterien zugrunde liegt (vgl. BeckerMrotzke, M/Böttcher, I., 2006, S. 88)

Für die Bewertung von Textqualität gibt es kein allgemein gültiges Verfahren, vielmehr werden Kriterienkataloge in Abhängigkeit von der Textsorte erarbeitet, an denen sich die Textbewertung orientieren kann. Gründe für die Probleme im Bereich der Textbewertung sind zum einen, dass die Wissenschaft sich noch nicht lange mit der Thematik befasst. Zum anderen lässt die Vielfalt unterschiedlicher Textsorten kein allgemein gültiges Bewertungsraster zu, das auf jeden Text anwendbar wäre. Es ist nachvollziehbar, dass ein Wetterbericht oder ein Kochrezept andere Qualitätskriterien erfüllen muss als ein lyrisches Gedicht oder eine von einem Schüler verfasste Nacherzählung. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine ausgereifte, allgemein gültige Sprache für das Thema der Textqualität gibt. P. Sieber kritisiert, dass sich die Bewertung von Textqualität in den allermeisten Fällen auf die inhaltlichen Aspekte bezieht und den sprachlichen Aspekten zu geringe Aufmerksamkeit gewidmet wird (vgl. Sieber, Peter, 2008,271). Einige Autoren machen für diese einseitige Betrachtungsweise der Inhaltsseite teilweise eine gewisse Bequemlichkeit, gerade im schulischen Bereich bei Lehrern, verantwortlich. Da es selbst in der linguistischen Wissenschaft noch keine ausgereifte und einheitliche Sprache für Textqualität gibt, ist es gerade für Lehrer schwierig, sich mit der Textbewertung außerhalb der Inhaltsseite von Schülertexten auseinanderzusetzen. Als Konsequenz daraus folgt, dass auch bei den Schülern ein starkes Defizit vorhanden ist, über Textqualität zu sprechen und betreffende Erfahrungswerte in ihre Lern- und Arbeitsprozesse mit einfließen zu lassen. Lehrer bewerten die Schülertexte meist nicht einheitlich, und enthält ein Text viele Rechtschreibfehler bewertet die gegebene Note meist nicht die Textqualität, sondern die mangelnde orthographische Richtigkeit (vgl. Becker-Mrotzek, M./ Böttcher, I., (2006), S. 87).

M. Nussbaumer und P. Sieber haben mit der Erarbeitung des Züricher Textanalyserasters ein Grundkonzept zur Verfügung gestellt, das eine vielseitig anwendbare und gerade auf Schülertexte erweiterbare Möglichkeit bietet, Texte einer inhaltlichen und vor allem sprachlichen Bewertung zu unterziehen.

2.1 Differenzierte Bewertung der Textsorten

Jeder produzierte Text besitzt eine bestimmte kommunikative Absicht und Funktion. Diese unterscheiden sich von Textsorte zu Textsorte. Eine Bedienungsanleitung für einen Radiowecker verfolgt eine andere kommunikative Absicht als ein wissenschaftlicher Bericht zur Atomphysik. Um diese unterschiedlichen Funktionen zu erfüllen, sind unterschiedliche Konzepte beim Verfassen der Texte notwendig. Für eine Bedienungsanleitung ist zum Beispiel eine elaborierte Syntax nicht unbedingt notwendig, es reichen die wichtigsten Stichpunkte oder Halbsätze aus, die für die richtige Bedienung eines Radioweckers nötig sind. Es sind keine besonderen Vorkenntnisse nötig, die der Verfasser der Bedienungsanleitung beim Rezipienten erwarten muss. Bei einem wissenschaftlichen Text über Atomphysik ist dies nicht der Fall. Hier sind korrekte Syntax und stilistische Kohärenz des Textes sehr wichtig, da es sich um ein anspruchsvolles, komplexes Thema handelt. Der Verfasser des Textes muss beim Verfassen seiner Arbeit gewisse Vorkenntnisse des Rezipienten erwarten können, muss aber dennoch darauf achten, möglichst explizit zu schreiben, damit der Lesevorgang nicht durch Gedankensprünge beeinträchtigt wird.

Wenn wir nach dem Lesen einer Bedienungsanleitung für einen Radiowecker das Gerät nicht korrekt einstellen können, dann bewerten wir die Anleitung als schlecht, denn sie hat ihren kommunikativen Zweck nicht erfüllt.

Wenn wir einen wissenschaftlichen Text über Atomphysik nicht verstehen, weil uns das fachliche Wissen über die Thematik fehlt, ist das für einen Leser kein Grund, den Text als schlecht zu bewerten. Zumindest dann nicht, wenn sprachliche Regeln wie Grammatik, Syntax und Kohärenz vom Verfasser beachtet worden sind. Wenn wir eine Beileidskarte zum Tode eines Angehörigen erhalten, würden wir es als deplatziert empfinden, wenn der Text zum Beispiel zum Abschluss einen Witz enthalten würde. Wir würden einen solchen Text als unangemessen und kränkend bewerten.

Es zeigt sich also, dass es für die unterschiedlichen Textsorten keinen universell gültigen Bewertungskatalog geben kann, da unterschiedliche Texte unterschiedliche kommunikative Absichten verfolgen, die auf unterschiedliche Weise erfüllt werden müssen.

Gleiches gilt für die Bewertung von Texten des Deutschunterrichts an Schulen. Die Textsorte Nacherzählung muss andere sprachliche und inhaltliche Kriterien erfüllen als die Textsorte Unfallbericht oder Stundenprotokoll.

2.2 Rahmenbedingungen der Textanfertigung

Nach Meinung einiger Autoren ist es für die Textproduktion wichtig, unter welchen Rahmenbedingungen Texte entstehen. Gerd Fritz (vgl. Fritz, G., 2013, S. 611) führt in seiner Arbeit über die Dynamische Texttheorie an, dass die Verfasser von Texten oft zu wenig Zeit für ihre Textproduktion haben, was sich negativ auf die Textproduktion auswirken kann. Gerade in der Schule werden Texte oft als Klassenarbeit produziert. Die Schüler sehen sich einer Schreibsituation ausgesetzt, die durch Zeitdruck und das Wissen um die Beurteilung einen erheblichen Stressfaktor mit sich bringt. Weiter führt Fritz an, dass fehlendes Wissen der Textproduzenten über die Bedürfnisse, Anforderungen und das Hintergrundwissen ihrer Adressaten zu Qualitätsmängeln bei der Textproduktion führen können. Gerade dann, wenn sich ein Text an eine große Adressatengruppe richtet, wird es schwierig, alle Bedürfnisse und Erwartungen der Rezipienten an den Text zu erfüllen. Auch die Qualifikation der Textproduzenten spielt für die Textqualität eine Rolle. Ohne ausreichende inhaltliche und sprachliche Vorkenntnisse, kann die Textqualität leiden. Bezogen auf die Schule muss ein Schüler im Unterricht gelernt haben, welche Anforderungen an die einzelnen Textsorten gestellt werden, um anschließend überhaupt die Fähigkeit zu besitzen, einen entsprechenden Text zu produzieren.

Textproduktion ist ferner auch ein Prozess, der auf Erfahrungen beruht. Mit steigender Häufigkeit der Textproduktion steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die produzierten Texte an sprachlicher und inhaltlicher Qualität gewinnen.

2.3 Problematik der Textqualität

Für den Begriff der Textqualität gibt es in keinem linguistischen Wörterbuch eine genaue Definition. Um sich mit dem Problemfeld der Textqualität also produktiv auseinandersetzen zu können, sollte zunächst einmal geklärt werden, was genau damit gemeint ist. Im Zuge der Arbeit am Züricher Sprachfähigkeiten-Projekt haben P. Sieber und M. Nussbaumer für Textqualität eine Weg-Metapher als annähernde Definition vorgeschlagen:

Wegqualität: Ein (guter) Text ist wie ein Weg, der seine Rezipientinnen an einem bestimmten Punkt abholt und sie über eine bestimmte Strecke Wegs an einen neuen Punkt führt. Man kann einen Text im Rahmen dieser Metapher nach der Qualität des Weges beurteilen, den der Text darstellt. Je nach Textmuster/Textsorte mögen andere Typen von Wegen die Norm sein; nicht ausgeschlossen ist auch, dass der Weg das Ziel ist.2

Die Veranschaulichung der Textqualität mit der Weg-Metapher war für die Erarbeitung des Züricher Textanalyserasters, auf das ich im nächsten Punkt eingehen werde, ein hilfreicher Ausgangspunkt.

Ein Problem für die Bewertung von Textqualität sieht P. Sieber in einer neueren Sprachentwicklung. Nach seiner Beobachtung wird mit zunehmender Tendenz in die geschriebene Sprache übernommen, was bis vor kurzem noch eher in die mündliche Kommunikation gehörte. Diese Entwicklung hin zu mehr Direktheit und Mündlichkeit in geschriebenen Texten bezeichnet P. Sieber als Parlando.

[...]


1 Schwarz-Friesel, Monika & Consten, Manfred. (2014) Einführung in die Textlinguistik. Darmstadt. S. 18

2 Sieber, Peter (2008): Kriterien der Textbewertung am Beispiel Parlando. In: Janich Nina (Hrsg.): Textlinguistik. 15 Einführungen. Tübingen. S. 273

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Untersuchung des Züricher Textanalyserasters und seiner Anwendbarkeit auf Schülertexte
Note
2
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V323964
ISBN (eBook)
9783668232198
ISBN (Buch)
9783668232204
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untersuchung, züricher, textanalyserasters, anwendbarkeit, schülertexte
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Untersuchung des Züricher Textanalyserasters und seiner Anwendbarkeit auf Schülertexte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323964

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