Raumsemantische Analyse der Kleist'schen Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter postkolonialen Gesichtspunkten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Konzept der Raumsemantik

2. Die oppositionellen semantischen Räume in „Die Verlobung in St. Domingo“

3. Kategorien der semantischen Teilräume

4. Die Türschwelle als Ort der eigentlichen Grenzüberschreitung

5. Das Metaereignis

Fazit

Einleitung

Im Jahre 1811 veröffentlichte Heinrich von Kleist die Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“. Die Handlung dieser setzt mit einem Hinweis des Erzählers, man schreibe das Jahr 1803, ein. Zu dieser Zeit befand sich St. Domingo, welches als Ort der Handlung fungiert, bereits seit einigen Jahren inmitten kämpferischer Auseinandersetzungen. Das Gebiet um St. Domingo war von französischen Truppen besetzt und als 1789 die Revolution im Heimatland ausbrach, sehnten sich ebenso die freigelassenen schwarzen Sklaven der Insel nach der Anerkennung ihrer Bürgerrechte, vor allem nach Gleichberechtigung. Die französische Regierung in Paris hatte zuvor beschlossen, der Kolonialversammlung die Entscheidung über das von der Pariser Revolutionsregierung erlassene „Dekret über die Gleichberechtigung der freien Farbigen“ zu überlassen1. Diese lehnte die Forderung ab, weitere Unruhen entfachend. Am 2. April 1792 wurde das Dekret erneut erlassen und führte zur Gleichstellung der freien Schwarzen, welche sich inständig mit der französischen Kolonialmacht verbanden und fortan zusammen mit französischen Truppen gegen die schwarzen Sklaven kämpften. Die Sklaven verbanden sich nun mit den Spaniern, welche den östlichen Teil der Insel besetzten. Folglich waren die Franzosen dazu gezwungen, den Sklaven ihre Freiheit im Gegenzug eines Bündnisses militärischer Art anzubieten. Schließlich wurde der Anführer der Sklaven, Toussaint L'Ouverture Gouverneur der Insel und leitete deren Wiederaufbau ein. Toussaint erließ „ohne die Zustimmung Frankreichs“2 im Jahre 1801 eine neue Verfassung, Napoleon - mittlerweile Frankreichs Machthaber - sorgte sich um einen eventuellen Verlust der Insel und führte letztendlich die Sklaverei wieder ein3.

Im Jahre 1803 brach erneut Krieg zwischen England und Frankreich aus. Dies veranlasste die Engländer zur Unterstützung St. Domingos, in der Hoffnung, somit Napoleons Macht einzudämmen. Die Franzosen fanden sich mit einigen Niederlagen konfrontiert und zogen schließlich ab. Im Januar 1804 verkündete der General Jean Jacques Dessalines folglich „die Unabhängigkeit des Inselstaates unter dem Namen Haiti“4.

In Kleists Novelle wird demnach eines der Schlüsselereignisse der europäischen Expansion verarbeitet, da „mit der Erlangung der Unabhängigkeit Haitis 1804 eine Welle von bürgerlichen und revolutionären Unabhängigkeitskämpfen in Afrika, Asien und Lateinamerika einsetzt[e]“5.

Trotz der offensichtlichen Auseinandersetzung der Novelle mit kolonialen Themen wurde diese im Forschungsdiskurs zunächst nur hinsichtlich anderer Themenstränge - beispielsweise der Beziehung Tonis und Gustavs oder deren Vertrauensmissbrauche betrachtet6. Generell setzte die Postkolonialismus- Forschung in Deutschland verhältnismäßig spät ein, weiterhin sei es in der deutschen Postkolonialismusforschung als schwierig erschienen, von der bloßen Kritik der Werke Edward Saids oder des Terminus des „othering“ abzuweichen7. Gisela Febel führt innerhalb ihres Aufsatzes „Postkoloniale Literaturwissenschaft“ fort, das Ziel der Postkolonialismusforschung solle die Erweiterung des Kanons sein, indem das „postkolonial[istische] Potential“8 aus Texten herausgefiltert wird.

Im Zuge des Aufkommens der Postkolonialismusforschung in Deutschland in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts etablierte sich Kleists Novelle schließlich als „ der <klassische> deutschsprachige Text […], in dem der Kolonialismus eine zentrale Rolle spielt, und während koloniale Themen in der deutschsprachigen Literatur sonst vorwiegend in Unterhaltung-Genres und eher trivialer Manier verhandelt werden, zählt die Verlobung ohne Zweifel zu ihren intrikatesten und ästhetisch anspruchsvollsten Texten“9.

„Die Verlobung in St. Domingo“ als Text, welcher die Kolonialstrukturen des frühen 19. Jahrhunderts veranschaulicht, soll innerhalb dieser Ausführungen dahingehend analysiert werden, inwieweit sich die Ereignisse, welche die Handlung des Textes konstituieren, mit der Theorie des Postkolonialismus in Verbindung bringen lässt.

Der „exzeptionelle Charakter“10 des vorliegenden Textes soll dabei, unter dem Gesichtspunkt des Postkolonialismus, hinsichtlich seiner Struktur unter verschiedenen Aspekten beleuchtet werden.

Kolonialismus bedeutet Expansion, Grenzüberschreitung, Grenzverschiebung sowie die Schaffung neuer Grenzen.

Mit Bezugnahme auf diese Gegebenheiten erscheint es als sinnvoll, sich innerhalb der Analyse vorrangig des Konzepts der Raumsemantik Juri Lotmans zu bedienen, „mit deren Hilfe sich die narrative Tiefenstruktur eines Textes analysieren lässt“11. Die „Grenze“ stellt innerhalb des Raumsemantik- Konzepts die Instanz dar, welche die „Übertragbarkeit von räumlicher Topographie auf räumliche Topologie“12 ermöglicht.

Zunächst erfolgt eine kurze Zusammenfassung von Lotmans Raumsemantik.

1. Das Konzept der Raumsemantik

Der estnische Literaturwissenschaftler und Semiotiker Juri Michailowitsch Lotman (1922-1993) entwickelte einen erzähltheoretischen Ansatz, bei dem die räumliche Organisation erzählender Texte im Vordergrund steht. Sein Ziel ist es, „die Bedeutung von Erzählungen auf der Basis von Gegensatzpaaren durch das Phänomen der Grenzüberschreitung zu bestimmen“13. Lotman beschreibt in seinem Werk Die Struktur literarischer Texte, dass Texte genau dann eine narrative Struktur besitzen, wenn in der von ihm dargestellten Welt ein Ereignis vorkommt.14 Dem Sujet liegt die Vorstellung des Ereignisses zugrunde, welches als „die kleinste unzerlegbare Einheit des Sujetaufbaus“15 gilt und die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes ist.16

Voraussetzung für ein Ereignis sind zwei einander ausschließende Teilordnungen der dargestellten Welt, denen eine Figur nicht gleichzeitig angehören kann.17 Für Jurij M. Lotman stehen das Ereignis oder das Sujet für die zusammenfassende Paraphrase der Handlung und bezeichnen die globale Struktur der Handlung.18

Nach Lotman entsteht ein Sujet aus drei unentbehrlichen Elementen:

1. Ein bestimmtes semantisches Feld, das in zwei sich ergänzende Teilmengen gegliedert ist.
2. Eine Grenze zwischen diesen Teilen, die unter normalen Umständen unüberschreitbar ist, sich jedoch im vorliegenden Fall für den Helden als Handlungsträger doch als überwindbar erweist.
3. Der Held als Handlungsträger.19

Ein Sujet kann von unterschiedlichen Personen unterschiedlich bewertet werden. Es kann als gewichtig, unbedeutend oder sogar als nicht existent eingeschätzt werden. Die Bewertung eines Sujets hängt vom bestehenden System und von der Position ab, aus der man das Ereignis betrachtet. Fest steht jedoch, dass ein Ereignis eine Abweichung von der Norm ist und demnach „ein revolutionäres Element ist, das sich der geltenden Klassifizierung widersetzt“20. Diese Verletzung eines Verbots geht mit der textinhärenten Grenzüberschreitung einher. Solche Texte nennt Lotman sujethaft. Texte, die keine Grenzüberschreitung aufweisen, nennt er sujetlos. Sujetlose Texte sind zum Beispiel Kalender, Telefonbücher oder sujetlose lyrische Gedichte. „Sujetlose Texte haben einen deutlichen klassifikatorischen Charakter; sie bestätigen eine bestimmte Welt und deren Organisation.“21 In solch beschaffenen Texten sind Überschreitungen der Grenze nicht statthaft, da sonst die festgesetzte und bestätigte Ordnung dieser eigenen Welt beschädigt würde.

Ein sujethafter Text beinhaltet eine Welt mit zwei semantischen Teilräumen, die durch eine unüberschreitbare Linie voneinander getrennt sind. Auch in dem sujethaften Text ist es für alle Figuren verboten, die Grenze zu überqueren. Jedoch unterliegen einige Figuren oder eine Gruppe nicht dem Verbot und dürfen eine Grenzüberschreitung vornehmen. Solche Personen nennt Lotman bewegliche und die anderen, denen die Überschreitung der Grenze verwehrt bleibt, unbewegliche Figuren. „Die Unbeweglichen sind der Struktur des allgemeinen sujetlosen Typs unterworfen“22 und gehören zur Klassifikation, die sie bestätigen. Den Beweglichen ist eine Grenzüberschreitung erlaubt.

Ausgangspunkt der Sujetbewegung ist die Differenz zwischen der Freiheit des Helden und das ihn umgebende semantische Feld. Aus diesem versucht er auszubrechen, indem er versucht die Grenze zu überwinden. Dieser Weg ist gesäumt von Hindernissen, die einen Teil der Grenze ausmachen und den Übergang von einem semantischen Feld in das andere erschweren und für alle außer dem Helden als Handlungsträger unmöglich machen.23 Der komplementäre Gegensatz der Teilräume entfaltet sich auf drei Ebenen, auf der topologischen, der semantischen und der topographischen.

a) Der topologische Raum gestaltet sich durch Oppositionen wie hoch vs. tief, links vs. rechts oder innen vs. außen.

b) Diese topologischen Unterscheidungen werden mit semantischen Gegensatzpaaren verbunden, die häufig eine Wertung inne haben, wie z.B. gut vs. böse, vertraut vs. fremd oder natürlich vs. Künstlich.

c) Um die semantisch aufgeladene topologische Ordnung zu konkretisieren, werden topographische Oppositionen der dargestellten Welt hinzugefügt, wie z.B. Berg vs. Tal, Stadt vs. Wald oder Himmel vs. Hölle.24

Topographische Raumgrenzen müssen semantisch und topologisch verschlüsselt sein, um als klassifikatorische Grenze zu gelten. Im Raum der erzählten Welt unterscheidet man aus diesem Grund bloße Bewegungen im topographischen Raum und Überschreitungen der klassifikatorischen Grenze.25

Nach der Überwindung der Grenze tritt der Held aus dem einen semantischen Feld in das Gegenfeld ein. Hier sind jetzt zwei unterschiedliche Szenarien möglich:

1. Die Grenzüberschreitung wird vollzogen. Der Held geht im Gegenfeld auf und wird von einer beweglichen zu einer unbeweglichen Figur. Texte mit einer vollzogenen Überschreitung der Grenzen nennt man revolutionäre Texte. Sie durchbrechen die klassifikatorische Grenze.

2. Die Grenzüberschreitung scheitert oder aber wird vollzogen, aber später wieder rückgängig gemacht, also aufgehoben. Der Held kehrt wieder in seine „alte Welt“ zurück. Diese Texte nennt man restitutive Texte. Sie bestätigen die klassifikatorische Grenze.26

Zudem wird noch zwischen normalen und ranghöchsten Ereignissen unterschieden. Normale Ereignisse lassen die semantische Ordnung der dargestellten Welt bestehen und ihre Strukturierung in komplexe Systeme semantischer Räume aufrechterhalten. Die Figuren überqueren zwar die Grenze, aber die Weltordnung per se bleibt unversehrt.27 Ranghöchste Ereignisse wandeln die Weltordnung der semantischen Räume um und ersetzt sie durch ein anderes System. Es findet ein revolutionärer Wandel statt. Die selbstverständliche Grenzziehung wird ausgemerzt und im Laufe des Erzählzeitsraums durch eine andere Grenzziehung ersetzt.28

[...]


1 Neumeyer, Harald: >Neger- Empörung<. Zur Legitimität von Gewalt in Heinzich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo. In: Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist. Hrsg. von Nicole Pethes. Göttingen: Wallstein 2011. S. 89-133. S.91.

2 Ebd., S. 92.

3 Ebd., S. 92. 1

4 Ebd. S. 93.

5 Rodriguez, Encarnación Gutiérrez: Postkolonialismus: Subjektivität, Rassismus und Geschlecht. In: Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Hrsg. von Ruth Becker et al. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft 2004 (35), S. 239-247. S. 240.

6 Bay, Hansjörg: Germanistik und (Post-)Kolonialismus. Zur Diskussion um Kleists Verlobung in St. Domingo. In: (Post-)Kolonialismus und deutsche Literatur. Impulse der angloamerikanischen Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. von Axel Dunker. Bielefeld: Aisthesis 2005, S. 72.

7 Febel, Gisela: Postkolonialistische Literaturwissenschaft. Methodenpluralismus zwischen Rewriting, Writing back und hybridisierenden und kontrapunktischen Lektüren. In: Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Hrsg. von Julia Reuter et. al. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 229- 249. S. 232.

8 Ebd., S. 232.

9 Bay 2005, S. 72. 2

10 Ebd., S. 71.

11 Köppe, Tilmann/ Winko, Simone: Neuere Literaturtheorien. Eine Einführung, Weimar: Metzler 2008. S. 59.

12 Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft/ Textanalyse, Kiel: Ludwig 2006. S. 300.

13 Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie, München: Beck 82009. S. 144.

14 Vgl.: Titzmann, Michael: Grenzziehung vs. Grenztilgung. Zu einer fundamentalen Differenz der Literatursysteme Realismus und frühe Moderne. In: Weltentwürfe in Literatur und Medien. Hrsg. von Hans Krah et al. Kiel: Ludwig 2002, S. 181-210. S. 181.

15 Lotman, Juri M.: Die Struktur literarischer Texte. München: Fink 31989. S. 330.

16 Vgl.: Ebd., S. 332. 3

17 Vgl.: Titzmann 2002, S. 181.

18 Vgl.: Martinez/Scheffel 2009, S. 140.

19 Vgl.: Lotman 1989, S. 341.

20 Lotman 1989, S. 334.

21 Ebd., S. 336. 4

22 Lotman 1989, S. 338.

23 Vgl.: Ebd., S. 342.

24 Vgl.: Martinez/Scheffel 2009, S. 140 f. 5

25 Vgl.: Ebd., S. 142.

26 Vgl.: Lotman 1989, S. 342; Martinez/Scheffel 2009, S. 142.

27 Vgl.: Titzmann 2002, S. 182.

28 Vgl.: Lotman, S. 342. 6

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Raumsemantische Analyse der Kleist'schen Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter postkolonialen Gesichtspunkten
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V339087
ISBN (eBook)
9783668310476
ISBN (Buch)
9783668310483
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Raumsemantik, Postkolonialismus
Arbeit zitieren
Sarah Steppke (Autor), 2015, Raumsemantische Analyse der Kleist'schen Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter postkolonialen Gesichtspunkten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339087

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