Der Schriftspracherwerb im Erstunterricht. Wird die Fibel „Karibu“ dem Anspruch der Systemtheorie gerecht?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schrifttheorien
2.1 Die Abbildtheorie
2.2 Die Systemtheorie
2.2.1 das phonographische Prinzip
2.2.2 die silbischen Prinzipien
2.2.3 die morphologischen Prinzipien
2.3 Die Wortstruktur des Deutschen im Kernbereich

3. Silbenbasierte Modelle im Rahmen des systemorientierten Schriftspracherwerbs
3.1 Sprachdidaktisches Modell zur Sprechsilbe (Röber)
3.2 Sprachdidaktische Modelle zur Schreibsilbe (Bredel/Hinney)

4. Untersuchung der Fibel „Karibu“
4.1 Die Konzeption der Fibel
4.2 Die „Karibu- Fibel“
4.2.1 Analyse der Fibelseiten 38,
4.2.2 Analyse der Fibelseite 18 und
4.2.3 Analyse der Fibelseiten 20 und
4.2.4 Analyse der Fibelseiten 30 und
4.2.5 Verwendetes Wortmaterial

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserer modernen Gesellschaft kommt dem Schriftspracherwerb eine große Bedeutung zu. Für Schülerinnen und Schüler im Anfangsunterricht erfordert dieser Erwerbsprozess kognitive Fähigkeiten, welche über die bloße Mündlichkeit unserer Sprache hinausgehen.

PISA, IGLU oder leo zeigen jedoch deutlich auf, dass viele Menschen in der Bundesrepublik Deutschland die Schriftsprache nicht ausreichend beherrschen.

Wichtige Grundlagen werden für das Lesen und Schreiben bereits in den ersten Schuljahren gelegt, sodass bereits hier ein Umdenken stattfinden muss.

Der didaktische Ansatz des systemorientierten Schriftspracherwerbs stellt aus Sicht der Graphematik eine Möglichkeit dar. Dabei wird die bisher praktizierte Abbildtheorie des Erstunterrichts durch die Systemtheorie abgelöst. Die Abbildtheorie verfolgt dabei den Ansatz, dass einzelne Buchstaben Laute abbilden und lautgetreu niedergeschrieben werden können. Für Kinder im Anfangsunterricht bedeutet das, dass sie beim Lesenlernen einzelne Buchstaben in Laute übersetzen und anschließend zu Wörtern synthetisieren. Der systemorientierte Ansatz geht im Gegensatz dazu davon aus, dass das deutsche Schriftsystem regelhaft und erlernbar ist und es deshalb schon zu Beginn des Schriftspracherwerbs die Möglichkeit bietet, das der deutschen Sprache zugrunde liegende System zu erkennen und zu verinnerlichen. Besonders der Silbe kommt in diesem Ansatz eine herausragende Bedeutung zu.

Bei Beginn des Schriftspracherwerbs werden zum Lesenlernen häufig Fibeln eingesetzt. Viele der neuesten Fibelerscheinungen beinhalten augenscheinlich Silbenkonzepte, wie dies beispielsweise bei „Karibu“ der Fall ist. Auf diese Weise entsteht die Vermutung, dass die Fibeln auf die Silbe als Einheit ausgerichtet sind und somit der systemorientierte Ansatz des Schriftspracherwerbs Anwendung findet.

Die Hausarbeit geht der Frage nach, ob die Fibel „Karibu“ dem Anspruch der Systemtheorie wirklich gerecht wird.

In Kapitel 2 werden zunächst die beiden großen, einander komplementär gegenüberstehenden Schrifttheorien, Abbild- und Systemtheorie, vorgestellt. Innerhalb der Systemtheorie werden phonographische, silbische und morphologische Prinzipen erläutert, die unterschiedliche Vorgehensweisen beim Schriftspracherwerb aufzeigen.

In Kapitel 3 werden sodann silbenbasierte Modelle im Rahmen des systemorientierten Schriftspracherwerbs aufgezeigt. Die sprachdidaktischen Modelle zur Sprechsilbe (Röber 2011) und Schreibsilbe (Bredel u.a. 2009) (Hinney u.a. 2010) bieten die Grundlage für die in Kapitel 4 vorgenommene Analyse der Fibel „Karibu“. Hierbei wird sowohl die Konzeption der Fibel als auch beispielhaft einige Seiten auf verwendetes Wortschatzmaterial analysiert. Dabei soll auch die Frage beantwortet werden, ob der Fibellehrgang „Karibu“ die Aspekte der Systemtheorie strikt aufgreift und umsetzt, oder ob hier auch Komponenten der Abbildtheorie miteinbezogen wurden.

Im Fazit werden die gewonnenen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

2. Schrifttheorien

2.1 Die Abbildtheorie

Die Abbild- und Systemtheorie bilden zwei komplementäre Theorien zur Erklärung der Schreibweise von Wörtern. Das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung folgt eben dieser Abbildtheorie mit ihrer spezifischen Sicht auf die Orthographie (vgl. Duden 2006: 1161-1216). In jenem Abschnitt des Regelwerkes, das sich mit der Wortschreibung beschäftigt, werden die beiden großen Gruppen Vokale und Konsonanten behandelt und nach diesbezüglich aufgestellten Regeln in grundlegenden, besonderen und speziellen Zuordnungen aufgelistet (vgl. ebd.: 1162). Die Schreibung von Wörtern orientiert sich dabei deutlich an zwei Prinzipien. Das Regelwerk verweist direkt zu Beginn auf das Prinzip der Phonemkonstanz: „Für die Schreibung des Deutschen gilt: Buchstaben und Sprachlaute sind einander zugeordnet“ (ebd.:1161). Daneben wird das Prinzip der Morphemkonstanz angesprochen:

Die Schreibung der Wortstämme[...] bleibt bei der Flexion der Wörter, in Zusammensetzungen und Ableitungen weitgehend konstant [...]. Dies macht es in vielen Fällen möglich, die Schreibung eines Wortes aus verwandten Wörtern zu erschließen. Dabei ist zu beachten, dass Wortstämme sich verändern können [...] “ (ebd.: 1161).

Das Prinzip der Phonemkonstanz beinhaltet die Annahme, dass sich Grapheme, also die kleinsten Einheiten der geschriebenen Sprache, genau auf Phoneme, die kleinsten Einheiten der gesprochenen Sprache, beziehen lassen. Die Graphem- Phonem- Korrespondenz ist im Hinblick auf die Standardaussprache die Grundregel der Wortschreibung, die die Anordnung der sich daran anschließenden Regeln erklärt (Grundregeln, besondere Regeln, spezielle Regeln) (vgl. ebd.: 1161f.). Die Abbildtheorie sieht demnach „[...] das vermeintliche Ideal einer Alphabetschrift“ (Hinney 2010: 57) in einer 1:1 –Zuordnung von Phonemen auf Grapheme. Laute und Buchstaben sind demnach eindeutig aufeinander bezogen. Ist eine solche Zuordnung nicht möglich, wird eine Abweichung angenommen, die als besondere oder spezielle Zuordnung behandelt wird. Diese Ausnahmen stellen einen großen Teil des Regelwerks dar, denn auch die Vokalquantität, die s- Schreibung oder die Auslautverhärtung weichen von dieser 1:1 Regelung ab (vgl. Duden 2006: 1161-1170).

Beim Prinzip der Morphemkonstanz bzw. Stammkonstanz wird davon ausgegangen, dass die Wortstämme stets gleich geschrieben werden, sodass sie beim Lesen schneller und einfacher zu identifizieren sind (vgl. Hinney/Menzel 1998: 270f.).

Bei gleicher oder ähnlicher Schreibung der Wortstämme misst ihr das amtliche Regelwerk die Funktion zu, dass sie „[...] es in vielen Fällen möglich [macht], die Schreibung eines Wortes aus verwandten Wörtern zu erschließen“ (Duden 2006: 1161). Der Schreiber erhält demnach Hilfe bei der Schreibung von Wörtern, die von der 1:1- Zuordnung der Phonemkonstanz abweicht (besonders deutlich wird dies an den vielen Sonderregeln in den amtlichen Regelwerken). Die Schreibung kindlich mit <d> wird auf diese Weise erklärt, obwohl lediglich ein /t/ (/’kIntlIç/) hörbar ist und es verwandt mit dem Wort Kinder ist.

Legt man hier nicht die Standardaussprache, sondern die Explizitlautung zugrunde, bei der ein Wort so artikuliert wird, „dass jeder Einzellaut alle seine artikulatorischen Merkmale hat [...] [und] dass alle Silben vorhanden sind und jeder Silbenkern ein Vokal ist“ (Hinney/Menzel 1998: 269), so kann auch hier keine 1:1- Zuordnung angenommen werden. Die Erklärung findet sich in der Tatsache, dass eine unterschiedliche Anzahl von zur Verfügung stehenden Graphemen und Phonemen existiert. Das deutsche Alphabet beinhaltet 30 Buchstaben, von denen 26 aus dem lateinischen Alphabet übernommen wurden und die Buchstaben <ß>, <ä>, <ö> und <ü> aus dem Deutschen. Diese Buchstaben müssen allerdings circa 40 Phoneme repräsentieren. Diese Tatsache erklärt auch die vielzähligen Ausnahmen der Regeln im amtlichen Regelwerk, das von einer 1:1- Zuordnung von Phonemen und Graphemen als Basis für die Wortschreibung ausgeht (vgl. ebd.: 268-270).

Zu diesen Ausnahmen zählen unter anderem:

- Bei einigen Graphemen existiert keine lautliche Entsprechung, wie es bei dem <h> im silbeninitialen <h> der Fall ist (z.B. <ʃ> - /sch/, <ç> - /ch/ , <ŋ> - /ng/).

- Unterschiedliche Grapheme können ein Phonem darstellen. Bei /ks/ : He x e, Ke ks, Da chs, Kle cks, oder bei /ts/: Z aun, Ka tz e, ste ts.

- Häufig ist bei Vokalen zu beobachten, dass ein Phonem durch unterschiedliche Grapheme bzw. Graphemfolgen dargestellt werden kann (z.B. /a:/ in H a se, S ah ne, H aa re).

- Grapheme können des Weiteren ein Phonem darstellen, das wiederum durch ein anderes Graphem repräsentiert werden kann (z.B. <v> durch <f>: Vogel – Fogel, weil /’ f o:ɡəl/; <x> durch <ks>: Hexe- Hekse, weil /’hɛ ks ə/).

- Kurze und lange Vokale werden je durch dasselbe Graphem angezeigt. Die Ausnahme bildet das /i:/, welches ein eigenes Graphem <ie> hat. Es sind weitere Markierungen notwendig, um die Vokalquantität im Geschriebenen zu kennzeichnen (z.B. Hüte- Hütte oder lasen- lassen).

- Gesprochene Auslautverhärtungen und Spirantisierungen werden im Geschriebenen nicht markiert (z.B. Berg- /bɛʁk/) (vgl. ebd.: 270).

Anhand dieser Beispiele konnte deutlich gezeigt werden, weshalb im amtlichen Regelwerk ein solch großer Bereich den Abweichungen von Grundregeln gewidmet ist.

In diesem Zusammenhang weist Hinney (2010) darauf hin, dass es „zu kognitiven Unklarheiten über den Lerngegenstand Schriftsprache [kommen kann]“ (Hinney 2010: 58), wenn das amtliche Regelwerk „bei der Modellierung des Lernprozesses“ (ebd.) als Basis gesetzt wird. Dazu komme „die unzureichende Reflexion der sprachlichen Voraussetzungen eines Schriftlernenden“ (ebd.). Zu nennen wäre hier die bereits thematisierte Problematik der Standardlautung, die als Grundlage der 1: 1- Zuordnung dient und nicht zur korrekten Schreibung führen kann. Außerdem ist die häufig anzutreffende Aussage: „Schreib so, wie du sprichst“ anzuführen. Sie zeigt, dass innerhalb der Abbildtheorie der Blick auf die Schrift von einem Schriftkundigen stattfindet, der das Schreiben beherrscht und häufig davon ausgeht, etwas zu hören, was er eigentlich vor dem inneren Auge sieht. Das amtliche Regelwerk bezieht sich auf das Wissen Schriftkundiger und kann einem Schriftlernenden keine Hilfe bieten, da dieser über das spezifische Wissen noch nicht verfügt (vgl. ebd.; vgl. Hinney/Menzel 1998: 271-275).

2.2 Die Systemtheorie

Die Systemtheorie sieht den Leser als zentrale Figur der Orthographie, sodass ihr die Abbildtheorie mit ihrer Schreiberorientierung komplementär entgegensteht:

Die Normierung, die immer gleiche Schreibung, erleichtert dem Leser die Sinnentnahme und ist auf maximale Verständnissicherung ausgerichtet. In der Orientierung an den Bedürfnissen des Lesers liegt somit der Schlüssel zum Verständnis der Rechtschreibung “ (Hinney 2010: 66).

Das deutsche Schriftsystem kann den Alphabetschriften zugeordnet werden. Buchstaben sowie deren Kombinationen bilden jedoch nicht nur Laute des Gesprochenen ab, sondern dienen „[...] auch zur Repräsentation von prosodischer, morphologischer und syntaktischer Information“ (ebd.). Das deutsche Schriftsystem ist demnach eher als Mischsystem aufzufassen, in dem auch logographische und Silbenschriften vorkommen. Wird diese Tatsache ebenso berücksichtigt wie die Ausrichtung an die Bedürfnisse des Lesers, so erhält man eine systematische Rechtschreibung im Kernwortschatzbereich. Hier existieren nur sehr wenige Schreibungen, die von den Regeln abweichen (vgl. ebd.: 66f.).

Das Orthographiemodell von Eisenberg zeigt, dass die Wortschreibung als systematisches Zusammenspiel der eben aufgeführten Prinzipien die Grundlage der Orthographie bildet. Der inhaltliche Rahmen dieser Arbeit umfasst den Bereich der Wortschreibung, sodass der Bereich der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Zeichensetzung nicht thematisiert wird.

Die Schreibung aller Wörter im Kernbereich des deutschen Wortschatzes wird systematisch durch vier Prinzipien geregelt, die Eisenberg (2006, 2009) wie folgt benennt:

- das phonographische Prinzip
- das silbische Prinzip
- das morphologische Prinzip
- das syntaktische Prinzip (wird nicht näher thematisiert)

(vgl. Eisenberg 2009: 66-85; vgl. Eisenberg 2006: 304-327).

Eisenberg stellt besonders heraus, dass bei der Beschreibung der Orthographie „[...] die Systematik der Orthographie [herausgestellt werden soll] [...]. Es soll gezeigt werden, welche Schriftstrukturen die Wörter des Deutschen haben“ (Eisenberg 2009: 65). Er betont, dass das Bezugssystem der Orthographie die Explizitlautung ist und fügt weiter hinzu, dass „der Schreiber [...] die Orthographie seiner Sprache nicht nur beherrschen, [sondern] [...] auch verstehen [kann]“ (ebd.).

2.2.1 das phonographische Prinzip

Das phonographische Prinzip beinhaltet die alphabetische Komponente der deutschen Schrift (vgl. Hinney/Menzel 1998: 276). Unter Berücksichtigung der Explizitlautung führt das phonographische Prinzip zu einem rein laut basiertem Schreiben. Dabei kennzeichnet es den Bezug von Lautgesten und Buchstaben (vgl. Bredel/Fuhrhop/Noack 2011: 50). Innerhalb dieses Prinzips wird sowohl die Richtung vom „Gesprochenen zum Geschriebenen“ als auch die Richtung vom „Geschriebenen zum Gesprochenen“ beachtet (Hinney/Menzel 1998: 277). Einfache Grapheme oder Graphemfolgen können einem Phonem oder Phonemfolgen zugeordnet werden. Die Wortbedeutung wird beispielsweise bei den Wörtern grün oder Regen mithilfe der Graphem- Phonem- Korrespondenz ersichtlich. Phonem und Graphem lassen sich unter der Bedingung einer expliziten Lautung direkt einander zuordnen. Auch im umgekehrten Fall ist dies gültig. Ebenso können Phonem- Graphem- Korrespondenzen hergeleitet werden (vgl. ebd.). Beide Regelungen „[...] stellen den alphabetischen Anteil der Schreibung dar [...]“ (ebd.). Jedoch führt diese Tatsache nicht automatisch zu einer orthographisch einwandfreien Schreibung (vgl. ebd.).

2.2.2 die silbischen Prinzipien

In der gesprochenen Sprache „fungiert die Silbe artikulatorisch und auditiv als eine Basiseinheit“ (Eisenberg 2006: 310). Die Schreibung der Wörter und Wortformen wird durch die silbenstrukturellen Informationen der Sprech- und Schreibsilbe beeinflusst. Die Silbenkerne werden hauptsächlich durch die silbischen Prinzipien berührt - sowohl in betonten als auch unbetonbaren Silben (vgl. Bredel/Fuhrhop/Noack 2011: 50). Die betonte Sprechsilbe und die dazugehörige Schreibsilbe besteht aus einem Silbenanfangsrand. Jedoch besitzen einige Wortschreibungen keinen Anfangsrand vor dem Silbenkern. Die Silbe enthält zudem einen Silbenkern und einen Silbenendrand. Unser Schriftsystem unterscheidet nicht zwischen kurzen oder langen Vokalen, ganz im Gegensatz zur betonten Sprechsilbe. Ein Beispiel für diese Tatsache sind die Wörter Wal und Wall. Die Vokalquantität kann am Graphem durch die Vokalgraphemverdopplungen <aa>, <ee>, <oo> und <ie> aufgezeigt werden. Es verursacht keine Schwierigkeiten beim Lesen von Wörtern und Wortformen, wenn sich dasselbe Graphem auf ein langes und kurzes Vokalphonem bezieht. Der Vokallängenbezug wird eindeutig durch die silbenstrukturelle Information der Sprechsilbe geregelt (vgl. Hinney/Menzel 1998: 277f.). Trotzdem existieren Kennzeichnungen, die größtenteils in betonten Silben zu finden sind und eindeutigen Regeln unterliegen. Zu nennen sind die betonten Silben mit einem langen, gespannten i- Laut. Geschrieben wird an dieser Stelle das <ie>. Im Deutschen ist das <ie> für den Wortanfang nicht vorgesehen, sodass Pronomen wie beispielsweise ihr und ihm mit <ih> verschriftlicht werden müssen. Da sie keinen Regelmäßigkeiten folgen, müssen sie als Lernwörter auswendig gelernt werden.

Weitere Ausnahmen sind Wörter, die nicht als Bestandteil des nativen Wortschatzes gelten, wie beispielsweise Igel, Lid oder Fibel. Die Schärfungsschreibung bedarf ebenfalls einer besonderen Kennzeichnung (vgl. Bredel/Fuhrhop/Noack 2011: 50). In der Hauptsilbe wird die ungespannte Vokalkürze durch einen doppelten Konsonanten markiert, „wenn zwischen dem ungespannten, kurzen Vokal einer betonten Silbe genau ein Konsonant hörbar ist“ (ebd.). Lerner müssen hierbei jedoch einige Konsonantenbuchstaben und ihre Sonderregelungen besonders berücksichtigen. Das k wird dann zu ck und z zu tz (vgl. ebd.). Diese Regel ist auf die Konsonanten sch, ng, ch aber nicht anwendbar, denn sie werden graphematisch im Gelenk nicht einfach verdoppelt. Besonders deutlich wird dies in Tasche, Ringe oder Küche (vgl. Eisenberg 2006: 314). Beim „Zusammentreffen einer betonten offenen und einer unbetonten nackten Silbe [...]“ (ebd.) ist eine besondere Markierung erforderlich, denn „[z]wischen den phonographischen Schreibungen solcher Silben ist regelmäßig ein <h> eingefügt“ (ebd.). Das so genannte silbeninitiale <h> ist ein stummes Graphem, das z.B. in ziehen oder Ruhe zu finden ist. Ausnahmen von dieser Regel bei der Schreibung von Wörtern gibt es bei den Diphtongen. Nach <au> und <eu> kann niemals das silbeninitiale <h> folgen. Manchmal kommt es vor, dass es nach <ei> anzutreffen ist, wie in Weihe oder Reihe.

In der Wortschreibung muss nach einem langen, gespannten Vokal in einigen Fällen das Dehnungs- h eingesetzt werden. Folgt nach einem Vokal <l>, <m>, <n>, oder <r>, so wird das Dehnungs- h verwendet (z.B. Lehrer, nehmen, lehnen). Im Sibenkern enthalten die Reduktionssilben ein <e>, werden jedoch nicht weiter gekennzeichnet (vgl. Bredel/Fuhrhp/Noack 2011: 50f.). Können Schreibungen phonologisch, aber nicht phonographisch begründet werden, so gehören sie hauptsächlich zu den silbischen Schreibungen (Vgl. Fuhrhop 2009: 24).

2.2.3 die morphologischen Prinzipien

Die Morpheme bilden als bedeutungstragende Grundeinheiten neben der Silbe eine wichtige Rolle für den Wortbau (vgl. Eisenberg 2011: 92). Etwa 10.000 morphologisch selbständige Wörter umfasst die deutsche Sprache. Sie setzten sich in ihrer Grundform hauptsächlich aus einem Einsilber (Hund, Baum, Haus) oder einem trochäischen Zweisilber zusammen (laufen, malen). Zahlreiche Wortbildungsmöglichkeiten erweitern diesen Wortschatz noch um ein Vielfaches (vgl. Eisenberg 2006: 34f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Schriftspracherwerb im Erstunterricht. Wird die Fibel „Karibu“ dem Anspruch der Systemtheorie gerecht?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V338202
ISBN (eBook)
9783668276253
ISBN (Buch)
9783668276260
Dateigröße
2404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abbildtheorie, Systemtheorie, schriftlastig, lesen, schreiben, lernen, erstunterricht, grundschule, 1.klasse, Deutsch, Anfangsunterricht, Probleme, Karibu
Arbeit zitieren
Victoria Theis (Autor), 2016, Der Schriftspracherwerb im Erstunterricht. Wird die Fibel „Karibu“ dem Anspruch der Systemtheorie gerecht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338202

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