Der Blick auf das Individuum in der Gesellschaft aus drei Perspektiven Goffmans. Identität, Status und Interaktion


Essay, 2015

15 Seiten, Note: 1,7

Sven Böttger (Autor)


Leseprobe

Der Blick auf das Individuum in der Gesellschaft aus drei Perspektiven nach Hauptwerken Goffmans

„Doch bei der Selbstdarstellung in den sozialen Rollen geht es nicht nur darum, es mit allen zu können und nicht aus dem Rahmen zu fallen, sondern auch darum, seine Identität vor den anderen zu schützen.“ (Abels, 2009: S. 347).

Mit dieser These beschreibt der Soziologe Heinz Abels den Kern der Goffmanschen Argumentation. In zugespitzter Weise können die Argumentationsketten von Erving Goffman auf das Ziel der Wahrung der Identität des Individuums in der Gesellschaft verdichtet werden. Auf eine induktive Weise kann an dieser Stelle geschlussfolgert werden, dass es im Wirken der Individuen in der Gesellschaft um die Aufrechterhaltung von Zuständen geht – es muss immer weiter gehen. Unterbrechungen sollten dabei unter allen Umständen vermieden werden und wenn sie dann doch eintreten, so sollten sie durch passende Korrekturmaßnahmen schnellstmöglich kaschiert werden. In den weiteren Ausführungen sollen die bisher getroffenen Aussagen weiter präzisiert und an Beispielen verdeutlicht werden.

Es geht um den Blick auf das Individuum in der Gesellschaft aus drei Perspektiven, also um den Blick durch drei verschiedene Prismen der Goffmanschen Argumentation.

Die drei Perspektiven sind die der Identität, des Status und der Interaktion. Basis für die Beschreibung der Perspektiven bilden hierbei Hauptwerke Goffmans, namentlich „Wir alle spielen Theater“ (Perspektive der Identität), „Stigma“ (Perspektive des Status) und „Interaktion und Geschlecht“ (Perspektive der Interaktion). Dabei ist diese Aufteilung der Perspektiven an das Aufteilungsschema von Heinz Abel angelehnt, welches jener in seinem Werk „Einführung in die Soziologie – Band 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft“ nutzt.

Die zentrale Motivation dieser Arbeit ist es, per interpretativer Herangehensweise, Aussagen über das Individuum auf der gesellschaftlichen Mikroebene treffen zu können, auf Basis der benannten Goffmanschen Perspektiven. Hierbei können möglicherweise sogar Schlüsse auf die gesellschaftliche Makroebene gezogen werden.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Goffman selbst weniger die Gesellschaft (~ Makroebene) oder das Individuum an sich (~ Mikroebene) als seinen vordringlichen Untersuchungsgegenstand betrachtete, sondern vielmehr die Beziehungen zwischen den Individuen: „Persönlich halte ich die Gesellschaft in jeder Hinsicht für das Primäre und die jeweiligen Beziehungen eines einzelnen für das Sekundäre; die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich nur mit dem Sekundären (22ff).“ (Goffman, 1994: S. 161). Somit muss deutlich werden, dass Goffmans Untersuchungsgebiet tendenziell in den Beziehungen zwischen den Individuen verortet ist und weniger auf der Ebene des Individuums an sich noch auf der Ebene der Gesellschaft.

Obwohl Goffmans primäre Intention somit nicht der Beschreibung von Zuständen auf der Mikro- oder Makroebene der Gesellschaft gilt, sollen trotzdem mikrosoziologische Schlüsse auf Basis der Goffmanschen Ausführungen gezogen werden und mögliche Auswirkungen auf die makrosoziologische Ebene benannt werden.

Eines der populärsten Werke von Erving Goffman ist das Buch „Wir alle spielen Theater“ aus dem Jahre 1959. Die Annahmen, die in jenem Werk dargestellt werden, sind der Perspektive der Identität zugeordnet, da die Instrumente, welche in dem Buch beschrieben werden, den Menschen dazu dienen, ihre soziale und persönliche Identität zu wahren bzw. zu managen. Dabei soll durch gezielte Selbstdarstellung das Verhalten der Anderen einem selbst gegenüber kontrolliert werden (vgl. Goffman, 2003: S. 7). Das Individuum möchte somit eine vermeintliche Kontrolle über das Verhalten der Anderen erzeugen, um sich selbst vor Bloßstellung in aus dem Ruder gelaufenen Interaktionen zu schützen (vgl. Abels, 2009: S. 350).

Der Sinn der Darstellung in der Interaktion ist es somit einen bestimmten Eindruck beim Gegenüber zu erzeugen (vgl. Goffman, 2003: S. 8), wobei die Darstellung auf Basis praktischer Informationen über den Anderen erfolgt und jener durch Vorerfahrungen und diverse Informationsquellen eingeordnet wird. Unterschieden werden muss jedoch zwischen zwei Kommunikationstypen, nämlich zwischen dem Eindruck, den das Individuum erzeugen möchte und dem, den es tatsächlich ausstrahlt (vgl. ebd.). Das Individuum ist somit einer Asymmetrie des Kommunikationsprozesses ausgesetzt, da das Gegenüber als Beobachter eine Diskrepanz zwischen beiden Kommunikationstypen wahrnehmen kann, welche das Individuum unter allen Umständen vermeiden möchte. Diese Diskrepanz macht das Individuum angreifbar, möglicherweise sogar diskreditierbar, wobei der Aspekt der Diskreditierbarkeit an späterer Stelle ausführlicher behandelt wird.

Zur gezielten, egoistischen Manipulation der Darstellung gibt es diverse Instrumente wie das Mienenspiel oder den bewusst erzeugten ersten Eindruck. Das Individuum hat somit über jene Techniken den Eindruck, welche die Anderen von ihm haben und die daraus resultierende Verhaltensweise, selbst in der Hand. Da die Methoden der Entlarvung jedoch weiter entwickelt sind als die Methoden der Manipulation ist es für das Individuum notwendig, verschiedene Techniken anzuwenden, um den erzeugten Eindruck aufrecht zu erhalten. Insbesondere jene Techniken werden im weiteren Verlauf benannt.

Diese Techniken zur Aufrechterhaltung der Rolle sind der Glaube an die eigene Rolle, die Fassade, die dramatische Gestaltung, das Mittel der Idealisierung, die Ausdruckskontrolle, unwahre Darstellungen, die Mystifikation und Dichtung und Wahrheit (vgl. ebd.: S. 19 ff.) Das Individuum kann hinsichtlich des Glaubens an die eigene Rolle als zynischer oder aufrichtiger Darsteller wirken. Agiert er zynisch ist er nicht kongruent mit seiner Rolle und lässt eine gewisse Distanz zwischen sich und der Rolle wirken bzw. „macht den Leuten etwas vor“. Als aufrichtiger Darsteller ist er hingegen vollständig kongruent mit seiner Rolle und im Einklang mit den Individuen, mit welchen er in seiner Umwelt interagiert. Besonders hervorzuheben ist, dass sich das Individuum über den Zynismus gegen eine zu vertrauliche Nähe mit dem Publikum isolieren kann und in der Realität meist eine flexible Position zwischen Aufrichtigkeit und Zynismus einnimmt, also weniger sich einem der beiden Extreme verpflichtet (vgl. ebd.: S. 22). Anzumerken ist, dass das Individuum einen Entwicklungsprozess durchmacht, wobei es als unbeschriebenes Individuum über die Charakterbildung zur Person wird. Die Fassade ist nach Goffman „das standardisierte Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewußt [sic!] oder unbewußt [sic!] anwendet.“ (ebd.: S. 23). Dies sind also die Mittel der Umgebung, welche sich dem Individuum zur (Selbst-)Darstellung bieten. Nach Goffman ist ein Grund der Stabilität der westeuropäischen Länder, dass jene eine große Anzahl luxuriöser Bühnenbilder verwenden, welche jenen, die genug geldwerte Mittel haben zur Selbstdarstellung dienen, um an dieser Stelle einen Bezug zur gesellschaftlichen Makroebene herzustellen. Dabei ist die Kohärenz zwischen dem Bühnenbild, der Erscheinung und dem Verhalten von besonderer Wichtigkeit um einen kompletten Eindruck hervorzubringen (vgl. ebd.: S. 26). Die Technik der dramatischen Gestaltung bezieht sich auf den dramatischen Ausdruck des Individuums in der Interaktion. Hierbei kann das Maß an dramatischem Ausdruck, welches das Individuum einbringt, variieren. Bei hoher Sichtbarkeit und Intensität des dramatischen Ausdrucks kann das Individuum gegen Angriffe und Unterminierungen quasi immunisiert werden, wobei zusätzliche Techniken der Aufrechterhaltung der Rolle die Immunität weiter verstärken. Die Technik der Idealisierung dient dem Individuum dazu einen idealisierten Eindruck von sich zu erzeugen, also die Darstellung als idealisiertes Bild der Situation zu kreieren. Auf der gesellschaftlichen Makroebene können Rituale und Zeremonien zur manipulativen Erzeugung eines idealisiertes Bildes dienen (vgl. ebd.: S. 36). Zu bedenken ist, dass vordergründig meist ideele Motive angepriesen werden, aber in Wahrheit eher egoistische Motive verfolgt werden. Dies muss nicht immer der Fall sein, charakterisiert aber das Individuum trotzdem sondergleichen (vgl. ebd.: S. 44). Eine weitere Technik ist die Ausdruckskontrolle, welche es dem Individuum ermöglicht kleinere, peinliche Missgeschicke zu vermeiden. Dem Verlust der Muskelkontrolle, dem Eindruck mangelnden Interesses in einer Interaktion oder insgesamt mangelhafter Inszenierung wird so entgegengewirkt. Dabei ist es insbesondere die Gesellschaft, welche das Individuum quasi dazu zwingt, die Technik der Ausdruckskontrolle permanent beizubehalten, da es andernfalls offen oder verdeckt sanktioniert werden würde. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem menschlichen Selbst und der Persönlichkeit vor der Gesellschaft soll hier kaschiert werden (vgl. ebd.: S. 52). Eine weitere Technik ist die der unwahren Darstellung, wobei hier das Individuum dazu angehalten ist jene Merkmale zu verschleiern, welche eigentlich schlecht manipulierbar sind und den Gesamteindruck, den das Individuum erzeugt, zum Wanken bringen könnten (vgl. ebd.: S. 54 f.). Die Technik der Mystifikation soll das Individuum auf ein Podest heben und eine soziale Distanz zwischen ihm und dem Publikum wahren. Schließlich gibt es die Technik der Dichtung und Wahrheit, wobei hier bestimmte Geschichten erzählt werden, ähnlich der Mystifikation, um das Individuum zu erhöhen. Insgesamt geht es bei allen Techniken einerseits darum die Rolle aufrecht zu erhalten und andererseits um die Aufrechterhaltung sozialer Maßstäbe. Die Berechenbarkeit und Kontrollierbarkeit sozialer Situationen steht hierbei im Vordergrund (vgl. ebd.: S. 71). Das Individuum ist somit Angriffen und Druck von Seiten der Gesellschaft als Publikum ausgesetzt und ist mit allen Mitteln darum bemüht, ein bestimmtes Bild von sich aufrechtzuerhalten und seine Identität sowie Integrität zu wahren.

Die Darstellung des Individuums ergibt jedoch erst einen Sinn, wenn sie vor Anderen stattfindet und hier eine Situation definiert wird (vgl. ebd.: S. 73). Agiert das Individuum nur als eigenes Publikum hat dies Selbstentfremdung zur Folge. Somit kann die Darstellung in Interaktion mit einer anderen Person oder auch in einer Gruppe stattfinden. Jene kann sich vor einem Publikum als geschlossenes Gebilde darstellen. Goffman nennt dieses Gebilde „Ensemble“: „Ich werde den Ausdruck >>Ensemble<< (team) für jede Gruppe von Individuen verwenden, die gemeinsam eine Rolle aufbauen.“ (ebd.: S. 75). Da es in dieser Arbeit um die mikrosoziologisch orientierte Perspektive auf das Individuum geht, soll es im folgenden weniger um das Ensemble gehen sondern vielmehr um die Rolle des Individuums im Ensemble. Zunächst ist festzuhalten, dass sich das Individuum nach bestimmten Maßstäben, auch im privaten, richten kann, weil er die Strafe des unsichtbaren Publikums fürchtet. Dieses „unsichtbare Publikum“ kann sowohl das Ensemble sein, welchem das Individuum angehört oder auch ganz allgemein die Gesellschaft. In jedem Fall wird hier deutlich, dass Gruppen Zwänge auf das Individuum ausüben (können), welche bis in das Private hineinreichen können (vgl. ebd.: S. 77). So kann es auch dem Individuum verboten sein, seine eigene Meinung aus dem Ensemble heraus auszudrücken, wenn diese mit der offiziellen Meinung des Ensembles in Konflikt steht oder aber noch gar keine offizielle Meinung des Ensembles festgelegt wurde (vgl. ebd.: S. 81). Hier werden Machtstrukturen in Ensembles offenbar, die auch primär der Aufrechterhaltung einer festgelegten Situation dienen (vgl. ebd.). Die Unterordnung des Individuums im Ensemble wird zudem daraus ersichtlich, dass es die offizielle Stellungnahme des Ensembles kennen und nach ihr sich ausrichten muss. Erst dann gilt es als Teil des Ensembles (vgl. ebd.: S. 83). Bei Zuwiderhandlung muss das Individuum mit Sanktionen wie „Beschwichtigung und Bestrafung“ (ebd.: S. 91) rechnen.

Hinsichtlich der Region, in der eine Darstellung stattfindet, lässt sich konstatieren, dass sich das Individuum auf der Vorderbühne anders verhalten wird als auf der Hinterbühne. Auf der Vorderbühne ist es öffentlichem Druck sowie Ansprüchen und Erwartungen seitens des Publikums, aber auch des eigenen Ensembles ausgesetzt, während es einen Rückzugsort in Form der Hinterbühne vorliegen hat. Dabei ist zu beachten, dass auch auf der Hinterbühne die Ansprüche des Ensembles wirken können. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Außenseiter als ungebetene Gäste die Hinterbühne stören. Trotz alledem ist die Hinterbühne ein Ort, welcher dem Individuum die Möglichkeit bietet sich zurückzuziehen und Schutz gegen die „deterministischen Ansprüche“ (ebd.: S. 106) der näheren und weiteren Umwelt bietet. Besonders erwähnenswert ist der Umstand, dass das Individuum auf der Hinterbühne ein anderes, meistens entspannteres Verhalten zeigt als auf der Vorderbühne (vgl. ebd.: S. 118).

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Blick auf das Individuum in der Gesellschaft aus drei Perspektiven Goffmans. Identität, Status und Interaktion
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V335029
ISBN (eBook)
9783668248328
ISBN (Buch)
9783668248335
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
blick, individuum, gesellschaft, perspektiven, goffmans, identität, status, interaktion
Arbeit zitieren
Sven Böttger (Autor), 2015, Der Blick auf das Individuum in der Gesellschaft aus drei Perspektiven Goffmans. Identität, Status und Interaktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335029

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