Die Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten im Anästhesiefunktionsdienst. Die haftungsrechtliche, organisatorische und berufspolitische Sicht


Bachelorarbeit, 2013

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract/ Zusammenfassung

Einführung

1 Methodik der Literaturrecherche
1.1 Instrumente und Vorgehensweise
1.2 Forschungsstand der Thematik
1.3 Fazit der Literaturrecherche

2 Berufsbild des Rettungsassistenten

2.1 Ziel und Zugangsvoraussetzung der Ausbildung

2.2 Dauer und Umfang der Ausbildung

3 Weiterbildung der Rettungsassistenten zum „Pflegeassistenten für Funktionsbereiche“
3.1 Hintergrund
3.2 Weiterbildungsziel
3.3 Umfang und Inhalt der Weiterbildung

4 Der Operationsbereich
4.1 Aufbau- und Ablauforganisation im OP-Bereich
4.2 Patientenferne Tätigkeiten im Anästhesiefunktionsdienst
4.3 Patientennahe Tätigkeiten im Anästhesiefunktionsdienst
4.3.1 Tätigkeiten bei der Anästhesievorbereitung
4.3.2 Tätigkeiten bei der Anästhesieeinleitung
4.3.3 Tätigkeiten bei der Anästhesieführung und -ausleitung
4.3.4 Anforderungen an das Pflegepersonal im Anästhesiefunktionsdienst

5 Erste Analyse: Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten aus haftungsrechtlicher Sicht
5.1 Übertragung von pflegerischen Tätigkeiten
5.1.1 Notwendigkeit der Definition von einzelnen Elementen der Pflege
5.1.2 Möglichkeit der Übertragung von bestimmten pflegerischen Tätigkeiten
5.2 Haftungsrechtliche Folgen durch die Delegation
5.2.1 Erhöhtes Haftungsrisiko des Trägers
5.2.2 Haftung innerhalb des Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses
5.2.3 Erhöhtes Haftungsrisiko des Mitarbeiters
5.3 Ergebnis der Analyse

6 Zweite Analyse: Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten aus organisatorischer Sicht
6.1 Durchführung einer Prozessanalyse
6.2 Zuordnung von bestimmten Tätigkeitsfeldern
6.3 Schaffung von arbeitsorganisatorischen Rahmenbedingungen
6.3.1 Erstellung von arbeitsvertraglichen Vereinbarungen bzw. Nebenabreden.
6.3.2 Erstellung einer Stellenbeschreibung
6.3.3 Erstellung von Dienst-, Verfahrens- und Arbeitsanweisungen
6.3.4 Erstellung eines Einarbeitungskonzeptes
6.4 Ergebnis der Analyse

7 Dritte Analyse: Das neue Einsatzfeld aus berufspolitischer Sicht
7.1 Die Weiterbildung von Rettungsassistenten: Keine nachhaltige Lösung
7.2 Der Einsatz von weitergebildeten Rettungsassistenten als falsches Signal
7.3 Konsequenzen für die Führungsebene
7.4 Ergebnisse der Analyse

8 Zusammenführung der vorangegangenen Analyseergebnisse

9 Diskussion

10 Fazit

11 Ausblick

12 Literaturverzeichnis

Abstract/ Zusammenfassung

In Deutschland herrscht Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal. Dieser Fachkräf- temangel zeigt sich insbesondere im Anästhesie- und Operationsdienst. Um ihm entge- genzuwirken, werden Rettungsassistenten zu „Pflegeassistenten für Funktionsberei- che“ weitergebildet und anschließend im Anästhesiefunktionsdienst eingesetzt. Diese Bachelorarbeit untersucht dieses neue Einsatzfeld und analysiert mit Hilfe der Fachlite- ratur und den gesetzlichen Rahmenbedingungen die Einsetzbarkeit von weitergebilde- ten Rettungsassistenten aus haftungsrechtlicher, organisatorischer und berufspoliti- scher Sicht.

Einführung

Der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal* im Krankenhaussektor nimmt in Deutschland immer mehr zu.

Der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung und die damit einhergehende Zunahme der Intensität von Erkrankungen bedeutet, dass ältere Menschen heute häu- fig nicht mehr nur von einer Krankheit betroffen sind, sondern von einer Vielzahl von Erkrankungen. Dies führt dazu, dass ältere Menschen im Durchschnitt häufiger und länger im Krankenhaus verweilen sowie die Pflegeintensität dieses Patientenklientels steigt (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2008, S. 7). So stiegen die Fall- zahlen von ca. 14,6 Millionen im Jahre 1991 auf ca. 18,3 Millionen im Jahr 2011 an (Statistisches Bundesamt 2012, S. 11). Diese Zunahme lässt sich u.a. mit dem Alter der Patienten begründen, da etwa ab dem 60. Lebensjahr ein starker Anstieg der Kran- kenhausfälle bei Frauen und noch deutlicher bei Männern zu verzeichnen ist, der sich mit zunehmenden Alter weiter fortsetzt (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2008, S. 8).

Der Anstieg der Fallzahlen ist jedoch nicht nur Folge der zunehmenden Alterung der Gesellschaft: So kommt ein durch den Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKVSpitzenverband) in Auftrag gegebenes Gutachten zu dem Schluss, dass der stationäre Behandlungsanstieg „(...) nicht allein durch die demographische Entwicklung, sondern offenbar auch durch fehlgeleitete und fehlende finanzielle Anreize von Leistungserbringern und Versicherten zu erklären ist.“ (Augurzky et al. 2012, S. 35)

Fakt ist, dass durch die Zunahme der Behandlungsfälle immer mehr qualifizierte Pfle- gekräfte im Krankenhaussektor benötigt werden. Allerdings verzeichnet eine Engpass- analyse der Bundesagentur für Arbeit im Juli 2012 einen Fachkräftemangel bei exami- nierten Gesundheits- und Krankenpflegefachkräften in allen westlichen Bundesländern sowie im Bundesland Sachsen. In den restlichen ostdeutschen Bundesländern ist die Fachkräftesituation ein wenig entspannter. Generell gibt es aber auch hier - mit Aus- nahme von Mecklenburg-Vorpommern - Anzeichen für Engpässe (Bundesagentur für Arbeit Juni 2012, S. 9-10).

Eine Repräsentativbefragung deutscher Krankenhäuser durch das deutsche Kranken- hausinstitut (DKI) kam im Jahr 2011 zu dem Ergebnis, dass 37,2% der insgesamt 272 befragten Krankenhäuser Probleme hätten, offene Stellen im Pflegedienst zu besetzen (Blum et al. 2011, S. 6). Dieser Fachkräftemangel zeigt sich laut der Befragung vor allem im Anästhesie- und Operationsdienst. In der OP-Pflege hatten rund 38% der Krankenhäuser Probleme, offene Stellen zu besetzen. Im Vergleich dazu, fällt in der Anästhesiepflege der Anteil der Häuser mit Stellenbesetzungsproblemen mit 23,6% etwas niedriger aus. Allerdings hat sich der Anteil der betroffenen Kliniken seit 2009 (8,7%) um rund 15% erhöht (Blum et al. 2011, S. 8-9). Die nachfolgende Abbildung visualisiert die steigende Zahl der Krankenhäuser mit Stellenbesetzungsproblemen in der Funktionspflege.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung I: Krankenhäuser mit Stellenbesetzungsproblemen in der Funktionspflege (Blum et al. 2011, S. 9)

Diese Personalengpässe führen dazu, dass weniger Operationen erbracht werden können. Im Extremfall müssen OP-Säle geschlossen werden. Dieser Umstand ist besonders kritisch zu bewerten, da kein anderer Krankenhausbereich mehr zur Wertschöpfung beiträgt wie der OP (Busse 2011, S. 1). Insgesamt bleibt festzuhalten, dass sich der Personalmangel in der Funktionspflege mittlerweile zu einem gravierenden Problem für die Krankenhäuser entwickelt hat (Blum et al. 2011, S. 11).

Eine Reaktion, die Auswirkungen dieses Fachkräftemangels abzumildern, ist die Vertei- lung der Aufgaben auf neue Berufsgruppen wie z.B. auf die operations- bzw. anästhe- sietechnischen Assistenten (OTA/ ATA). Während sich diese Berufsbilder bereits in einigen Krankenhäusern erfolgreich etabliert haben, ist die Entwicklung des sogenann- ten „Medizinischen Assistenten für Anästhesie“ (MAfA), der von dem privaten Klinikkon- zern HELIOS Kliniken zeitweilig für die Überwachung der Narkose eingesetzt wurde, mittlerweile zum Erliegen gekommen (Blum et al. 2013, S. 7). Grund dafür war heftiger Protest der ärztlichen Verbände sowie ein Narkosezwischenfall mit Herzstillstand und irreparabler Hirnschädigung eines Patienten. In der Folge wurde dieses Konzept 2005 eingestellt (Flintrop 2007, S. A 694; Kummer 2010).

Ein weiteres Konzept gegen den Personalnotstand hat die Personaldienstleistungs- firma Trenkwalder Medical Care (kurz: Trenkwalder) entwickelt. Sie bildet Rettungsas- sistenten zu „Pflegeassistenten für Funktionsbereiche“ aus. Damit möchte sie laut Hei- merl, Prokurist der Firma, den betroffenen Kliniken „(...) erstmals einen konkreten prak- tikablen und nachhaltigen Lösungsansatz im Kampf gegen die Personalmisere“ bieten (Heimerl 2011b, S. 33). Da ihr Arbeitsalltag viele Parallelen zu den Tätigkeiten in den Funktionsbereichen wie z.B. in der Anästhesie aufwiese, nur dass er sich nicht inner- halb der Klinik, sondern direkt am Einsatzort abspiele, scheint diese Berufsgruppe geeignet, um sie in diesen Bereichen einzusetzen (ebd.). Allerdings wirft dieses neue Einsatzfeld für weitergebildete Rettungsassistenten im Anästhesiefunktionsdienst zum einen haftungsrechtliche und organisatorische wie auch berufspolitische Fragen auf.

Zielsetzung

Diese Bachelorarbeit untersucht dieses neue Einsatzfeld mit Hilfe der Fachliteratur und den gesetzlichen Rahmenbedingungen und überprüft, inwieweit weitergebildete Rettungsassistenten im Anästhesiefunktionsdienst aus haftungsrechtlicher, organisatorischer und berufspolitischer Sicht eingesetzt werden können.

Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung wird in Kapitel zwei zunächst die Methodik der Literaturrecherche erklärt. Im Anschluss daran widmet sich Kapitel drei dem Berufsbild des Rettungsassis- tenten. Das darauffolgende Kapitel stellt das Weiterbildungskonzept vor, das Rettungs- assistenten zu „Pflegeassistenten für Funktionsbereiche“ weiterbildet. Hintergrund, Ziel, Umfang und Inhalt dieser speziellen Weiterbildung werden vorgestellt. Anschlie- ßend wird der Operationsbereich beleuchtet. Insbesondere der Anästhesiefunktions- dienst, in dem die Rettungsassistenten nach der Weiterbildung eingesetzt werden kön- nen, wird näher betrachtet.

Nach dieser Darstellung folgt die Analyse. In der ersten Analyse wird die Einsetzbarkeit von weitergebildeten Rettungsassistenten aus haftungsrechtlicher Sicht geprüft. In die- sem Zuge werden haftungsrechtliche Voraussetzungen und Einschränkungen themati- siert. Die zweite Analyse rückt das neue Einsatzfeld aus organisatorischer Sicht ins Blickfeld. In diesem Analyseteil wird dargestellt, welcher organisatorischer Strukturen es bedarf, damit der Einsatz von weitergebildeten Rettungsassistenten gelingen kann. Die dritte Analyse ergründet das Einsatzfeld aus berufspolitischer Sicht. Es werden Stellungnahmen aus der Fachöffentlichkeit einbezogen und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Kapitel acht führt die vorangegangenen Analyseergebnisse zusammen. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse diskutiert. Das zehnte Kapitel setzt ein Fazit. Das letzte Kapitel gewährt schlussendlich einen Ausblick.

1 Methodik der Literaturrecherche

Dieses Kapitel beschreibt die Instrumente und Vorgehensweise die zur Überprüfung der Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten aus haftungsrechtlicher, organisatorischer und berufspolitischer Sicht gewählt wurde. Anschließend wird der Forschungsstand dargestellt und ein Fazit bezüglich der durchgeführten Literaturrecherche gezogen.

1.1 Instrumente und Vorgehensweise

Die Recherche erstreckte sich über die Datenbank „ Carelit “, über den Online-Katalog (OPAC) der Bibliothek der Fachhochschule Frankfurt am Main sowie über die Internet- plattform „ SpringerLink “ des Springer Verlags. Mit den Stichwörtern „Pflegeassistent für Funktionsbereiche“; „Pflegeassistent“; „Rettungsassistent“ bzw. „Rettungsdienst“ und „Anästhesie“ bzw. „Klinik“; „Delegation“; „Übertragung von pflegerischen bzw. ärztlichen Tätigkeiten“; „Arbeitsteilung“; „Aufgabenteilung“ lag der Fokus der Literatursuche auf deutschsprachiger und frei zugänglicher Literatur. Zunächst wurde nach Literatur gesucht, die sich explizit mit dem neuen Einsatzfeld der weitergebildeten Rettungsas- sistenten beschäftigen. Die Suche wurde thematisch immer weiter ausgeweitet.

Neben der Datenbanksuche wurde die Literaturrecherche mit den oben genannten Stichwörtern mithilfe der Internetsuchmaschine „ Google “ ergänzt.

Des Weiteren erfolgte eine Suche nach (haftungs-)rechtlichen und managementbezogenen Veröffentlichungen zum Thema „Übertragung von pflegerischen bzw. ärztlichen Tätigkeiten“, „Arbeitsteilung“, „Aufgabenteilung“ in den Bibliotheken der Fachhochschule Frankfurt am Main und der deutschen Nationalbibliothek.

Zudem wurden die Internetseiten der relevanten Berufs- und Fachverbände zur Thematik gesichtet.

1.2 Forschungsstand der Thematik

Insgesamt widmen sich zwei Artikel von Heimerl ausführlich mit der neuen Weiterbil- dung und dem neuen Einsatzfeld der Rettungsassistenten (Heimerl 2011a, S. 528-531 und Heimerl 2011b, S. 32-34). Ein weiterer Artikel ohne Verfasser (o.V. 2011, S. 47) sowie ein Zeitungsartikel (Giaramita 2011) beleuchten ebenfalls dieses neue Weiterbil- dungskonzept für Rettungsassistenten. Der Artikel „Falsches Signal?“ (Booke et al. 2012, S. 62-64) gibt zwei gegensätzliche Expertenmeinungen bezüglich des neuen Einsatzfeldes wieder. Darüber hinaus lässt sich eine kritische Stellungnahme der Deut- schen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) (Ullrich und Stolecki 2011) sowie eine Beschreibung des Weiterbildungskonzeptes auf der Inter- netseite der Personaldienstleistungsfirma (Trenkwalder Medical Care) und des Ausbil- dungsträgers medakademie Berlin (medakademie Berlin) finden.

Zahlreiche Studien und Artikel beschäftigen sich indes mit der Übertragung von ärztlichen bzw. pflegerischen Tätigkeiten im Allgemeinen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen und (haftungs-)rechtliche Gutachten sowie Stellungnahmen zur Arbeitsteilung im Gesundheitssektor und zur Delegation pflegerischer bzw. ärztlicher Tätigkeiten auf Assistenzkräfte bzw. nichtärztliches Personal.

1.3 Fazit der Literaturrecherche

Die spezielle Weiterbildung von Rettungsassistenten zu „Pflegeassistenten für Funktionsbereiche“ sowie das spezielle Einsatzfeld von Rettungsassistenten in der Funktionspflege ist in der Literatur bisher noch nicht sachlich fundiert erörtert worden. Die genannten Artikel konnten zwar in die vorliegende Arbeit miteinbezogen werden, reichten jedoch nicht aus, um die Thematik ausführlich und objektiv zu beleuchten. Dementsprechend wurde auf die zahlreichen Studien, Gutachten, Artikel und Stellungsnahmen zurückgegriffen, die sich allgemein mit der Übertragung von ärztlichen bzw. pflegerischen Tätigkeiten auf andere Berufsgruppen beschäftigen.

Die gefundene Literatur bot insgesamt eine solide Grundlage, um das Einsatzfeld der Rettungsassistenten aus den drei Perspektiven (haftungsrechtlich, organisatorisch und berufspolitisch) zu beleuchten. Gleichwohl bleibt anzumerken, dass dieses neue Einsatzfeld noch nicht ausreichend in der Pflegewissenschaft und unter den Berufs- und Fachverbänden diskutiert wurde.

2 Berufsbild des Rettungsassistenten

Das Rettungswesen in der Bundesrepublik Deutschland umfasst neben dem Notarzt auch nichtärztliches Personal wie Rettungsassistenten, Rettungssanitäter und Ret- tungsdiensthelfer. Vor 1977 war die Ausbildung des Rettungsdienstpersonals nicht geregelt. Am 20.09.1977 wurde ein so genanntes 520-Stunden-Programm zur Ausbil- dung der Rettungssanitäter durch einen Bund-Länder-Ausschuss Rettungswesen ver- abschiedet (Lipp 2000, S. 152-153). Erst durch das Rettungsassistentengesetz (Ret- tAssG), das am 10.Juli 1989 in Kraft trat, wurde das Berufsbild des Rettungsassisten- ten geschaffen (Bundesministerium der Justiz, S. 1 RettAssG). Aufgrund der Verände- rungen im modernen Rettungsdienst soll ab dem 01.01.2014 das Gesetz über den Beruf der Notfallsanitäterin und des Notfallsanitäters (NotSanG) in Kraft treten. Der Gesetzesentwurf sieht eine Reihe von Neuregelungen der Rettungsassistentenausbil- dung vor. So wird die Ausbildungsdauer von bisher zwei auf drei Jahre verlängert und die Berufsbezeichnung geändert. Außerdem wird die Vernetzung des theoretischen und praktischen Unterrichts mit der praktischen Ausbildung verbessert und eine Ausbil- dungsvergütung eingeführt (BT-Drs. 608/12 2012, S. 2).

2.1 Ziel und Zugangsvoraussetzung der Ausbildung

Die Berufsausübung und -bezeichnung sowie die praktische und theoretische Ausbil- dung legt also derzeit noch das RettAssG und die dazugehörige Ausbildungs- und Prü- fungsverordnung für Rettungsassistentinnen und Rettungsassistenten (RettAssAPrV) fest. Durch die Ausbildung soll der Rettungsassistent dazu befähigt werden, am Notfall- ort bis zum Eintreffen des Notarztes lebensrettende Maßnahmen bei Notfallpatienten durchzuführen. Er soll nach der Ausbildung in der Lage sein, die Transportfähigkeit sol- cher Patienten herzustellen, die lebenswichtigen Körperfunktionen während des Trans- portes zum Krankenhaus zu beobachten und aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus soll er dazu im Stande sein, kranke, verletzte und sonstige hilfsbedürftige Personen auch soweit sie nicht Notfallpatienten sind, unter sachgerechter Betreuung, zu befördern (Bundesministerium der Justiz, § 3 RettAssG).

Voraussetzung für den Zugang zum Lehrgang ist die Vollendung des 18.Lebensjahres und die gesundheitliche Eignung zur Ausübung des Berufs. Außerdem wird ein Hauptschulabschluss bzw. eine gleichwertige Schulbildung oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verlangt (Bundesministerium der Justiz, § 5 RettAssG).

2.2 Dauer und Umfang der Ausbildung

Der Lehrgang wird an staatlich anerkannten Schulen für Rettungsassistenten durchgeführt und dauert in Vollzeitform zwölf Monate. Er besteht aus mindestens 1.200 Stunden theoretischer und praktischer Ausbildung und schließt mit einer staatlichen Prüfung ab (Bundesministerium der Justiz, § 4 RettAssG). Examinierte Pflegekräfte, Angehörige des Sanitätsdienstes von Polizei, Bundeswehr und Feuerwehr sowie für Personen des Rettungsdienstes, die vor dem RettAssG die Ausbildung absolviert haben, können die Ausbildung unter Anrechnung der bisherigen Berufsausbildung um 600 Stunden verkürzen (Bundesministerium der Justiz, § 8 RettAssG).

Nach erfolgreicher Absolvierung der Prüfung, folgt eine mindestens 1.600 Stunden umfassende Tätigkeit in einer ermächtigten Einrichtung des Rettungsdienstes unter Aufsicht eines Rettungsassistenten (Bundesministerium der Justiz, § 7 RettAssG).

Nachdem diese praktische Tätigkeit abgeleistet wurde und keine gesundheitlichen Bedenken oder sonstigen Hinderungsgründe dagegen sprechen, wird die Erlaubnis zum Führen der Berufsbezeichnung erteilt (Bundesministerium der Justiz, § 2 Ret- tAssG).

3 Weiterbildung der Rettungsassistenten zum „Pflege- assistenten für Funktionsbereiche“

In diesem Kapitel wird nun das Weiterbildungskonzept dargestellt, das Rettungsassis- tenten zu „Pflegesassistenten für Funktionsbereiche“ z.B. für die Anästhesie fortbildet.

3.1 Hintergrund

Im Herbst 2009 trat die Personaldienstleistungsfirma Trenkwalder an das Deutsche Herzzentrum München (DHM) heran, ob sie Praktikumsplätze für die Erprobung eines neuen Weiterbildungskonzeptes bereitstellen wolle. Nach intensiven Gesprächen wurde diese Zusammenarbeit in Form eines Pilotprojektes beschlossen. Anfang 2010 startete das Projekt mit drei speziell ausgewählten Rettungsassistenten. Die Teilneh- mer wurden zu Intensivpflegeassistenten (IPA) weitergebildet und anschließend auf einer herzchirurgischen Intensivstation eingesetzt (Heimerl 2011a, S. 530).

Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem Pilotprojekt begann die Firma im Mai 2011 die erste reguläre Weiterbildung in Frankfurt am Main (Giaramita 2011).

Inzwischen hat die Firma Trenkwalder u.a. den staatlich anerkannten Ausbildungsträger medakademie Berlin als Partner gefunden, der nun über das lokale Angebot hinaus bundesweit Kurse anbietet, um die Rettungsassistenten auf den Einsatz in den Kliniken vorzubereiten (o.V. 2011, S. 47).

3.2 Weiterbildungsziel

Ziel der Weiterbildung ist, den Rettungsassistenten das nötige Fachwissen zu vermit- teln. Dadurch sollen sie Sicherheit erlangen, um das Pflegefachpersonal in dem jeweili- gen Klinikbereich zu entlasten. Im Wesentlichen knüpft das Konzept an dem vorhande- nen Wissen der Rettungsassistenten an. Zusätzlich werden neue Inhalte gezielt vermit- telt. Das Konzept wird bei jeder Weiterbildung individuell an die Bedürfnisse der jeweili- gen Klinik und an die jeweils spezifischen Erfordernisse der Abteilung angepasst, in welcher die Teilnehmer anschließend eingesetzt werden (Heimerl 2011a, S. 529).

Nach Angaben von Heimerl, hat bereits die Auswahl der Teilnehmer eine Schlüsselfunktion, da nicht alle Bewerber für das neue Tätigkeitsfeld geeignet sind. Kriterien sind u.a. eine besondere Affinität zum klinischen Arbeitsumfeld oder mehrere geleistete Praktika im jeweiligen Einsatzgebiet (Heimerl 2011b, S. 34).

Trenkwalder übernimmt hierfür das Recruiting mit entsprechender Vorauswahl der Bewerber. Hierzu werden die Rettungsassistenten durch eine mündliche und schriftli- che Prüfung sowie durch ein ausführliches Bewerbungsgespräch auf ihre Eignung hin geprüft. Laut Heimerl reduziert sich dadurch die Abbrecher-Quote auf ein Minimum und es kämen schließlich nur geeignete Rettungsassistenten in der Klinik zum Einsatz (ebd.).

Nach dieser Vorauswahl werden die Kandidaten interessierten Kliniken vorgestellt. Kann der Bewerber von sich überzeugen, wird er am Klinikum angestellt. Trenkwalder veranschlagt für diese Dienstleistung eine Vermittlungsgebühr. Die Kandidaten absol- vieren sodann eine viermonatige Weiterbildung bei einem Ausbildungsträger und beginnen anschließend die Arbeit in der jeweiligen Abteilung der Klinik ((ebd.), (Heimerl 2011c)).

3.3 Umfang und Inhalt der Weiterbildung

Die insgesamt 480 Stunden der Weiterbildung verteilen sich laut Trenkwalder auf 320 Stunden theoretischen und fachpraktischen Unterricht sowie auf 160 Stunden Berufs- praktika. Die Weiterbildung lehnt sich dabei an die Empfehlung der Deutschen Kran- kenhausgesellschaft (DKG) für die Fachweiterbildung Anästhesie und Intensivmedizin an und ist von der Bundesagentur für Arbeit zertifiziert. Somit ist eine Förderung über die Bundesagentur für Arbeit möglich. Der theoretische Unterricht unterteilt sich in fünf Bereiche (Tabelle 1) und wird von Lehrern für Pflegeberufe, Fachärzten, Fachkranken- pflegern, Psychologen und Pharmakologen etc. gestaltet (Trenkwalder Medical Care).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Unterrichtsschwerpunkte in der Weiterbildung zum „ Pflegeassistenten für Funktions dienste “ (vgl. Trenkwalder Medical Care)

Der Schwerpunkt des 160 Stunden umfassenden Praxisteils wird je nach Modul festgelegt und kann in folgenden Abteilungen erfolgen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am Ende der Weiterbildung erfolgt eine Abschlussprüfung, bestehend aus drei Teilen (schriftlich, praktisch und mündlich). Nach dem erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat (Trenkwalder Medical Care). Die Qualifikation zum "Pflegehelfer" ist in der Weiterbildung enthalten (Heimerl 2011a, S. 529).

4 Der Operationsbereich

Bevor analysiert wird, inwieweit die zuvor beschriebenen weitergebildeten Rettungsassistenten Aufgaben im Anästhesiefunktionsdienst übernehmen können, werden in diesem Abschnitt die Tätigkeiten der Anästhesiefachkräfte beschrieben.

4.1 Aufbau- und Ablauforganisation im OP-Bereich

Der Operationsbereich ist das Nadelöhr und zugleich das Herzstück im Wirtschaftsbetrieb Krankenhaus. Nirgendwo sonst arbeiten auf engstem Raum so viele, fachlich hoch qualifizierte Mitarbeiter zusammen wie in der operativen Patientenversorgung (Busse 2011, S. 1). Aus diesem Grund herrscht im OP-Bereich auch das Prinzip der präzisen Aufgabenteilung (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Berufsverband Deutscher Anästhesisten 2011, S. 9).

Dieses Prinzip bietet die beste Gewähr zur Vorbeugung vermeidbarer Risiken für den Patienten und sorgt für eine reibungslose und rasche Abwicklung des Operationspro- grammes. Dies entspricht auch den Erfordernissen einer effektiven und wirtschaftlichen Behandlungsweise. Die Operateure sind entsprechend dieses Grundsatzes für die Pla- nung und die Durchführung des operativen Eingriffs zuständig und verantwortlich. Der Anästhesist ist für die Planung und Durchführung des Betäubungsverfahrens und für die Überwachung und Aufrechterhaltung der vitalen Funktionen verantwortlich (ebd.).

In Anlehnung an diese Strukturen hat sich auch der Pflegefunktionsdienst in die Berei- che Anästhesie- und OP-Dienst unterteilt (Grüning et al. 2006, S. 5). Der Anästhesie- funktionsdienst hat eine herausragende Stellung. Er übernimmt eine Reihe von Aufga- ben, um einen reibungslosen OP-Ablauf zu garantieren. Diese einzelnen Tätigkeiten lassen sich in „patientenfern“ und „patientennah“ gliedern. Der Begriff „patientenfern“ bezeichnet, dass eine Anwesenheit oder Teilnahme des Patienten nicht erforderlich ist. Im Gegenzug erfolgen patientennahe Tätigkeiten überwiegend direkt am Anästhesiear- beitsplatz und erfordern die Anwesenheit des Patienten (vgl. Offermanns und Berg- mann 2010, S. 16).

4.2 Patientenferne Tätigkeiten im Anästhesiefunktionsdienst

In dem Bereich der patientenfernen Tätigkeiten übernimmt die examinierte Pflegekraft vor allem Aufgaben in der anästhesiologischen Logistik. Hier fällt ihr Zuständigkeitsbe- reich in die:

- Bevorratung von Medikamenten,
- Aufrechterhaltung von Sterilgut und anderem Material,
- Überwachung von Verfallsdaten,
- Bevorratung des Tagesbedarf in den OP-Sälen

(Grüning et al. 2006, S. 57).

4.3 Patientennahe Tätigkeiten im Anästhesiefunktionsdienst

Am Anästhesiearbeitsplatz arbeitet der Anästhesist im Regelfall mit einer weiteren (Fach-)Pflegekraft zusammen (Grüning et al. 2006, S. 158). Dieses Verhältnis zwi- schen Arzt und nicht ärztlichem Mitarbeiter wird als vertikale Arbeitsteilung bezeichnet (Großkopf und Klein 2012, S. 219). Der Anästhesist hat dabei die Möglichkeit, Aufga- ben an die Pflegefachkraft zu delegieren. Der Begriff der Delegation stammt aus dem juristischen Kontext und meint „(...) eine Übertragung von beruflichen Tätigkeiten von einer Berufsgruppe auf eine andere, wobei die Übertragung jeweils angeordnet wird.“ (BT-Drs. 16/6339 2007, S. 54) Das Potenzial der Übertragung von ärztlichen Tätigkei- ten auf das nicht ärztliche Personal ist im Anästhesiebereich eingeschränkt, da die Delegation von Aufgaben nur erfolgen darf, soweit sie dem Arzt nicht vorbehalten sind (Laufs 2002, § 101 Rn 11).

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) haben zur Orientierung im beruflichen Alltag eine gemeinsame Entschließung herausgebracht, die die Möglichkeiten der Delegation vor dem Hintergrund der Anästhesiephasen unterscheidet (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Berufsverband Deutscher Anästhesisten 2011, S. 62).

4.3.1 Tätigkeiten bei der Anästhesievorbereitung

In der Vorbereitungsphase zur Narkose betreut das Krankenpflegepersonal den Patien- ten und bereitet die Anästhesie vor. Die besondere psychische Belastung des Patien- ten verlangt vor allem situationsbezogenes und empathisches Handeln. Im Sinne des Pflegeprozesses nimmt sich die Pflegekraft dieser Ausnahmesituation für den Patien- ten an und führt entsprechende Maßnahmen durch. Diese werden im Anschluss am Ergebnis geprüft.

Die Interventionen werden Mithilfe aktueller Richtlinien, evidence-basiertem Wissen aus der Pflegewissenschaft oder den Bezugswissenschaften durchgeführt und sollen dem Patienten Wohlbefinden sowie das Gefühl von Sicherheit vermitteln (Deutsche Krankenhausgesellschaft 2011, S. 53).

Neben der Betreuung kann die Vorbereitung und Überprüfung von Medikamenten und der erforderlichen medizinischen Gerätschaften, der Gerätecheck sowie das Legen von periphervenösen Verweilkanülen generell auf das Krankenpflegepersonal delegiert werden (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Berufsver- band Deutscher Anästhesisten 2011, S. 62). Dies erfordert umfangreiches pharmakolo- gisches und technisches Wissen über Arzneimittel und eingesetzte medizinische Geräte. Des Weiteren benötigt das Pflegefachpersonal ausreichende Kenntnisse über die Grundlagen der Hygiene, des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung (Grüning et al. 2006, S. 57).

[...]


* Der Verfasser erlaubt sich, bei weiblichen und männlichen Personen in der Regel die männliche oder neutrale Anrede zu nutzen. Die nicht genannte weibliche Anredeform ist selbstverständlich jeweils mit ein- geschlossen.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten im Anästhesiefunktionsdienst. Die haftungsrechtliche, organisatorische und berufspolitische Sicht
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
42
Katalognummer
V338536
ISBN (eBook)
9783668282445
ISBN (Buch)
9783668282452
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegeassistent, Rettungsassistent Anästhesie, Anästhesiefunktionsdienst, Delegation, Haftung, Haftungsrecht, Pflegeassistenz, Rettungsassistent
Arbeit zitieren
B.Sc. Christian Schneider (Autor), 2013, Die Einsetzbarkeit von Rettungsassistenten im Anästhesiefunktionsdienst. Die haftungsrechtliche, organisatorische und berufspolitische Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338536

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