Das Humanitätskonzept in Johann Wolfgang Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zusammenfassung des Schauspiels „Iphigenie auf Tauris“

III. Was ist Humanität?

IV. Die Figur Iphigenie
(a) Sprache und Ausdruck
(b) Handlungsmuster
(c) Widerspruch des Humanitätskonzepts

V. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen Vorschlag zur Analyse von Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ im Hinblick auf das Humanitätsideal in der Gestalt von der Figur Iphigenie und den damit verbundenen Widersprüchlichkeiten des Humanitätskonzepts darstellen. „Die Auffassung des Dramas als Weihespiel der Menschlichkeit“[1] soll dabei hinterfragt und bewertet werden.

Zunächst soll eine kurze Zusammenfassung des Schauspiels einen Überblick über den Handlungszusammenhang verschaffen, um das typische Sprechen und Handeln Iphigenies im Stück in der darauf folgenden Analyse einordnen zu können. Aus der Analyse, welche eine Einordnung des Begriffs „Humanität“ und eine Figurenanalyse Iphigenies beinhaltet, soll hervorgehen, dass Iphigenie formal aufgrund ihrer Sprache und inhaltlich aufgrund ihrer Entscheidungen, Gedanken und Taten zum einen als Vertreterin der Humanität und zum anderen, durchaus untrennbar mit ersterem, als zerrissene und dialektische Figur charakterisiert werden kann.

Ziel der Arbeit ist es, die stilistischen und inhaltlichen Mittel mit dem vermeintlich moralischen Anspruch des Stücks in Verbindung zu bringen und eben diese Verbindung im Rahmen der Figurenanalyse Iphigenies zu charakterisieren.

Biographische Bezüge werden in dieser Arbeit bewusst außen vor gelassen; der Anspruch besteht darin, eine textnahe Analyse zu verfassen und das Humanitätskonzept des Schauspiels kritisch zu beleuchten.

II. Zusammenfassung des Schauspiels „Iphigenie auf Tauris“

Goethes Schauspiel aus dem Jahr 1787, hervorgegangen aus der Prosafassung von 1779, basiert auf der antiken Tragödie „Iphigenie bei den Tauriern“ des griechischen Dramatikers Euripides . Auf die stoffliche Grundlage und den Unterschieden zu Goethes Verarbeitung kann an dieser Stelle nicht ausführlich, sondern nur stellenweise eingegangen werden.

Iphigenie, die älteste Tochter des griechischen Königs Agamemnon, welcher im Krieg gegen Troja das Heer anführte, und seiner Frau Clytemnestra, verweilt seit dem Trojanischen Krieg als Priesterin der Göttin Diana auf der Insel Tauris. Nach der griechischen Mythologie und in Goethes Bearbeitung nach den Erzählungen Iphigenies (V.400-432)[2] hält Diana, wütend auf den Übermut Agamemnons ihr als Göttin gegenüber, durch eine Windstille das griechische Heer in Aulis auf und fordert seine Tochter Iphigenie als Opfer. Doch statt der Opferung bringt sie Iphigenie auf die Insel Tauris, wo Thoas, König der Taurier, Skythen, herrscht und wo Iphigenie als Priesterin Diana dient.

Goethes Schauspiel beginnt mit einem Monolog Iphigenies, in dem sie unglücklich über ihren Zustand und mit Sehnsucht nach ihrer Heimat und ihrer Familie auf den Tag, an dem Diana sie zurück nach Griechenland bringt, hofft. Thoas, dessen Sohn verstorben ist und der damit keinen Thronfolger mehr hat, hält um ihre Hand an und erfährt im Zuge dessen von ihr, dass sie aus dem verfluchten Geschlecht Tantalus' entsprang, welches von Gewalt und Inzest geprägt ist. Der König ist nicht abgeschreckt von diesem Geständnis und fordert Iphigenie trotzdem dazu auf, ihn zu heiraten. Erzürnt über ihre Ablehnung, entscheidet er am Ende des dritten Auftritts des ersten Aufzugs, die Menschenopfer, die er erst seit der Anwesenheit Iphigenies und durch ihre Sanftmütigkeit an den Ufern Tauris’ nicht mehr fordert, wieder einzuführen und befiehlt Iphigenie dementsprechend, zwei gestrandete Fremde umzubringen.

Es stellt sich im zweiten Aufzug heraus, dass es sich bei den zwei Fremden um Orest, Iphigenies Bruder und Pylades, dessen Freund handelt, welche nach Tauris gekommen sind, um das Bildnis der „Schwester“ nach Griechenland zu holen. Sie sind auf der Suche nach dem Bildnis Dianas, der Schwester Apollon. Ein Orakel von Apollo besagte nämlich, dass Orest von seinem Fluch der Furien befreit werden soll, wenn dies geschieht. Orest, nachdem er seine Mutter Klytemnestra ermodet hat, um seinen Vater zu rächen, von Furien befallen und hoffnungslos, gibt sich Iphigenie zu erkennen und gesteht den Muttermord. Auch Iphigenie gibt sich als seine Schwester zu erkennen und versucht im ersten Auftritt des dritten Aufzugs mit sanften Worten Orest von seinem Wahn und seinem Todeswunsch abzubringen. Sie betet Diana an, ihn von seinem Fluch zu befreien. Am Ende des dritten Aufzugs ist Orest tatsächlich geheilt und Pylades ist nun bereit, alles für den Aufbruch, die Flucht vorzubereiten. Iphigenie soll dafür die Opferung der Fremden, die sie Thoas versprochen hat, verzögern und Arkas, Thoas’ Boten, anlügen. Iphigenie monologisiert im vierten Aufzug über ihre verzweifelte Lage und das Dilemma, einerseits sich selbst, ihren Bruder und Pylades retten und nach Griechenland fliehen zu können, aber andererseits das Volk der Taurer und Thoas nicht betrügen und belügen zu wollen. Ihre Verzweiflung gipfelt in ihrer Erinnerung an das „Parzenlied“, das ein schreckliches und fatalistisches Götterbild beinhaltet. Im fünften Aufzug gerät Iphigenie in die direkte Konfrontation mit Thoas, welcher durch Arkas' Unmut misstrauisch geworden ist und befiehlt, die Fremden festzunehmen und Iphigenie zu sich bestellt. Im Verlauf des dramatischen Dialogs entschließt sich Iphigenie zur Wahrheit und überlässt gleichzeitig Thoas die Entscheidung über ihr und Orests und Pylades’ Leben. Iphigenie kann im letzten Auftritt einen Kampf zwischen Orest und Thoas verhindern. Letztlich lässt Thoas die drei Griechen mit den Worten „Lebt wohl!“ (V.2174) gehen, das Orakel wird von Orest aufgelöst: Es handelt sich nicht um Dianas Bildnis, sondern um seine eigene Schwester, Iphigenie.

III. Was ist Humanität?

Um das Humanitätskonzept des Dramas analysieren zu können, ist es notwendig, eine Definition vom Begriff und Konzept der Humanität zu geben. In der Rezeption des Stückes dominiert die Gleichsetzung des Begriffes „human“ mit dem Humanitätsideal der deutschen Aufklärung[3]. Die Definition dieses Humanitätsideals ist durchaus komplex und vielschichtig, eine ausführliche Analyse würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb nur die wesentlichen und für das Drama relevanten Aspekte genannt werden können. Der aufklärerische Humanismus greift das antike Modell der Humanität auf, nach Cicero „die Stimme des Menschen zu dem Menschen“[4]. Von Bedeutung sind insbesondere die Konzepte von Barmherzigkeit, Sanftmut, Wohlwollen, Güte, Freigebigkeit, Gastfreundschaft, Freundschaftsdienst und nicht zuletzt das emanzipatorische Moment der Humanität: Autonomie, Wahrheit und Selbstwerdung.[5] In Anlehnung an Johann Gottfried Herder, welcher als Freund Einfluss auf Goethes Werk genommen hat[6], muss „das Subjekt, dessen natürlicher Trieb es ist, die Fülle seines Lebens auszuwirken, Vernunft annehmen und sittlich werden, um in einer Gesellschaft leben zu können.“[7] Einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft beschreibt Friedrich Schiller mit den Worten „Jeder Einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum - es ist diese: ein Mensch zu sein.“[8] Goethe selbst prägte den Begriff der Humanität, der sich im Drama der Iphigenie manifestiert, unter anderem in einem Widmungsgedicht an den Schauspieler Wilhelm Krüger[9]:

Was der Dichter diesem Bande Glaubend, hoffend anvertraut, Werd’ im Kreise deutscher Lande Durch des Künstlers Wirken laut. So im Handeln, so im Sprechen Liebevoll verkünd’ es weit: Alle menschlichen Gebrechen Sühnet reine Menschlichkeit.

Die Widersprüchlichkeit des Humanitätskonzepts deutet sich schon hier an: Die Menschlichkeit allein ist in der Lage, Verbrechen und Fehler[10] zu überwinden und zu entschuldigen, während allerdings eben jene Verbrechen „menschliche Gebrechen“ sind, also durchaus dem Humanitätskonzept selbst innewohnen. Dieser Konflikt spiegelt sich in Goethes Schauspiel wieder (V. 321-322: „So war / Auch sein Vergehen menschlich“), was im Folgenden analysiert werden soll.

IV. Die Figur Iphigenie

Als Spiegelbild des Konflikts der Humanität kann die Figur Iphigenies dienen. Iphigenie sieht sich im Drama mehreren Konflikten gegenüber: Sei es ihr Zweifel an den Göttern, ihre Sehnsucht nach Griechenland, oder ihr Pflichtgefühl Thoas gegenüber. Stets steht hierbei die Frage nach Autonomie und Selbstbestimmung als Merkmale der Humanität im Raum, die sich in Charakterzügen und Aussagen Iphigenies manifestiert. Anhand einiger Beispiele, stilistische wie inhaltliche, sollen im Folgenden diese Charakterzüge analysiert und im Hinblick auf das Humanitätskonzept eingeordnet werden.

(a) Sprache und Ausdruck

Schon der einleitende Monolog Iphigenies ist beispielhaft für die Sprache der Figur. Der fünfhebige Jambus (V.1-2: „Heráus in éure Schátten, rége Wípfel / Des álten, héi’gen, díchtbeláubten Háines“) bildet einen vollendeten Rahmen der erhabenen Figur, die von Anfang an von einem „sanften Wesen“[11] gekennzeichnet ist. „In […] der Reinheit der Sprache […] verwirklicht Goethe ein Ideal der Sprache, das zum Vor- und Urbild des Klassischen geworden ist“[12], das ist die eine Seite. Iphigenie bleibt jedoch nicht ohne Zweifel und Widersprüche, ebenso wenig wie ihre Sprache.

[...]


[1] Rasch, Wolfdietrich: Goethes ‚Iphiegnie auf Tauris‘ als Drama der Autonomie, München: Beck, 1979, S.7

[2] Zitiert wird im Folgenden nach: Goethe, Johann Wolfgang: Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel. Ditzingen: Reclam, 2014

[3] vgl. Weisinger, Kenneth D.: The classical facade - A nonclassical reading of Goethe’s Classicism, 1988, S.101

[4] Becker,Karina: Autonomie und Humanität - Grenzen der Aufklärung in Goethes Iphigenie, Kleist Penthesilea und Grillparzers Medea. Frankfurt am Main, 2008, S.17

[5] vgl. Ebd, S.18-21

[6] Geisenhanslücke, Achim: Goethe, Iphigenie auf Tauris. München: Oldenburg Verlag, 1997, S.91

[7] Becker,Karina: Autonomie und Humanität - Grenzen der Aufklärung in Goethes Iphigenie, Kleist Penthesilea und Grillparzers Medea. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2008, S. 23

[8] Schiller, Friedrich: Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet, 1784.

[9] Rasch, Wofdietrich: Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als Drama der Autonomie. München: Beck, 1979, S.17

[10] vgl. Ebd. S.19: Das Wort Gebrechen hier nicht nur im heutigen Sinne von „Schwächen“

[11] vgl. V.125 ff.

[12] Geisenhanslücke, Achim: Goethe, Iphigenie auf Tauris. München: Oldenburg Verlag, 1997, S.86

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Humanitätskonzept in Johann Wolfgang Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V336438
ISBN (eBook)
9783668260870
ISBN (Buch)
9783668260887
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iphigenie, Humanitätskonzept, Johann Wolfgang von Goethe, Analyse, Figurenanalyse, Schauspiel
Arbeit zitieren
Sarah Moayeri (Autor), 2016, Das Humanitätskonzept in Johann Wolfgang Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336438

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