In Deutschland wachsen immer mehr Kinder zweisprachig oder binational auf. Dabei steht auch heutzutage oft noch das Vorurteil, dass Mehrsprachigkeit Kinder überfordere und so keine von beiden Sprachen richtig gelernt werde, im Raum. Doch aktuelle Forschungen belegen: Kinder, die in jungen Jahren zweisprachig aufwachsen, sind geistig flexibler und leistungsfähiger in ihrer Wahrnehmung.
Doch leider sind im Bildungssystem nur die Sprachen, denen ein hohes Prestige zugesprochen wird, stark vertreten. Dies sind zumeist Englisch, Französisch, Latein oder Spanisch. Die Mehrheit der Kinder in Deutschland, die aus Migrationsgründen zweisprachig aufwächst, spricht aber neben Deutsch u.a. Türkisch, Russisch oder Polnisch. Es drängen sich Fragen auf: Geht unsere Gesellschaft mit Kindern, die in einer prestigeträchtigen Sprache und Deutsch aufwachsen anders um, als mit Kindern die migrationsbedingt mit einer anderen Sprache und Deutsch aufwachsen? Und haben Kinder, die mit einer dieser angeseheneren Sprachen aufwachsen, mehr Bildungschancen und damit später bessere Berufsmöglichkeiten als zweisprachige Kinder mit Migrationshintergrund?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Unterschiedliche Arten von Mehrsprachigkeit
3. Ingrid Gogolin zum Thema Mehrsprachigkeit
3.1 Von der Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit
3.2 Bildungssprache
4. Pierre Bourdieus Kapitaltheorie in Bezug zur Mehrsprachigkeit
4.1 Die Theorie
4.2 Mehrsprachigkeit als Kapital
5. Bildungswissenschaftliche Perspektive
5.1 Aktueller Stand und Chancen
5.2 Die Didaktik der Mehrsprachigkeit
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Diskrepanz in den Bildungschancen zwischen Kindern, die aufgrund ihrer Herkunft zweisprachig aufwachsen, und jenen, die gezielt bilingual gefördert werden. Dabei wird analysiert, wie unsere Gesellschaft mit diesen unterschiedlichen Formen der Mehrsprachigkeit umgeht und inwiefern der theoretische Kapitalbegriff nach Bourdieu zum Verständnis dieser Bildungsungleichheiten beitragen kann.
- Analyse der Bedeutung von Mehrsprachigkeit im gesellschaftlichen und bildungspolitischen Kontext
- Untersuchung des Konzepts der "Bildungssprache" nach Ingrid Gogolin als Barriere im Schulsystem
- Anwendung der Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu auf den Nutzen und die Transformierbarkeit von Mehrsprachigkeit
- Vorstellung und Diskussion der "Didaktik der Mehrsprachigkeit" nach Rita Zellerhoff als pädagogischer Lösungsansatz
Auszug aus dem Buch
4.2 Mehrsprachigkeit als Kapital
Nachdem nun erklärt wurde, welche Kapitalarten Bourdieu vorstellt, stellt sich die Frage, ob Sprache oder genauer gesagt Mehrsprachigkeit zu einer der vorgestellten Kapitalarten passt, und wenn ja, welchen Nutzen sie in Bezug auf die Kapitaltransformation hat, besonders wenn sie aus einer Migration heraus entsteht. Henkelmann zufolge hat ein Mensch mit Migrationshintergrund, der studiert und später einen akademischen Beruf ergreift, meistens erst einmal keine Vorteile von seiner Mehrsprachigkeit. Die dominierende Sprache am Arbeitsplatz wird anerkannt und gesprochen. Die Anerkennung im Beruf erfolgt aus der Kombination des Sprachvermögens in der, am Arbeitsplatz anerkannten, Sprache und der Fachkompetenz (Henkelmann, 2012, S.213). In solchen Situation bringt eine Mehrsprachigkeit also grundlegend kein Kapital mit sich. Erst dann, wenn es darum geht, die zweite Sprache in seinem Beruf anzuwenden, kann man davon sprechen, Kapital zu benutzen.
Die Zweisprachigkeit kann, nach den vorangegangenen Betrachtungen, am ehesten als kulturelles Kapital bezeichnet werden. Sie kann nicht einfach von jetzt auf gleich erworben werden, sondern mit der Zeit, z.B. bei der Erziehung, wird sie inkorporiert. Bei Dolmetscherarbeiten z.B. wird die Zweisprachigkeit als inkorporiertes kulturelles Kapital dazu genutzt, ökonomisches Kapital zu erwerben. Auch bei Arbeiten mit ausländischen Unternehmen, bei denen man seine Sprachkenntnisse einbringen kann, wird die Zweisprachigkeit von kulturellem Kapital in ökonomisches Kapital transformiert. Hierbei muss wieder der Unterschied zwischen den verschiedenen Sprachen gemacht werden. Englisch, als internationale Sprache, kann hierbei öfter genutzt werden, um buchstäblich Kaptial zu schlagen, als z.B. türkisch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach den Bildungsunterschieden von Kindern je nach Ursprung ihrer Mehrsprachigkeit.
2. Unterschiedliche Arten von Mehrsprachigkeit: Es erfolgt eine begriffliche Differenzierung zwischen gezielt geförderter Mehrsprachigkeit und Mehrsprachigkeit als Folge von Migration sowie eine Diskussion der damit verbundenen Vor- und Nachteile.
3. Ingrid Gogolin zum Thema Mehrsprachigkeit: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung hin zum einsprachigen Staatsideal und identifiziert die sogenannte Bildungssprache als zentrale Hürde für Kinder mit Migrationshintergrund.
4. Pierre Bourdieus Kapitaltheorie in Bezug zur Mehrsprachigkeit: Die Kapitalarten nach Bourdieu werden eingeführt und auf die Frage angewandt, unter welchen Bedingungen Mehrsprachigkeit als wertvolles Kapital in ökonomische Vorteile transformiert werden kann.
5. Bildungswissenschaftliche Perspektive: Neben einer Bestandsaufnahme aktueller Ansätze wird die Didaktik der Mehrsprachigkeit nach Rita Zellerhoff als zukunftweisendes Konzept zur Förderung in Schulen vorgestellt.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird konstatiert, dass ein gesellschaftlicher Perspektivwechsel hin zu einer pluristischen Schule notwendig ist, um die Potenziale mehrsprachiger Kinder vollständig auszuschöpfen.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Bildungssprache, Kapitaltheorie, Pierre Bourdieu, Ingrid Gogolin, Migrationshintergrund, Bildungschancen, Didaktik der Mehrsprachigkeit, Rita Zellerhoff, sprachliche Bildung, Inkorporiertes kulturelles Kapital, Sprachförderung, Monolinguismus, Plurismus, Bildungsungleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Bewertung von Mehrsprachigkeit und untersucht die ungleichen Bildungschancen von Kindern, abhängig davon, ob ihre Mehrsprachigkeit aus familiärer Migration stammt oder gezielt bilingual gefördert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang von Sprache und Bildungschancen, die Theorie des kulturellen Kapitals nach Pierre Bourdieu sowie pädagogische Konzepte wie die Didaktik der Mehrsprachigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, warum Kinder mit Migrationshintergrund im Bildungssystem benachteiligt werden, während andere Formen der Mehrsprachigkeit positiv sanktioniert werden, und wie dieser Ungleichheit entgegengewirkt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Aufarbeitung wissenschaftlicher Literatur zur Bildungssoziologie, Sprachforschung und pädagogischen Didaktik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Bildungssprache nach Gogolin, die Anwendung der Kapitaltheorie von Bourdieu sowie die Diskussion didaktischer Lösungsansätze für das Schulsystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Mehrsprachigkeit, Bildungssprache, Kapitaltheorie, Migrationshintergrund, Chancengleichheit und didaktische Konzepte.
Wie unterscheidet sich die "Bildungssprache" von der Alltagssprache?
Laut Gogolin unterscheidet sich die Bildungssprache von der Alltagssprache auf lexikalisch-semantischer, morpho-syntaktischer, struktureller und textueller Ebene; sie ist die Sprache, die in formellen Bildungssituationen erwartet wird.
Kann Mehrsprachigkeit laut Bourdieu immer als Kapital genutzt werden?
Nicht zwingend; laut Bourdieu hängt die Nutzbarkeit von der Transformierbarkeit in andere Kapitalarten (z.B. ökonomisches Kapital) ab, was bei sogenannten Migrantensprachen aufgrund geringerer gesellschaftlicher Anerkennung oft schwieriger ist als bei Prestigesprachen.
Was fordert Rita Zellerhoff für eine erfolgreiche Didaktik der Mehrsprachigkeit?
Sie fordert eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit, eine emotionale Lernatmosphäre und ein Umdenken der Lehrkräfte, um Sprache in allen Fächern als fächerübergreifende Aufgabe zu etablieren.
- Citar trabajo
- Jannis Ender (Autor), 2015, Zweisprachigkeit als Kapital in unserer Gesellschaft. Soziologische und bildungswissenschaftliche Perspektiven, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339069