Die Erfindung der Nation „Schweden“ in der schwedischen Kinderliteratur um 1900


Masterarbeit, 2012
71 Seiten, Note: 2,4

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DIE KINDERLITERATUR IN SCHWEDEN BIS 1900

3 NATIONALE IDENTITÄT IN GESELLSCHAFT UND LITERATUR
3.1 Nationale Identität - Nation-Building - Nationenbildung
3.2 die Bildung nationaler Identität in Schweden
3.2.1 Natur als verbindendes Motiv
3.2.2 historische Betrachtungen
3.2.3 die „Unschwedischen“ - Einheit durch Abgrenzung
3.2.4 religiöse Verbundenheit
3.2.5 Nordisch oder schwedisch? - Internationale Einflüsse auf die schwedische Identität
3.2.6 Soziokulturelle Einflüsse
3.3 Nationale Identität in der Literaturwissenschaft

4 SCHWEDEN IN DER KINDERLITERATUR UM 1900
4.1 Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige (1906/07)
4.2 Anna Maria Roos: Sörgarden und i önnemo (1912)
4.3 Elsa Beskow

5 DIE NATION SCHWEDEN IN DER KINDERLITERATUR SCHWEDENS - EIN FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Internetverweise:

1 Einleitung

Typisch schwedisch. Wohl ein Jeder hat eine bestimmte Vorstellung davon im Kopf, was typisch schwedisch ist, wenn er den Namen dieses weiten Landes hört. Schwe­den, die Nation der blonden Frauen, die Nation mit den roten und gelben Häusern? Das Land der Elche? Obwohl dies plakative Klischees sind, deuten sie dennoch da­rauf hin, dass es bestimmte Vorstellungen von dieser schwedischen Nation geben muss, die viele Menschen - auch diejenigen, die Teil dieser Nation sind - für sich vereinen können:

De flesta svenskar, eller utlänningar som gästar landet, tycker sig visst stöta pâ sädant som är typiskt svenskt. [...] [D]et är bara den s k forskningen som är blind och inte förmär sätta fingret pâ vad folk med vanligt bondförnunft sâ uppenbart kan se (Lindroth 1994: 40).

Bengt Lindroth hat mit seiner ironischen Aussage im Grunde Recht: Es ist es nicht leicht herauszufinden, was genau die schwedische Nation ausmacht, wie sie sich formt. Und doch bietet die Frage ein enormes Potential. In die Herausbildung des Gefühls einer Nation spielen sehr viele Faktoren hinein: Prinzipiell führen unzählige geschichtliche, kulturelle, geografische und soziale Voraussetzungen und Faktoren schlussendlich zur Bildung des Bewusstseins einer gemeinsamen Nation und ihrer Identität. Dabei kommt insbesondere heutzutage auch den Medien eine besondere Rolle zu, Lena Kâreland, emeritierte Professorin an der Universität Uppsala, formu­liert diesen Umstand folgendermaßen: „Överhuvudtaget formas vár verklighetsbild i dagens samhälle i hög grad av medierna“ (Káreland 2001:15).

Doch nicht zuletzt spielt die Literatur eine besondere Rolle in der Prägung einer Nation und ihrer Gesellschaft. Denn bereits lange vor Radio, Fernsehen, Kino und sozialen Netzwerken war es vornehmlich die Literatur, die das Bild einer Gesell­schaft und einer Nation abbildete und prägte - in der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf der schwedischen Nation und ihrer Gesellschaft. Dabei geht es auch um die Frage nach der Identität der schwedischen Gesellschaft. Begrifflichkeiten wie ,Identität‘, ,Nation‘ und das Konzept der Nationenbildung sind eng miteinander ver­zahnt, bedingen sich durchaus gegenseitig und sind nicht immer klar voneinander zu trennen.

In diesem Zusammenhang auch eine Anmerkung zum Titel dieser Arbeit: Eng be­trachtet bezieht der Titel zwar lediglich den Begriff der ,Nation‘ mit ein, dennoch soll diese Arbeit bewusst auch die Frage nach dem Herausbilden nationaler, soll hei­ßen schwedischer, Identität behandeln. Der Titel dieser Arbeit bezieht sich auf das Hauptwerk des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson. An­derson hatte sich mit seinem 1988 auf Deutsch erschienenen Klassiker Die Erfindung der Nation - Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts unwiderruflich einen Namen innerhalb der Nationalismus- und Nationenbildungsforschung gemacht. Einige As­pekte seiner Forschung werden somit in dieser Arbeit Anwendung finden. Dennoch geht es nicht nur um Schweden als Nation in der Literatur, sondern zudem auch um die schwedische Identität, insbesondere in gesellschaftlicher Hinsicht.

Häufig meint ,Literatur‘ im wissenschaftlichen Kontext solche Literatur, die aus­schließlich für Erwachsene bestimmt ist. Doch was ist mit jener Literatur, die sich an Kinder richtet? In welchem Maße und inwiefern transportiert sie Bilder und Vorstel­lungen der schwedischen Nation und ihrer Gesellschaft? Welche Rückschlüsse auf die Wirklichkeit lassen diese Bilder zu?

Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gemacht, aufzuzeigen, inwiefern Schwe­den als Nation und als Gesellschaft in der schwedischen Kinderliteratur ,erfunden‘ - soll heißen: konstruiert und erdichtet - wird. Unter Kinderliteratur wird hier jene Literatur verstanden, die sich vornehmlich an junge Leser richtet und speziell für diese geschrieben wurde. Oder, wie Sonja Svensson es ausdrückt:

Det naturliga svaret för mänga är väl att en barnbok, förutom alla andra egenskaper, har den särprägel dess författare/konstnär givit den för att pä bästa sätt anpassa den till mottagarens förmogade egenskaper och behov (Svensson 1988: 33).

Natürlich ist die Grenze zur Erwachsenenliteratur nicht immer eindeutig definierbar , da sich beide Gattungen durchaus vermischen können, wie der Lauf der Geschichte bestätigt: Einige literarische Werke, die während ihrer Entstehung eigentlich für Er­wachsene geschrieben wurden, gelten heute als Klassiker der Kinderliteratur - aus dem einfachen Grund, weil Kinder begannen, sie zu lesen. Ein solcher Klassiker ist Jonathan Swifts Gullivers Reisen.

Bei der Frage, inwiefern die schwedische Nation und Gesellschaft in der schwedi­schen Kinderliteratur erdichtet wird, erweist sich die Fokussierung auf einen be­stimmten Zeitabschnitt als sinnvoll und nutzbringend. Insbesondere die Zeit um die Jahrhundertwende des ausgehenden 19. Jahrhunderts war für die schwedische Kin­derliteratur äußerst fruchtbar. So resümiert die Kinderbuchkritikerin Eva von Zweigbergk in ihrem innerhalb der Kinderliteraturforschung zum Klassiker avancierten Barnboken i Sverige 1750-1950 treffend: „Tiden mellan 1890 och 1915 var den första guldäldern för svensk barnlitteratur, det är frän den tiden vi först pä allvar kan börja tala om svenska ungdomsklassiker” (Zweigbergk 1965: 290). Um die Jahrhundertwende erlebte die schwedische Kinderliteratur also ihr erstes golde­nes Zeitalter - ein zweites setzte ab 1945 mit dem Erscheinen von Astrid Lindgrens Pippi Längstrump und Lennart Hellsings Katten bläser i silverhorn ein.

Während des aus kinderliterarischer Sicht goldenen Zeitalters befand sich Schweden als Nation in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Denn es war während die­ser Zeit, als Schweden endgültig den Schritt vom Entwicklungsland zur Industriena­tion machte. Die Anzahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft sank während der Jahrhundertwende unter 50 Prozent (vgl. Hägg 1996: 294). Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbruchs und einer ersten Blütezeit der schwedischen Kinderlite­ratur erscheint es als logische Konsequenz, den zeitlichen Fokus auf diese Periode zu legen. Dabei ist reizvoll, herauszufinden, ob und inwiefern sich der gesellschaftliche Wandel auch schon in der für diese Arbeit ausgewählten Kinderliteratur widerspie­gelt.

Schon einige Jahrzehnte vor der beliebten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wirk­ten einige Schriftstellerinnen, die das Bild der Nation Schweden in literarischer Hin­sicht nachhaltig erweiterten, mitprägten, veränderten: Selma Lagerlöf (1858-1940), Elsa Beskow (1874-1953) und Anna Maria Roos (1862-1938). Diese Arbeit beschäf­tigt sich mit dem literarischen Erbe dieser drei Autorinnen, die die schwedische Kin­derliteratur entscheidend vorangebracht haben - jede auf ihre eigene Weise. Die ei­gentlich für Erwachsenenliteratur bekannte Selma Lagerlöf veröffentlichte in den Jahren 1906 und 1907 in zwei Teilen den weltberühmte Geschichte - sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt (vgl. Svensson 1989: 219) - über den ungezogenen Jungen, der auf dem Rücken seiner Hausgans sein Heimatland Schweden fliegend durchquert und dabei nicht nur seine Heimat, sondern auch sich selbst kennenlernt: Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige (im Folgenden Nils Holgersson). Die Malerin und Kinderbuchautorin Elsa Beskow schrieb und il­lustrierte neben Gedichten und Liedtexten eine ganze Reihe von Bilderbüchern. Um einen möglichst breiten Überblick über Elsa Beskows im doppelten Sinne fantasti­sche Bilderbücher zu bieten, wurden folgende Bilderbücher für diese Arbeit ausge­wählt: Sagan om den lilla, lilla gumman (1897), Puttes äventyr i bläbärsskogen (1901), Olles skidfärd (1907) und Tomtebobarnen (1910). Die heute wohl am we­nigsten bekannte der drei im Fokus stehenden Verfasserinnen, Anna Maria Roos, veröffentlichte 1912 schließlich die Schullesebücher Sörgärden und I Önnemo. Im Folgenden werden Seitenangaben aus Sörgärden mit (R S: ...) gekennzeichnet, Sei­tenangaben aus I Önnemo mit (R Ö: ...) und aus Nils Holgersson mit (L NH: ...). Auf Elsa Beskows Puttes äventyr i bläbärsskogen wird verwiesen mit (B PÄ: ...), auf Tomtebobarnen mit (B T: .), auf Olles skidfärd mit (B OS: .) sowie auf Sagan om den lilla, lilla gumman mit (B SG: .).

Zur Entscheidung für die in dieser Arbeit analysierten Werke: Alle hier untersuchten literarischen Werke sind in einer Zeitspanne von 15 Jahren zwischen 1897 und 1912 erschienen und geben somit einen guten zeitlichen Überblick über die schwedische Kinderliteratur um 1900. Das Erscheinen der Werke in dieser Zeit des gesellschaftli­chen Umbruchs war dabei also ein wichtiges Auswahlkriterium. Ein weiteres Krite­rium war die primäre angestrebte Zielgruppe. Die hier besprochenen Werke der drei Schriftstellerinnen sprechen altersmäßig verschiedene kindliche Zielgruppen an: Richten sich Elsa Beskows vom Jugendstil geprägte Bilderbücher eher an Kinder zwischen drei und sechs Jahren, sind Anna Maria Roos‘ Lesebücher vielmehr für Schulanfänger zwischen sieben und neun Jahren konzipiert. Selma Lagerlöfs geogra­fisches Buch Nils Holgersson schließlich wendet sich vornehmlich an Schulkinder ab zehn Jahren. Zweifelsohne kam und kommt es bei der tatsächlichen Rezeption mit­unter zu einer Überschneidung und Vermischung dieser Zielgruppen, im Kern jedoch werden mit den Büchern Kinder unterschiedlichen Alters und Reifegrades angespro­chen. Mit der Auswahl dieser an verschiedene Lebensabschnitte eines Kindes gerich­teten Werke wird ein möglichst großer Querschnitt durch die schwedische Kinderli­teratur um 1900 ermöglicht. Zudem unterscheiden sich die hier besprochenen Werke auch im Typus: Bei den Werken Elsa Beskows handelt es sich um fantastische Bil­derbücher, in denen Text und Bild, beide von ihr selbst geschaffen, zu einem Ganzen verschmelzen. Anna Maria Roos‘ Bücher sind sittsame Schullesebücher, die vor­nehmlich pädagogischen Anspruch haben und mit denen Kindern das Lesen beige­bracht werden soll. Selma Lagerlöfs Buch ist - trotz des Faktes, dass es sich ebenso wie Anna Maria Roos‘ Werke um ein Auftragswerk handelt - ein um eine Nuance erwachseneres und freigeistigeres Buch, das geografische Kenntnisse vermittelt und gleichzeitig einheimische Mythen lebendig macht und damit die Fantasie beflügelt. Diese sich in Inhalt, Zielgruppe und Typus sehr unterscheidenden Bücher wurden also bewusst gewählt, um innerhalb der zeitlichen Einschränkung eine möglichst große Bandbreite der schwedischen Kinderliteratur um 1900 betrachten zu können.

Nachdem die Gründe für die Wahl der literarischen Werke dargelegt wurden, im Folgenden nun zum inhaltlichen Aufbau der vorliegenden Arbeit. Um zu klären, in­wiefern die hier behandelten Werke von Bedeutung für die schwedische Kinderlite­ratur sind und warum um 1900 vom ersten goldenen Zeitalter der schwedischen Kin­derliteratur gesprochen werden kann, bedarf es im ersten Abschnitt dieser Arbeit eines historischen Abrisses über die Entwicklung der Kinderliteratur bis 1900. Dabei werden auch historische und ideengeschichtliche Vorrausetzungen diskutiert, die einerseits zu der Entwicklung der Nation Schweden im Allgemeinen, andererseits zur Entwicklung der schwedischen Kinderliteratur im Speziellen beigetragen haben. Vor der Analyse der einzelnen literarischen Werke ist eine Auseinandersetzung mit theo­retischen Überlegungen zu den Themen ,Nation‘, ,Identität‘ und ,Nationenbildung’ unabdingbar, diese folgt im zweiten Abschnitt dieser Arbeit. Dabei werden Gedan­ken und Theorien von Bengt Lindroth, Wolfgang Behschnitt, Benedict Anderson und anderen Forschern vorgestellt und diskutiert. In einem dritten Teil werden vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Kinderliteratur und der theoretischen Texte die ausgewählten literarischen Werke analysiert und auf ihre vermeintliche Vermittlung von nationaler Identität hin untersucht. Auf die Untersuchung Nils Hol- gersson folgt die Analyse von Roos‘ Schullesebüchern, anschließend rücken die Werke Beskows in den Fokus. Wo es sich anbietet, werden auch Parallelen oder Un­terschiede zwischen den Werken deutlich gemacht.

Grundsätzlich wird in der vorliegenden Arbeit davon ausgegangen, dass Literatur gewissermaßen als Spiegelbild der Gesellschaft zu verstehen ist. Zweifelsohne haben die ausgewählten Kinder- und Bilderbücher jedoch nicht immer explizit Nationales zum Thema, insbesondere Beskows vor Fantasie sprühende Bilderbücher sind hier zu nennen. Gerade deshalb gewinnen implizite Bilder des Nationalen, Fantastischen und/oder Historischen an Bedeutung für die Analyse aller literarischen Werke. Um eine gleichwertige Analyse der unterschiedlichen Bücher zu garantieren, werden auf alle Werke gleiche Analysekriterien angewandt. Dazu zählen unter anderem literari­sche Ortsbeschreibung, literarische Figuren und kulturelles Auftreten. Angeschnitten werden ebenfalls die sprachliche, sowie pädagogische und politische Ebene. Indem in diesen Werken die literarische Darstellung der schwedischen Kultur und Nation mit ihren Figuren analysiert wird, werden Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Wirklichkeit möglich und sichtbar gemacht. In einem Fazit werden die Ergebnisse dieser Arbeit abschließend zusammengefasst.

2 Die Kinderliteratur in Schweden bis 1900

Die herausragende Stellung der hier in dieser Arbeit analysierten Werke der Schrift­stellerinnen Beskow, Roos und Lagerlöf wird einmal mehr deutlich, wenn sie vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der schwedischen Kinderliteratur und ideengeschichtlicher und historischer Voraussetzungen gesehen wird. Aus diesem Grund folgt nun eine nähere Untersuchung zur Herausbildung des goldenen Zeital­ters schwedischer Kinderliteratur, bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Dabei wird auch auf soziale und historische Ereignisse eingegangen, sofern sie von Belang für die Erklärung bestimmter Aspekte der Werke von Roos, Lagerlöf und Beskow bzw. für die Entwicklung der schwedischen Kinderliteratur im Allgemeinen sind.

Bis Ende des 19. Jahrhundert das erste goldene Zeitalter erreicht wurde, war es für die speziell für Kinder geschriebene Literatur ein weiter Weg. Noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein war der Leserkreis der schwedischen Kinderliteratur sehr be­grenzt, zudem gab es wenig schwedische Originale, die meisten Werke waren reine Übersetzungen aus dem Deutschen und Französischen (vgl. Svensson 1989: 207). Ältere Kinderliteratur, sowohl übersetzte als auch eigene, diente alleinig als religiö­ses und pädagogisches Hilfsmittel (vgl. Svensson 1989: 207). Die wenige frühe schwedische Kinderliteratur, die es gab, bestand aus notdürftig an Kinder angepass­ten religiösen Texten, aus Kinderausgaben von Bibel und Psalmbuch, aus Fabeln und weltlichen Lebensanweisungen für die Söhne der Königshäuser und des Adels (vgl. Svensson 1989: 207). Als das erste eigentliche schwedische Buch, das sich an junge Leser wendet, gilt Een sköön och härligh jungfrw speghel, die 1591 in Schweden erschienene und von Laurentius Johannis Lælius geschaffene Übersetzung von Con­rad Portas Jungfrauen Spiegel. 1991 wurde anlässlich dieses ersten Erscheinens eines Kinderbuchs das 400-jährige Jubiläum des Kinderbuchs in Schweden ausgiebig ge­feiert (vgl. Warnqvist 2012: 330).

Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts bekam die wenige Kinderliteratur, dies es gab, eine weltlichere Ausrichtung. Mit den Ideen der Aufklärung hielten dann Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend auch Werke für Kinder Einzug in die Kinderstuben, die die Bedeutung der Unterhaltung anerkannten und umsetzten (vgl. Svensson 1989: 207). Die Ideale der Aufklärung - Wissen und Vernunft - führten dazu, dass man das Nützliche mit dem Nötigen zu verbinden versuchte (vgl. Käreland 2008: 2). Sonja Svensson macht darauf aufmerksam, dass vermehrt auch das Bürgertum den Wert einer zielbewussten Kinderlektüre erkannt habe. Kinder sollten in einer Zeit neuer revolutionärer Erfindungen und geografischen Entdeckungen den Stand der eigenen Familie sichern, die Lektüre von moralischen Sagen und Fabeln, Reise- und Aben­teuergeschichten, Schauspielen und Sachbüchern konnte dies nicht garantieren, aber zumindest doch erleichtern (vgl. Svensson 1989: 207). In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts wurden schließlich auch eigene, dem Kind entgegenkommende Varian­ten des neuen Mediums der Epoche geschaffen: Kinderzeitschriften (vgl. Svensson 1989: 207). Als ein weiteres wichtiges Buch der schwedischen Kinderliteratur mit Aufklärungscharakter gilt das 1762 erschienene Then engelske flygarens rese- beskrifning, under hwilken dikt, grundsatzar uti then naturli - rätten, then swenska ungdomen til tjenst föreställas von Martin Pletz. Das Buch han­delt von einer abenteuerlichen, aber lehrreichen Reise in einem Flugzeug in einen Teil der Welt, der von kleinen, ausgewanderten Schweden bewohnt wird (vgl. Svensson 1989: 208). Die Tatsache, dass lange bevor die Luftfahrt ihren Durchbruch feiern konnte, die Reise in einem Flugzeug geschieht, ist bemerkenswert. Aber auch eine Parallele zu Nils Holgersson fällt auf: Von der Luft aus wird das Land erkundet, die Reise durch die Luft vermag es, die Kulturen zu erforschen und zu verbinden.

Mit dem einbrechenden 19. Jahrhundert begann auch eine Epoche, der die schwedi­sche Kinderliteratur viel zu verdanken hat: die Romantik. Das Wesen des Kindes wurde nun zum Ideal erklärt, die Autonomie und Individualität des Kindes fand end­lich Beachtung. Zunehmend appellierten die Texte direkt an die Fantasie und die Gefühle der Kinder, moralisierende Texte gerieten in den Hintergrund (vgl. Svensson 1989: 208). Zudem seien Themen und Stoffe direkt aus der mündlichen Erzählkunst entlehnt worden, stellt Sonja Svensson fest: Mythen, Märchen und Lieder, Abenteuer und Komik (vgl. Svensson 1989: 208). Die Arten der Texte gewannen mit der Ro­mantik also reichlich an Vielfalt. Die Inspiration für eigene Ideen und Geschichten fand bekanntlich auch Selma Lagerlöf in der mündlichen Erzähltradition. Auch in Nils Holgersson finden sich viele typische Stoffe und Themen, die für eine mündli­che Tradierung sprechen: Sagenumwobene Geschichten, wie die des alten Bergriesen von Jämtland zeugen von dem Willen, der Natur und den Dingen eine Erklärung für ihre Herkunft zu geben, der Fantasie kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Sa­gen und Märchen hatten in der Zeit der Romantik also eine besondere Stellung inne: Die Publikationen Svenska fornsänger - 1834 bis 1842 in drei Bänden von Adolph Ivar Arwidsson veröffentlicht - und Svenska folksagor och äfventyr, 1844 bis 1849 veröffentlicht von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und George Stephens, waren lange Zeit eine Goldgrube für die Kinderliteratur Schwedens (vgl. Svensson 1989: 208).

Im 19. Jahrhundert steigerte sich die Veröffentlichung von Kinder- und Jugendbuch­literatur beträchtlich, zurückzuführen ist dies neben der verstärkten Industrialisierung des Buchdrucks auch auf das stetig zunehmende Bevölkerungswachstum (vgl. Warnqvist 2012: 330). Doch auch die Alphabetisierung der Bevölkerung nahm zu, die Gründung und Einrichtung der allgemeinen Schulpflicht und somit der ersten Volksschulen (vgl. Käreland 2008: 2) taten 1842 dazu ihr Übriges. Wie sich an ande­rer Stelle herausstellen wird, ist die Fähigkeit einer Bevölkerungsgruppe, lesen zu können, laut Benedict Anderson eine der Vorrausetzungen, um überhaupt eine kol­lektive Vorstellung einer gemeinsamen Nation, einer gemeinsamen schwedischen Nation, schaffen zu können. Auch Miroslav Hroch merkt in diesem Zusammenhang an, dass sich bei allen Unterschieden in den Schulsystemen und im Schulunterricht der Weg zur modernen Nation nie aufgetan habe, ehe nicht eine wesentliche Erweite­rung des Schulnetzes und eine Intensivierung des Schulbesuchs sowie die Einbezie­hung national relevanter Inhalte in den Unterricht erreicht war - insbesondere in den höheren Schulen (vgl. Hroch 2005: 103). Christina Florin meint, allgemein sei die Ausbildung der breiten Masse als ein Zeichen der beginnenden Demokratisierung und als ein Erfolg der liberalen Ideen über die konservativen Gruppierungen zu wer­ten, die die Bildung aus den unteren Bevölkerungsschichten fernhalten wollte. Die einzelnen Gemeinden seien fortan in der Pflicht gewesen, allen Kindern Bildung zu ermöglichen, die Eltern haben dazu einen Teil der Erziehung aus den Händen geben und die Kinder dem ausgebildeten Lehrpersonal überlassen müssen (vgl. Florin 2010). Zusammen mit dem Umstand, dass von Gemeinden und Bevölkerung nun auch noch Steuern für die Volksschule gezahlt werden mussten, sorgte dieses Über­lassen der Erziehung an Andere für Spannungen und Unmut in der Bevölkerung. Dennoch meint der Literaturwissenschaftler Göran Hägg zum Konzept der schwedischen Volksschule: „Har nâgonsin en allmän skola gjort skäl för beteckningen ,Europas bästa‘ är det antagligen dâtidens svenska folkskola“ (Hägg 1996: 297). Zwar fehlten die Kinder auf dem Land nun oftmals bei der Arbeit auf dem Feld - es ist aber ebenso unverkennbar, dass Schweden den Weg, den es gegan­gen ist, ohne Bildung seines Volkes nicht hätte gehen können.

Die Bildung der Kinder wurde also vorangetrieben, 1871 veröffentlichte Viktor Rydberg dann in der Göteborgs Handels- och Sjöfarts-Tidning den ersten Kinder­buchklassiker Schwedens: Lille Viggs äfventyr pä julafton. Sonja Svensson hebt her­vor, wie hier die Moral - trotz der fortfahrend pädagogischen Absicht - freier aus der Geschichte selbst heraus entsteht, ohne dass sie die gesamte Zeit deutlich benannt werden muss (vgl. Svensson 1989: 210). Mit fortschreitender Bildung entstand also eine Verschiebung der Prioritäten und Ansprüche an ein Kinderbuch. Der Entfaltung des Kindes und seines Wesen wurde zunehmend mehr Platz eingeräumt, pädagogi­sche Zurechtweisungen wurden geschickter und indirekter verpackt und dadurch zu einem natürlichen, aus sich selbst heraus entstehender Teil der Handlung.

Sonja Svensson merkt an, dass Mitte des 19. Jahrhunderts ein neuer Respekt für die Natur des Kindes aufgekommen sei, zusammen mit Einflüssen aus der Erwachsenen­literatur habe dieser zu immer mehr realistischen Beschreibungen des kindlichen Alltags geführt (vgl. Svensson 1989: 210). Besonders der finnlandschwedische Schriftsteller Zacharias Topelius stand für eine Mischung aus Romantik und Realis­mus, er schrieb seine Bücher mit einer dem Kind gerechten, positiven Religiosität - von unzähligen Kindern seien seine Lieder gesungen, seine Gedichte rezitiert, seine Kinderdramen gespielt und seine Bücher verschlungen worden (vgl. Svensson 1989: 212). Die Nation Schweden erlebte während dieser Zeit einige Krisen - trotz anfäng­licher Verbesserung der allgemeinen Lage. Eine relativ lange Friedenszeit hatte zu­sammen mit einer verbesserten Lebensmittelversorgung des Volkes und Fortschritten in der Medizin zu einer verlängerten durchschnittlichen Lebenserwartung, einem starken Bevölkerungsanstieg und zunehmenden Frauenüberschuss geführt (vgl. Tuchtenhagen 2008: 95). Daraus entstehende Versorgungsprobleme mündeten „ei­nerseits in eine Proletarisierung der Landbevölkerung, andererseits in eine wachsen­de Migrationsbewegung“ (Tuchtenhagen 2008: 95). Zunächst wanderten deshalb viele Menschen in die Städte ab. Käreland stellt die Situation der städtischen Kinder und ihrer Probleme in den Fokus: „[D]e inte sâ fä barn som levde i städerna hade ofta miserabla levnadsvillkor“ (Käreland 2001: 12). Insgesamt herrschte um diese Zeit eine hohe Sterblichkeitsrate, beispielhaft nennt Käreland die Zeit vor 1850: Im Durchschnitt seien zu dieser Zeit zwei von fünf Kindern gestorben, ohne das zehnte Lebensjahr zu erreichen (vgl. Käreland 2001: 12).

Auf Probleme der schwedischen Gesellschaft und insbesondere der Kinder, die da­runter leiden, gehen insbesondere Selma Lagerlöf und Anna Maria Roos ein. Mit den Figuren der Ása gäsapiga und Lille Mats in Nils Holgersson bzw. der Lilla Lena in I Önnemo werden Figuren geschaffen, die jenseits von Familienidylle und finanzieller Absicherung aufwachsen. Lena Käreland weist auf die Tendenz hin, auch die schwe­dische Bauerngesellschaft allzu idyllisch zu sehen. Insbesondere die stabileren Ver­hältnisse, in denen der Hof sowohl Produktions- als auch Konsumtionsstätte war, trügen zu dieser Tendenz bei (vgl. Käreland 2001: 12). Auf das Motiv der Idylle wird insbesondere in Roos‘ Schullesebüchern, sowie in Beskows Bilderbüchern zurück­gegriffen, eine genauere Betrachtung dazu im dritten Abschnitt dieser Arbeit.

Das soziale Leben der Bevölkerung veränderte sich während dieser mit Prob­lemen behafteten Zeit stark. Göran Hägg weist besonders darauf hin, dass sich die in Schweden schon immer starke soziale Kontrolle durch neu bildende Volksbewegun­gen noch verstärkte: In Arbeiterbewegung, Abstinenzbewegung und der Freikirche fanden viele Menschen in einer Zeit des Umbruchs Zuflucht (vgl. Hägg 1996: 294). Die Abstinenzbewegung etwa kämpfte gegen eine „partielle Entlohnung der Arbeiter durch Branntwein“ (Tuchtenhagen 2008: 101). Viele Menschen engagierten sich zunehmend politisch und sozial. Trotz der erwähnten zahlreichen sozialen Probleme entstand mit der fortschreitenden Entwicklung in Schweden ab 1870 ein Fortschritts­optimismus - sowohl sozial als auch wissenschaftlich und ästhetisch - der ein Ni­veau erreichte, das bis heute unerreicht sei (vgl. Hägg 1996: 293).

Etwas abseits der ausgeprägten sozialen Probleme setzte nach 1880 dank vieler glücklicher Umstände für die Kinderliteratur eine Zeit ein, die auch Sonja Svensson als „barnlitteraturens första guldälder“ bezeichnet (Svensson 1989: 212). Diese erste Blütezeit der schwedischen Kinderliteratur erstreckte sich ungefähr bis Anfang des ersten Weltkriegs, also über einen Zeitraum von knapp 35 Jahren (vgl. Käreland 2001: 35). 1882 erschien Barnkammarens bok, ein Buch voller Reime, Verse und Illustrationen von der aufstrebenden Kinderbuchillustratorin Jenny Nyström, welches heutzutage gemeinhin als das Buch angesehen wird, welches das erste goldene Zeit­alter einleitete (vgl. Käreland 2001: 33). Positiv beeinflusste diese Entwicklung das vermehrte Zusammenspiel von Zeitschriftenherausgebern und Buchverlegern: Nicht selten kam es während dieser Zeit vor, dass ein zuerst in einer Zeitschrift veröffent­lichter Beitrag zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in Buchform herausgegeben wurde - das Prinzip der Wiederverwertung wurde sehr wertgeschätzt (vgl. Svensson 1989: 212). Obwohl es nicht zu beweisen ist - wie auch Göran Hägg richtig bemerkt - waren es ursprünglich vermutlich vornehmlich die gut ausgebildeten Mütter und Töchter gewesen, die die eifrigsten Leser der Bücher waren - schlicht, weil sie in der Gesellschaft die meiste freie Zeit hatten (vgl. Hägg 1996: 296).

Gegen Ende des 18. Jahrhundert änderte sich dies jedoch sukzessive, da mehr und mehr Kinderbücher der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Um die Jahrhundertwende setzte in der schwedischen Gesellschaft zunehmend ein Um­denken ein, fortan sollte Kindern aller Schichten der Zugang zu Literatur erleichtert werden. Lena Käreland bringt es auf den Punkt: „Man ville att alla barn, inte bara de välbärgades, skulle fä tillgäng till god litteratur” (Käreland 2001: 33). Ein weiterer Meilenstein innerhalb der schwedischen Kinderliteratur war Laura Fitinghoffs Barnen ifrän Frostmofjället 1907. Die Besonderheit dieses Buches war, dass es erst­mals Kinder der untersten Gesellschaftsschicht als Hauptpersonen einsetzte, mehr noch: Erstmals waren diese Kinder wohl nuancierte Figuren, die nicht mehr nur als Hintergrundfiguren und Kontrastprogramm für die gut situierten Kinder fungierten (vgl. Käreland 2001: 33).

Obwohl sich die Situation für die schwedischen Kinder um 1900 also schon sehr verbessert hatte, mangelte es noch immer an bezahlbaren Büchern. Es waren schließ- lich die Eheleute Amanda und Emil Hammarlund, die 1899 „Barnbibliotekets saga“ ins Leben riefen (vgl. Käreland 2001: 34). Unter diesem Deckmantel wurden von der Svensk Läraretidnings Förlags AB bessere und billigere Bücher veröffentlicht; Lesen wurde von nun an endgültig der breiten Masse von Kindern möglich gemacht. Eine große Produktion an Kunstmärchen setzte in der schwedischen Kinderliteratur ab 1900 ein. Die Gattung des Kunstmärchens, die um 1840 mit Hans Christian Ander­sen ihren Durchbruch gefeiert hatte, gewann im Schweden des beginnenden 20. Jahrhunderts an Bedeutung, als Elsa Beskow, Helena Nyblom oder Anna Wahlenberg sich dieser Gattung annahmen (vgl. Käreland 2001: 65).

In diese Zeit, in der die Kinderliteratur einen großen Entwicklungssprung machte und sich mehr und mehr auf die Bedürfnisse des Kindes - meistens bei gleichzeitiger Beibehaltung von moralischer und wissensvermittelnder Erziehung - einstellte, fal­len auch die Werke von Elsa Beskow, Selma Lagerlöf und Anna Maria Roos. Es ist wichtig anzumerken, dass es sich sowohl bei Lagerlöfs Nils Holgersson als auch bei Roos‘ Sörgärden und I Önnemo um Auftragswerke handelt. Der Liberalpolitiker und Volksschullehrer Fridtjuv Berg und sein damaliger Kollege, der Pädagoge Alfred Dalin, Repräsentant für Sveriges Allmänna Folkskollärareförening (vgl. Edström 2001: 66), fanden es an der Zeit, aktuelle und moderne Lesebücher für die schwedi­sche Grundschule (,smäskolan‘) verfügbar zu haben. Für die Serie Läseböcker för Sveriges barndoms- och ungdomsskolor vergaben Berg und Dalin Aufträge an einige der zu der Zeit aktuellsten und bekanntesten Schriftsteller: Selma Lagerlöf wurde 1906 mit dem Schreiben eines Buches, das den Schulkindern die schwedische Geo­grafie und Landeskunde näherbringt, beauftragt - Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige. Den Schriftsteller Verner von Heidenstam betrauten Berg und Dalin mit der Aufgabe, ein historisches Lesebuch (Svenskarna och deras hövdingar 1908­1910) zu schreiben. Mit dem 1911 erschienenen geografischen Lesebuch Frän pol till pol des Geografen und Entdeckungsreisenden Sven Hedin sollte den Schulkin­dern das Leben außerhalb Schwedens näher gebracht werden (vgl. Hägg 1996: 298). Anna Maria Roos schließlich fertigte die zwei Lesebücher Sörgärden und I Önnemo für die schwedischen Schulanfänger an. Diese außerordentliche Sammlung von au­ßergewöhnlich begabten Schriftstellern war ein Geniestreich von Fridtjuv Berg und Alfred Dalin, der neben der verbesserten Qualität für die pädagogische Lehre an Schwedens Schulen auch ein Glücksfall für die Kinderliteratur und ihre Entwicklung war. Anna Maria Roos‘ Sörgärden wurde - noch Jahre über seine Nutzung in den schwedischen Schulen hinaus - ein Buch, „som kom att bli tummad, tragglad och tuggad av generationer barn“ (Nationalencyklopedin 2002). Selma Lagerlöfs Nils Holgersson avancierte ebenso unwiderruflich zum Klassiker der Kinderliteratur, wurde viele Tausend Mal gedruckt und gelesen.

Denn obwohl der Buchmarkt im Laufe der schwedischen Entwicklung ständig ex­pandierte, es immer neue auflagenstarke Werke gab und obwohl es mit der oberen Mittelklasse zunehmend eine Schicht gab, die es als soziale Pflicht empfand, immer die neusten belletristischen Werke der Saison auf dem Tisch liegen zu haben (vgl. Hägg 1996: 295), war es erst Selma Lagerlöf, die ein völlig neues Auflagenniveau und neue Leserkreise erreichte. Jerusalem erreichte 1902 eine imponierende Auflage von 15 000 Exemplaren, doch Nils Holgersson brachte es 1906 bereits auf 40 000 Exemplare - und das schon ohne die Schulausgabe, die erst 1907 mit einer Auflage von 100 000 folgte (vgl. Hägg 1996: 296). Allein diese auflagenstarken Zahlen sind Zeugnis für den quantitativen Erfolg, den Selma Lagerlöf mit Nils Holgersson feiern konnte - der qualitative Erfolg für die Kinderliteratur und die Herausbildung schwe­dischen Bewusstseins noch nicht mitgezählt.

Literarische Zeitgenossinnen von Anna Maria Roos, Selma Lagerlöf und Elsa Beskow, die ebenso wertvolle Beiträge zur Entwicklung der Kinderliteratur geleistet haben, waren unter anderem Helena Nyblom (1843-1926) und Anna Wahlenberg (1858-1933). Nyblom, die 1897 mit ihrer Märchensammlung Det var en gäng debü­tierte, zeichnete sich durch einen äußerst ästhetischen und romantischen Stil aus. Ihre Werke bedienten sich einer bedeutungsreichen Symbolik, die ihre Texte ernsthafter und verschlossener erschienen ließen (vgl. Svensson 1989: 212). Anna Wahlenbergs Werke wurden vielfach in zeitgenössischen Kinderzeitschriften - unter anderem im Weihnachtskalender Bland tomtar och troll - gedruckt. Sonja Svensson stellt Wahlenbergs Vermögen heraus, wie kaum eine Andere Fantasie und Realismus zu einem neuen Ganzen verschmelzen zu lassen (vgl. Svensson 1989: 213). Wie sehr sie in dieser Eigenschaft jedoch Konkurrenz von Selma Lagerlöf bekommen hat, wird sich im weiteren Verlauf noch zeigen.

Innerhalb der schwedischen Kinderliteratur bis 1900 lässt sich noch ein interessanter Aspekt feststellen: In zahlreichen Büchern wurden bestimme Motive und Themati­ken immer wieder verstärkt aufgegriffen. Eine nähere Betrachtung dieser Motive lohnt sich schon aus dem Grund, weil auch Lagerlöf, Beskow und Roos durchaus einige dieser Themen in den hier analysierten Werken mehrfach aufnehmen.

Das Motiv der Vaterlandsliebe beispielsweise durchzog viele der Werke um die Jahrhundertwende „som en blâgul trâd“ (Svensson 1989: 219). Auch Lagerlöfs Nils Holgersson und Anna Maria Roos‘ Sörgärden und I Önnemo bilden in dieser Hin­sicht keine Ausnahme. Dem Motiv der Vaterlandsliebe kommt in diesen Werken eine besondere Rolle zu. Als Schulbücher, die von vielen Schülern gelesen wurden und werden, sind sie für die Vermittlung von der Liebe zum eigenen Land von un­schätzbarem Wert - potentiell auch propagandistischer Art. Eine ganze Reihe von Ereignissen und Gegebenheiten dienen in diesen Schullesebüchern der Pflege und Vermittlung der Vaterlandsliebe. Insbesondere Roos‘ Werke sind in diesem Zusam­menhang von besonderem Interesse. Angesichts des hohen Stellenwerts, welcher dem Motiv der Vaterlandsliebe in zahlreichen Werken um die Jahrhundertwende zukam, ist es äußerst interessant, dass gleichzeitig, wie Sonja Svensson treffend be­merkt, „delar av landets befolkning emigrerar för gott“ (Svensson 1989: 219).

Das Motiv der Natur, wie sie so oft insbesondere bei Elsa Beskow zu finden ist, war nicht immer selbstverständlicher Teil der schwedischen Kinderliteratur. Bevor sie dort einen festen Platz einnehmen konnte, musste sie in der Gesellschaft erst einmal „gefunden“ werden. Göran Hägg geht darauf ein, wie das Motiv der schwedischen Natur erst um 1900 zunehmend an Bedeutung gewann. Das zunehmende Interesse an Bauernleben und der Natur in den verschiedenen Landschaften liege weniger an ei­ner Art Regionalismus, vielmehr seien die Städter der Grund, dass die schwedische Natur so „natürlich“ geworden sei (vgl. Hägg 1996: 296f.). Es waren also vornehm­lich die Menschen aus den stetig wachsenden, immer lauter werdenden Städten, die sich vermehrt nach Erholung und Rückzug sehnten - und dies in der Natur finden konnten. Diese Menschen waren es, die die Natur zu einem wichtigen Sinnbild der schwedischen Identität machten. Die 1891 in Stockholm durch Artur Hazelius for­cierte Gründung des Freilichtmuseums Skansen, noch heute Sinnbild für die Darstel­lung der schwedischen Natur und die Bewahrung der schwedischen Kultur an sich, fällt in diese Zeit - nicht ohne Grund. Ella Johansson erklärt, die grundlegende Idee des Freiluftmuseums sei es gewesen, Schweden zu repräsentieren und es im ,Spaziergangsformat‘ begehbar zu machen (vgl. Johansson 2007: 82). Skansen steht stellvertretend für eine Hinwendung vieler Städter zu Natur und bäuerlicher Roman­tik. Das Motiv der Natur als selbstverständlicher Teil der schwedischen Identität fand nach und nach auch Eingang in die Kinderliteratur um die Jahrhundertwende - und mit Elsa Beskow eine ihrer größten Verfechterinnen.

Auch Kinderlieder erlebten um 1900 ihre Blütezeit. Weil sie einen großen Platz im Schaffen von Anna Maria Roos und Elsa Beskow einnehmen, soll an dieser Stelle näher auf die Gattung der Kinderlieder und ihrer Entwicklung eingegangen werden. Insbesondere in Anna Maria Roos‘ Sörgärden und I Önnemo sind Kinderlieder und - verse ein selbstverständlicher Bestandteil. Auch Elsa Beskows hier untersuchte Wer­ke bestehen hauptsächlich aus Versen und Gedichten. Eine genauere Betrachtung dieser Kinderlieder und -reime erfolgt in den jeweiligen Analysekapiteln. Grundle­gend stellt Sonja Svensson sehr treffend fest, pendle Poesie für Kinder zwischen dem Banalen und dem Genialen, zwischen idyllischen Tier- und Blumenstücken und reli­giösen Stücken mit überdeutlicher Moral, zwischen regelmäßigen Reimen und hals­brecherischen Nonsensversen mit englischen Einschlägen (vgl. Svensson 1989: 208). Und irgendwo zwischen diesen Extremen liegt auch das Kinderlied, wie es ab 1890 zunehmend an Beliebtheit gewann. Hatte man in der Zeit vor 1890 noch Lieder von Carl Michael Bellmann und Olof von Dalin gesungen, Gedichte von Zacharias Topelius und Fredrika Bremer in Kinderzeitschriften und Kalendern gelesen, wurden nun zunehmend die von Arwidsson gesammelten Reime in Svenska fornsänger ver­tont, die Freude des Kindes am Leben rückte in den Vordergrund (vgl. Svensson 1989: 208). Derlei Reime dienten dann wiederum als Inspirationsquelle für neue Verse. Am meisten verdient um die schwedischen Kinderlieder hat sich zweifelsohne Alice Tegnér (1864-1943) gemacht.

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Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Die Erfindung der Nation „Schweden“ in der schwedischen Kinderliteratur um 1900
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Nordische Abteilung)
Note
2,4
Autor
Jahr
2012
Seiten
71
Katalognummer
V336873
ISBN (eBook)
9783668265912
ISBN (Buch)
9783668265929
Dateigröße
2126 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Text ist hauptsächlich auf Deutsch geschrieben, enthält aber auch schwedische und englische Zitate.
Schlagworte
Selma Lagerlöf, Anna Maria Roos, Elsa Beskow, Nils Holgersson, Puttes äventyr i blåbärsskogen, Sörgården, Nation Building, Nationenbildung, Kinderliteratur, Schwedische Kinderliteratur, Bengt Lindroth, Wolfgang Behschnitt, Benedict Anderson, Schwedische Identität, Schweden in der Kinderliteratur um 1900
Arbeit zitieren
Vivien Busch (Autor), 2012, Die Erfindung der Nation „Schweden“ in der schwedischen Kinderliteratur um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336873

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