Ästhetik im Sehen in Ostasien. Wie Kultur das Verständnis von Schönheit beeinflusst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
20 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komparative Ästhetik

3. Die Ästhetik im Sehen
3.1 Die Betrachtung der chinesischen Gartenkunst
3.2 Das Prinzip der Leere
3.3 Von Mustern der Regelmäßigkeit zur Unregelmäßigkeit
3.4 Die Freiheit in der Fadheit entdecken

4. Fazit

Anhang:

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Ästhetik lässt sich nicht einfach definieren. Er unterliegt stetig dem historischen Wandel und wird je nach Kultur unterschiedlich aufgefasst. In der europäischen Kultur ist die Ästhetik als Disziplin erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts aufgetaucht und verknüpfte dabei die Wissenschaft mit der sinnlichen Erkenntnis. Ausgangspunkt ist dabei immer der altgriechische Begriff αἴσθησις (aisthesis), der wörtlich mit „Wahrnehmung“ oder „Empfindung“ übersetzt wird.

Vor allem die Kunst machte sich, im Gegensatz zur Philosophie, diese Disziplin zu nutzen, sprach dabei vor allem die Gesetzmäßigkeiten der Natur an und entwickelte eine Art Lehre der wahrnehmbaren Schönheit. Demnach beinhaltet Ästhetik eine Konfrontation der menschlichen Sinne mit den vor allem visuellen Reizen der Welt. Wird sie als Lehre von Wahrnehmung übersetzt, ist sie allerdings auch die Lehre des sinnlichen Betrachtens. Auch heute ist die Ästhetik als Disziplin konsequenter Weise alles andere als einheitlich, da sowohl jener altgriechische Grundbegriff im weiteren, als auch der Begriff des Schönen im engeren Sinne, weiträumige Phänomenfelder anspricht, die nicht durch eine Gesamttheorie, welche zudem einen universalen Anspruch haben müsste, fassen lässt.1 Wie universell dieses Wissenschaftsgebiet ist, lässt sich durch seine Verbreitung aus dem europäischen Raum erschließen. Denn bereits spätestens seit dem 19. Jahrhundert fand die Ästhetik ihre Rezeption und Weiterentwicklung in den ostasiatischen Ländern. Dabei stechen vor allem Japan, Indien und China heraus.

Nishi Amane übersetzte in einer Vorlesung 1870 das Wort „Ästhetik“ mit kashuron, was als „Theorie des guten und schönen Geschmacks“ verstanden werden kann.2 Sieben Jahre später verwendete er den Begriff bimyogaku, welches sowohl „das Schöne“, als auch „die Lehre von etwas“ beinhaltet.3 Folglich war es nun die „Lehre des Schönen“ oder „der Schönheit“. So ist es wichtig zu bemerken, dass der chinesische bzw. japanische Ausdruck den griechischen Wortursprung, der aisthesis in Form der sinnlichen Wahrnehmung, nicht beinhaltet.3 Dadurch ergibt sich in beiden Ländern eine klare Trennung zwischen den Bedeutungen der „Lehre vom Schönen“ und der „Sinnlichkeit.

Aber nicht nur in den Definitionen findet sich der Unterschied zwischen ostasiatischer und westeuropäischer Wahrnehmung. Es ist die Art der Menschen, wie sie ihre Sinne mit den äußeren Einflüssen verbinden, die eine Differenz zwischen den Kulturen hervorbringt. Besonders interessant ist dabei das Dispositiv des Sehens, da in diesem Vorgang schon eine Vorstellung der idealen Schönheit impliziert ist. So liegt es auf der Hand, dass die ostasiatische Kultur eine andere Art des Betrachtens ausübt, als die europäische. In unserem Projektmodul zur „Ostasiatischen Ästhetik und Philosophie“ diskutierten wir zum Einstieg die „Komparative Ästhetik“ von Rolf Elberfeld. Diese möchte ich in meiner Verschriftlichung ebenfalls für den Einstieg in das Thema nutzen, um vor allem den kulturellen Einfluss auf die Ästhetik deutlich zu machen. Danach wird die Ästhetik im Sehen zentral. Dabei geht es speziell um die Annahme der Schönheit, die sich beispielsweise auch im Prinzip der Leere, der Anordnung eines Parks oder auch in Mustern verbergen kann. Es soll ein kleiner Einblick in die Annahme der Schönheit in Ostasien sein. Bevor ich im Fazit noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfasse, ist auch die Kunst der Fadheit Thema.

2. Komparative Ästhetik

Da in Asien allein der ästhetische Begriff eine andere Bedeutung hat, ist davon auszugehen, dass auch die Schwerpunkte in der Ästhetik anders gesetzt werden. Im Allgemeinen geht es in der komparativen Ästhetik darum, die „jeweilige Ordnung ästhetischer Phänomene - das Schöne und die Sinnlichkeit umfassend - zu sichten und ihren Zusammenhang mit anderen Zonen des Denkens zu untersuchen“.4 Elberfeld erwähnt auch, dass insbesondere in Ostasien ästhetische Phänomene im Vergleich zu Europa einen viel zentraleren Charakter für die Welterschließung und -gestaltung gehabt haben.

Gerade der wechselseitige Blick vom asiatischen und europäischen Lebensraum, lässt die komparative Ästhetik entstehen. Dabei können sich die Inhalte einerseits in einer Theoriebildung wiederfinden, andererseits das Wahrnehmen des Individuums geprägt werden. Dabei spielen traditionelle Fragen nach Definitionen, Einteilung und Gewichtung der Themenfelder „Schönheit“, „ästhetischer Erfahrung“ und den „Künsten“ eine wesentliche Rolle.5 Während sich beispielsweise in Indien die Poesie, Musik und Architektur zu den Hauptkünsten zählen lässt, ist in der japanischen Kultur die buddhistische Welterfahrung beiläufig erfahrbar. In China hingegen wird die Musik so aufgewertet, dass sie auf dem gleichen Rang wie der Prozess des Regierens gesehen wird.

Viele Künste, wie die Kalligraphie, können in der europäischen Kultur kein gerechtes Äquivalent finden. Spricht ein Japaner von Dichtung oder Musik, hat er sicherlich andere Vorstellungen von Lyrik, Bildhaftigkeit und angenehmer Harmonie, als hier zu Lande. In China gibt es zudem ein für uns nur sehr schwer zu verstehendes Prinzip der Kunst: qi. Wird nun versucht, sich den chinesischen Künsten zu nähern, ist es unerlässlich eine Phänomenologie des qi zu entwickeln, für das es zu allem Überfluss in der europäischen Geschichte keine konkrete und direkte Entsprechung gibt.6

Es wird nun klar, dass die Kultur wesentlich die Vorstellung der Ästhetik beeinflusst, aber auch die Ästhetik aus den jeweiligen Kreisen erst eine Kultur entstehen lassen. Zudem wird deutlich, dass Ästhetik Pluralität und Heterogenität erzeugt. Obwohl sich japanische, chinesische und indische Ästhetik ähneln, sollten sie gesondert betrachtet werden. Wenn ich nun eine Verschriftlichung über die ostasiatische Ästhetik im Sehen und Betrachten verfasse, wende ich automatisch und unterbewusst das Prinzip der komparativen Ästhetik an. Da ich die Phänomene für sich betrachte, ist es in vielen Dingen nicht notwendig, einen direkten Vergleich herzustellen. Der Besonderheiten der Wahrnehmung in Ostasien sind anders als in Europa. Doch was kann man in ihnen erkennen, was für uns verborgen bleibt?

Gerade dem Dispositiv des Sehens kommt eine gesteigerte Rolle in der ästhetischen Wahrnehmung zu Gute. Bekannt ist der Ausspruch „Das glaube ich erst, wenn ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe“. Und es ist zudem kein Zufall, dass sich die „Wahrheit“ in dem ersten Teil des Wortes „Wahrnehmung“ befindet. Durch die visuelle Aufnahme der äußerlichen Zustände erfährt der Mensch sinnlich eine eigene Wahrheit. Es sticht ihm etwas Sonderbares in das Auge, wenn etwas nicht an seinem korrekten Platz ist. Er befindet etwas für schön, wenn die eigene Harmonie getroffen ist. Es sind nicht nur Farben, Muster und Zeichen erkennbar, sondern auch Bewegungsabläufe nachzuvollziehen. Ästhetik wird vor allem mit dem Auge aufgenommen.

3. Die Ästhetik im Sehen

3.1 Die Betrachtung der chinesischen Gartenkunst

In der europäischen Kultur hat sich der Sinn des Sehens als der leitende Sinn für philosophische Überlegungen weiterentwickelt.7 Bereits im Gebrauch des Wortschatzes lassen sich viele Begriffe auf visuelle Phänomene zurückführen, wie beispielsweise bei „Reflexion“, „Einsicht“ oder „Evidenz“. Nach Elberfeld entsteht dadurch die Frage, ob in anderen Kulturen, wie in Japan, China oder Indien, andere Sinne in der „sinn-haften“ Auslegung der Wirklichkeit leitend geworden sind. Es könnte möglich sein, dass vielleicht der Hörsinn in diesen Kulturräumen leitend für die dimensionale Wirklichkeitserschließung geworden ist und somit das Pendant zum europäischen Sehsinn wäre.

Die Funktionsweise und der -vorgang des Sehprinzips ist in allen Bereichen der Welt der selbe. Wir erblicken das gleiche, aber erkennen nicht dasselbe. Michel Foucault sagte einmal nach einem längerem Aufenthalt in einem japanischen Zen-Tempel: „ Wenn ich mich an meinen ersten Aufenthalt in Japan erinnere, habe ich eher ein Gefühl des Bedauerns, nichts gesehen und nichts verstanden zu haben. Das bedeutet keinesfalls, dass man mir nichts gezeigt hat “ . 8 Es ist nicht das Sehen selbst, sondern die individuelle Art des Betrachtens, die eine Erkenntnis bringen kann.

In der modernen Welt ist, ebenso wie vor Jahrhunderten, alles auf den Sehsinn ausgerichtet. Technische Geräte, um nur ein Beispiel zu nennen, müssen nicht nur optisch ansprechend sein, sondern eine gut nachzuvollziehende Benutzeroberfläche bieten. Der Desktop eines Computers ist mittels vieler Berechnungen dem Betrachter angepasst worden. Aber auch schon viele Jahrhunderte vorher, waren optische Phänomene in China auf den Schauenden ausgerichtet.

In der chinesischen Gartenkunst ist beim Betrachten eine feste Ordnung erkennbar, die ein Paradigma des Schauens ist. Mathias Obert erkennt einen Bruch zwischen Schauendem und Geschauten bei ostasiatischen Gartenanlagen.9 Für einen Europäer, der verallgemeinert einen starken Hang zur Symmetrie hat, man kann sagen zu einer Art der gespiegelten Anordnung, wirkt der Aufbau sowie die Bestandteile des chinesischen Gartens nicht konsequent geordnet. Es ist allerdings nicht so, dass keine Ordnung vorhanden wäre. Es muss nur gelernt werden, die Dinge anders zu betrachten. In einem chinesischen Garten sieht nur derjenige etwas, der nicht absichtsvoll sucht. Obwohl etwas gefunden werden soll, darf nicht explizit danach gesucht werden.

Dieses Prinzip ist auch im Zen-Buddhismus erkennbar. Zen-Meister sprechen davon, dass ihre Religion nichts bietet, um die Illusion zu nehmen, dass Zen erwerbbares Wissen beinhaltet. Paradoxerweise soll dieses nämlich eigentlich „das ganze Universum bieten“. Es kommt nun auf die Einstellung und Erwartungshaltung des Menschen an. Will dieser mit voller Absicht zu einer Erkenntnis kommen, wird sie sich immer weiter von ihm entfernen. Will der Betrachter im chinesischen Garten etwas Bestimmtes sehen, wird er es nicht finden können. Die Erkenntnis wird somit auf dem Weg erlangt. Dieser Weg durch den wandelnden Kosmos nennt sich Tao und ist im Buddhismus der anzustrebende, ideale Zustand des Menschen. Dieser bleibt immer seinem Wesen treu und bewegt sich im Einklang mit den Kräften des Kosmos.10

Im chinesischen Garten treffen Natur und Kunst aufeinander. Er ist eine Nachahmung der Natur, eine bearbeitete Natur, in der man den Gedankengängen des Architekten folgen kann.11 Zudem sollen die Gärten als eine Art Abbild des idealen Universums konzipiert sein, in der Künstlichkeit in angelegten Seen, Hügeln, ungewöhnlicher Vegetation, gebauten Brücken und Toren wiederzufinden ist.

Es sind weniger die naturgetreuen Farben, die eine ästhetische Atmosphäre im chinesischen Garten herstellen. Im Mai dieses Jahres spazierten wir mit dem aus Taipei angereisten Philosophen Fabian Heubel durch den Weimarer Ilmpark. Er brachte uns drei wesentliche Perspektiven näher, die zu einer Betrachtung ostasiatischer Gartenkunst, aber auch in den heimischen Grünanlagen, angewandt werden sollen. Zuerst geht es um die Dimension von Nähe und Tiefe. Der Spaziergänger muss sich auf die Entfernungen und unsichtbaren Diagonallinien einlassen, sich dessen bewusst werden. Es geht darum, eine tiefe Nähe zu der Natur zu erlangen. Gerade im Ilmpark ist dieses Phänomen gut erfahrbar, da seine Weitläufigkeit und die Höhenunterschiede gute Sichtverhältnisse aus fast allen Positionen bieten.

[...]


1 Elberfeld, Rolf und Wohlfahrt, Günter: „Komparative Ästhetik. Künste und ästhetische Erfahrungen zwischen Asien und Europa“. Edition chora, Köln 2000, S. 9. Im folgenden: „Komparative Ästhetik“.

2 Siemer, Michael: „Japonistisches Denken bei Lafcadio Hearn und Okakura Tenshin: zwei stilisierende Ästhetiken im Kulturkontakt“. Ges. für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. Hamburg 1999, S. 48-68. 3 „Komparative Ästhetik“. S. 12.

3 „Komparative Ästhetik“. S. 12.

4 „Komparative Ästhetik“. S. 13.

5 „Komparative Ästhetik“. S. 14.

6 „Komparative Ästhetik“. S. 16.

7 „Komparative Ästhetik“. S. 20.

8 Defert und Ewald (Hg.): „Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Band III 1976-1979“. Suhrkamp, Berlin 2003, S. 776.

9 Obert, Mathias: „Das Dispositiv des Schauens und die chinesische Schreibkunst“. Vortrag bei dem Workshop „Ostasiatische Ästhetik“, Weimar 2014.

10 Wing, R. L.: „Das Arbeitsbuch zum I Ging“. Goldmann, 2. Auflage, München 2004, S. 16.

11 Lou, Qingxi: „Chinas klassische Gärten“. China Press, Peking 2006, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ästhetik im Sehen in Ostasien. Wie Kultur das Verständnis von Schönheit beeinflusst
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Ostasiatische Ästhetik
Note
1,8
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V334330
ISBN (eBook)
9783668241145
ISBN (Buch)
9783668241152
Dateigröße
1142 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Ostasiatische Ästhetik, Sehen, Auge, Betrachtung, Schönheit, Verständnis, Authentizität, Garten, Gärten, Kultur
Arbeit zitieren
Simon Dietze (Autor), 2014, Ästhetik im Sehen in Ostasien. Wie Kultur das Verständnis von Schönheit beeinflusst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334330

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