Die muslimische Ära Siziliens und das islamische Erbe der Insel, das sich noch heute in Form von Ortsnamen und Dialekten zeigt, ist weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Einwohner mediterraner Staaten und selbst vieler Sizilianer verschwunden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die – bis auf ein paar Ausnahmen – spärlich betriebene Forschung bisher nicht zu einem Konsens gekommen ist, wo die Kultur Siziliens unter Arabern und Normannen einzuordnen ist.
Die Kultur Siziliens im Mittelalter ist ein breites Feld und bedarf nicht nur einer thematischen Einschränkung, was die Definition von Kultur angeht – hier soll es vor allem um ethnische, politische, sozioreligiöse, aber auch künstlerische Elemente gehen – die Kultur Siziliens ist auch aufgrund der schwierigen Quellenlage und der geografischen Position zwischen Orient und Okzident äußerst schwierig zu charakterisieren: Die 'deutsche' Kultur des Mittelalters, die norditalienische Kultur und das, was man typischerweise unter 'arabischer' oder 'muslimischer' Kultur versteht, rufen sofort klar distinguierte Assoziationen hervor.
Doch womit assoziiert man Kulturen, die in den verschwommenen Peripherien und Grenzgebieten derer Kulturkreise angesiedelt sind, die man anscheinend so schön trennen kann – zwischen Orient und Okzident? Oder liegt vielleicht gerade darin die typische Charakteristik?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das muslimische Sizilien
1.1. Islamisierungsvorgänge auf Sizilien
1.2. Kulturbegegnungen zwischen Muslimen und Christen
1.3. Rezeptionen durch einen muslimischen Ausländer
2. Das Normannische Sizilien: Eine 'Entmuslimisierung'?
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Grad der Islamisierung auf Sizilien während der arabischen und normannischen Herrschaft. Dabei wird analysiert, inwieweit eine tiefgreifende kulturelle Durchdringung stattfand oder ob es sich primär um eine oberflächliche Koexistenz handelte, und wie zeitgenössische Quellen diese Entwicklung bewerteten.
- Islamisierungsprozesse und kulturelle Transformation auf Sizilien
- Kulturbegegnungen zwischen der muslimischen und christlichen Bevölkerung
- Analyse zeitgenössischer Reiseberichte zur Rezeption der sizilianischen Gesellschaft
- Sozioreligiöser Wandel unter normannischer Herrschaft
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen 'Sizilisierung' und Entmuslimisierung
Auszug aus dem Buch
1.3. Rezeptionen durch einen muslimischen Ausländer
Als arabischer Händler und Geograf, der die Insel 972 besuchte, gibt uns Ibn Hawqal wohl ein recht durchschnittliches und belastbares Bild vom Ansehen der sizilianischen Muslime im islamischen Ausland. Wie auch schon William Granara in seinem Kommentar zum vorliegenden Text meint, mischt sich in Ibn Hawqals Sprache Erstaunen, vielleicht sogar Bewunderung, mit Ablehnung und zum Teil Verachtung für die Eigenarten der muslimischen Inselbewohner. Schon bei der Beschreibung der enormen Zahl der Moscheen in Palermo nimmt Ibn Hawqal eher eine reservierte und skeptische Haltung ein:
Looking out from his [gemeint ist ein sizilianischer Gastgeber] mosque [...], I noticed about ten mosques [...]. Inquiring as to the excessive number of them, I was told that the people are extremely proud, each wanting his own private mosque [...]
Diese, und andere Begebenheiten wie die erwähnte Lehrer-Problematik, so führt Ibn Hawqal weiter aus, würden die Sizilianer arrogant machen: This son of his thought himself something special [gemeint ist wohl der Sohn des Gastgebers]. He admired himself and was so arrogant that he acted like the father instead of the son.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Quellenlage zur muslimischen Ära Siziliens und führt in die Fragestellung ein, wie 'muslimisch' die Insel unter arabischer und normannischer Herrschaft tatsächlich war.
1. Das muslimische Sizilien: Dieses Kapitel untersucht die Phasen der Islamisierung, die sozioreligiösen Interaktionen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Wahrnehmung der sizilianischen Kultur durch externe Beobachter.
2. Das Normannische Sizilien: Eine 'Entmuslimisierung'?: Der Hauptteil analysiert den Wandel der islamischen Strukturen unter normannischer Herrschaft, die Rolle der muslimischen Elite in der Verwaltung und die Frage, ob eine gezielte Entmuslimisierung stattfand.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Sizilien eine kulturell zweischichtige Gesellschaft war, in der die Bildungselite konservativ blieb, während die breite Bevölkerung eine starke Akkulturation erfuhr.
Schlüsselwörter
Sizilien, Islamisierung, Normannen, Aghlabiden, Fatimiden, Kalbiten, Ibn Hawqal, Ibn Jubayr, Kulturbegegnung, Akkulturation, Migration, Roger II., Religiöser Pluralismus, Arabisch-normannische Kunst, Sizilisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kulturelle und religiöse Identität Siziliens während der islamischen Herrschaft und dem Übergang zur normannischen Ära.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den Islamisierungsprozessen, der Akkulturation der Bevölkerung und der Rezeption der sizilianisch-muslimischen Kultur durch externe Reisende.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, wie 'muslimisch' Sizilien unter den verschiedenen Herrschaften war und ob die Insel ein Schmelztiegel der Kulturen darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse historischer Primärquellen, insbesondere der Berichte der mittelalterlichen Reisenden Ibn Hawqal und Ibn Jubayr, ergänzt durch moderne wissenschaftliche Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des muslimischen Siziliens unter verschiedenen Dynastien und eine anschließende Analyse der soziopolitischen Veränderungen unter den Normannen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Islamisierung, Sizilisierung, Akkulturation, Normannische Herrschaft sowie die Rezeption siculo-arabischer Kultur.
Welche Rolle spielten die Berichte von Ibn Hawqal und Ibn Jubayr?
Sie dienen als zentrale Quellen, um sowohl das Selbstverständnis der lokalen Bevölkerung als auch die kritische Sichtweise des muslimischen Auslands auf die sizilianischen religiösen Praktiken zu verstehen.
Wie bewertet der Autor das Handeln von König Roger II.?
Der Autor ordnet das Verhalten Rogers II. nicht als aktive Förderung des Islam ein, sondern als Ausdruck eines kühlen, pragmatischen Machtkalküls zur Stabilisierung seiner Herrschaft.
- Citation du texte
- Ulrich Roschitsch (Auteur), 2014, Die Islamische Kultur auf Sizilien. Wie 'muslimisch' war Sizilien unter Arabern und Normannen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334515