Selbstbild von Schulkindern. Einflussnahme durch SchulkameradInnen


Projektarbeit, 2016
45 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

I. Bestandteile des Forschungsberichts:
1. Einleitung (Tsiflidis)
1.1 Formulieren von Zielsetzung, Erkenntnisinteresse, Vorannahmen, Annäherung an das Thema
1.2 Konkretisierung und klare Herausarbeitung der Forschungsfrage bzw. Hypothese
2. Forschungsentwurf (Ruland)
2.1 Forschungsrichtung
2.2 Vorüberlegungen aufgrund theoretischer Grundlagen
2.3 Beschreibung des Forschungsentwurfs
2.3.1 Zugang zum Forschungsfeld
2.3.2 Erhebungsmethode
2.3.3 Ethische Aspekte
2.3.4 Fixierung der Daten
2.3.5 Auswertung der Ergebnisse
3 Darstellung und Diskussion der Ergebnisse (Ruland/Tsiflidis)
3.3 Überblick über die Ergebnisse (Ruland)
3.4 Eingrenzung und Diskussion von ausgewählten Teilaspekten in Bezugnahme zu den Ausgangsthesen (Ruland)
3.4.1 Auswertung der Fragebögen
3.4.2 Auswertung der „Ich-Bilder“ (Tsiflidis)
2 Fazit, weitere Fragestellungen (Tsiflidis)
3 Reflexion (Ruland)
3.3 Methodenreflexion
3.4 Reflexion des Forschungsprozesses

II. Bestandteile des Anlagenbandes:

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

Kinder sind in der Regel achtsamer bzw. wacher für ihr Umfeld, als Erwachsene. Sie suchen ihren Platz in der Welt und streben danach sie selbst zu sein. Genauso sind ihre seelischen Strukturen noch nicht so fest verankert, wie die eines erwachsenen Menschen. Sätze wurden noch nicht so oft gesprochen, bestimmte Verhaltensweisen noch nicht so oft vollzogen. Die Seele befindet sich sozusagen auf einem Weg des Probierens, des Ertastens und Lernens mit sich selbst und der Welt zurechtzukommen, bzw. sich in der Welt zurechtzufinden. Vor allem benötigen sie ein gesundes und reflektiertes Maß an Anerkennung, Präsenz und Geborgenheit und auch an -gesehen werden-. Im besten Fall an -gesehen werden-, wie sie sind, und nicht, wie sie zu sein haben. Wenn dies ausreichende Maß an gesunder Anerkennung, Präsenz und Wärme nicht vorhanden oder defizitär ist, entwickeln sich Störungen in der Selbstentwicklung, so ist unsere Annahme. Man könnte auch sagen, in der “Selbstbleibung.“ Wir gehen davon aus, dass die eigenen Gefühle und das eigenständige Denken die wichtigsten Instrumente sind, um ein gesundes Leben führen zu können. Ein Leben, das mitschwingen kann, mit sich selbst und mit Anderen im Einklang. Perfektion ist, vor allem in unserer differenzierten und vielfältigen Welt, auch hier nicht zu erwarten, denn ein gewisser Grad an Anpassungen ist unverzichtbar. Aber der Zugang zu den eigenen Gefühlen und dem eigenen Verstand, ermöglicht es immer wieder, Herausforderungen die einem das Leben stellt, zu bewältigen und auch selbst Herausforderungen zu finden um seine Potenziale zu entfalten. Doch wie sieht es mit der Umwelt des Menschen aus? Was trägt sie zur Entfaltung dieses innewohnenden Potenzials bei, bzw. inwiefern kann sie dieses Entwicklungspotenzial hemmen oder gar zum Stillstand bringen? Es gibt zu diesem Thema einige entwicklungspsychologische Forschungen und tiefenpsychologische Theorien, in denen es vor allem um den Umgang der Eltern mit ihrem Kind geht. Auch die Bindungsforschung hat einen wichtigen Erkenntnisteil beigetragen. Beginnend mit der Zeit im Uterus wurde die Beziehung zwischen Mutter und Kind und auch zwischen dem Vater und dem Kind unter die Lupe genommen.

Für uns stellte sich die Frage, welchen Einfluss die Schule mit ihrem immanenten System und vor allem auch die Schulkameraden auf das Selbst eines jungen Menschen haben, bzw. ob dieser groß genug ist um die seelische Entwicklung eines Menschen zu hemmen. Natürlich könnte man auch umgekehrt fragen, ob Einflüsse von z.B. Freunden in der Schule einem entwicklungshemmenden Umfeld des Kindes zu Hause entgegenwirken können. Wenngleich wir das annehmen, ging es in dieser Forschung nicht um diesen Effekt, denn das hätte weitere Fragestellungen, vor allem über das Zuhause der Kinder und das Verhältnis zu ihren Eltern benötigt. Das war zum einen in unserem Rahmen nicht machbar, zum anderen wäre man evtl. an rechtliche Grenzen gestoßen, bzw. hätte die Erlaubnis der Eltern einholen müssen. Der Forschungsbericht dreht sich somit um das, von uns vermutete, potenziell destruktive Wirkpotenzial von Mitschülern und der des Schulalltags auf das Selbst eines Kindes.

I. Bestandteile des Forschungsberichts:

1. Einleitung (Tsiflidis)

Der Begriff des Selbst eines Menschen ist ein uneinheitlich verwendeter Begriff, den man sowohl in der Philosophie, Theologie, Soziologie als auch in der Psychologie findet. In diesem Forschungsbericht soll es um die letztere Betrachtungsweise des Selbst gehen. Dem Selbst aus psychologischer, vor allem psychoanalytischer bzw. tiefenpsychologischer Sicht. In all den Herangehensweisen an das Selbst lässt sich eine Konstante finden: Die Rede ist von etwas Eigenem, Individuellen, eine Art innerer Kern in einem Menschen. Die tiefenpsychologische Sicht, vor allem die psychoanalytische Selbstpsychologie sieht in diesem Kern den Ursprung der gesunden geistigen und körperlichen Entwicklung. Die Quelle von Freiheit, Kreativität und Würde. Es lässt sich aus dieser Sicht betrachtet erahnen, dass es sich um etwas Wertvolles und Wichtiges für einen Menschen handelt. Wichtig auch um das gute Leben, von dem einige Philosophen immer wieder gesprochen haben, verwirklichen zu können. Oder auch um einfacher und flexibler mit den Höhen und Tiefen des Lebens zurechtzukommen. Man könnte ihn auch als die Quelle von würdevollem Umgang mit sich selbst und dem Leben bezeichnen. Auch in östlichen Kulturkreisen gab es schon seit Jahrhunderten Versuche sich diesem Kern, wenn er denn im Laufe des Lebens verloren gegangen sei, als Erwachsener wieder zu nähern. Vor allem die Zen-Praxis, schrieb sich das als oberstes Ziel auf die Fahne. Auch die aus diesen östlichen Denktraditionen adaptierte Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, die vor allem im westlichen psychotherapeutischen Alltag immer mehr an Bedeutung gewinnt, bemüht sich um die Bewusstmachung und Klärung der eigenen Innenwelt, d.h. der eigenen Gedanken, Gefühle und Stimmungen. Es geht bei all diesen Ansätzen um etwas von innen nach außen drängendes und umgekehrt auf etwas von außen nach innen Introjiziertes. Denn die Existenz eines innewohnenden eigenen Kerns impliziert natürlich auch eine Gefahr, bzw. ein Risiko für die Entwicklung des Menschen: Was geschieht, wenn dieser Kern, dieses Potenzial auf ein nicht ausreichend fruchtbares Umfeld trifft, und somit in seiner Entwicklung gehemmt wird? Dieser Frage wird in folgendem Forschungsbericht in einem Teilbereich des menschlichen Lebens, der Grundschulzeit, nachgegangen.

1.1 Formulieren von Zielsetzung, Erkenntnisinteresse, Vorannahmen, Annäherung an das Thema

Die Bindungsforschung und die Erkenntnisse der Hirnforschung haben in den letzten Jahren einiges Licht ins Dunkel des menschlichen Körper-Seele-Konflikts gebracht. Die letzten Erkenntnisse gehen von einer körperlichen und psychischen Einheit des Menschen aus, sozusagen der Mensch als ein vielschichtiges Kontinuum, welches durch Erfahrung geprägt, seinen ganz eigenen Platz in der Welt sucht. Sogar die Zeit im mütterlichen Bauch wurde unter die Lupe genommen, und es ließ sich beobachten, dass sich das was man als menschliche Seele verstehen kann (Körper-Psyche-Einheit), schon im leiblichen Uterus entwickelt und auf Zustände und Erfahrungen innerhalb und außerhalb des mütterlichen Körpers reagiert. Dies natürlich umso stärker wenn das Kind das ``Paradies´´ des mütterlichen Uterus verlassen hat und noch stärker auf den Schutz und das feinfühlige und passende Verhalten der Außenwelt angewiesen ist (vgl. Hüther und Krens 2007).

Eine Person, die sich schon vor vielen Jahren mit der Entwicklung des jungen Menschen beschäftigte, war der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott. Er prägte Begriffe wie ´´Spiegelung´´, ´´eine hinreichend gute Umwelt´´ oder des ´´falschen Selbst´´(engl. False self) als eine Art Schutzversion des ´´wahren Selbst“. Dieses ´´wahre Selbst´´ (die eigenen Gefühle und Gedanken) bzw. den möglichen Verlust von dem Selben, in dem ein ´´falsches Selbst´´ entwickelt wird, ist der Ausgangspunkt unserer Forschung. Winnicott war zwar der Erste, der sich in diesem Maße Gedanken um diese Thematik machte, bzw. sie in eine theoretische Form goss, jedoch folgten ihm viele, zwei der Bekanntesten waren der Psychoanalytiker Heinz Kohut und die Psychoanalytikerin und spätere Kindheitsforscherin Alice Miller.

Um eine Ahnung vom Begriff des Spiegelns zu bekommen soll hier aus einer pädagogischen Einführung zur psychoanalytischen Entwicklungstheorie Winnicotts, von Werner Sesink, zitiert werden:

„Von hier aus gibt es einen wichtigen Rückbezug zur Furcht vor Verfolgung. Das Kind möchte „gefunden“ werden, damit man es sieht; aber gefunden und gesehen zu werden ist auch etwas höchst Gefährliches. Unter dem Blick der Außenwelt kann ein Menschenwesen lebendig werden oder zu Stein erstarren. Denn es ist ein fundamentaler Unterschied, ob dieser Blick, der auf ihm ruht, respektvoll ist oder totalitär, voller Zuneigung oder angefüllt mit Misstrauen, ob er Zurückhaltung signalisiert oder Vereinnahmung, Unterstützung oder Forderung, ob er zum Leben ermuntert oder tötet. Im totalitären Blick liegen Zensur und Kontrolle (Ich sehe genau, was du wieder anstellst! Wie du wieder aussiehst…!) und Geständniszwang (Gib zu, Du hast wieder…! Der liebe Gott sieht alles!); im respektvollen Blick die Anerkennung, dass jeder Mensch auch ein Geheimnis ist: immer mehr, als sich zeigt und von der Außenwelt erkannt werden kann. „Gesehen“ zu werden ist die Chance des Lebens und eine tödliche Gefahr. Wer ein Kind auf das Bild festnageln will, das er von ihm hat, wer in seinem Umgang mit heranwachsenden Menschen die Grenze leugnet, die seinem Erkenntnis- und Verständnisvermögen und auch – bei aller Bereitwilligkeit und Sensibilität – seiner Empathie gesetzt sind, der tut ihnen Gewalt an“ (Sesink, S. 97 f.) .

Es wird deutlich, welche Sensibilität und Feinfühligkeit von den Eltern, bzw. Erziehern ausgehen muss, um den Boden, auf dem das Kind sich entfalten kann, fruchtbar zu gestalten.

Winnicotts Ausführungen zum wahren Selbst, wie er es nannte, sind zu umfangreich um sie hier in ihrer gesamten Breite und Tiefe darlegen zu können. Trotzdem soll versucht werden, eine Ahnung von Winnicotts Begriff des ´´wahren Selbst´´ zu erhalten. Sesink schreibt dazu:

„In irgendeiner Weise erfährt das ererbte Potenzial eine soziale Antwort. Wenn alles gut geht, besteht diese Antwort in einer positiven Spiegelung oder Resonanz. Es bildet in jedem Falle den „Kern“ des Selbst oder das „zentrale Selbst“. Meist gebraucht Winnicott dafür aber den Ausdruck „wahres Selbst“. Das „wahre Selbst“ ist also nicht identisch mit dem „ererbten Potenzial“, sondern es ist sozusagen das, was aus dem ererbten Potenzial im Verlaufe des Integrationsprozesses geworden ist.“ (Sesink, S. 98).

Winnicott selbst schreibt dazu:

„Im frühesten Stadium ist das wahre Selbst die theoretische Position, von der die spontane Geste und die persönliche Idee ausgehen. Die spontane Geste ist das wahre Selbst in Aktion. Nur das wahre Selbst kann kreativ sein, und nur das wahre Selbst kann sich real fühlen.“ (Zit. in Sesink, S. 98).

Und noch mal Werner Sesink:

“Das „wahre Selbst“ ist die Quelle der „spontanen Impulse“ des Kindes. Es ist der Einbruch der Natur in die menschliche Ordnung; Quelle von Kreativität und Initiative; ein in diese Welt von Natur mitgebrachter und in der Lebensgeschichte weiterhin gegen alle soziale Formung bewahrter und beschützter Drang, sich mit der Welt zu vermitteln, um in diese Welt hinein zu wirken; ein Drang zur „Konkretion“, d.h. zum Zusammenwachsen mit dieser Welt (lat. concresci).“ (Sesink, S. 99)

Winnicott merkt an, dass das falsche Selbst nicht als Gegenspieler zum wahren Selbst gesehen werden dürfe, sondern vielmehr eine Schutzfunktion für das wahre Selbst darstellt. Und Sesink bevorzugt den Begriff soziales Selbst anstatt dem falschen Selbst.

Den Begriff, soziales Selbst´´ findet man im Übrigen auch bei Erving Goffmann, der mit seinem Buch „Wir alle spielen Theater, (2003), Piper-Verlag München´´, in eine ähnliche Kerbe schlägt. Es geht um eine Art Maske, Rolle oder auch eine Mauer, welche die eigenen von der Außenwelt unerwünschten Gedanken und Gefühle, im Inneren versteckt hält um das Überleben in der jeweiligen Gruppe zu ermöglichen. Winnicott selbst sagt über die Beziehung vom wahren und falschen Selbst:

„Am einen Extrem: das falsche Selbst stellt sich als real dar, und Beobachter neigen dazu, zu glauben, dies sei die wirkliche Person. In Lebensbeziehungen, Arbeitsbeziehungen und Freundschaften beginnt das falsche Selbst jedoch zu versagen. In Situationen, in denen eine ganze Person erwartet wird, fehlt dem falschen Selbst etwas Wesentliches. An diesem Extrem ist das wahre Selbst verborgen“. (Sesink, S. 102)

Für Winnicott war das falsche Selbst für das wahre Selbst unbedingt notwendig um eine Umweltanpassung zu gewährleisten bzw. eine gesellschaftliche Stellung zu erlangen. Dies implizierte, dass das wahre Selbst etwas total nicht anpassungsfähiges und nur rein Wildes wäre, dem durch das falsche Selbst Einhalt geboten wird, bzw. das Überleben in der Gruppe ermöglicht wird. Nur da, wo das falsche Selbst die volle Kontrolle übernehmen würde, wäre von einem pathologischen Zustand auszugehen.

Nun war auch Winnicott Ein Kind seiner Zeit. Seine Sicht auf das ´´Kernselbst´´ oder ´´wahre Selbst´´ impliziert einen Teil im eigenen Selbst der versteckt werden müsse, da er eine Art ´´Explosion´´ in der Umwelt auslösen könne. Aus dieser Sicht klingt es fast nach etwas dem Menschen innewohnenden Bösen, welches zum wahren Selbst gehöre. Doch was genau sollte dieses böse Potenzial sein? Die Wut? Die gesunde Aggression eines Säuglings? Oder seine in Tränen aufgelöste Trauer wenn etwas an seinen Bedürfnissen nicht gestillt wird? Ein junger menschlicher Säugling ist noch im Besitz der kompletten Gefühlspalette, er muss noch keine seiner Gefühle verdrängen oder abspalten, wenn sie der Umwelt nicht gefallen. Vor allem von der Wut und dem Egoismus soll hier die Rede sein, beides wird auch heute noch des Öfteren mit ´´dem Bösen´´ im Menschen gleichgesetzt und tabuisiert. Doch differenzierter betrachtet ist ein Mensch ohne seine egoistischen Anteile und sein innewohnendes Wut-bzw. Aggressionspotenzial, welches sich in extremen Fällen der Grenzüberschreitung von außen in Hass verwandeln kann, kaum überlebensfähig. Das gleiche gilt für andere Gefühlspotenziale im menschlichen Wesen. Winnicott war bei Leibe kein intoleranter Mensch, im Gegenteil, doch auch er war ein Kind seiner Zeit und musste Theorien entwickeln, die in seiner Zeit umsetzbar waren, bzw. er war selbst geprägt von seiner Zeit. Eine Zeit, die zumindest oberflächlich betrachtet noch viel mehr äußere Anpassung und Konformität verlangte, als die heutige Zeit, in der es eher zu einem Zwang geworden ist, sich nicht anpassen zu dürfen.

Das Gleiche gilt im Übrigen für Sigmund Freud, der seine Triebtheorien entwickelte um real geschehene sexuelle Übergriffe in der Kindheit seiner Patientinnen zu verschleiern. Vielleicht meinte er unbewusst, die Gesellschaft wäre noch nicht reif genug, um den kindlichen Realitäten mit all dem innewohnenden Schmerzpotenzial ins Auge sehen zu können. Und das war sie auch nicht, deshalb waren Theorien wie der Ödipuskomplex von Nöten. Natürlich vergrößerten solche psychoanalytischen Theorien das Leid und die Verwirrung von vielen Patienten und Patientinnen in der Analyse. Alice Miller beschreibt dieses Gesellschaftsphänomen ausführlich am Beispiel des “Wolfsmann“, des berühmten Patienten Freuds und in der Auseinandersetzung mit dem Werk Franz Kafkas (vgl. Miller 1983).

Was Winnicottt, und hier war er einer der Pioniere, aber mehr und mehr verdeutlichte, war die Tatsache eines eigenen Potenzials und dass dieses nur zum Vorschein kommt, bzw. entwicklungsfähig ist, wenn eine ausreichend fruchtbare Umwelt das ermöglicht. Winnicott sprach in diesem Zusammenhang oft von einer ´´ausreichend guten Mutter. ´´ Auch hier sieht man den Einfluss des Zeitgeistes, denn der Vater spielte zur Zeit Winnicotts höchstens eine Nebenrolle in der Erziehung und war für die meist sehr strenge Grenzziehung verantwortlich.

Des Weiteren spielte der Körper im Allgemeinen in der Psychotherapie zu dieser Zeit in den 60er- und 70er Jahren, wenig bis gar keine Rolle. Der Geist, das Psychische war das Instrument, das es zu erforschen, bzw. zu bearbeiten gab. Somit war das Selbst auch zum Großteil eher etwas Geistiges, denn etwas Körperliches.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass psychisches Leiden für Winnicott die komplette Abspaltung vom wahren Selbst bedeutete.

Eine weitere ehemalige Psychoanalytikerin und Kindheitsforscherin, Alice Miller, würde dem hinzufügen, dass sowohl psychisches wie körperliches Leiden die Trennung vom wahren Selbst darstellt. Außerdem war sie die erste, welche die Realität des Kindes, bzw. späteren Jugendlichen, als Ursache für die Abspaltung vom wahren Selbst annahm und so radikal wie niemand zuvor in den Fokus der Entstehung von psychischen und körperlichen Störungen und Krankheiten in den stellte.

In ihrem Buch , Das Drama des begabten Kindes“ (2012), Suhrkamp Verlag Frankfurt, S. 109ff. schreibt sie vor allem über Kinder mit einer angeborenen Feinfühligkeit und Sensibilität, welche bei einem unzureichenden Umfeld in der Familie, in Form von z.B. unselbstständigen, manipulierenden oder über aggressiven oder vereinnahmenden Eltern, ihre eigenen Gefühle verdrängen würden und auch (unbewusste) Signale der Eltern, wie das Kind sich zu verhalten hätte, geradezu aufsaugen würden um ihre Rolle im Familiensystem und später in der Welt zu finden. Wenn die Umwelt, am Anfang die Eltern, Geschwister, später die Freunde und Mitschüler, das Kind in einem bestimmten Bild sehen würden, hätte ein solches Kind keine andere Wahl, als wie eine Blume die zur Sonne hin wächst, die eigenen der Situation angepassten Gefühle und Gedanken zu verdrängen und es beginne sich selbst durch die Augen von anderen Menschen, zuerst denen der Eltern, später anderen Menschen mit denen man in seinem Alltag zu tun hat, zu sehen. Dies müsse nicht immer willentlich durch die Eltern hervorgerufen werden, es könne auch passieren, dass z.B. eine emotional bedürftige Mutter, in ihrem inneren selbst noch ein Kind, Signale der Überforderung mit dem Leben aussendet, welche vom Kind registriert werden. Ein solch sensibles Kind würde nach Miller´s Ansicht versuchen, der Mutter das zu geben, was sie sich selbst nicht geben kann. Später, als Erwachsener, könnte ein solches wie sie es nennt „ausgebeutetes“ Kind, die Rolle als Helfer behalten und z.B. in soziale Berufe streben, um seinen Selbstwert aus der Kindheit zu erhalten. Dabei sind bei einem Kind mit so einer Geschichte in der Entwicklung viele Teile, (in diesem Falle häufig die egoistischen, die Wut, der Hass), auf der Strecke geblieben. Ein solcher Erwachsener würde sich ständig als nicht vollständig fühlen, oder hätte das stumpfe Gefühl im falschen Leben zu leben. Die spontane Lebendigkeit, der Zugang zu den eigenen Gefühlen und Gedanken (das ´´wahre Selbst´´), sei verloren gegangen.

Doch nicht nur in Helferberufen lässt sich dieses früh entwickelte Muster fortführen, überall dort wo für Leistung Anerkennung erarbeitet werden kann, ist ein Projektionsfeld möglich. Oft streben solche für den Selbstwert der Eltern missbrauchten Kinder in Berufe mit hoher gesellschaftlicher Anerkennung und Prestige. Man könnte es deuten, um dadurch endlich gesehen zu werden. Die Tragik dabei ist, dass die Anerkennung für etwas Geleistetes mit Liebe verwechselt wird. Wirkliche Liebe, nämlich die bedingungslose, fehlte in der Kindheit und Jugend und kann bei aller Anstrengung und allem Prestige nicht im Nachhinein erarbeitet werden. Darin besteht das große Missverständnis im Leben eines solchen Menschen. Zumindest solange bis er das Unrecht seiner Kindheit und Jugend erkennt und anfängt, es (vor allem auch emotional!) aufzuarbeiten. Gefühle wie Wut und Trauer sind hier oft von großer Bedeutung. Dieser erwachsene Mensch muss erst einmal lernen, dass Wut und Trauer niemanden tötet, auch wenn die kindliche Realität etwas anderes behauptet hatte. Zusätzlich können Traumatherapien bei unbewussten und ungelösten traumatischen Erfahrungen helfen, gewisse Reifungsprozesse in emotional missbrauchten Menschen in Gang zu setzen, um wirkliche Individualität zu ermöglichen und nicht die gespielte, weil von außen aufgezwungene Individualität, die sich heutzutage oft finden lässt.

Was trägt nun die Schulzeit, der meist unbewusste Konsens der Mitschüler, der Lehrer, das Schul-und Gesellschaftssystem zu dieser Entwicklung bei? Was heißt es für ein Kind, wenn Noten als etwas Überlebenswichtiges gesehen werden? Was bedeutet es für ein Kind, wenn Mitschüler es nur mit Kleidung einer bestimmten Marke akzeptieren? Dürfen alle echten Gefühle gefühlt werden, oder müssen sie unterdrückt oder sogar abgespalten werden, um nicht die Anerkennung der Schülergemeinschaft zu verlieren?

Könnte die Schule nicht evtl. sogar einem defizitären Elternumfeld entgegenwirken, in dem sie das Kind immer wieder auf seinen immanenten Wert hinweist, und es nicht ständig nach irgendwelchen Leistungen und Idealen bewertet wird? Was passiert in einem jungen Menschen im deutschen Schulumfeld, in unserem Fall dem Grundschulumfeld? Fragen, die eng mit den Theorien des falschen und wahren Selbst zusammenhängen.

1.2 Konkretisierung und klare Herausarbeitung der Forschungsfrage bzw. Hypothese

Die Hypothese anhand, der wir die Forschung auswerten möchten, lautet: Schulkameraden und Schule können zur Entwicklung eines falschen Selbst beitragen.

2. Forschungsentwurf (Ruland)

Abbildung 1 14

Abbildung 2 20

Abbildung 3 21

Abbildung 4 21

Abbildung 5 23

2.1 Forschungsrichtung

Um sich der Forschungsfrage zu nähern und ein möglichst breites, nicht zu oberflächliches Bild zu gewinnen kommt in der Erhebung und Auswertung nur ein Forschungsdesign in Betracht, das mehrere Zugänge zur Zielgruppe ermöglicht. Wenn wir uns dem wahren Kern, bzw. den wahren Gefühlen, Meinungen und Gedanken der Kinder annähern wollen und etwas über sie erfahren möchten, dann müssen wir spontane Reaktionen herausfordern, die sie auf unterschiedlicherweise ausdrücken können. Eine rein auf quantitative Methoden ausgelegtes Forschungsdesign hätte nicht die Tiefe um subjektive Sinnstrukturen und Wahrnehmungen der Zielgruppe zu erfassen. Ebenso lässt der zeitliche, materielle und personelle Umfang des Forschungsvorhabens Vergleiche mit der notwendigen Anzahl an quantitativen Erhebungen und der daraus resultierenden Auswertung nicht zu. Dennoch bieten sie eine gewisse Vergleichbarkeit und können gewisse Tendenzen zu einzelnen Aspekten sichtbar machen. Qualitative Methoden bieten einen tieferen Einblick in subjektive Sinnstrukturen des Einzelnen, und lassen Aspekte in den Blick kommen, die über quantitativen Methoden nicht zu erreichen währen. Qualitative Methoden lassen jedoch, für sich allein gestellt, kaum Vergleiche unter der Zielgruppe zu. Und wenn doch, nur mit sehr hohem Aufwand der wiederum den Rahmen des Forschungsvorhabens sprengen könnte.

In Bezug auf die Zielgruppe und der aufgeführten Forschungsfrage drängen sich besonders ästhetische Forschungsmethoden auf. Diese durchlaufen zwischen Idee und Ziel viele Stationen und schaffen eine Vernetzung zwischen künsterischen und wissenschaftlichen Methoden und Ausdrucksformen. Ihr Merkmal ist es, breitere Handlungs und Erkenntnisformen zu schaffen. Sie erfordert parallele Formen der Erarbeitung von Fragestellungen. Hierbei steht am Anfang eine Frage. Die Erarbeitung erfolgt subjektbezogen und wird eigenständig organisiert. Fragen, Gedanken und Methoden sind vernetzt, werden umgeformt, eingegangen und wieder verändert. Entscheidungsprozesse sind wandelbar und werden in Entstehungsprozesse einbezogen und reflektiert. Das eröffnet eine fragende Haltung. Alles was wahrgenommen wird, bildet ein Reservoir an Möglichkeiten, die ausgeschöpft werden können. Ästhetische Forschung löst sich von tradierten wissenschaftlichen Kategorien und knüpft an kunstpädagogischen Elementen an (vgl. Kämpf-Jansen 2000, S. 97–100). Was bedeutsam erscheint, wird dokumentiert und kann nutzbar gemacht werden. Auch subjektive Eindrücke finden ihre Bedeutung.

Dabei besteht die Gefahr sich in der Fülle an Eindrücken und den Fokus auf das Ziel zu verlieren. Daher ist die Begleitung und der Austausch im gesamten Prozess mit Studierenden und Dozierenden notwendig. In zahlreichen Diskussionen mit Kommilitonen/innen und Dozierenden werden Fragestellungen und Vorgehensweisen reflektiert, umgestoßen, verworfen und neu entwickelt. Dadurch entsteht die Chance, von Bekanntem auf Neues zu stoßen. Ebenso wird selbst der Fragestellung eine gewisse Veränderbarkeit und Offenheit zugesprochen. Wir wissen am Anfang noch nicht was für die Zielgruppe bedeutsam sein wird. Wir können Thesen darüber formulieren, doch Gewissheit, bzw. eine gewisse Annäherung an diese Fragestellung können wir erst nach Durchführung des Projektes wagen. Unser Forschungsdesign ist prozessorientiert und im hohem Maße individuell bestimmt. Es knüpft an altem an und enthält ein Repertoire an verschiedenen Zugängen.

Der Bezug auf ästhetische Verfahren ermöglicht uns eine gewisse Freiheit in der Auswahl der Methoden. So können wir kreative mit Qualitativen und Quantitativen Elementen verbinden. Im engen, direkten sowie über den gesamten Forschungsprozess andauernden Austausch mit Kommiliton/innen und Dozierenden im Rahmen des Forschungsmoduls, entwickelte sich ein individuelles Forschungsdesign. Die ständige Reflexion über den Forschungsprozess und deren Methoden vom Beginn der Fragestellung bis hin zur Auswertung, ist Bedingung und gleichzeitig Chance für eine gelingende Forschung.

2.2 Vorüberlegungen aufgrund theoretischer Grundlagen

Angeregt durch die psychoanalytischen Entwürfe Winnicotts und deren Weiterführungen Millers sowie der im Masterstudiengang der Hochschule Ludwigshafen bearbeiteten Fragen um das Phänomen des Scheiterns, entwickelten sich in einem diskursiven Prozess mit Kommilitonen/innen und Dozierenden die Fragestellungen für dieses Forschungsprojekt. Insbesondere der intensive Austausch mit meinem Projektpartner war richtungsweisend. Hierbei diskutierten wir unter anderem die Thesen Millers und Winnicotts und gaben dem Projekt eine Richtung in der Prämisse, uns stetig eine gewisse Offenheit in der Zielsetzung beizubehalten.

Grundlegend vertreten wir die These, das es etwas gäbe, dass als wahres Selbst bezeichnet werden kann. Miller zeigt auf, dass wir von frühester Kindheit durch die Verdrängung eigener Gefühle je eine Stück von uns Selbst verlieren und wir uns so immer mehr von dem entfernen, was unsere eigenen Bedürfnisse sind (vgl. Miller 2014, S. 25–32). Das verändert unser Selbstbild. Für uns drängte sich die Frage auf, was einen Menschen von seinem wahren Selbst trennt. Worin kann der Prozess am Erhalt des wahren selbst scheitern? Wir möchten danach Fragen, was außerhalb des Familiensystems zur Entstehung des Selbstbildes beiträgt. Beim Erstellen eines Forschungsplakates grenzten wir die Fragestellung weiter ein und bezogen uns auf Schulkinder der 4. Klassenstufe. In diesem Alter, so unsere Überlegung, seien die Kinder noch äußerst offen und zugänglich für ihre eigenen Gefühle und dennoch ist der Einfluss von Schulkameraden zu spüren. Unsere Hoffnung bestand darin, ein Spannungsfeld aufzuspüren zwischen dem Zutrauen eigene Gefühle ausleben zu können und einem möglichen Druck von Klassen- bzw. Schulkameraden auf das, was von einem Selbst gezeigt werden darf.

Auf unserem Forschungsplakat drücken wir unsere Thesen über mögliche Spannungen und Konflikte die im Inneren eines Schulkindes vorgehen können aus. Es zeigt ein, in Gedanken versunkener Junge, der eine gewisse Spannung im Nachdenken ausstrahlt, über mögliche selbstbildende suggestive Erwartungen, die Kinder an sich selbst stellen könnten: „Ohne Erfolg bin ich nichts Wert“, Ich muss immer jedem helfen“, Ich muss immer dem Ideal entsprechen und perfekt sein“, „Nur meine Schokoladenseiten sind gut meine Schattenseiten muss ich verstecken“ sind ein paar Beispiele unserer Vorüberlegungen (siehe Forschungsplakat „Sich durch die Augen der Anderen sehen“).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Selbstbild von Schulkindern. Einflussnahme durch SchulkameradInnen
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Veranstaltung
MASA 2
Note
2,0
Autoren
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V335654
ISBN (eBook)
9783668266728
ISBN (Buch)
9783668266735
Dateigröße
1525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbst, Selbstbild, Selbstkonzept, Identität, Wahrnehmung, Forschung, Schule, Schulkind, Grundschule, Einfluss, Bericht, Forschungsbericht
Arbeit zitieren
Norman Ruland (Autor)Daniel Tsiflidis (Autor), 2016, Selbstbild von Schulkindern. Einflussnahme durch SchulkameradInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335654

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