Begriffsuntersuchungen im Bereich der Korruptionsforschung - "Moralökonomie" und "Sprache der Korruption"


Seminararbeit, 2002

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Allgemeine Einleitung

Thema 1) Für eine „Moralökonomie“ der Korruption?

1. Einleitung

2. Die „Moralökonomie“ nach Thompson und Scott

3. Die „Moralökonomie“ nach de Sardan

4. Die „Economy of Affection“ nach Hyden

5. Fazit: „Moralökonomie“ oder „Economy of Affection“?

Thema 2) Die Sprache der Korruption

6. Einleitung

7. Rhetorik der Korruption

8. Semiologie der Korruption
8.1. Semantik der Korruption
8.2. Diskurs über Korruption

9. Fazit: Rhetorik, Semiologie, Semantik oder Diskurs der Korruption?..

10. Literaturangaben

0. Allgemeine Einleitung

In dieser Hausarbeit soll es um die Analyse einiger Begriffe gehen, die für die Untersuchung von Korruption benutzt werden. Zum einen soll der Begriff der „Moralökonomie“ wie er von Olivier de Sardan benutzt wird, näher betrachtet und auf seine Eignung hin geprüft werden (Thema 1). Zum anderen soll der ganze Komplex, der sich mit der Sprache (in) der Korruption befaßt, vorgestellt und beurteilt werden (Thema 2). Diese zwei Themen werden getrennt voneinander behandelt werden und erhalten des besseren Verständnisses wegen jeweils ihre eigene Einleitung und ihr eigenes Fazit. Gemeinsam ist jedoch beiden Themen, daß sie die benutzten Begriffe auf ihre Eignung für das jeweilige Thema untersuchen und eventuell auch Verbesserungsvorschläge machen.

THEMA 1) Für eine „Moralökonomie“ der Korruption?

1. Einleitung

Olivier de Sardan plädiert in seinem Artikel A moral economy of corruption in Africa? (1999) für eine Anwendung des Begriffs „Moralökonomie“ von Thompson und Scott auf das Phänomen der Korruption in Afrika. Im folgenden soll nun untersucht werden, ob die Anwendung dieses Begriffs in dem Kontext wirklich gerechtfertigt ist. Hierzu sollen zunächst die Theorien Thompsons und Scotts über die „Moralökonomie“ vorgestellt werden und daran anschließend de Sardans eigene Version. Damit soll aufgezeigt werden, daß der Begriff „Moralökonomie“, so wie er von Thompson und Scott verwendet wurde, nicht den Phänomenen entspricht, die de Sardan mit diesem Begriff bezeichnen möchte. Schließlich soll noch ein neuer Vorschlag eingebracht werden. Statt von Moralökonomie wird hier in Anlehnung an Hyden von einer „Economy of Affection“ die Rede sein. Hydens Begriff wird zunächst vorgestellt und dann mit de Sardans Artikel verglichen werden. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob der Begriff der „Economy of Affection“ nicht besser zu den von de Sardan beschriebenen Phänomenen paßt.

2. Die „Moralökonomie“ nach Thompson und Scott

Scott, der sein Buch über die Moralökonomie von Bauern fünf Jahre nach Thompson herausbrachte (Scott, 1976; Thompson, 1971), scheint seine Theorie unabhängig von diesem entwickelt zu haben. Jedenfalls findet sich in seinem Buch kein Hinweis auf Thompson. Dennoch weisen die Theorien der beiden so große Ähnlichkeiten auf, daß man sie als eine Theorie mit dem Oberbegriff „Moralökonomie“ zusammenfassen kann.

Der Ausgangspunkt der beiden sind Bauernrebellionen und die Widerlegung der These, daß diese „nur“ auf Hunger zurückzuführen seien und instinktiv und unkontrolliert abliefen. Dazu sei es nötig, die Dinge aus der Perspektive der Bauern selbst zu sehen, denn diese empfänden Ausbeutung offensichtlich nicht in der selben Weise, wie ein Beobachter von außen dies beurteilen würde. Aus der emischen Sichtweise erkenne man, so Thompson und Scott, daß Ausbeutung eben nicht gleich Ausbeutung ist. Abgaben an Landherren, den Staat o.ä. werden unter unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachtet und „what was an admissible tax or rent in a good year was inadmissible in a bad year“ (Scott, 1976: 11). Dem zugrunde liegt die Annahme eines „Rechts auf Subsistenz“ (Scott, 1976: 6f.). Die Rebellionen der Bauern richten sich also nicht generell gegen Abgaben oder hohe Preise für Lebensmittel, sondern gegen den Verstoß gegen ihren „Moralkodex“, wonach jeder ein Recht auf den „minimal culturally defined subsistence level“ (Scott, 1976: 10) hat. Daraus leiten Thompson und Scott ihren Begriff von „Moralökonomie“ her:

„It is of course true that riots were triggered off by soaring prices, by malpractices among dealers, or by hunger. But these grievances operated within a popular consensus as to what were legitimate and what were illegitimate practices in marketing, milling, baking, etc. This in its turn was grounded upon a consistent traditional view of social norms and obligations, of the proper economic functions of several parties within the community, which, taken together, can be said to constitute the moral economy of the poor.” (Thompson, 1971: 78f.)

“... we can grasp what I have chosen to call their moral economy: their notion of economic justice and their working definition of exploitation – their view of which claims on their product were tolerable and which intolerable.” (Scott, 1976: 3)

Der Moralkodex der Bauern dient hier also als eine Art Meßlatte, an der Abgaben und Lebensmittelpreise jeweils situationsspezifisch gemessen werden.

3. Die „Moralökonomie“ nach de Sardan

De Sardan sagt eindeutig, daß er sich bei dem Begriff „Moralökonomie“ von Scott und Thompson hat inspirieren lassen (de Sardan, 1999: 26). Leider führt er nicht weiter aus, inwiefern er sich auf sie bezieht, bzw. warum es ihm geeignet schien, ihren Begriff der Moralökonomie auf seine Korruptions-These anzuwenden. Statt dessen begründet er seine Wahl des Begriffs folgender­maßen:

„ ... the social mechanisms of corruption are scarcely explored, nor are its processes of legitimation seen from the actors’ point of view. This is why this article uses the term: moral economy...” (de Sardan, 1999: 25, Hervor­hebungen vom Verf.)

Definiert ist der Begriff damit noch nicht, und de Sardan liefert auch keine explizite Definition. Die Intention seiner Analyse mag indirekt eine Art Definition für de Sardans Verwendung des Begriffs „Moralökonomie“ sein:

“The intention here is to insist on as subtle as possible a restitution of the value systems and cultural codes, which permit a justification of corruption by those who practice it (and who do not necessarily consider it to be such – quite the contrary), and to anchor corruption in ordinary everyday practice.” (de Sardan, 1999: 25f.)

Unter dem Begriff der Moralökonomie soll also untersucht werden, wie Menschen moralische Rechtfertigungen für korrupte Handlungen heranziehen. De Sardan spricht hier von der kulturellen Einbettung der Korruption. Er betont jedoch, daß er keine kulturalistische Sichtweise einnehmen will, sondern daß vielmehr die von ihm beschriebene Moralökonomie „postkolonial“ und „synkretisch“ sei, also keinesfalls „traditionell“.

Während de Sardans Analyse seiner vorneweg deklarierten Intention gerecht wird und eine interessante Sicht auf korruptive Praktiken aufzeigt, scheint die Wahl des Begriffes „Moralökonomie“ wie „in den Raum geworfen“. Wie schon erwähnt, verwendet de Sardan den Begriff, ohne den Zusammenhang zu den Theorien von Scott und Thompson deutlich zu machen bzw. einen Bezug zu diesen herzustellen. Versucht man dies selbst, so findet man im wesentlichen nur zwei augenfällige Übereinstimmungen: Erstens, de Sardan plädiert, wie Scott und Thompson, für eine Analyse aus der Sicht der Akteure, also für eine emische Sichtweise; zweitens, Ökonomie bzw. Korruption werden von den moralischen Werten der Akteure her betrachtet. Daß das Kriterium der emischen Sichtweise noch nicht ausreicht, um eine Theorie als Moralökonomie zu bezeichnen, scheint offensichtlich. Den zweiten Aspekt, den der moralischen Werte, sollte man nun genauer in Augenschein nehmen. Es gilt herauszufinden, ob die Moral, die Scott, Thompson und de Sardan beschreiben, die gleichen Funktionen erfüllt, das heißt, ob es sich bei de Sardan um die gleiche Wechselwirkung zwischen Moral und Ökonomie (bzw. Korruption) handelt, die eine Bezeichnung seiner Theorie als Moralökonomie im Sinne Scott und Thompsons rechtfertigen.

Ein entscheidender Unterschied beim Begriff „Moralökonomie“ liegt darin, daß er bei Scott und Thompson nicht synkretisch oder postkolonial ist, bzw. in einem neuen System als Mischung aus Neuem und Altem entstand. Scott und Thompson sprechen sogar im Gegenteil davon, daß ihre Moralökonomie entweder am Verschwinden ist oder zumindest stark von neuen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen Systemen beeinflußt und verändert wurde:

“The breakthrough of the new political economy of the free market was also the breakdown of the old moral economy of provision.” (Thompson, 1971: 136)

“Two major transformations during the colonial period in Southeast Asia served to undermine radically the preexisting social insurance patterns and to violate the moral economy of the subsistence ethic. These were, first, the imposition of what Eric Wolf has called ‘a particular cultural system, that of North Atlantic capitalism’ and, second, the related development of the modern state under a colonial aegis.” (Scott, 1976: 7)

Die von de Sardan beschriebene Situation wäre demnach nur noch ein verändertes Überbleibsel der von Scott und Thompson beschriebenen Moralökonomie. In der Tat lassen sich daraus einige Unterschiede zwischen Scott und Thompsons Begriff von Moralökonomie auf der einen und de Sardans auf der anderen Seite ableiten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Begriffsuntersuchungen im Bereich der Korruptionsforschung - "Moralökonomie" und "Sprache der Korruption"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Soziologie und Ethnographie der Korruption: Afrika in vergleichender Perspektive
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V33343
ISBN (eBook)
9783638338394
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriffsuntersuchungen, Bereich, Korruptionsforschung, Moralökonomie, Sprache, Korruption, Soziologie, Ethnographie, Korruption, Afrika, Perspektive
Arbeit zitieren
Nadia Cohen (Autor), 2002, Begriffsuntersuchungen im Bereich der Korruptionsforschung - "Moralökonomie" und "Sprache der Korruption", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33343

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