Geschlechtsspezifisches Risikoverhalten bei der Geldanlage


Bachelorarbeit, 2016

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Homo Oeconomicus und Behavioral Finance
2.1 Behavioral Finance
2.2 Overconfidence

3. Risiko und Ungewissheit

4. Ursachen und Analyse unterschiedlichen Anlageverhaltens
4.1 Ursachen unterschiedlichen Anlageverhaltens
4.2 Analyse unterschiedlichen Anlageverhaltens

5. Eigene Anlagenrecherche
5.1 Daten und Vorgehensweise
5.2 Ergebnisse

6. Schlussbetrachtung

7. Anhang

8. Tabellenverzeichnis:

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über mögliche Unterschiede im Risikoverhalten von Frauen und Männern bei der Geldanlage. Dazu werden Erkenntnisse vorhandener Studien aufgearbeitet, sowie die Ergebnisse einer eigenen Studie, bei der 200 anonymisierte Kundendaten einer Vermögensverwaltung analysiert wurden, dargelegt und interpretiert. Resultat dieser Auswertungen ist, dass Männer meist über ein höheres Einkommen und Depotvolumen verfügen, stärker in risikoreichere Anlageformen, wie z.B. Aktien, investieren und mehr Transaktionen durchführen, als Frauen. Allerdings verringern sich diese Unterschiede mit zunehmendem Einkommen und Vermögen. Dann werden sowohl Männer, als auch Frauen risikofreudiger

Als Ursache dieser Unterschiede wird die Overconfidence von Männern, der Umgang mit Risiken, der Einfluss der Kultur und Gesellschaft und das Gefühl von Kompetenz bewertet. Dabei zeigt sich, dass vor allem die Kultur und Erziehung für das Entstehen von geschlechtsspezifischen Risikoverhalten bei der Geldanlage verantwortlich sind. Die Erkenntnisse dieser Arbeit sind sowohl für Wissenschaftler, Finanzdienstleister, als auch Privatanleger von Interesse

1. Einleitung

Fast jeder kennt sie, egal ob im Autoverkehr, in der Schule oder in dem Beruf; die vielen, vermeintlich geschlechtsspezifischen Vorurteile unserer Gesellschaft. Frauen sind schlechtere Autofahrer als Männer, Männer sind bessere Sportler als Frauen, Männer sind nicht so gut multitasking fähig wie Frauen, und vieles mehr. Diesen nicht belastbaren „Überzeugungen“ begegnet man fast täglich, unabhängig davon, welche Meinung man dazu hat und ob sie stimmen oder nicht.

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit einiger Zeit verstärkt mit der Frage, welche geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschiede es wirklich gibt, woher sie kommen und welche Auswirkungen sie auf unser Miteinander und die Wirtschaft haben. Die Antworten auf diese Fragen zu finden, ist sehr nützlich. Weiß man zum Beispiel, warum oder wie sich Personen in bestimmten Situationen verhalten, kann man ihre Entscheidungen vorhersagen und Vorgänge entsprechend anpassen. Arbeitsabläufe können z.B. im Berufsleben optimiert, Serviceleistungen geschlechtsspezifisch und damit effektiver an Kundengruppen angepasst und politische Entscheidungen gezielter auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zugeschnitten werden. Allgemein lässt sich so die Erfolgswahrscheinlichkeit von Entscheidungen (mit ungewissem Ausgang) erhöhen und somit der erwartete Nutzen mit einer höheren Trefferquote erzielen.

Ein typisches Forschungsgebiet, bei dem sich Frauen und Männer möglicherweise unterschiedlich verhalten, ist das Fachgebiet der geschlechtsspezifischen Geldanlage. Ökonomen und Psychologen befassen sich immer wieder mit diesem Thema. Treffen Frauen bei der Geldanlage andere Entscheidungen als Männer? Sind Unterschiede zu erkennen stellt sich die Frage, ob man diese Merkmale unter bestimmten finanztechnischen Gesichtspunkten analysieren kann und ob es Gemeinsamkeiten in den Ursachen gibt.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten Finanzmittel zu investieren. Diese reichen vom klassischen Sparbuch, über Anleihen und Investmentfonds, bis hin zu vermeintlich risikoreicheren Anlagevarianten wie Aktien und Optionsscheinen. Bei der Auswahl der passenden Option berücksichtigt jeder Anleger persönliche Präferenzen, wie den Zeitraum der Investition, die erwartete Rendite und das zu erwartende Risiko. Viele Studien und Experimente versuchen die Entscheidungskriterien der Anleger zu analysieren und aufzuzeigen, was genau Personen bei der Auswahl der zu Ihnen passenden Geldanlage beeinflusst. Immer wieder werden geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede untersucht, die sich im Risikoverhalten widerspiegeln und sich auf die Wahl der Geldanlage auswirken. So ist zum Beispiel zu erwarten, dass jemand, der risikoscheuer ist, eine sicherere Geldanlage wählt als jemand, der bereit ist ein höheres Risiko einzugehen.

Diesem Gedanken ist die vorliegende Arbeit gewidmet. Ihr Ziel ist es, mögliche Unterschiede im Risikoverhalten von Frauen und Männern bei der Geldanlage darzustellen und zu analysieren. Zu Beginn werden die theoretischen Faktoren des Themas erläutert. Dabei wird sowohl auf ökonomische, als auch psychologische Aspekte eingegangen. Einige besonders interessante und hilfreiche Erkenntnisse liefert dabei der Fachbereich des Behavioral Finance (deutsch: verhaltenswissenschaftliche Finanzmarkttheorie), weshalb die vorliegende Arbeit auch hierauf eingeht. Darüber hinaus werden die Ergebnisse bereits vorhandener Studien, sowie die einer eigens durchgeführten Studie ausgewertet und mit den Vorhersagen theoretischer Modelle verglichen, um so zusätzliche Aussagen darüber zu erhalten, ob und warum es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Geldanlage gibt.

In dem folgenden Kapitel dieser Arbeit wird zunächst der für dieses Thema sehr wichtige Fachbereich der Behavioral Finance betrachtet. Es werden dessen Kerngedanken vorgestellt und auf die Ziele, des noch recht jungen wissenschaftlichen Zweiges der Behavioral Economics, eingegangen. Des Weiteren werden die, für das vorliegende Thema, wichtigsten wissenschaftlichen Ansätze dargestellt und ihre Bedeutung für das geschlechtsspezifische Risikoverhalten bei der Geldanlage erläutert. Der Begriff des Risikos wird in Kapitel 3 sowohl aus der Sicht der Ökonomie, als auch der Psychologie definiert und dargestellt, nach welchen Kriterien Frauen und Männer unter Ungewissheit Entscheidungen treffen.

Das 4. und 5. Kapitel bildet den Hauptteil dieser Arbeit und befasst sich mit den geschlechtsspezifischen Risikounterschieden bei der Geldanlage auf Basis von Fremdanalysen aus der Literatur, sowie auf der Grundlage einer eigens angefertigten Untersuchung. Ursachen des unterschiedlichen Anlageverhaltens werden zusammengefasst und deren Auswirkungen diskutiert. Zudem werden die Ansätze, die Vorgehensweise und die Ergebnisse der eigenen Studie mit den Erkenntnissen aus vorhandener Theorie und Empirie verglichen.

Im Kapitel 6 dieser Arbeit erfolgt die übergeordnete Interpretation, Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse. Zudem wird ein Ausblick auf noch offene Fragestellungen gegeben.

In dem nun folgenden Kapitel wird dargelegt, wie sich Menschen verhalten, wenn sie finanzielle Entscheidungen treffen. Es stellt zunächst grob die klassische Theorie des Homo Oeconomicus vor und erläutert wie Menschen, nach diesem Modell, Entscheidungen treffen. Auch wird dieses Modell kritisch hinterfragt und der relativ neue Forschungszweig der Behavioral Economics vorgestellt. Zusätzlich wird genauer auf Begriffe eingegangen, die besonders zum Verständnis des Verhaltens unter Risiko beitragen.

2. Homo Oeconomicus und Behavioral Finance

Wenn Ökonomen Modelle erstellen, welche das wirtschaftliche Verhalten von Personen vorhersagen sollen, gehen sie meistens vom „Homo Oeconomicus“ aus. In diesem Modell wird der Mensch auf idealtypische Eigenschaften reduziert, denen er all seine Entscheidungen unterordnet. Dieser „Idealmensch“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er sich nur für wirtschaftliche Ziele interessiert. Dabei verhält er sich immer 100% rational und versucht stets seinen höchstmöglichen Nutzen zu erzielen (Nutzenmaximierung). Außerdem verfügt er bei jeder Entscheidung über alle Informationen, die seine Wahl auch nur im Geringsten beeinflussen könnten. Dazu gehört auch, dass er sich aller möglichen Folgen seines Handelns bewusst ist. (Vgl. BPB, 2013)

Das dieser Idealmensch nicht unbedingt die Eigenschaften einer wirklichen Person widerspiegelt, ist einleuchtend. Dies stellt in vielen Fällen allerdings kein Problem dar, da das Modell dazu dient, Modellentscheidungen vorherzusagen, bei denen man über alle Informationen verfügt. Problematisch wird es nur dann, wenn es um die Vorhersage von Entscheidungen geht, die komplexer sind. So ist die Annahme, jede mögliche Information zu einer Entscheidung zu kennen und deren Folgen genau abwägen zu können in der realen Wirtschaft, fast nie gegeben. Am Beispiel der Entscheidung über die richtige Geldanlage für eine Person lässt sich dies besonders gut darstellen: Welches Produkt passt am Besten zu meiner Zukunftsplanung? Mit welchen negativen Folgen bin ich noch bereit zu leben und welches Risiko bin ich bereit dafür einzugehen? Diese Fragen ohne Risiko richtig zu beantworten ist für eine reale Person fast unmöglich.

Die traditionelle Wissenschaft des „Homo Oeconomicus“ vermag hier keine Entscheidungshilfen im Rahmen von möglichst akkuraten Vorhersagen zu geben. An diesem Punkt setzte die Wissenschaft des Behavioral Finance an, die versucht, dieses Problem mit Entscheidungsstrukturen und mit erweiterten Modelbetrachtungen zu lösen.

2.1 Behavioral Finance

Die Behavioral Finance (deutsch: verhaltenswissenschaftliche Finanzmarkttheorie) ist ein Teilbereich der Verhaltensökonomie (= Behavioral Economics). Das Kernziel der Verhaltensökonomie ist es, die psychologischen Annahmen, die der Wirtschaftswissenschaft zugrunde liegen, realistisch und zutreffend zu gestalten. Dazu vereint sie die Ökonomie mit der Psychologie. Dies ist eigentlich keine neue Idee, denn schon Adam Smith baute Erklärungsansätze der Psychologie in seine ökonomischen Denkweisen ein (Vgl. Smith (1976)). Über die Jahrhunderte wurde dieser Gedanke allerdings immer stärker durch das Modell des Homo Oeconomicus verdrängt. Erst ab den 1950er Jahren begannen Wissenschaftler erneut Errungenschaften der zwei Fachbereiche zu vereinen. Seitdem wurden durch die Wissenschaft der Verhaltensökonomie erhebliche Erkenntnisse erlangt, um das menschliche Verhalten in der Vergangenheit und Gegenwart besser zu verstehen und auf zukünftigen Entscheidungsmuster zu projizieren (Vgl. Camerer (1999), S. 10575).

Die Verhaltensökonomen haben in den letzten Jahren insbesondere den Entscheidungsmechanismen des Finanzmarktes große Aufmerksamkeit gewidmet. Dies liegt vor allem daran, dass sich die erlangten Erkenntnisse bzw. Modelle für die Entwicklung von Finanzmärkten besonders gut einsetzen lassen und so das Handeln von Bankmitarbeitern und Vermögensverwaltern unterstützen. Gelingt es, z.B. durch entsprechende Modelle bei einer anstehenden Geldanlageentscheidung, die zahlreichen Schwankungen an den Finanzmärkten genauer vorherzusagen und ihr Entstehen zu erklären, sind dies sehr wertvolle Basisinformationen um Fehlentscheidungen zu vermeiden. Der sich auf finanzielle Entscheidungen spezialisierte Fachbereich der Verhaltensökonomie, ist die Wissenschaft der Behavioral Finance. Ihr zentraler Gedanke ist, „dass die Marktteilnehmer nicht immer rational, sondern aufgrund psychischer, mentaler und neuronaler Beschränkungen nur eingeschränkt rational handeln“ Rapp (1997, S. 82). Ziel der Behavioral Finance ist es somit, die traditionelle Kapitalmarkttheorie durch verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse zu erweitern und ihre Modelle dadurch wirklichkeitsorientierter und zutreffender zu gestalten.

Dabei gilt es zahlreiche Faktoren zu erkennen, die die Entscheidungsfindung von Personen beeinflussen und dafür sorgen, dass bei der Geldanlageentscheidung nicht weitgehend rational vorgegangen wird. Einer der wichtigsten Faktoren ist dabei die sogenannte „Overconfidence“ (deutsch: Selbstüberschätzung). Wie genau sich diese äußert und welche geschlechtsspezifischen Auswirkungen sie im Bereich der Finanzen hat, wird im nachfolgenden Kapitel 2.2 erläutert.

2.2 Overconfidence

Von Overconfidence (deutsch: Selbstüberschätzung) spricht man, wenn die Sicherheit einer Person über die Richtigkeit einer Antwort höher ist, als die wahre, relative Häufigkeit des Zutreffens dieser Antwort. Sie ist ein wichtiger psychologischer Faktor, der viele Entscheidungen beeinflusst (Vgl. Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S. 189f). So kam die Studie von Fischhoff et al. zu dem Ergebnis, dass Menschen allgemein die Exaktheit ihres Wissens überschätzen (Vgl. Fischhoff, Slovic & Lichtenstein (1977), S. 561). Doch ist die Entstehung von Selbstüberschätzung, wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Ein Erklärungsansatz ist, dass man, nachdem man eine Entscheidung getroffen hat, überlegt, wie sicher die eigene Antwort war. Dabei durchsucht man das eigene Wissen meist nur nach Informationen, welche die eigene Auswahl untermauern. Anderen Informationen, die gegen die eigene Sichtweise sprechen, wird dabei weniger Beachtung geschenkt. Diese einseitige Beurteilung führt dazu, ungerechtfertigtes, übermäßiges Vertrauen in die eigene Antwort zu legen (Vgl. Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S. 189f). Es kommt vor allem dann zur Selbstüberschätzung, wenn Vorgänge bewertet werden, bei denen die Vorhersagbarkeit gering ist und man kein schnelles und klares Feedback auf die eigenen Beurteilungsmaßstäbe erhält (Vgl. Fischhoff, Slovic & Lichtenstein (1977), S. 558ff).

Dies führt dazu, dass manche Inverstoren nicht selten zur Selbstüberschätzung neigen. Gibt es doch fast keinen anderen Bereich der Wirtschaft, in dem man ständig mit so vielen neuen Basisinformationen konfrontiert wird und in dem das Feedback von Medien so zahlreich und oft wenig eindeutig ist. Hinzu kommt nicht selten das individuelle Ziel, besser als der Durchschnitt zu sein. Obgleich es faktisch betrachtet oft sehr schwierig ist eine korrekte Vorhersage zu machen, ist die Mehrzahl der Anleger davon überzeugt, dass gerade ihnen dies gelingt. Meist kauft oder verkauft ein Anleger dann z.B. ein Wertpapier, wenn er davon überzeugt ist, dass er über Informationen verfügt, die den Kurs entweder positiv oder negativ beeinflussen werden, auch wenn diese Trends von anderen Anlegern noch nicht erkannt wurden. Bei einem solchen Handeln haben Investoren ein sehr hohes Vertrauen in ihre eigene Kompetenz. Dies ist ein Grund dafür, warum es zu Käufen und Verkäufen kommt, die sich rein rational nicht erklären lassen. Ein rationales Handeln liegt nur dann vor, wenn der erwartete Nutzen einer Investition positiv ist (Vgl. Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S. 353). Da ein selbstüberschätzender Anleger den erwarteten Nutzen allerdings überbewertet, handelt dieser manchmal sogar, wenn der wirkliche erwartete Nutzen negativ ist. Odean erläuterte 1998 in einer Studie, dass ein höheres Maß an Selbstüberschätzung zu einem höheren Maß an Handel führt und damit zu geringerem erwartetem Nutzen (Vgl. Odean (1998), S. 1888f).

Dass die Entscheidungen einzelner Investoren nicht selten falsch sind, kann man an folgendem Beispiel gut erläutern. Der Kauf einer Aktie steht immer der Verkauf dieser Aktie gegenüber. So kommt es an der Börse nur dann zu einem Handel, wenn der willige Käufer auch auf einen willigen Verkäufer trifft. Beide Personen haben Vertrauen in ihre Informationen. Der Verkäufer ist überzeugt davon, dass es ein guter Zeitpunkt ist um zu verkaufen, da er nicht mehr mit steigenden Kursen und damit auch nicht mehr mit steigenden Gewinnen rechnet. Gleichzeitig ist der Käufer davon überzeugt, dass es ein guter Zeitpunkt zum Kauf ist, da er mit steigenden Kursen und somit mit Gewinnen rechnet. Liegen keine lang- oder kurzfristigen Entscheidungsmechanismen vor, muss sich somit eine der Personen zwangsläufig irren (Vgl. Jungermann, Pfister & Fischer (2005), S. 353).

Obwohl sowohl Frauen, als auch Männer zur Selbstüberschätzung neigen, zeigt es sich, dass sich Männer allgemein stärker selbstüberschätzen als Frauen. Dabei ist der Unterschied im Selbstbewusstsein am größten, wenn es um Gebiete geht, die traditionell in Männerhand liegen (Beyer, S. & Bowden, E.M. (1997), S. 168). Liegen hingegen sofortige und eindeutige Rückmeldungen auf eine aktuelle Handlung vor, stellte Lenney fest, dass Frauen und Männer die gleichen Vorhersagen treffen (Vgl. Lenney (1977), S. 5).

Der Unterschied in der Selbstüberschätzung zwischen Frauen und Männern sollte unter anderem dazu führen, dass Männer mehr handeln und sie riskantere Wertpapiere kaufen. Ferner sollte Ihre Performance stärker durch Transaktionskosten negativ beeinflusst werden, als dies bei Frauen der Fall ist.

Wenn das Geschlecht einen Einfluss auf die Selbstüberschätzung von Anlegern hat, ist außerdem zu erwarten, dass der Unterschied zwischen Single-Männer und Single-Frauen am größten ist. Unter verheirateten Ehepartnern sollte sich die Selbstüberschätzung bei dem Mann reduzieren wenn die Partner gegenseitig Einfluss auf das Anlageverhalten des jeweils anderen haben. Demnach sollten verheiratete Männer weniger Selbstüberschätzung aufweisen. Da sich Selbstüberschätzung durch vermehrtes Handeln und infolgedessen durch reduzierte Rendite ausdrückt, ist zu erwarten, dass der Performanceunterschied zwischen weiblichen und männlichen Singles am größten ist. (Vgl. Odean & Barber (2001), S. 17).

Wie sich das Phänomen der Selbstüberschätzung unterschiedlich auf die Geschlechter auswirkt und wie dies ihr Anlageverhalten beeinfluss, wird in Kapitel 4 und 5 genauer erläutert. Zunächst wird im nachfolgenden Kapitel darauf eingegangen, wie man Risiko definiert, was Risiken von Gefahren unterscheidet und welche geschlechtsspezifischen Unterschiede es bei Entscheidungen unter Ungewissheit gibt.

3. Risiko und Ungewissheit

Will man Risiken definieren, ist es wichtig, als erstes die Begriffe Risiko und Gefahr voneinander abzugrenzen. Während Risiken immer auf Handlungen einzelner Personen zurückzuführen sind, bezeichnet der Begriff der Gefahr, eine Begebenheit, welche sich losgelöst von den Handlungen einer Person ereignet (z.B. Vulkanausbruch). Man kann sich gegen eine Gefahr wappnen, sie allerdings nicht ausschließen. Ein Risiko hingegen, lässt sich ausschalten, indem man bestimmte Handlungen vermeidet.

Lässt sich auch die Gefahr, einen Börsencrash zu erleben, nie ganz ausschließen, kann man doch dem Risiko, dadurch Geld zu verlieren, entgegenwirken, indem man nicht in Wertgegenstände investiert, die an der Börse gehandelt werden (Vgl. Wahren (2009), S. 91). Wie Luhmann sagt, liegt der Unterschied zwischen Risiko und Gefahr im Attributionsvorgang. Entscheidend ist demnach, wer einen Schaden verursacht hat. Bei Risiken handelt es sich um Eigenverschulden, bei Gefahren um Fremdverschulden. Luhmann macht diesen Unterschied mit folgendem Beispiel deutlich: „Nur für Raucher ist (Lungen-) Krebs ein Risiko, für andere ist er nach wie vor eine Gefahr.“ (Vgl. Luhmann (1990), S. 148f).

Der Umgang mit Risiken wird zu einem großen Teil von der Kultur, in der man lebt, und der eigenen sozialen und psychologischen Wahrnehmung bestimmt (Vgl. Douglas & Wildavsky, (1982), S. 8). Dabei schwankt die Risikobereitschaft je nach Situation, zwischen risikoavers und risikofreudig. Eine exakte und allgemein anerkannte Methode, eine Person in diesen Bereich einzuordnen, existiert jedoch noch nicht. McClelland beschreibt risikofreudige Personen als solche, die hoch motiviert sind, gerne „spielen“ und dabei bereit sind auch höhere Risiken in Kauf zu nehmen. Risikoscheue Personen sind hingegen vor allem an Sicherheit interessiert, auch wenn dies teilweise zu Kosten der Rendite geht (Vgl. McClelland (1966), S. 207ff).

Ein Risiko geht eine Person immer dann ein, wenn sie eine Entscheidung trifft, deren Ergebnisse nicht exakt vorhersagbar sind. Den möglichen Ergebnissen kann in solch einer Situation nur eine subjektive oder objektive Eintrittswahrscheinlichkeiten zugeordnet werden. Es handelt sich also um eine Entscheidung unter Ungewissheit. Da niemand sagen kann, wie genau sich der Wert einer Investition in Zukunft entwickeln wird, stellt eben solch eine Entscheidung eine Entscheidungen unter Ungewissheit dar.

Studien zum Thema Entscheidungen unter Ungewissheit haben ergeben, dass es signifikante Unterschiede dabei gibt, wie Männer und Frauen mit möglichen Risiken und Unsicherheiten umgehen. So zeigten Schubert et al. in einer Studie aus dem Jahr 2000, dass Frauen bei Investitionen eine größere Abneigung gegenüber Ungewissheiten ausweisen, als dies bei Männern der Falls ist. Dabei wurde getestet, wie hoch eine sichere Auszahlung sein muss, damit eine Person auf eine Investition verzichtet, deren erwarteter Gewinn mehr als die sicherer Auszahlung beträgt. Das Ergebnis war, dass Frauen im Durchschnitt eine signifikant niedrigere Auszahlung (=Sicherheitsäquivalent) akzeptiert haben, als Männer. Dies war sowohl bei geringe, als auch bei hohe Ungewissheit des Investitionsausgangs der Fall (Vgl. Schubert et al. (2000), S. 5).

Aufgrund dieses geschlechtsspezifischen Unterschiedes im Umgang mit Unsicherheiten, ist zu erwarten, dass Frauen bei der Geldanlage solche Produkte bevorzugen, welche die Wahrscheinlichkeit eines ungewissen Ausgangs minimiert. Solch ein Produkt stellen z.B. Investmentfonds dar. Sie weisen eine hohe Diversifikation zwischen einzelnen Wertpapieren auf und unterliegen meist geringeren Schwankungen als Einzeltitel. Jedoch ist die erwartete Maximalrendite meist ebenfalls geringer als die von Einzelwerten.

In welcher Form Anleger auf Risiken und Ungewissheit reagieren, hängt zusätzlich von einer Vielzahl von sozialen, kulturellen und zwischenmenschlichen Einflüssen ab. Da es zum Verständnis der geschlechtsspezifischen Risikounterschiede bei der Geldanlage wichtig ist, welcher Art diese Einflüsse sind, wird in den Kapiteln 4 und 5 genauer auf diese eingegangen.

Im anschließenden Kapitel geht es um die empirischen Belege für geschlechtsspezifisches Risikoverhalten bei der Geldanlage und deren Ursachen. Dafür werden bereits vorhandene wissenschaftliche Studien und eine eigene, eigens für diese Arbeit durchgeführte, Studie herangezogen sowie deren Ergebnisse verglichen.

4. Ursachen und Analyse unterschiedlichen Anlageverhaltens

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche theoretische und empirische Studien durchgeführt, die als Ziel hatten, das Handeln von Anlegern zu erklären und damit vorhersagbarer zu gestalten. Das Interesse an solchen Studien ist groß, da Finanzunternehmen mit ihrer Hilfe ihre Produkte besser an Kundenbedürfnisse anpassen können.

Im Folgenden werden die Ergebnisse einiger Studien vorgestellt, die zum Ziel hatten zu belegen, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Geldanlage gibt. Dabei wurde besonders darauf geachtet, ob unterschiedliches Risikoverhalten zwischen den Geschlechtern eine Rolle spielt.

Wie bereits erläutert, ist Selbstüberschätzung einer der wichtigsten Faktoren, der das Anlageverhalten beeinflusst. Diesem Phänomen wurde deshalb bereits ein eigenes Kapitel in dieser Arbeit gewidmet (siehe Kapitel 2.2). In diesem Kapitel werden die Kulturzugehörigkeit, das Interesse am Finanzmarkt, die Selbsteinschätzung, der Einfluss von Kundenberatern und die Auswirkung von Genen als weitere Einflussfaktoren auf das geschlechtsspezifische Risikoverhalten bei der Geldanlage untersucht. Weiter wird erläutert, inwieweit die Ergebnisse empirischer Studien durch diese Faktoren untermauert werden können.

4.1 Ursachen unterschiedlichen Anlageverhaltens

Die Kultur bzw. Gesellschaftsordnung

Die Kultur bzw. Gesellschaftsordnung, in der eine Person aufwächst und lebt, beeinflusst maßgeblich dessen Risikoverhalten bei der Geldanlage. So hat der Wandel der westlichen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Frauen immer mehr arbeiten und immer mehr verdienen. Auch wenn Frauen bis heute noch nicht auf dem Lohnniveau ihrer männlichen Kollegen angekommen sind (Vgl. Statistisches Bundesamt (2012), S. 32), hat dies zur Folge, dass weibliche Anleger immer öfter ihr selbstverdientes Geld investieren, sodass sich ihre Erfahrung und Kompetenz, in Sachen Geldanlage, steigert. (Vgl. Damisch, P., et al. (2010), S. 2). Wie bereits erläutert, haben das Vermögen, die Erfahrung und Kompetenz einer Person

Einfluss auf dessen Anlageverhalten. Wer über mehr freies Kapital verfügt und sich besser mit dem Investmentmarkt auskennt, ist auch meist bereit erhöhte Risiken einzugehen (Vgl. Jörg (2005), S. 6).

Der Umgang mit Risiken wird von der Gesellschaft beeinflusst. So werden Jungen z.B. im Sport schon früh dazu ermutigt Risiken einzugehen um besser als Mitstreiter zu sein. Dies ist bei Mädchen weniger der Fall (Vgl. Booth & Nolan (2009), S. 1). Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass Mädchen, die auf gemischte Schulen gehen, geringere Risiken eingehen als Mädchen, die auf reine Mädchenschulen gehen. Mädchen, die reine Mädchenschulen besuchen, zeigen gleiche Risikoneigungen wie Jungen (Vgl. Booth & Nolan (2009), S. 17). So wird bereits in jungen Jahren das Verhalten von Kindern durch ihre Eltern, Erzieher und gleichaltrige Freunde beeinflusst und zu vorhandenen gesellschaftlichen Verhaltensnormen gelenkt. Interessant ist auch, dass männliche Personen risikofreudiger sind, auch wenn dies objektiv schlecht für sie ausgehen wird. Umgekehrt verhält es sich bei weiblichen Personen. Sie gehen oft sogar bewusst in Situationen keine Risiken ein, obgleich es eine gute Entwicklung für sie wäre. (Vgl. Byrnes et al. , S. 378).

All dies unterstützt die Annahme, dass geschlechtsspezifisches Risikoverhalten vor allem ein Ergebnis sozialer Strukturen ist, und nicht inhärent gegeben ist.

Interesse und Kompetenz

Ein anderer Aspekt, der erklären kann warum Männer bei der Geldanlage höhere Risiken eingehen als Frauen ist, dass sie auf diesem Gebiet oftmals interessierter, informierter und dadurch kompetenter sind. Denn kennt sich eine Person mit einem Thema gut aus, kann sie erwartete Risiken besser einschätzen als jemand, der keine Kompetenz in diesem Gebiet vorweisen kann. Für einen erfahrenen Anleger bedeutet dies, dass er in der Lage ist, die Risiken eines Investments besser einzuschätzen und damit auch die erwartete Rendite exakter vorhersagen kann. Er geht infolgedessen riskantere Geldanlagen ein, als ein unerfahrener Anleger, der lieber eine sichere Anlagevariante wählt. Diesen Interessensunterschied bestätigt ebenfalls eine Studie der Direkt Anlage Bank (DAB) - Bank. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich Männer im Monat doppelt so lange mit ihrer Geldanlage befassen, als dies Frauen tun (Vgl. DAB-Bank (2004), zitiert in DAB-Bank 2015). Ferner zeigten Odean und Barber in ihrer Studie, dass Frauen weniger Erfahrung mit vergangenen Geldanlagen gesammelt haben (Vgl. Odean & Barber (2001), S. 8). Da sich Frauen oftmals weniger mit der Geldanlege befassen, fühlen sie sich bei diesem Thema weniger kompetent und agieren risikoavers. Verfügen Frauen und Männer jedoch über einen gleichen Kenntnisstand der Faktoren Ziele, Informationsverhalten und Wissen, verschwindet der Unterschied dagegen fast gänzlich (Vgl. Jörg (2005), S. 6).

Unterschiede gibt es dabei ferner in der Art der Informationsbeschaffung. Hira und Loibl zeigten, dass Frauen es bevorzugen Informationen über den persönlichen Kontakt mit Freunden oder Kollegen zu erhalten. Männer hingegen erarbeiten sich Informationen lieber selbst. Dazu benutzen sie auch häufiger als Frauen den Computer und das Internet (Vgl. Hira & Loibl (2006), S. 2). Deshalb ist zu erwarten, dass Frauen in ihrer Anlageentscheidung stärker durch Anlageberater beeinflusst werden als Männer.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Ergebnis einer Studie von Croson und Gneezy. Sie zeigten auf, dass die Unterschiede im geschlechtsspezifischen Risikoverhalten unter Managern viel geringer oder gar nicht vorhanden sind (Vgl. Croson & Gneezy (2009), S. 6). Dies muss allerdings nicht unbedingt auf den gleichen Grad der Bildung und Kompetenz zurückzuführen sein. Es kann auch darin begründet sein, dass eine (Eigenschafts-)Selektion vorliegt. Dies wäre dann der Fall, wenn es sich um Männer und Frauen mit erhöhter Risikoneigung handelt, die aufgrund dessen eine Managementkarriere anstreben.

Selbsteinschätzung

Eng verbunden mit dem Gefühl von Kompetenz ist die Selbsteinschätzung einer Person. Barsky et al. befragten Personen, wie risikoreich sie sich selber bei der Geldanlage einschätzen. Diese Umfrage ergab, dass sich Frauen als risikoaverser einschätzen, als das bei Männern der Fall ist (Barsky et al. (1997)). Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie der DAB-Bank aus dem Jahre 2004. Ca. 50% der Frauen bezeichneten sich damals als sehr sicherheitsorientiert. Bei den Männern taten dies nur 34%. Der Anteil risikofreudiger Anleger hingegen war bei den Männern mit ca. 21% signifikant höher als der bei den Frauen (ca.13%) (Vgl. DAB-Bank (2004), zitiert in DAB-Bank 2015). Es ist zu erwarten, dass Personen, die sich selber als risikoavers einschätzen, dies auch in der aktiven Geldanlage deutlich machen.

Finanzberater

Wie erwähnt, haben auch Finanzberater einen Einfluss darauf, für welche Wertpapiere sich Frauen und Männern bei der Geldanlage entscheiden. So sind sie es, die Kunden bestimmte Papiere zum Kauf vorschlagen und die Informationen vermitteln. Damisch et al. befragten weibliche Bankkunden und konnten herausstellen, dass sich diese oft schlechter beraten fühlten, nur weil sie Frauen sind. Demnach erhielten Männer mehr Aufmerksamkeit, bessere Ratschläge und sogar bessere Angebote. Viele Frauen hatten das Gefühl, dass die Berater ihnen von vornherein eine geringe Risikoneigung zuschrieben und ihnen deshalb nur dementsprechend risikoärmere Angebote vorschlugen. Auch gingen Berater davon aus, dass Frauen die „soziale Geldanlage“, beispielweise in erneuerbare Energie, wichtiger sei als die reine Rendite (Vgl. Damisch, P., et al. (2010), S. 3ff). So kann es passieren, dass Frauen Wertpapiere kaufen, die risikoaverser sind als die, die Männer kaufen, obwohl sie die gleiche Risikoneigung haben. Als Folge ist auch die zu erwartete Rendite bei Frauen geringer.

Gene

Ein ganz anderer Erklärungsansatz für geschlechtsspezifische Unterschiede im Risikoverhalten geht davon aus, dass das grundsätzliche Verhalten von Menschen in den Genen verankert ist und sich über Jahrtausende entwickelt hat. Dieser genetische Unterschied sorgt demnach z.B. dafür, dass Männer Risiken eher „anpacken“ und damit Dominanz und Stärke zeigen. Frauen hingegen, ist vor allem Schutz wichtig, weshalb sie Risiken aus dem Weg gehen (Trivers (1972), S. 59). Dies sei der Grund, warum Frauen bei der Geldanlage risikoaverser handeln als Männer.

Nachdem, in den vorherigen Abschnitten, ausführlich auf verschiedene Auslöser von geschlechtsspezifischem Risikoverhalten eingegangen wurde, befassen sich die nachfolgenden Unterkapitel damit, welche Unterschiede im Anlageverhalten von Männern und Frauen empirisch festgestellt wurden und wie diese durch die genannten Auslöser begründet werden können. Dabei wird auf die Gegensätze im Depotvolumen, der Depotstruktur, der Anzahl von Transaktionen und der Performance eingegangen.

4.2 Analyse unterschiedlichen Anlageverhaltens

Depotvolumen

Wird das Anlageverhalten von Männern und Frauen untersucht, beschränken sich die Analysen immer wieder nur auf einen sehr beschränkten Umfang an Daten. Dies liegt meist daran, dass immer wieder einzelne Daten fehlen, um Quervergleiche schließen zu können. So benötigt man für eine gute Analyse des Anlageverhaltens möglichst genaue Daten über z.B. das Geschlecht, das Alter, den Familienstand, die Bildung, das Einkommen, das Vermögen und der Anlageentscheidung einer Person. Von welcher Bedeutung diese Zusammenhänge für das Anlageverhalten sind, wird deutlich, wenn man die Ergebnisse von Studien betrachtet, die genau diese Informationen zur Verfügung hatten. So untersuchten Schäfer et al. in einer Studie aus dem Jahr 2009, welcher der eben genannten Faktoren den größten Einfluss auf das Anlageverhalten von Frauen und Männern hat. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Entscheidung, welches Risiko man bei der Geldanlage eingeht, maßgeblich von der Höhe des zur Verfügung stehenden Geldes abhängt. Umso höher das verfügbare Vermögen dabei ist, umso risikoreicher legen es diese Personen an. Sind alle sozioökonomischen Charakteristika gleich, wählen Frauen und Männer das gleiche Maß an Risiko (Vgl. Schäfer, Barasinska & Badunenko (2009), S. 836). Diese Erkenntnis steht im Einklang mit der Theorie, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Risikoverhalten bei der Geldanlage vor allem durch kulturelle und soziale Unterschiede erzeugt werden und nicht von Geburt an durch die Gene vorgegeben sind.

Wie der bereits erwähnte Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern vermuten ließ, ergaben empirische Studien auch, dass das Depotvolumen von Frauen im Schnitt unter dem von Männern liegt (Vgl. Schäfer, Barasinska & Badunenko (2009), S. 833). Odean und Barber analysierten in ihrer Studie die Wertpapierdepots von 35.000 Privatanlegern und kamen gleichermaßen zu dem Ergebnis, dass Männer in der Regel über ein höheres Anlagevolumen verfügen (Vgl. Odean & Barber (2001), S. 14). Dies bestätigt ebenfalls eine aktuelle Studie der DAB-Bank, die 2014 veröffentlicht wurde. Dabei lag das Depotvolumen weiblicher Kunden im Schnitt 35 % Prozent unter dem der männlichen Kunden (Vgl. DAB-Bank (2015), S. 4).

Wie aufgezeigt wurde, hat das Vermögen einer Person einen großen Einfluss auf dessen Anlageverhalten. Dass Frauen in der Regel weniger Vermögen zur Verfügung steht, lässt vermuten, dass sie vorsichtiger bei der Geldanlage vorgehen werden, also erwartete Risiken und erwartete Verluste stärker vermeiden werden als Männer. Wie sich diese These in der Praxis bewährt, wird im nachfolgenden Abschnitt genauer erläutert.

Depotstruktur

Dem Phänomen der Overconfidence zufolge ist zu erwarten, dass man in Depots von Männern mit höherer Wahrscheinlichkeit einen größeren Anteil an risikoreicheren Wertpapieren findet, als in denen von Frauen. Wie in Kapitel 2.2 erklärt, liegt dies daran, dass sich Männer ihrer Entscheidungen sicherer sind. Diese falsche Risikoeinschätzung kann dazu führen, dass Männer den erwarteten Ertrag einer Anlage zu hoch einschätzen und Investitionen tätigen, die ein rationaler Investor nicht tätigen würde. Um diese These zu überprüfen wurden zahlreiche empirische Studien durchgeführt. Schäfer et al. kamen 2009 zu dem Ergebnis, dass der Anteil von Männern, die riskante Finanzprodukte besitzen 20 % höher ist als der der Frauen (Vgl. Schäfer, Barasinska & Badunenko (2009), S. 834). Auch die DAB-Bank Studie aus dem Jahr 2014 bestätigt, dass Männer risikoreicher investieren als Frauen, wobei die Tendenz weniger ausgeprägt ist. So investieren Männer ca. 54 % ihres Depotvolumens in Aktien. Bei den Frauen tun dies nur ca. 51 %. In die Anlageklasse der Investmentfonds investieren Frauen mit ca. 37 % einen größeren Anteil ihres Depotvolumens als Männer (ca. 33 %) (Vgl. DAB-Bank (2015), S. 7). In einzelne Aktien zu investieren ist dabei risikoreicher als in Investmentfonds, bei denen die Investition breit gestreut ist, was die Abhängigkeit von Einzelwerten reduziert und somit das Risiko eines Totalverlustes verringert.

So bestätigen empirische Studien, was die These vermuten ließ. Das im Durchschnitt geringere Depotvolumen von Frauen und die Eigenschaft von Männern, stärker zur Selbstüberschätzung zu neigen als Frauen sorgen dafür, dass Frauen bei der Geldanlage eine risikoaversere Auswahl treffen als Männer. Wie erklärt, kann die Depotstruktur zu einem gewissen Teil auch durch den Einfluss von Finanzberatern erklärt werden, die oft dafür sorgen, dass Frauen risikoaversere Wertpapiere erwerben.

Ein weiterer Depotbestandteil, an dem der Unterschied geschlechtsspezifischen Risikoverhaltens deutlicher wird, ist der „Cash“-Anteil. Dieser gibt an, wieviel Prozent des Depotvolumens nicht in den Markt investiert wird. Das Geld ist somit keinem Risiko ausgesetzt, erwirtschaftet dafür aber auch keine Rendite. Die Höhe dieses Anteils kann etwas über das Sicherheitsbedürfnis des Anlegers aussagen. Je geringer diese Position ist, desto mehr ist man im Markt investiert und umso mehr Risiko geht man ein. Unter den Depots, die von der DAB-Bank 2014 ausgewertet wurden, zeigt sich, dass Frauen mit einem „Cash“-Anteil von 24 % auch hier risikoaverser handeln als Männer, deren „Cash“-Anteil nur 20 % beträgt (Vgl. DAB-Bank (2015), S. 8). Powell und Ansic kamen in ihrer Studie ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Frauen einen höheren Cash-Anteil bevorzugen, als Männer (Vgl. Powell & Ansic (1997), S. 620). Das bereits erwähnte geringere Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ist demnach ein Grund, warum sich Frauen, im Vergleich zu Männern, für einen höheren „Cash“-Anteil entscheiden.

Transaktionen

Wie häufig ein Anleger Bestandteile seines Depots handelt, kann Aufschlüsse darüber geben, wie viel Vertrauen er in seine eigenen Einschätzungen zur zukünftigen Entwicklung eines Wertpapiers hat. Dabei ist, wie in Kapitel 2.2 erläutert, zu erwarten, dass Anleger, die ihre Leistungen in der Wertpapierauswahl überschätzen, mehr Handeln als rationale Anleger. Und da, wie zuvor gezeigt, Männern bei Risikoentscheidungen zu mehr Selbstüberschätzung (= Overconfidence) neigen, ist zu erwarten, dass sie auch mehr Transaktionen durchführen als Frauen.

So ergab eine Untersuchung der DAB Bank, dass ihre männlichen Kunden mit im Durchschnitt 7,8 Transaktionen im Jahr, mehr als doppelt so viel handeln, als die weiblichen Kunden, die im Schnitt nur 3,8 Transaktionen im Jahr durchführen (Vgl. DAB-Bank (2015), S. 8). Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine andere empirische Studie. Bei den von Odean und Barber untersuchten Depots handelten Männer 45 % mehr als Frauen (Vgl. Odean & Barber (2001), S. 2). Bei Alleinstehenden war dieser Unterschied noch markanter. Hier handelten die Männer im Schnitt 67% mehr als Frauen (Vgl. Odean & Barber (2001), S. 2). Diese Daten bestätigen die vorher beschriebenen Einflüsse der Selbstüberschätzung auf die Geldanlage, dass Männer mehr Handeln als Frauen und das der Unterschied bei Alleinstehenden am gravierendsten ist.

Nachdem in den letzten Unterkapiteln aufgezeigt wurde, wie es zu geschlechtsspezifischen Risikoverhalten kommen kann, und wie sich diese Unterschiede auf die Geldanlage auswirkt, geht das nachfolgende Unterkapitel darauf ein, wie all dies die erzielte Rendite beeinflusst. Dabei wird gezeigt, wie sich die genannten Faktoren positiv oder negativ auf die Performance auswirken und ob Frauen und Männer wirklich eine unterschiedliche Performance generieren.

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Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsspezifisches Risikoverhalten bei der Geldanlage
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
42
Katalognummer
V324202
ISBN (eBook)
9783668233973
ISBN (Buch)
9783668233980
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Investitionsverhalten, Geldanlagen, Risikoverhalten, geschlechtsspezifisches Anlageverhalten, Overconfidence
Arbeit zitieren
Markus Schultes (Autor), 2016, Geschlechtsspezifisches Risikoverhalten bei der Geldanlage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/324202

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