Die vorliegende Hausarbeit behandelt das soziale Phänomen und die soziologischen Theorien des Altenselbstmords. Sie beschäftigt sich weder mit psychologischen oder persönlichen Ursachen noch mit individuellen Schicksalen. Die Arbeit kann nicht auf sämtliche Aspekte eines so umfassenden Themas eingehen, vielmehr wird versucht, einen Überblick über die Alterssuizidalität in Bezug auf die Soziologie zu geben. Ist der Altenselbstmord auch hier präsenter, als wir glauben?
Betrachtet man die Selbstmordstatistik alter Menschen, so scheint der Suizid im höheren Lebensaltersabschnitt für viele der letzte Ausweg zu sein. Menschen über dem 60. Lebensjahr sind die einzige Personengruppe, in der die Selbsttötung zahlenmäßig zugenommen hat. „Zwischen 1880 und 1914 erreichte die öffentliche Aufmerksamkeit für das Problem der Selbsttötung einen Höhepunkt; ihre starke Thematisierung in der Tagespresse ist ein Indikator für das Interesse der Zeitgenossen, das durch die mediale Präsenz nochmals stimuliert und verstärkt wurde.“ (Medick, 2005, S. 115) Und auch in unserer heutigen Gesellschaft ist der Altenselbstmorde ein großes Thema. Er steht als Todesart unter 50 Todesursachen nach internationalen Statistiken an neunter Stelle. Damit bringen sich ungefähr genauso viele Menschen um, wie Menschen Opfer von Verkehrsunfällen werden.
In der Selbstmordforschung, -diskussion, wie auch -praxis unterscheidet man oft nicht zwischen Ursachen, Gründen und Auslösern. Bei Menschen, denen der Selbstmord „gelingt“ erfährt man gelegentlich ihr Auslöser, wenn er beispielsweise in einem Abschiedsbrief genannt wird. Sonst bleibt er unbekannt. Bei Menschen, bei denen es beim „Versuch“ blieb, ist er in Gesprächen zu erfahren. Selbstmordhandlungen resultieren meist aus einer Einengung der Anpassungsfähigkeit des Menschens an reale, erfüllbare Lebensnotwendigkeiten und der eingeschränkten Möglichkeit zur Gestaltung sozialer Beziehungen. Der Alterssuizid sowie das Altern selbst sind zwar individuelle Prozesse, werden aber von zahlreichen Faktoren beeinflusst, wie epochale, kulturelle, politische und gesellschaftliche Gegebenheiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sterben und Tod
3. Begriffe und Definitionen
3.1 Suizid und suizidales Verhalten
3.2 Alter und Alterssuizid
4. Suizidtheorien aus der Soziologie
4.1 Emile Durkheim
4.2 Gibbs und Martin
4.3 Henry und Short
4.4 Lindener-Braun
5. Suizid im Alter
5.1 Selbstmordversuche bei alten Menschen
5.2 Selbstmordausführungen bei alten Menschen
5.3 Zahlen zum Altenselbstmord und ihre Fragwürdigkeit
5.4 Abschätzung der Suizidalität
6. Gesellschaftliche Akzeptanz und Ächtung des Alterssuizids
7. Forschungsbedarf
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Phänomen der Alterssuizidalität aus soziologischer Perspektive, indem sie bestehende Theorien analysiert, den aktuellen Forschungsstand aufarbeitet und die gesellschaftliche Relevanz des Themas in einer alternden Bevölkerung beleuchtet.
- Soziologische Suizidtheorien im Kontext des Alters
- Differenzierung von Suizid und suizidalem Verhalten bei älteren Menschen
- Statistische Einordnung und Problematik der Erfassungsgenauigkeit
- Gesellschaftliche Bewertung, Ächtung und Akzeptanz des Alterssuizids
Auszug aus dem Buch
4.1 Emile Durkheim
Über Jahrhunderte hinweg wurden von Ärzten viele Fälle von Selbstmord publiziert. Emile Durkheim, französischer Soziologe, war einer der Ersten, der sich dieser Thematik annahm. 1987 veröffentlichte „Le suicide“, in dem er die Haltung vertrat, dass der Selbstmord kein schlimmes moralisches Vergehen ist, sondern vielmehr ein soziales Faktum. Zudem sei die Suizidhäufigkeit vom Zustand der Gesellschaft abhängig. „Der Zustand einer Gesellschaft wiederum ist gekennzeichnet vom Grad der sozialen Integration (der inneren Verbundenheit der Individuen untereinander) und der sozialen Normierung (der Gültigkeit bestehender Hierarchien und Regeln). Sind diese beiden Faktoren hoch, wie z.B. im Krieg, sinkt die Suizidrate; sind sie aber niedrig, beispielsweise in einer Wirtschaftskrise, so steigen die Suizidziffern.“ (ebd.) So war seine Frage nicht, warum sich der Einzelne tötet, sondern welche gesellschaftlichen Zustände zu einer hohen oder niedrigen Selbstmordrate führen. Durkheim kam dabei zu dem Ergebnis, dass es drei Typen von Suizidfällen gibt: der „egoistische“, „altruistische“ und „anomische“ Suizid. Weniger Bedeutung gab Durkheim einem vierten Typus, dem „fatalistischen“ Selbstmord.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die soziologische Relevanz von Alterung und Tod ein und verdeutlicht die Notwendigkeit, den Alterssuizid als soziales Phänomen zu untersuchen.
2. Sterben und Tod: Dieses Kapitel betrachtet den Tod als individuellen und gesellschaftlich eingebetteten Prozess und geht auf die psychologischen sowie situativen Hintergründe im Alter ein.
3. Begriffe und Definitionen: Hier werden zentrale Termini wie Suizid, Suizidalität und die Abgrenzung zum Begriff des Alters definiert und diskutiert.
4. Suizidtheorien aus der Soziologie: Das Kapitel bietet einen Überblick über klassische und moderne soziologische Theorien zur Erklärung von Selbsttötungen, insbesondere im Hinblick auf Integration und Status.
5. Suizid im Alter: Dieses Kapitel analysiert spezifisch die Suizidalität bei alten Menschen, inklusive Versuchs- und Ausführungsmethoden sowie der statistischen Datenlage.
6. Gesellschaftliche Akzeptanz und Ächtung des Alterssuizids: Hier wird der gesellschaftliche Umgang mit dem Freitod im Alter und die damit verbundene ambivalente moralische Bewertung thematisiert.
7. Forschungsbedarf: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und weist auf offene Fragestellungen sowie die Notwendigkeit weiterer soziologischer Forschung hin.
Schlüsselwörter
Alterssuizidalität, Soziologie, Selbstmord, Suizidtheorien, Emile Durkheim, soziale Integration, Anomie, Statusintegration, Altenselbstmord, Suizidprävention, Demografischer Wandel, Bilanzsuizid, soziale Isolation, Lebensabend, Todesursachen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit dem soziologischen Verständnis der Alterssuizidalität und untersucht, warum der Suizid im Alter ein soziales Phänomen darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziologische Theoriebildung, die statistische Erfassung von Suiziden im Alter sowie die gesellschaftliche Akzeptanz oder Ablehnung dieses Handelns.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, einen Überblick über die soziologischen Hintergründe der Suizidalität im Alter zu geben und zu prüfen, ob der Altenselbstmord in unserer Gesellschaft präsenter ist, als oft angenommen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Suizidtheorien sowie einer Literaturrecherche zu den Besonderheiten des Suizidverhaltens im höheren Lebensalter.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Ansätze (u.a. Durkheim, Gibbs und Martin) und eine empirische Betrachtung der Situation bei alten Menschen, inklusive Dunkelzifferproblematik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Alterssuizidalität, soziale Isolation, Anomie, Statusverlust und gesellschaftliche Ächtung charakterisiert.
Warum ist die Dunkelziffer bei alten Menschen laut Autor relevant?
Da viele Suizide im Alter als natürliche Todesfälle gewertet werden, um Angehörige zu schonen oder bürokratischen Aufwand zu vermeiden, ist von einer höheren Dunkelziffer auszugehen.
Was unterscheidet den „Bilanzsuizid“ von anderen Formen?
Der Bilanzsuizid wird als wohlüberlegte Selbstaufgabe bei schwerer, unheilbarer Krankheit oder aussichtsloser wirtschaftlicher Lage definiert, was ihn gesellschaftlich oft weniger ächtet.
- Citar trabajo
- Kathi Klebe (Autor), 2012, Sterben und Tod im Alter. Alterssuizidalität als sozial abweichendes Verhalten in der Soziologie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/323987