Sprachliche Bilder und ihr Gebrauch in der deutschen Übersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“


Bachelorarbeit, 2015

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen über die Thematik Sprachlicher Bilder
2.1 Basisaussagen Metaphern und Vergleiche
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Metaphern und Vergleichen
2.3 Funktionen von Metaphern und Vergleichen
2.4 Der Begriff des sprachlichen Bildes

3. Die Edition als Grundlage dieser Arbeit

4. Handlung

5. Methodische Grundlagen zur empirischen Analyse
5.1 Methodisches Vorgehen
5.2 Problematik

6. Analyse der sprachlichen Bilder in „Moby-Dick“
6.1 Bildliche Darstellung von ausgewählten Zielbereichen
6.1.1 Der Wal
6.1.2 Das Schiff
6.1.3 Die Waljägerfahrt
6.1.4 Gefühle/Zustände
6.2 Sprachliche Bilder im Paratext
6.3 Markante Ursprungsbereiche
6.3.1 Pfanzen
6.3.2 Andere Kulturen
6.4 Charakterisierung der handelnden Figuren durch sprachliche Bilder
6.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

7. Fazit

8. Quellen

1. Einleitung

Es ist das Abenteuer des wahnwitzigen Kapitäns Ahab und seiner Mannschaft, durch Rache getrieben auf ewiger Suche nach dem Wal, der ihm einst das Bein genommen hat. Es ist das Abenteuer des jungen Ishmael, der seiner Melancholie entfiehen möchte und sich entschließt, als Matrose anzuheuern. Und es ist das Abenteuer von Moby-Dick, dem gesuchten und gefürchteten Wal, der zugleich den Mittelpunkt eines philosophischen Abenteuerromans und auch wissenschaftlichen Sachbuchs bildet.

1851 veröffentlicht, stieß Herman Melvilles Roman „Moby-Dick“1 auf schlechte Rezensionen und Ablehnung. Durch Melvilles mehrdeutige Weise, über traditionelle Religion zu spotten und philosophische Ansätze einfießen zu lassen, traf „Moby-Dick“ auf Verständnislosigkeit unter den Kritikern. Seine neuartige Stilistik, Wortspiele und sein anschaulicher Ausdruck waren neues Terrain für die Leser. Heute hingegen gehört das Buch nicht nur in der deutschsprachigen Literaturwelt zu den Klassikern, auch weltweit wird es als Meisterstück eines Jahrhunderts betitelt. Durch Melvilles metaphernreichen Ausdruck und Bildlichkeit steuert der Künstler die Rezeption des Romans und lässt somit die Intention des Werkes sichten. Was vor 150 Jahren noch auf Ablehnung stieß, feiert heute große künstlerische Bewunderung.

Sprachliche Bilder2 können auf der einen Seite etwas Gemeintes verdeutlichen, es verständlicher machen, auf der anderen Seite eine Übertragung hervorbringen, die mystischer, verschwommener und nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Dieser Kunst bedient sich Herman Melville mannigfaltig.

Ich möchte damit beginnen, die Grundlagen sprachlicher Bilder zu beleuchten und Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Metaphern und Vergleichen zu klären. Des Weiteren ist die Auswahl der Edition entscheidend für den Ausgang der Analyse. Darum möchte ich erläutern, wieso ich mich für die Übersetzung von Friedhelm Rathjen entschieden habe. Der Inhalt Moby-Dicks“ spielt ebenfalls eine große Rolle bei der Untersuchung nach sprachlichen Bildern. Darum habe ich mich entschlossen, der Handlung ein Kapitel zu widmen, um die Erzählung zusammenzufassen, Charaktere vorzustellen und versuchen, Struktur in die Abläufe zu bringen. Nachdem ich die Grundlagen, Methodik und die dabei entstandenen Probleme meiner Untersuchung darlege, komme ich schließlich zu dem Hauptteil dieser Arbeit: die empirische Analyse von Herman Melvilles „Moby-Dick“. Ich möchte herausfnden, welche Metaphern und Vergleiche genutzt werden und wie sie eingesetzt werden. Außerdem wird untersucht, wie das Wirken des Texts und die Empfndungen der Leser beeinfusst werden und wie schlussendlich das Geschriebene rezipiert wird.

Die Bildlichkeit, die in der Erzählung „Moby-Dicks“ zu fnden ist, eignet sich hervorragend für eine linguistische Analyse. Diese wirft Fragen auf, die es zu beantworten gilt: Welche bildlichen Entitäten stehen im Vordergrund? Lassen die sprachlichen Bilder Besonderheiten erkennen? Wirken sich diese auf den Gebrauch sprachlicher Bilder aus? Mit welcher Intention nutzt Herman Melville sprachliche Bilder? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den genutzten sprachlichen Bildern und der schlechten Rezensionen der damaligen Leser? Und entsteht durch die große Bildlichkeit in Melvilles Roman ein Metaphorisierungstext3 ?

Diese Arbeit hat die Aufgabe, sprachliche Bilder und ihren Gebrauch in der deutschen Übersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“ zu analysieren, einen Überblick über das Buch sowie über sprachwissenschaftliche Grundlagen von sprachlichen Bildern zu schaffen und eine linguistische Analyse auszuführen, die Metaphern und Vergleiche sinnvoll aufgliedert.

2. Grundlagen der Thematik sprachlicher Bilder

2.1 Basisaussagen Metaphern und Vergleiche

Trotz des Klischees eines reinen rhetorischen Mittels durchdringen Metaphern und Vergleiche unbemerkt unsere Alltagssprache. Sei es, dass wir jemandem etwas nahe bringen, wahnsinnig vor Glück sind, uns zurückziehen oder genau ins Schwarze treffen 4. Folgen wir dem kognitiven Ansatz, so strukturieren Metaphern überdies auch unser Denken und Handeln. Festgelegte Konzepte schlüsseln unsere Wahrnehmungen auf, bestimmen, wie wir uns in der Welt bewegen und wie wir miteinander umgehen. Dabei basieren Metaphern und Vergleiche auf zwei Vorstellungskomplexen, die miteinander gekoppelt sind: Ein (meist konkreter, besser fassbarer) Ursprungsbereich wird einem Zielbereich (meist abstrakter, dem Alltag ferner) zugeordnet. Beide Bereiche weisen gemeinsame Eigenschaften auf. Aufgabe des Rezipienten ist es, stereotype Gemeinsamkeiten herauszufnden und Übereinstimmungen zu fnden. So geraten die ähnlichkeitsstiftenden Merkmale in den Vordergrund, während für das sprachliche Bild belanglose Merkmale ignoriert werden. Dieses Phänomen nennt man Fokussierungseffekt.

Die Relation zwischen Ursprungs- und Zielbereich ist dabei unidirektional:

DER WAL IST EIN MONSTRUM kann nur in eine Richtung gedeutet werden, da der Wal zwar als Monstrum bezeichnet wird, ein Monstrum aber nicht als Wal benannt werden soll5.

Wichtig ist außerdem, dass die kognitive Metapherntheorie auf zwei Bereichen beruht: dem Verhältnis von konzeptueller und sprachlicher Ebene. Dies wird im nächsten Kapitel näher beleuchtet.

2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Metaphern und Vergleichen

Um weiterhin auf den kognitiven Beschreibungsansatz einzugehen, werde ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Metaphern und Vergleichen in konzeptueller und sprachlicher Ebene unterscheiden.

Beginnend mit der konzeptuellen Ebene: Hier dienen die bereits erwähnten Ursprungs- und Zielbereiche als Systematisierungsmittel6. Sowohl die Metapher als auch der Vergleich basieren auf wahrgenommener Ähnlichkeit. Und beide bedienen sich dem Fokussierungseffekt, welcher die Perspektive auf den Zielbereich richtet. Funktionen der Metaphern und Vergleiche stimmen größtenteils überein7. Einzig die Funktion der Katachrese wird nur durch Metaphern ausgedrückt: Eine metaphorische Bezeichnung, durch die eine lexikalische Lücke gefüllt wird8.

Auf der sprachlichen Ebene fndet sich ein wesentlicher Unterschied: Während Metaphern sehr selten sprachlich markiert werden9, verlangen Vergleiche grundsätzlich eine sprachliche Markierung. Das hat zur Folge, dass Vergleichsaspekte von Vergleichen eine Separierung der Bereiche unterstützen, bei der Metapher ein Zusammenfall der Bereiche erfolgt. Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks von Vergleichen gibt es viele: Durch den Vergleichspartikel „wie“10 (und lassen mich von Rah zu Rah hüpfen wie eine Heuschrecke auf einer Maiwiese [S. 39]), „wie“/„als“ in Kombination mit Subjunktionen in Verb-Letzt-Sätzen (Hätte nicht der Fremde zwischen mir und der Türe gestanden, ich wäre geschwinder davongestürzt, wie wenn ich jemals einen Mittagsschmaus hinuntergestürzt. [S.63]), „als“ in Verb-Erst-Sätzen (die Fettigkeit hineinreibend, als versuche er emsig, einen Haarstoppel aus des Gefährtes kahlem Kiele sicherzustellen [S.543]), durch vergleichsausdrückende Verben (etwa gleichen und ä hneln) (und Gro ß marssegel von den Spieren losgeschnitten wurden und nach leewärts wegwirbelten gleich den Federn eines Albatros [S.742]) und Wortbildungmittel, sodass Vergleiche durch Suffxe (und blickten so schafsm äß ig um sich und zueinander [S.76]) oder durch Determinativkomposita (kindisch-stubenhockerischer Gespanntheit und Ehrfurcht [S.280]) gebildet werden.

Eine Gemeinsamkeit auf der sprachlichen Ebene lässt sich bei den konventionellen und neuen Bildern (untergliedert in kreativ oder innovativ) fnden. Konventionelle Metaphern sind lexikalisch gespeichert und in unserem alltäglichen Sprachgebrauch verankert, neue Metaphern werden für den Augenblick gebildet und können zum einen auf etablierten Konzeptkopplungen beruhen (kreative neue Bilder) oder vollkommen neu zusammengesetzt sein (innovative Bilder). Sowohl Metaphern als auch Vergleiche lassen sich in diese Kategorien einteilen11. Um sich der ursprünglichen Bedeutung von Metaphern und Vergleichen bewusst zu machen, muss damit begonnen werden, den nicht wörtlichen Ausdruck zu erkennen (Rekognition). Dies geschieht durch eine gewisse Inkompatibilität, die während der direkten Kopplung von Ursprungs- und Zielbereich oder zwischen der wörtlichen Bedeutung und der Bedeutung des Kontextpartners entstehen kann. Vergleiche sind durch ihre sprachliche Markierung leichter zu rekognoszieren. Dann rekonstruiert man den bildlichen Ursprung und ermittelt den Zielbereich. Dieser wird meistens dem Kontext entnommen, wenn er nicht schon genannt ist. Vergleiche haben den Ansatz, leichter rekonstruierbar zu sein, da sie einen bereits identifzierten Zielbereich als Komparandum und dem dazugehörigen Vergleichsaspekt enthalten. Außerdem benötigt man als Rezipient für Metaphern ein höheres Maß von Kontext- und Weltwissen. Die abschließende Ebene der Interpretation erschließt gemeinsame ähnlichkeitsstiftende Merkmale, wenn diese nicht bereits im Text benannt sind. Hierbei ergeben sich keine Unterschiede zwischen Metaphern und Vergleiche. Allgemein spielt der Rezipient bei der Ermittlung der bildlichen Ursprünge eine große Rolle. Er muss mittels seines Weltwissens den nicht-wörtlichen Ausdruck erkennen, den gemeinten Zielbereich ermitteln und schließlich die ähnlichkeitsstiftende Merkmale suchen, die die Metapher oder der Vergleich entstehen lassen hat12.

2.3 Funktionen von Metaphern und Vergleichen

Wie bereits angeschnitten entfalten sich Metaphern und Vergleiche in gewissen Funktionen. Unterteilt in textexternen und textinternen Funktionen, beginne ich mit der ersten Gruppe.

Die phatische Funktion trägt zum Prozess der sprachlichen Kommunikation und zur Schaffung von Banden der Gemeinsamkeit durch reinen Austausch von Wörtern bei. Eine weitere Funktion ist die Katachrese, die allerdings nur auf Metaphern zutrifft (siehe Abschnitt 2.2). Die epistemische Funktion lässt etwas schwer Begreifiches mit Hilfe von Metaphern und Vergleichen begreifich werden. Bei der Verdeutlichung des Gemeinten durch Metaphern und Vergleiche wird die illustrative Funktion gebraucht. Hierbei geht es eher um etwas Verdeutlichendes oder Erklärendes im Allgemeinen, wohingegen sich die epistemische Funktion auf etwas schwer Verstehbares bezieht. Die argumentative Funktion vertritt mit Hilfe von Sprachbildern eine argumentative Stärke, durch die eigene Ideologien und Sichtweisen vertreten werden können. Unter der sozial-regulativen Funktion versteht man Metaphern und Vergleiche, die soziale Gruppenzugehörigkeit signalisieren.13

Weitere textexterne Funktionen bilden der ästhetische Reiz, welcher sich als Sprachschmuck, besonders in Dichtungen und Festreden beschreiben lässt, die Unterhaltungsfunktion, die durch Wortspiele, oftmals in der Werbung vertreten, entsteht und die Funktion der Verpfichtung auf moralische Werte (deontische Funktion), welche, wie bereits genannt, auf moralische Werte basiert und durch im Wort enthaltene Handlungsanweisungen bestimmt ist. Schließlich bildet die Funktion der Stimulierung und Rechtfertigung von Handlungen die letzte Gruppe. Hierbei wirkt die Sprache beeinfussend auf den Rezipienten.

Metaphern und Vergleiche als Eye-Catcher werden vor allem in den Medien genutzt. Gut platzierte Metaphern und Vergleiche, unter anderem in Überschriften, schaffen Aufmerksamkeit und erwecken Neugierde.14 Die textinterne Funktion meint die Kohärenz innerhalb eines Textes. Sprachbilder fördern in einem Text den Textzusammenhang durch mehrmalige Ursprungsbereiche, die sich alle auf den selben Zielbereich beziehen. Inge Pohl beschreibt dieses dabei entstehende Phänomen als Metaphorisierungstext: Ein abgeschlossener Text nutzt mehrere Frames eines Ursprungsbereichs und deren Projektion auf einen Zielbereich. Frames werden als Bündelungen von Wissenselementen defniert, die unsere Erfahrungen in Umgang mit der Welt enthalten15. Diese Kohärenz kann sich sowohl über den gesamten Text erstrecken, was als globale Kohärenz bezeichnet wird, oder auch über wenige benachbarte Sätzen, also lokale Kohärenz16 17. Der Begriff des Metaphorisierungstextes muss allerdings kritisiert werden, da nur die Metapher benannt wird, der Vergleich nicht mit inbegriffen ist. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, statt dem Begriff des Metaphorisierungstexts den Terminus der bildlichen Kohärenz einzuführen. Dieser umfasst sowohl Metapher als auch Vergleich und enthält den wichtigen Faktor des Textzusammenhalts18.

2.4 Der Begriff des sprachlichen Bildes

Obwohl ein großer Teil der Fachliteratur Metaphern und Vergleiche gesondert ansieht, sind sie doch unverkennbar miteinander verbunden. Gemeinsame Funktionen und Eigenschaften schaffen eine Beziehung zwischen Metaphern und Vergleichen, sodass sie nicht selten Seite an Seite in einem Text vorkommen. So auch in „Moby-Dick“:

Das ursprüngliche Eisen drang nah dem Schwanze ein und reiste wie eine ruhelose Nadel, die im K ö rper einen Menschen verweilt, volle vierzig Fu ß und wurde schlie ß lich im H ö cker eingebettet vorgefunden. (S.50) / Und die Frauen von New Bedford, sie blühen wie ihre eigenen roten Rosen. Doch Rosen blühen nur im Sommer; wohingegen das liebliche Bla ß rot ihrer Wangen immerblühend ist wie der Sonnenschein im siebten Himmel. (S.79) / Sobald ich h ö re, da ß dieser oder jener Mann sich als Philosophen ausgibt, folgere ich, da ß es ihm, wie dem alten Weib mit Verdauungsbeschwerden, auf den Magen geschlagen sein mu ß . (S.103) / Männer, ihr seid wohl wie die Jahre; so wird das randvolle Leben runtergestürzt und vertan. Steward, nachfüllen! (S.259) / dann hätte ich schon vordem ein Gewissen mit mir rumzuschleppen gehabt, das schwer genug wär, so schwer als das gr öß te Schiff auf Grund zu setzen, das je um Kap Hoorn segelte (S.141)

Man erkennt, dass Metaphern und Vergleiche oftmals nicht voneinander zu trennen sind. Um Verwirrung aus dem Weg zu gehen, ist es wichtig, einen einheitlichen Begriff zu fnden, der bei der Analyse verwendet werden kann. Bereits etabliert ist der Begriff des sprachlichen Bildes19. Er umfasst die beiden sprachlichen Ausdrücke Metaphern und Vergleiche und setzt sie in den richtigen betiteln möchte. Diese erstreckt sich, im Gegensatz zur lokalen und globalen Kohärenz über mehrere Seiten, nicht aber über den gesamten Text oder nur in wenigen aufeinanderfolgenden Sätzen.

Zusammenhang. Lange Zeit wurde der Begriff des Bildes als ein zusammenfassender Begriff für Metaphern, Vergleiche und bildhafte Ausdrucks- weisen genutzt. Zwar erfüllt er den wichtigen kognitiven Aspekt der Imagination, gilt aber heute nur noch als unscharfer Sammelbegriff der Stilanalyse20.

Der Begriff des sprachlichen Bildes wird folglich als Gesamtheit sprachlicher Bilder, also Metaphern und Vergleiche, bezeichnet, die durch ähnlichkeitsbasierte Projektion eines Ursprungsbereichs auf einen Zielbereich zustandekommen und dabei eine Fokussierung auf die ähnlichkeitsstiftende Merkmale bewirkt wird.

3. Die Edition als Grundlage dieser Arbeit

In allen 800 Seiten des Meisterwerks „Moby-Dick“ sind Erlebnisse von Walfängerschiffen verarbeitet, die durch ihre tragischen Geschichten bekannt wurden. Zum einen bezieht sich Melville auf die Abenteuer der Essex21, die durch Rammstöße eines Pottwals zum Kentern gebracht wurde und nur fünf Männer des Schiffs nach monatelanger Irrfahrt gerettet werden konnten. Zum anderen knüpft „Moby-Dick“ an die Seefahrergeschichten von Mocha Dick an, einen besonders wilden Wal vor der Küste Chiles22. Außerdem bringt Melville eigene Erlebnisse ein: 1841 heuerte er auf einem Walfängerboot an, desertierte jedoch bereits ein Jahr später, um den unzumutbaren Verhältnissen zu entfiehen23.

1851 veröffentlicht, erschien das Buch mit dem vollständigen Titel „Moby-Dick“ oder „Der Wal“ in London und im selben Jahr in New York. Wie bereits erwähnt, wurde der Roman von Rezensenten als “trostloses Zeug, stumpfsinnig und öde” und als eine “übel zusammengeschusterte Mischung aus Abenteuerroman und Tatsachenbericht” markiert. Und trotzdem entwickelte sich „Moby-Dick“ als großer Erfolg, sodass der Roman bis heute dreizehnmal ins Deutsche übersetzt wurde (Wilhelm Strüver 1927, Margarete Möckli von Seggern 1942, Fritz Güttinger 1944, Thesi Mutzenbecher 1946, Karl Bahnmüller 1950, Botho Henning Elster 1951, Gerhard Lorenz, Alice und Hans Seiffert 1956, Hans Trausil 1958, Richard Mummendey 1964, Thomas Trent 1965, Matthias Jendis 2001 und Friedhelm Rathjen 2004)24. Unter ihnen sind viele gekürzte Versionen, die nicht den vollständigen Charakter des Buchs wiedergeben. Aber wieso gekürzt? Schon die englische Fassung war durch das „mad, though not necessarily bad English“, wie ein damaliger Kritiker tadelte, für die breite Leserschaft nicht zugänglich. Genreorientiert wurde das Buch teilweise auf bis zu 17 Kapitel von ursprünglich 135 gekürzt und die Handlungen stark komprimiert. Dies geschah meist für Kinderbücher. Auch fehlte bei der ersten Fassung von 1851 der Epilog, in welchen dem Leser bewusst wird, dass Ishmael als einziger Überlebender aus dem Unglück hervorgeht. Eine Zensur der britischen Fassung wurde außerdem vorgenommen, um die christliche Bevölkerung nicht zu schockieren25. Dabei entstehen andere Wirkungsweisen, die entscheidend für eine Analyse sein können. Interessant wäre dabei ein Vergleich der verschiedenen Editionen, um den unterschiedlichen Gebrauch sprachlicher Bilder zu untersuchen. Auch um das Verhältnis von Metaphern und Vergleichen von den bestehenden zu den nicht mehr vorhandenen Teilen zu analysieren, ohne dabei auf das verloren gegangene Kontextwissen zurückgreifen zu können.

Ist auf der einen Seite die Form der Edition entscheidend, möchte ich auch die Art der Übersetzung berücksichtigen. Denn auch hier gibt es Unterschiede, die es zu beachten gilt.

In einer Buchbesprechung lobte Klaus Barthelmess, Experte auf dem Gebiet des Walfangs, die deutsche Übersetzung von Friedhelm Rathjen für die große Ähnlichkeit zu dem englischen Original und betitelte diese als die beste Translation ins Deutsche:

„Alle deutschen Übersetzungen glätteten diesen Text, machten ihn gut lesbar. Das Original ist aber nicht gut lesbar, weder für heutige native speakers noch für zeitgenössische der letzen sechs Lesergenerationen. Es ist holperig, widerspenstig, strotzt vor klassischen Bildungsverweisen (enthält aber auch ein paar diesbezügliche Fehler), ist zudem eigenwillig interpunktiert. Rathjen, „einer der strengsten Diener fremder Sprachen in Deutschland“, so die Frankfurter Rundschau, hielt sich sklavisch ans Original. Er machte aus Melvilles „mad, though not necessarily bad English“ ein irres, wenngleich nicht unbedingt wirres Deutsch.“26

Rathjen selbst sagt, für ihn „[…] ist die Sache ganz einfach: der Übersetzer soll bloß die Sprache auswechseln, alles andere aber bewahren.“27

Wegen der Gelegenheit einen vollständig erhaltenen Texts mit großer Treue zum amerikanischen Original zu analysieren, habe ich mich schließlich für die Übersetzung von Friedhelm Rathjen entschieden. Ihm glückte der Versuch, die sprachliche Sperrigkeit des Originals beizubehalten.

Die englischen Fassungen wurden bei meiner Recherche nicht berücksichtigt, da nicht beurteilt werden kann, welche Edition dabei die geeignetste ist. Noch dazu habe ich mich für eine Übersetzung ins Deutsche entschieden, da durch eine Untersuchung in der Muttersprache eventuelle Verständnisprobleme aus dem Weg gegangen wird.

[...]


1 Um Verwirrung zu vermeiden, werde ich, sobald von dem gesamten Werk die Rede ist, „Moby- Dick“ mit Anführungszeichen kennzeichnen. Bei Moby-Dick in normaler Schreibweise ist nur der Wal gemeint.

2 Sprachliche Bilder sind Metaphern und Vergleiche, die entstehen, sobald zwei Begriffe Gemeinsamkeiten aufweisen, funktional verschränkt sind und die gleiche Fokussierung bewirken. Im Abschnitt 2.4 wird dieser Begriff mit Hilfe von benötigten Fachtermini genauer erklärt.

3 Ein Metaphorisierungstext nutzt mehrere sprachliche Bilder, die sich alle auf den selben Gegenstand beziehen und dabei den Textzusammenhang stärken. Nach: Pohl, Inge (Hrsg.): Semantische Aspekte öffentlicher Kommunikation. Frankfurt am Main, Lang Verlag 2002, S.105

4 Lakoff, George/ Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. 8. Auf. Heidelberg, Carl-Auer-Systeme Verlag 2014 S. 7

5 Lakoff/ Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. S. 11-17

6 Hierzu möchte ich Thurmair erwähnen, der für die Beschreibung von Vergleichsstrukturen zentrale Termini erstellt hat: In „ Der Wal ist geheimnisvoll wie ein Mysterium “ wäre der Wal das Komperandum (das, was verglichen wird), ein Mysterium wäre die Komperationsbasis (das, hinsichtlich derer verglichen wird) und geheimnisvoll wäre der Vergleichsaspekt. Nach: Thurmair, Maria: Vergleiche und Vergleichen. Eine Studie zu Form und Funktion der Vergleichsstrukturen im Deutschen. Tübingen, Niemeyer Verlag 2001 S. 2f

7 Funktionen von Metaphern und Vergleichen werden näher im Abschnitt 2.3 beleuchtet.

8 Beispiele von Katachrese: Tischbein, Buchrücken aus: Skirl, Helga/ Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. 2. Auf. Heidelberg, Winter Verlag 2013 S. 34

9 Metaphern werden kaum sprachlich markiert, etwa mit Anführungszeichen. Dies betrifft allerdings nur neue Metaphern.

10 Hierbei sind nicht nur okkasionelle Vergleiche gemeint. Auch Phraseologismen, die mit einem Vergleich gebildet werden, müssen berücksichtigt werden. Zum Beispiel: frech wie Oskar, dumm wie Stroh

11 Siehe Anm. 3 . Es ist hinzuzufügen, dass wesentlich mehr konventionalisierte Metaphern existieren als konventionalisierte Vergleiche.

12 De Knop, Sabine: Metaphorische Komposita in Zeitungsüberschriften. Tübingen, Niemeyer Verlag 1987

13 Nach: Bertau, Marie-Cécile: Sprachspiel Metapher. Denkweisen und kommunikative Funktion einer rhetorischen Figur. Opladen, Westdeutscher Verlag 1996 S.230-235

14 Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart und Weimar, Metzler Verlag 2007 S. 70-71

15 Pohl: Semantische Aspekte öffentlicher Kommunikation. S.105

16 In: Skirl/ Schwarz-Friesel: Metapher S. 66-68

17 Im Laufe dieser Arbeit werde ich auf ein Phänomen stoßen, welches ich als regionale Kohärenz

18 An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Kommilitonin Karolin Hebben für die gemeinsame Ideenfndung bedanken, bei der dieser Terminus entstanden ist.

19 Nach: Ewald: Tintenherz. Zur Verwendung sprachlicher Bilder in der Jugendliteratur. In: Linguistische Untersuchungen jugendliterarischer Texte im Rahmen einer relationalen Stilistik. Hrsg. von Inge Pohl und Wilhelm Schellenberg. Frankfurt am Main: Peter Lang 2015, S. 57−90.

20 Nach: Kohl: Metapher S. 11

21 In: Melville, Moby-Dick S.834

22 In: Melville, Moby-Dick S.857

23 In: Melville, Moby-Dick S.890

24 Krieger, Michael: Moby Dick: Eine Untersuchung nach Metapher und Paratext, Hamburg, disserta Verlag 2015 S. 10

25 Dieckmann, Dorothea: Texttreu oder lesbar?, http://www.deutschlandfunk.de/texttreu-oder- lesbar.700.de.html?dram:articleid=82082, 2006

26 Barthelmess, Klaus: Moby-Dick; oder: Der Wal. Eine leviathanische Neuübersetzung, http://www.cetacea.de/artikel/review/2005/rathjen.htm, 2005 (Zugriff: 01.05.2015)

27 In: Melville, Moby-Dick S. 903

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Bilder und ihr Gebrauch in der deutschen Übersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“
Hochschule
Universität Rostock  (Germanistik)
Veranstaltung
Metaphern und Vergleiche
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
42
Katalognummer
V334944
ISBN (eBook)
9783668247222
ISBN (Buch)
9783668247239
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Übersetzung, Moby Dick, Metaphern
Arbeit zitieren
Verena Schulz (Autor), 2015, Sprachliche Bilder und ihr Gebrauch in der deutschen Übersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334944

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