Laudines Fußfall und der Schluss von Hartmanns 'Iwein'


Seminararbeit, 2004
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung: Übersicht der fragmentarischen Überlieferungen zur Kniefallszene

II. Chaotische Figurenkonzeption oder schlechte Bearbeitung?
1. Laudines Entscheidungsphasen im „Iwein“
a) Durch Minne gestiftete Ehe oder Zweckbündnis auf Zeit?
b) Herzschmerz oder Vertragsbruch?
2. Kniefallszene: Kunstfehler oder nicht?

III. Schluss: Stammt Laudines Kniefall von Hartmann oder einem „Nachdichter“?

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Übersicht zu den fragmentarischen Überlieferungen der Kniefallszene

Viele der weitgehend erhaltenen Romane aus dem Mittelalter leiden an einer schlechten bis sehr schlechten Überlieferung der Texte. Trotzdem können zahlreiche Fragmente aus unterschiedlichen Quellen wieder hergestellt werden, ohne dass hierbei schwere stilistische Brüche und sprachliche Finessen in größerem Maße verloren gehen. Anders ist dies bei dem Schluss von Hartmanns „Iwein“. Die Überlieferung des Werkes ist durchschnittlich und Quellen belegen, dass das Werk wohl großes Ansehen und eine weite Verbreitung zu des Dichters Lebzeiten, auch unter seinen Kollegen, genoss.[1]

Es sind insgesamt 18 Fragmente – manche Quellen berichten auch von17 Fragmenten - sowie 15 einigermaßen vollständige Handschriften erhalten. Darunter die Heidelberger Handschrift A und die Giessener B, die noch aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen und damit zeitlich nicht weit von der Entstehung des Werkes entfernt sein können.[2]

Die Handschrift A ist in „mitteldeutsch-niederdeutsch“ und die Handschrift B in „ostoberdeutsch“ verfasst, wobei B als die ältere der beiden Schriften genannt und ca. in das „1. Drittel 13. Jh.“ (Klein) eingestuft wird. A hingegen wird erst auf das 2. Drittel 13. Jh. eingeschätzt, die Handschrift könnte allerdings auch ungefähr zur selben Zeit wie die Handschrift B entstanden sein. Laudines Kniefall und der darauf folgende Schluss sind nur in einer der beiden alten Handschriften enthalten, nämlich in B (zu der eine jüngere [a] und eine jüngste [d] hinzutreten) und nicht in der Handschrift A, „die als einzige ganz für sich steht und deshalb allen Iwein -Ausgaben als Basis dient“.[3]

Die Verse 8121-8136 sind nur in den Handschriften Ba (bis 8132 auch in d) überliefert und fehlen folglich in allen anderen – namentlich in ADEbc bzw. in ADEbcd. Schröder weißt des Weiteren darauf hin, dass die Kniefall-Verse nicht die einzigen Ergänzungen in der Gießener Handschrift seien. Über das ganze Werk hinweg wurden verschiedene Verse im Vergleich zu Chretiens Vorlage (aber auch zu Hartmanns „Original“), sowie in anderen Handschriften (siehe Gerhardt), ergänzt bzw. geändert.[4]

Auf jeden Fall wird einem aufmerksamen Leser die Kniefallszene am Ende des Werkes etwas abrupt und schlecht nachvollziehbar erscheinen, da Laudines Schuldeingeständnis sich nicht so recht mit ihrem Gesamtverhalten im Roman vereinbaren lässt. Hieraus ergibt sich ganz klar eine wichtige Problematik, da dieser relativ kleine Textabschnitt dem Werk eine gänzlich andere Interpretation zugrunde legt. Betrachtet man allerdings die Überlieferung der Kniefallverse, kann man der Urheberschaft Hartmanns gegenüber diesen Versen erhebliche Zweifel entgegenbringen. Dies wird nicht nur durch den Bruch der Figurenkonzeption erreicht, nein auch die Erzählstruktur des Iwein-Romans lässt eine solche Wendung kaum möglich erscheinen. Dieser Umstand fiel schon so manchem Bearbeiter des Werkes auf, wobei die meisten dies jedoch auf „eine andere redaktion von des dichters eigener hand“ (Henrici, Emil) zurückführten.[5]

Es wurden 24 Minusverse auch von Lachmann und Henrici als solche erkannt und angegeben. Auffällig ist auch, dass keine der beiden Handschriften in alemannisch verfasst wurde, obwohl Hartmann aus dem Schwäbischen Raum stammen soll und sein Werk – wie bereits gesagt - eine große Verbreitung zu dieser Zeit genoss.[6]

Hierdurch kann nicht mehr festgestellt werden, wie viele Nachbearbeiter das Werk vor sich hatten, bevor es in den uns bekannten Handschriften weitergegeben wurde und wie stark ein möglicher Fremdeinfluss auf den „Iwein“ war, dem letztendlich möglicherweise ein Interpretationswandel zugrunde liegt. Andererseits wären redaktionelle Änderungen durch den Autor selbst auch nicht weiter verwunderlich. Weiß man doch auch von Goethe, dass er seinen „Faust“ des Öfteren umgeschrieben oder ergänzt hat. Wieso sollte dies dann nicht auch ein anderer Schriftsteller, wie in diesem Fall Hartmann, machen? Mit Gewissheit lässt sich jedoch nur feststellen, dass es im Hochmittelalter keine moralischen oder rechtlichen Schranken gegen das Kopieren fremder Vorlagen gab, die somit einen Urtext hätten erhalten können. Somit galt die Bearbeitung bestehender Romanvorlagen als durchaus legitimes, schriftstellerisches Mittel. Auf diese Weise wurden die meisten uns heute überlieferten Texte auch weitergegeben und ihre Änderungen ebenfalls tradiert.

Diese Arbeit soll verschiedene Interpretationsansätze näher beleuchten und ihre Plausibilität anhand ausgewählter Textstellen des „Iwein“ überprüfen. Der systematische Vergleich der Passagen wird, so hoffe ich, aufzeigen, dass Werner Schröders Annahme, der Fußfall Laudines stamme nicht von Hartmann, durchaus verständlich ist, jedoch die dargestellte Absolutheit seiner Behauptung jeder Grundlage entbehren muss. Die Arbeit will und kann allerdings nicht die Frage im Diskurs lösen, ob die Kniefallszene Hartmann tatsächlich anzurechnen sei oder nicht… zumal die Überlieferungslage dies gar nicht zulässt, was im weiteren Verlauf ersichtlich werden soll.

II. Chaotische Figurenkonzeption oder schlechte Bearbeitung?

1. Laudines Entscheidungsphasen im „Iwein“

a) Durch Minne gestiftete Ehe oder Zweckbündnis auf Zeit?

Betrachtet man Laudines vielseitiges Verhalten im „Iwein“ müsste ihr Kniefall am Schluss des Werkes nicht weiter verwundern, gäbe es nicht einen durchgängigen Charakterzug aufgrund ihrer verletzten Eitelkeit – Starrsinn in ihrem Zorn gegenüber Iwein ! Auf der anderen Seite zeigt sich Laudine nicht wirklich als die gefestigte Persönlichkeit, die sie vorgibt zu sein. Zu leicht lässt sie sich fortwährend von ihrer Vertrauten Lunete beeinflussen, weshalb sie schnell zur „leicht getrösteten Witwe“ - nach Werner Schröders Aussage – wird. Eine so angelegte Figurenkonzeption stellt ihre Person nicht nur in ein zwiespältiges (und wahrscheinlich zudem schlechtes) Verhältnis zum Publikum, zumal der Leser allenfalls zu dem Schluss kommen muss, dass nur Wankelmut an ihr erkennbar sei. Nicht ersichtlich wird vor allem eine vom Autor beabsichtigte Charakterentwicklung, die die Bereitschaft zur Vergebung zur Folge hätte haben können. Während Iwein verschiedene Stationen zur Selbstfindung durchlaufen muss, hierbei ständig geprüft wird und sein Weg von Entbehrungen und Leid gekennzeichnet ist, lässt sich eine solche Wendung bzw. Entwicklung nicht bei Laudine feststellen. Wäre dies jedoch bei ihr von Hartmann beabsichtigt gewesen, ließe seine schriftstellerische Kunstfertigkeit in der Kniefallszene deutliche Schwächen erkennen, was in diesem Zusammenhang bereits Sparnaay und Wapnewski aufgefallen war.[7] Werner Schröder merkt interessanterweise an, dass bereits Wolfram von Eschenbach sich zur Darstellung Laudines äußerte und mitteilte, dass er von solch wankelmütigen Frauen nichts halte.[8] Dies könnte bereits ein Indiz dafür sein, dass Wolfram nur den „harten Schluß“Hartmanns kannte oder Laudines Fußfall als einen weiteren Anhaltspunkt für ihr politisches und berechnendes Wesen interpretiert haben mag, wozu aber der Wankelmut nicht zu passen scheint, außer dieser wird von Wolfram nur auf die emotionale Ebene bezogen. Zweiteres zieht Schröder jedoch nicht einmal in Betracht. Vielleicht kritisiert er aber auch nur die „leicht getröstete Witwe“ für ihre mangelnde Loyalität gegenüber ihrem ermordeten Gatten Askalon ? Unabhängig jedoch von dem Interpretationsansatz dem man zu folgen geneigt sein mag stellt sich die Frage, wieso sollte Laudine zu jenem Zeitpunkt der Geschichte sich Iwein zu Füßen fallen lassen?

Ein möglicher Erklärungsansatz wäre ein Schuldeingeständnis ihrerseits, was aber – wie ich im Folgenden aufzeigen werde - nicht in den Gesamtkontext ihrer Handlungen in der Geschichte passen will. Vielleicht erkennt sie durch den entrichteten Eid aber auch nur die Ausweglosigkeit ihrer Lage und beschließt, sich lieber gut zu ihrem neuen Gatten zu stellen, um später wieder die dominante Position in der Ehe einnehmen zu können (ein Hinweis für mein vermutetes politisch-taktierendes Verhalten)? Diese Interpretation würde weit besser zu der Charakterisierung Laudines passen, scheint aber dennoch ein wenig zu weit hergeholt zu sein, da Hartmann die Szene bei einer solchen Intention auch nicht in gewohnter Manier kommentiert hat. Das könnte aber auch wiederum darauf hinweisen, dass Hartmann nicht der Autor der Zusatzverse war, weswegen einem diese auch so unbedacht erscheinen mögen. Doch berücksichtigt man, unter welchen Vorzeichen das Kennenlernen zwischen Iwein und Laudine schon zu Beginn stand, ist der vielleicht weit positiver wirkende Fußfall der Brunnenherrin zum Schluss hin auch nur ein Mittel gewesen, die Leser- und Hörerschaft der Geschichte mit einem „Happy End“ zufrieden zu stellen.

Nachdem Iwein Ascalon gnadenlos erschlägt und sich mit Lunetes Hilfe in der Burg des Getöteten verstecken kann, beobachtet er die Witwe Laudine bei ihrer Trauerzeremonie und verliebt sich in diese. Hartmann versucht ihren Schmerz als nicht nur höfischen Trauerritus darzustellen, sondern als echten persönlichen Schmerz aufgrund des erlittenen Verlustes (v. 1315-1323). Lunete entschließt sich Iwein zu unterstützen und versucht ihre Herrin davon zu überzeugen, dass sie einen neuen Ehemann und Beschützer benötige, was doch sehr befremdlich wirkt, bedenkt man, dass die Witwe gerade erst vom Tod ihres geliebten Mannes erfahren hat und wäre die Liebe zu Askalon so groß gewesen, hätte die engste Vertraute Laudines dies doch wissen müssen. Die Herrin hält den Vorschlag ihrer Vertrauten zunächst für verrückt (v. 1801-1818), was nicht verwunderlich ist. Lunete erzählt daraufhin von dem bevorstehenden Angriff des König Artus und betont die Notwendigkeit eines neuen Landesherrn. Sie berichtet Laudine auch davon, dass sie jemanden kenne, der bereit sei sie zur Frau zu nehmen, worauf Laudine erstes unerwartetes Interesse zeigt (v. 1914-1947), was zur geschilderten Trauer bereits nicht mehr passen will. Als Laudine erfährt, dass der Interessent zugleich der Mörder ihres Mannes ist, ist sie empört und beginnt einen Streit mit Lunete. Nachdem Laudine in der Diskussion den rethorischen Finessen ihrer Vertrauten unterliegt, schickt sie diese im Zorn fort und beschimpft sie als Verräterin (v. 1968-1983). Allerdings lässt sie schnell wieder ab von ihrer Empörung und freundet sich erstaunlich schnell mit der Logik ihrer Vertrauten an, ja sie entschuldigt sogar noch den Mord an Ascalon (v. 2035-2055). Denn dieser sei ja angeblich in Notwehr geschehen – eine offensichtliche Lüge, da Laudine den Angriff auf den Brunnen miterlebt haben muss! Die Auswirkungen betreffen ihr ganzes Land, worauf Hartmann auch in der einen oder anderen Passage des Romans eingeht. Laudine – die Landesherrin – weiß also ganz genau, dass ihr Mann nur der rechtmäßige Verteidiger, und somit Iwein der Angreifer war. Hierauf beginnt ihre eiskalte politische Berechnung. Sie überlegt welche Vorteile aus einer Ehe mit dem Mörder ihres Mannes sie ziehen könnte und erkennt diese als für sich vorteilhaft. Laudines Eheabsicht entstammt also nur einer rationalen politischen Überlegung. Zwar sagt sie, dass sie Iwein gerne heiraten wolle, doch ist dies möglicherweise kein Liebesgeständnis, sondern eine rechtsverbindliche Absichtserklärung.

[...]


[1] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. In: Schriftenreihe: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse / Akademie der Wissenschaften und der Literatur; 1997, 2 / Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Stuttgart: Steiner, 1997, S. 29 - 30.

[2] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. 1997, S. 29 - 30.

[3] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. In: Schriftenreihe: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse / Akademie der Wissenschaften und der Literatur; 1997, 2 / Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Stuttgart: Steiner, 1997, S. 5.

[4] Gerhardt analysiert, in seiner nachfolgend aufgeführten Arbeit, akribisch die Unterschiede der „Iwein-Schlüsse“ bei Chretien und Hartmann:

Christoph Gerhardt: „Iwein“ -Schlüsse. In: Literatur-wissenschaftliches Jahrbuch N.F. 13 (1972), S. 13-39.

[5] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. In: Schriftenreihe: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse / Akademie der Wissenschaften und der Literatur; 1997, 2 / Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Stuttgart: Steiner, 1997, S. 5.

[6] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. 1997, S. 26 - 29.

[7] Das Zitat ist „aus zweiter Hand“. Dieses Zitat führt Schröder in dessen Arbeit auf und es stammt aus einer älteren Quelle, weswegen es hier lediglich entlehnt wurde. Im Original steht das Zitat in folgender Abhandlung: Peter Wapnewski, Hartmann von Aue, 1962, S.68.

[8] Schröder, Werner: Laudines Kniefall und der Schluss von Hartmanns ‚Iwein‘. In: Schriftenreihe: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse / Akademie der Wissenschaften und der Literatur; 1997, 2 / Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Stuttgart: Steiner, 1997, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Laudines Fußfall und der Schluss von Hartmanns 'Iwein'
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Hartmann von Aues „Iwein“
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V33115
ISBN (eBook)
9783638336765
ISBN (Buch)
9783638761468
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Laudines, Fußfall, Schluss, Hartmanns, Iwein, Proseminar, Hartmann, Aues, von, Aue, Laudine, Seminar, Mediävistik, Interpretation, Arthus, Artus, König Arthur, Kniefallszene, Fußfallszene, Werner Schröder, Werner, Schröder, Urheberschaft, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Alexander Hoffmann (Autor), 2004, Laudines Fußfall und der Schluss von Hartmanns 'Iwein', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33115

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