Canguilhems "Das Normale und das Pathologische". Anwendung auf die Psychiatrie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung - Grundlagen zum Begriff des Normalen und Pathologischen nach Canguilhem
1.1 Physiologie = Gesundheit - Pathologie ≠ Krankheit
1.2 Normalität und Anormalität

2. Übertragung der Begriffe „normal“ und „pathologisch“ bzw. „gesund“ und „krank“ auf die Psychiatrie
2.1 Das „psychisch Normale“, das Individuum und die Gesellschaft
2.2 Was heißt „psychisch krank“ bzw. „psychisch gesund“?

3. „Das Normale und das Pathologische“ in der Psychiatrie - Ein Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung - Grundlagen zum Begriff des Normalen und Pathologischen nach Canguilhem

In vielfachen Diskursen wurde versucht, der Frage, was als normal oder pathologisch gilt und wo deren Grenzen liegen, mit einer allgemeingültigen Antwort zu begegnen. Diese Frage kann dennoch in verschiedenen Kontexten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. So kann zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten, das innerhalb öffentlicher Institutionen wie der Schule als normal gilt, in einem anderen Kontext, etwa einer partnerschaftlichen Beziehung, durchaus fehl am Platz sein und als anormal gewertet werden; beispielsweise die höfliche Anrede „Sie“.

In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich auf die Theorie in der von dem französischen Philosophen Georges Canguilhem verfassten Schrift „Das Normale und das Pathologische“ aus dem Jahre 1943. Die hier aufgestellten Theorien über Normalität und Pathologie sollen als Arbeitsgrundlage dienen, um beispielhaft das Verhältnis von normal und pathologisch im Bereich der Psychiatrie aufzuzeigen. Canguilhem nimmt eine Determination der Begriffe „normal“ und „pathologisch“ vor und darüber hinaus des „Anormalen“, sowie der Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“, die ich im Folgenden darstellen möchte. Ich werde in dieser Schrift der Frage nachgehen, inwieweit sich die zuvor gelisteten Begriffsbestimmungen Canguilhems auf die Psychiatrie übertragen lassen: Was ist nach Canguilhem als „psychisch gesund“ bzw. „krank“ zu verstehen? Was heißt es, „psychisch normal“ zu sein?

Abschließend werde ich eine persönliche Bewertung der Betrachtungsweise des Verhältnisses von „normal“ und „pathologisch“ in der Psychiatrie treffen und aufzeigen, welche weiterführenden Aspekte in der psychiatrischen Debatte von „normal“ und „pathologisch“ beachtet werden sollten, um eine umfassendere Sichtweise zu erhalten.

1.1 Physiologie = Gesundheit - Pathologie ≠ Krankheit

Grundlegend ist zu sagen, dass die folgenden Begriffsbestimmungen von Canguilhem aus der biologischen bzw. medizinischen Sichtweise getroffen wurden und z.T. in die Soziologie übertragen wurden. Die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ korrelieren bei Canguilhem stark mit den Begriffen „Normalität“, „Anormalität“ und „Pathologie“, sodass eine klar voneinander abgegrenzte Definition der einzelnen Begriffe schwierig erscheint. Im folgenden Abschnitt möchte ich mich dennoch auf eine Abgrenzung der „Physiologie“ von der „Pathologie“ und der „Gesundheit“ von der „Krankheit“ konzentrieren.

CANGUILHEM (2013: 47) geht davon aus, dass die Erkenntnis einer Pathologie der Definition einer Physiologie vorausgehe und dass Letztere aus der Beobachtung klinischer Einzelfälle zu bestimmen sei; eine Definition des Pathologischen aus der Physiologie sei kaum möglich. Eine Bestimmung des pathologischen Zustandes sei nur möglich, wenn vorab festgelegt wurde, was als „normal“ gelte:

„Der ehrgeizige Versuch, die Pathologie und damit die Therapie durch ihre bloße Ableitung aus einer vorgängigen gesetzten Physiologie vollständig zu verwissenschaftlichen, hätte nur dann Sinn, wenn erstens zuvor das Normale ebenso objektiv definiert werden könnte wie eine Tatsache; und wenn zweitens jede Differenz zwischen normalem und pathologischem Zustand in die Sprache der Quantität übersetzt werden könnte, [...]“.

Canguilhem widerspricht hiermit dem französischen Philosophen Auguste Comte und dem von ihm propagierten Broussaisschen Prinzip. Comte geht davon aus, dass sich der pathologische nicht vollkommen vom physiologischen Standpunkt unterscheide (2013: 39); sämtliche Krankheiten entstünden folglich dadurch, dass ein ,Übermaß oder Mangel an Reizungen der entsprechenden Gewebe im Verhältnis zum Normalzustand' vorherrscht (2013: 35f). Dieser Umstand mache es nötig, dass man zunächst den physiologischen Normalzustand bestimmen müsse, um eine Konzeption einer Pathologie vorzunehmen. Die Begriffe „Übermaß“ und „Mangel“ implizieren laut CANGUILHEM (2013: 44) zudem, dass die Differenz zwischen dem Physiologischen und Pathologischen eine quantitative und somit messbare sei. Auch der französische Mediziner Claude Bernard geht von einer Kontinuität des physiologischen und pathologischen Zustandes aus: ,[...]. Jeder Krankheit entspricht eine normale Funktion, deren gestörter, übersteigerter, abgeschwächter oder vollständig getilgter Ausdruck sie lediglich ist.' (2013: 59). Auch Bernard sieht die Notwendigkeit einer vorausgehenden physiologischen Wissenschaft zur Bestimmung des Pathologischen. Es ist hierbei zu erwähnen, dass sich das Erklärungsschema Bernards nicht auf alle Krankheiten übertragen lässt, da dessen Herleitung ausschließlich auf Stoffwechselvorgängen beruht (2013: 80). Somit ist weder Comte, noch Bernard für unsere Fragestellung relevant.

Eine aktuellere, von Canguilhem unterstützte, Theorie zur Definition von „Gesundheit“ und „Krankheit“ liefert uns der französische Chirurg und Philosoph René Leriche. Indem er „Gesundheit“ als ,das Leben im Schweigen der Organe' (2013: 87) bezeichnet,

drückt er aus, dass sich der einzelne Mensch im Zustand der Gesundheit nicht über seinen Körper bewusst ist und dass erst ,mit der Empfindung von Schranken, Gefährdungen und Hindernissen für die Gesundheit' jenes Bewusstsein zutage trete. Besonders interessant ist, dass Leriche hiermit eine völlig neue Sichtweise des „Normalen“ und „Pathologischen“ hervorbringt. Es geht nicht mehr nur um die Betrachtung einzelner Phänomene, wie bei Comte und Bernard, sondern um die „absolute Kongruenz von Krankheit und Krankem“ (2013: 96). Es wird deutlich, dass es sich hierbei um einen Krankheitsbegriff handelt, der auf das Bewusstsein abzielt und nicht auf eine Wissenschaft der Physiologie (2013: 88). Es kann demnach keine wissenschaftliche Betrachtung einer Physiologie geben, da eine solche erst nötig wird durch das Empfinden bzw. Bewusstsein eines Menschen über seine Krankheit und dessen Äußerung. Oder anders formuliert: Der pathologische Einzelfall macht eine Wissenschaft der Physiologie, wie der Medizin, nötig und nicht umgekehrt. Allein aus einer Erkenntnis des physiologischen Zustandes heraus könne man den pathologischen Zustand nicht erkennen. Denn Krankheit ist laut Leriche trotz „Schweigen der Organe“ möglich (2013: 88). CANGUILHEM (2013: 84) kommt zu folgendem Schluss:

„[...], dass das Pathologische als solches, nämlich als Zerrüttung des Normalzustandes, nur im Gesamtzusammenhang des Organismus und [...] des bewussten Individuums zu fassen ist, in dem die Krankheit zu einer Art Übel wird[.]“.

Zum einen eignet sich eine isolierte Betrachtung einzelner physischer, sowie geistiger

Phänomene bzw. Symptome nicht zur Bestimmung des Pathologischen, da dem jeglicher Kontext fehlt und CANGUILHEM (2013: 84) davon ausgeht, dass sie nur pathologisch seinen können, da „sie in die unteilbare Totalität eines individuellen Verhaltens integriert sind“. Der Krankheitszustand ist nur im Hinblick auf das Individuum als Ganzes erfassbar und ist darüber hinaus keine Fortsetzung des physiologischen Zustandes i.S. eines quantitativen Unterschiedes, sondern ist vom Gesundheitszustand verschieden (2013: 86).

CANGUILHEM (2013: 140) fasst den Begriff der „Gesundheit“ normativ auf ; „gesund“ zu sein, bedeutet demnach, dem „idealen Typus für Struktur und Verhalten des Organismus“ innerhalb einer Gruppe zu entsprechen. Zum einen biologisch, also auf körperlicher Ebene, durch den statistisch messbaren Durchschnittswert eines bestimmten Merkmales einer spezifischen Gruppe (2013: 155), wie der Körpergröße; und zum anderen durch eine Verhaltensweise, die normativ, also Normen setzend ist

(2013: 143). Zur Gesundheit eines Menschen gehört die Fähigkeit, aus einer gegebenen Situation neue Umstände zu schaffen. Dies bedeutet umgekehrt, dass der Kranke als „krank“ gilt, aufgrund „seines Unvermögens sich normativ zu verhalten“ (2013: 194). Darüber hinaus ist die Krankheit, durch das entstandene Bewusstsein des eigenen Körpers (so wir Lerichs Gedanken folgen), „zugleich Verlust und Umgestaltung“ (2013: 195). Nach Goldstein (CANGUILHEM 2013: 204) ,[heißt] Gesundsein also sich geordnet verhalten können, und das kann bestehen trotz Unmöglichkeit vorher möglicher Leistungen. [Denn]…die neue Gesundheit ist nicht die gleiche wie die alte. [...]. Dem entspricht eine neue individuelle Norm.'. So ist Krankheit von der Gesundheit zu unterscheiden und Erstere lässt sich nicht aus vorangegangener Erkenntnis der Letzteren ableiten, da sie „eine neue Dimension des Lebens“ darstellt (2013: 194). Das Individuum legt seine eigene Norm fest und ist, wenn es „absolut gesund“ ist, in der Lage, auch aus der Krankheit heraus neue Lebensnormen für sich zu schaffen (2013: 205f). Betrachten wir das gesamte Individuum, bedeutet Krankheit also nicht zwangsweise, dass dieser Zustand auch pathologisch ist (2013: 224). So würden wir jemanden mit diagnostizierbarem, aber noch nicht diagnostizierten Krebs aus medizinischer Sicht zwar als „krank“ bezeichnen; fühlt sich der Betroffene dennoch nicht krank und ist sich über seine Lage nicht bewusst, trifft dieses Attribut für den Einzelnen kaum mehr zu. Dies verdeutlicht erneut, dass man sich bei der Bestimmung von Gesundheit“ und „Krankheit“ nicht nur auf messbare Phänomene stützen kann, sondern auch die individuelle Bewertung des Menschen beachten sollte und die verschiedenen, äußeren Lebensbedingungen.

Canguilhem fasst seine Ergebnisse zusammen, indem er die Physiologie nicht als „eine Wissenschaft der Norm“ (2013: 224) betrachtet. Die Physiologie beschreibt nur die innerhalb einer bestimmten Gruppe als „normal“ und „gesund“ geltenden biologischen Phänomene, legt aber nicht fest, was allgemeingültig als „normal“ verstanden werden kann (2013: 242). Auch gebe es keine Pathologie „als Wissenschaft der Krankheit“ (2013: 224), da Krankheit nicht in allen Fällen als pathologisch zu werten ist. Daraus folgend kann eine Unterscheidung von Physiologie und Pathologie nur auf klinischer Ebene, d.h. am Einzelfall erfolgen; eine rein biologische sowie objektive Sichtweise liefert keine klaren Ergebnisse bei der Bestimmung der Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ bzw. „Physiologisch“ und „Pathologisch“ (2013: 235).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Canguilhems "Das Normale und das Pathologische". Anwendung auf die Psychiatrie
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fakultät 1 – Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Das Normale und das Pathologische
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V337297
ISBN (eBook)
9783656987734
ISBN (Buch)
9783656987741
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychiatrie, Normalität, Anormalität
Arbeit zitieren
Henriette Frädrich (Autor:in), 2013, Canguilhems "Das Normale und das Pathologische". Anwendung auf die Psychiatrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337297

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