Teenager. Erfindung einer neuen Konsumentengruppe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
20 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Situation junger Heranwachsender in der BRD der 50er Jahre

2. Amerikanisierung und die Entstehung einer neuen Konsumkultur

3. Die „Halbstarken" - Eine Bewegung zwischen Konsum und Subkultur

4. BRAVO - Der Erfinder des deutschen ' Teenagers '?

5. Der ' Teenager ' - Ein amerikanischer Traum und der perfekte Konsument

6. Fazit

Literatur

Quellen

Einleitung

Bei einer Kaufkraft von 14,3 Milliarden Euro, die die rund 8 Millionen Jugendlichen in Deutschland zwischen 10 und 19 Jahren besitzen, gehört der Teenager für die Wirtschaft zu einer der interessantesten Zielgruppen.[1] Die Werbewirtschaft investiert jährlich über 30 Milliarden Euro für ihre (Werbe-) Botschaften. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil dieser Werbeausgaben wird für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen verwendet.[2] Mit Teenager-Filmen, Teenager-Musik, Teenager-Mode oder Teenager-Zeitschriften werden Milliarden umgesetzt. Teenager-Stars wie Tokio Hotel sind selbst zu Millionären geworden und stellen das heutige Idealbild eines Teenagers dar. Gut aussehend, frech und in ihren jungen Jahren schon unglaublich erfolgreich. Der Teenager ist somit ein fester Bestandteil nicht nur in der Populärkultur, sondern auch in unserer Gesellschaft geworden.

Die folgende Arbeit soll untersuchen wie aus Jugendlichen Teenager wurden und seit wann man von dieser neuen und eigenen Konsumentenschicht sprechen kann. Welche Vorraussetzungen bzw. Umstände haben zu dieser Entwicklung geführt?

Aufgrund des aktuellen Forschungsstandes wird der Schwerpunkt der Untersuchung auf dem letzten Drittel der 50er Jahre liegen. Um jedoch eine stetige Entwicklung deutlich zu machen, wird zu Beginn der Analyse auf die Situation der Jugendlichen am Anfang des Jahrzehnts eingegangen. Im weiteren Verlauf wird versucht, die Faktoren herauszuarbeiten, die für die Entstehung des Teenagers wesentlich waren. Das Ende der Arbeit soll dazu dienen, die jungen Heranwachsenden und die Teenager -Kultur genauer zu betrachten.

Neben Quellen, wie zum Beispiel der Jugendzeitschrift BRAVO und amerikanischen Spielfilmen, werden in erster Linie die Untersuchungen von Kaspar Maase, Axel Schildt und Thomas Grotum als Hilfe dienen, die sich intensiv mit den Jugendlichen der 50er Jahre beschäftigt haben.

1. Die Situation junger Heranwachsender in der BRD der 50er Jahre

Wenn aus heutiger Sicht an die Zeit der 50er Jahre in der BRD erinnert wird, sind es meist Schlagwörter wie „Wirtschaftswunder“, „Wiederaufbau“ oder „Modernisierung“ die den meisten Menschen dabei durch den Kopf gehen. Die ersten Nachkriegsjahre waren jedoch noch weit davon entfernt. Der Alltag war bestimmt von Unterernährung, Wohnungsnot und oft auch Vaterlosigkeit in den Familien.[3] Während bis Anfang der 50er Jahre die materiellen Nöte und seelischen Verstörungen der Kriegs- und Nachkriegszeit langsam im öffentlichen Bewusstsein verblasste, rückte ein anderes Problem immer mehr in den Blick der Öffentlichkeit:Die Generation der 1930 Geborenen, oder von Soziologen wie Schelmsky auch die „skeptische Generation“ genannt.[4] Neben der seelischen Not unter der viele dieser Jugendlichen[5] infolge der Kriegs- und Nachkriegserfahrungen immer noch litten, war es nun auch die Arbeitslosigkeit, die immer mehr zum Thema wurde. Eine Arbeitslosenstatistik von 1950 zeigte, dass eine Viertelmillion Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit waren.[6].

Auch die Wohnsituation sah für viele Jugendliche nicht besser aus. Nur 40 Prozent der 14 bis 21jährigen schliefen in dieser Zeit in einem eigenen Raum, ein etwa ebenso großer Teil schlief im Zimmer der Eltern oder eines Elternteils. Noch mehr teilten sich ein Zimmer mit Geschwistern.[7] Im Gegensatz zum verbesserten Warenangebot, sollten sich die schlechten Wohnverhältnisse erst Ende der 50er Jahre verbessern.[8] Da sich viele erhofften dadurch den engen familiären und häuslichen Umständen zu entfliehen, entschieden sich immer mehr Jugendliche in einem jungen Alter zu heiraten.

Bei den Jugendlichen, die einer Arbeit nachgehen konnten waren Gehalt und Arbeitszeit oft sehr unterschiedlich. Obwohl die von 1938 zulässige Höchstarbeitszeit 48 Stunden betrug, arbeitete man nicht selten in einer 6-Tage Woche bis zu 60 Stunden.[9] Unter diesen Umständen war es für die Jugendlichen dieser Zeit kaum möglich ihr Leben selbst zu bestimmen. Der Alltag war in erster Linie von Arbeit bestimmt und unterschied sich nicht wesentlich von dem der Erwachsenen. Neben dem Lesen von Illustrierten, Rundfunk- und Fernsehzeitschriften, war es bis Mitte der fünfziger Jahre vor allem das Radiohören, das die freie Zeit bestimmte. Da nur ein Viertel der Jugendlichen ein eigenes Gerät besaß, wurde meist gemeinsam mit den Eltern gehört, was ein Hören von speziellen jugendlichen Sendungen oder Musik ausschließen lässt.[10] Die Begeisterung für das Kino entsprach ungefähr dem der Erwachsenen und viel deshalb nicht besonders ins Gewicht, da sich die Eltern mehr für das noch relativ neue Medium Fernsehen begeisterten. Zum allgemeinen Erstaunen aus heutiger Sicht war das Fernsehen für Jugendliche jedoch nicht von besonderem Interesse.[11] Die wichtigste Freizeitaktivität für die jungen Heranwachsenden war damals der Sport. Laut einer Statistik hatten die Landessportverbünde 1954 rund 1,3 Millionen Mitglieder im Alter von 15 bis 25 Jahren. Wobei der Anteil der weiblichen Jugendlichen bei weniger als 25 Prozent lag. Die Teilnahme an sportlichen Betätigungen in Vereinen sollte sich im Laufe der nächsten Jahre stark ansteigen.[12]

Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs änderte sich die berufliche Situation der Jugendlichen. 1953 konnten schon vier fünftel der damals 14-25jährigen einer geregelten Arbeit nachgehen. Wobei es sich, vor allem bei den weiblichen Jugendlichen um Tätigkeiten im elterlichen Haushalt oder in der Landwirtschaft handelte[13] und mehr einer Beschäftigung als einer erfüllenden Arbeit glich.Die weiblichen Jugendlichen, die noch die Schule besuchten, wurden zur Mitte der fünfziger Jahre immer mehr in die berufliche Bildung eingegliedert. Obwohl die Berufsqualifizierung nicht mit der der männlichen Jugendlichen zu vergleichen war, und man als Mädchen ein eher schmales Berufsspektrum zu erwarten hatte, war jedoch diesbezüglich ein Wandel spürbar. Grund dafür mag weniger eine „ Umwertung der traditionellen Priorität der Familie “ gewesen sein, als vielmehr eine „ Versicherung gegen die Wechselfälle des Lebens “ und wurde immer mehr zu einer notwendigen Station im Lebenslauf der Mädchen angesehen.[14] Nicht zu vergessen ist hier jedoch, dass dies in erster Linie für weibliche Jugendliche aus dem Mittelstand galt. Für Mädchen aus dem Arbeitermilieu war der achtjährige Besuch der Volksschule weiter vorprogrammiert und somit auch der weitere berufliche Werdegang. Die Mädchen, aber auch die männlichen Jugendlichen aus gutem Hause besuchten meist getrennt voneinander das Gymnasium.[15]

Die Kleidung der jungen Heranwachsenden entsprach ganz der bleiernen Zeit. Von den Erwachsenen ging eine „ fast besessene Konzentration auf Ordnung, Anstand, Sauberkeit “ aus, die „ vermeintlich gegen den Irrtum der jüngsten Vergangenheit gerichtet “ war und dies versuchte man auch durch seine Kleidung auszudrücken. Der Sohn trugdas gestärkte Hemd mit Kragenstäbchen; die Hosen wurden mit Trägern hoch am Bauch gehalten und darunter trug man lange Unterhosen. Auch die junge Frau war nicht weniger verpackt. Corsage, Mieder, Hüfthalter, Strumpfhalter, Büstenhalter und Unterrock gehörten zum Standard.[16] Da die meiste Kleidung für Tochter undSohn von den Eltern bezahlt und auch ausgesucht wurde, gab es keine großen Unterschiede zur Kleidung der Erwachsenen. Die Kinder der Arbeiterfamilien hatten in dieser Beziehung sowieso keine Möglichkeiten, da die meist die Kleidung der älteren Geschwister tragen mussten.

Das letzte Drittel der 50er Jahre leitete eine Phase besonders rascher gesellschaftlicher Veränderungen ein, die das Leben der Jugendlichen maßgeblich beeinflussen sollten. Zum einen war es die Verkürzung der Arbeitszeit, die sich über mehrere Tarifverhandlungen bis 1959 auf eine 40-Stunden-Woche festlegte.Einen wesentlichen Einschnitt markierte jedoch der Übergang zur 5-Tage-Woche 1957.[17] Im Gegensatz zu den ersten Nachkriegsjahren, in denen es in erster Linie darum ging die eigene Existenz zu sichern, hatte man nun die Möglichkeit die dazu gewonnene Freizeit individuell zu gestalten. Hinzu kamen für die jungen Heranwachsenden die verbesserten Verdienstmöglichkeiten. 1953 hatten die 15 bis 24jährigen monatlich im Durchschnitt 61 DM auszugeben. Bei einer weiteren Erhebung von 1960 errechnete man bei den männlichen 17 bis 20jährigen einen monatlichen Durchschnittswert von 91 DM. Die Heranwachsenden Frauen hatten sogar noch 9 DM mehr zur Verfügung.[18] Diese neue Situation eröffnete für die Jugendlichen eine neue Stufe des Konsums. Eine wichtige Rolle spielte diesbezüglich der Einfluss der USA.

2. Amerikanisierung und die Entstehung einer neuen Konsumkultur

Obwohl bei dem Begriff der Amerikanisierung meist an ein Phänomen der 50er Jahre gedacht wird, handelt es sich jedoch um einen Trend, der seinen Beginn in der deutschen Gesellschaft schon viel früher hatte. Schon in der Weimarer Republik wurde in den Tanzlokalen wild zu den Klängen amerikanischer Jazz-Musik bis in den Morgengrauen getanzt und war begeistert von der exotischen Kultur aus Übersee. Und schon um 1900 verstand man den industriellen Anschluss Europas an das technisch fortschrittlichere Nordamerika als Modernisierung und Amerikanisierung.[19] Nach dem Zweiten Weltkrieg erhöhte sich der amerikanische Einfluss jedoch maßgeblich und erreichte eine neue Dimension, die bis Mitte der 60er Jahre andauern sollte und somit die Kernzeit des gesamten Modernisierungsprozesses im 20. Jahrhundert darstellt. Grund dafür war in der neuen Bundesrepublik laut Doering-Manteuffel, dass „ der Staat jetzt in die Bereiche der Wirtschaftsbeziehungen und des internationalen Kulturaustauschs regulierend eingriff, und somit ergab sich eine stärkere Verschmelzung beider Sektoren als das vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall gewesen war“.[20] Die wirtschaftliche Entwicklung ab Mitte der 50er Jahre die den „ Wohlstand für alle “ mit sich brachte war die perfekt ergänzende Voraussetzung, dass sich eine amerikanisch geprägte Massenkultur schichtenübergreifend verbreiten konnte.

Das amerikanische Besatzungsprogramm hatte zum Ziel neben der Entnazifizierung und Entmilitarisierung Nachkriegsdeutschlands, eine parlamentarische Demokratie nach westlichen Muster zu schaffen, „ ohne dass der Bevölkerung fremde Verhaltensmuster oder Modelle aufgezwungen werden sollten “.[21] Andererseits brachte es jedoch die amerikanische Besatzungspolitik mit sich die Überreste des Deutschen Reiches zu eliminieren. Um den Erfolg des neuen politischen Systemsin der jungen BRD zu sichern, war es wichtig die entstandene nationale Identitätslücke mit Wertehaltungen und Kulturmustern zu füllen, die mit der Ordnung der Demokratie und mit dem amerikanischen Modell kompatibel waren.[22]

[...]


[1] Der Markt der Jugendzeitschriften. Bauer Media Verlag KG Hamburg Juni 2002, S. 4 u. 7, u. Kids & Teens VA 2001 und BRAVO Faktor Jugend 1 – 4, 1999 – 2001.

[2] Ebd.

[3] Schildt, Axel: Von der Not der Jugend zur Teenager-Kultur: Aufwachsen in den 50er Jahren, in: Schildt, Axel/ Sywottek, Arnold (Hrsg): Modernisierung im Wiederaufbau. Die Westdeutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre, Bonn 1993, S. 335.

[4] Schelsky, Helmut: Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, Köln/Düsseldorf 1957.

[5] Unter dem Begriff „Jugend“ oder „Jugendlichen“ ist im folgenden die Altersgruppe der 14-21jährigen gemeint.

[6] Schildt, Axel: Von der Not der Jugend zur Teenager-Kultur, S. 336.

[7] Ebd. S. 339.

[8] Pallowski, Katrin: Wohnen im halben Wohnzimmer. Jugendzimmer in den 50er Jahren, in: Bucher, Willi/Pohl, Klaus (Hrsg.): Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1986, S. 284 f.

[9] Schildt, Axel: Von der Not der Jugend zur Teenager-Kultur, S. 339.

[10] Ebd. S. 341.

[11] Ebd. S. 343.

[12] Ebd.

[13] Ebd. S. 337.

[14] Ebd.

[15] Bartram, Christine/Krüger, Heinz-Hermann: Vom Backfisch zum Teenager. Mädchensozialisation in den 50er Jahren, in: Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.): Die Elvis-Tolle, die hatte ich mir unauffällig wachsen lassen: Die Lebensgeschichte und jugendliche Alltagskultur in den fünfziger Jahren, Opladen 1985, S. 85-86.

[16] Ziehe, Thomas: Die alltägliche Verteidigung der Korrektheit, in: Bucher, Willi/Pohl, Klaus (Hrsg.): Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1986, S. 256.

[17] Maase, Kaspar: BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992, S. 66.

[18] Vgl. hierzu: Lamprecht, Helmut: Teenager und Manager, München 1965, S. 25 u. Schildt: Von der Not der Jugend zur Teenager-Kultur, S. 343.

[19] Maase, Kaspar: BRAVO Amerika, S. 55 f.

[20] Doering-Manteufel, Anselm: Dimensionen von Amerikanisierung in der Deutschen Gesellschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 35 (1995), S. 11.

[21] Rupieper, Hermann-Josef: Die Wurzeln der westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Der amerikanische Beitrag 1945-1952, Opladen 1993, S. 38.

[22] Doering-Manteufel, Anselm: Dimensionen von Amerikanisierung in der Deutschen Gesellschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 35 (1995), S. 13.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Teenager. Erfindung einer neuen Konsumentengruppe
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Konsumgeschichte des 20. Jahrhunderts
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V337710
ISBN (eBook)
9783668270299
ISBN (Buch)
9783668270305
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
teenager, erfindung, konsumentengruppe
Arbeit zitieren
Daniel Macher (Autor), 2011, Teenager. Erfindung einer neuen Konsumentengruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337710

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