Die Hausarbeit enthält eine raumsemantische Analyse des Kleistschen Erzähltextes "Verlobung in St Domingo" unter postkolonialistsichen Gesichtspunkten.
Kolonialismus bedeutet Expansion, Grenzüberschreitung, Grenzverschiebung sowie die Schaffung neuer Grenzen. Mit Bezugnahme auf diese Gegebenheiten erscheint es als sinnvoll, sich innerhalb der Analyse vorrangig des Konzepts der Raumsemantik Juri Lotmans zu bedienen, „mit deren Hilfe sich die narrative Tiefenstruktur eines Textes analysieren lässt“. Die „Grenze“ stellt innerhalb des Raumsemantik-Konzepts die Instanz dar, welche die „Übertragbarkeit von räumlicher Topographie auf räumliche Topologie“ ermöglicht.
Zunächst erfolgt eine kurze Zusammenfassung von Lotmans Raumsemantik.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das Konzept der Raumsemantik
2. Die oppositionellen semantischen Räume in „Die Verlobung in St. Domingo“
3. Kategorien der semantischen Teilräume
4. Die Türschwelle als Ort der eigentlichen Grenzüberschreitung
5. Das Metaereignis
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter Anwendung der raumsemantischen Theorie von Juri Lotman, um die zugrunde liegenden Kolonialstrukturen des frühen 19. Jahrhunderts zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Ereignisse der Novelle im Kontext postkolonialer Theorien interpretiert werden können und wie räumliche sowie semantische Grenzen die Handlung und Identitätszuschreibungen der Figuren konstituieren.
- Analyse der Raumsemantik nach Juri Lotman als methodischer Rahmen.
- Untersuchung von binären Oppositionen wie Licht/Dunkelheit und Weiß/Schwarz.
- Dekonstruktion von Rollenzuschreibungen im Kontext der kolonialen Krise.
- Analyse der Türschwelle als symbolischer Ort der Grenzüberschreitung.
- Reflektion über die Rolle des Erzählers und die Wahrnehmung von Identität.
Auszug aus dem Buch
3. Kategorien der semantischen Teilräume
Bereits zu Beginn der Erzählung wird deutlich auf die Tageszeit hingewiesen. Congo Hoango zieht „in der Finsternis einer stürmischen und regnigten Nacht“45 los, um General Dessalines Pulver und Blei zu bringen. Scheinbar kann sich der schwarze Hoango trotz der tiefen Dunkelheit problemlos orientieren, wobei Gustav seine Familie in „unsäglich mühevollen Nachtwanderungen“46 in schutzvollere Gefilde führte. Den Schwarzen gehört also die Nacht und der Tag, siehe Gustavs Erläuterung: „[...] da wir uns bei Tage auf der Heerstraße nicht zeigen dürfen“47. Dies ist in Situation eingebettet, in welcher die Novelle spielt. Weiße sind weder tagsüber noch nachts sicher, da sich die Niederlage Napoleons bereits vollständig konstituiert hat.
Gustav klopft an die Tür, wobei nochmals auf die „Dunkelheit der Nacht“48 hingewiesen wird, durch welche er seine Hand steckt als wäre es etwas Materielles, um sie Babekan zu reichen. Offensichtlich ist es dermaßen dunkel, dass der Fremde erst erfragen muss, ob sie „eine Negerinn [sei]“49, obwohl er dies doch hätte erkennen müssen, da sich ihre eventuell weiße Hautfarbe vom Dunkel der Nacht abgehoben hätte. Andererseits erkennt auch Babekan erst „beim Schein des Lichts“50 Gustavs weiße Hautfarbe. Das Licht dient also der Aufdeckung, der Identifikation. So achtet Toni darauf, dass „der volle Strahl [der Laterne] auf ihr Gesicht fiel“51, um sich als halbweiß zu identifizieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den historischen Kontext der Novelle, die postkoloniale Forschungslage in Deutschland und Darlegung des Analysefokus auf Raumsemantik und Kolonialstrukturen.
1. Das Konzept der Raumsemantik: Theoretische Grundlegung des Modells von Juri Lotman, insbesondere der Begriffe Ereignis, Sujet und Grenzüberschreitung im literarischen Text.
2. Die oppositionellen semantischen Räume in „Die Verlobung in St. Domingo“: Analyse der räumlichen Trennung von Haus und Umgebung sowie der kritischen Hinterfragung dieser Trennung durch den Erzähler und die Figurenkonstellation.
3. Kategorien der semantischen Teilräume: Untersuchung der symbolischen Bedeutung von Licht und Dunkelheit als Identifikationsmerkmale und deren Auswirkung auf die Handlung.
4. Die Türschwelle als Ort der eigentlichen Grenzüberschreitung: Diskussion der symbolischen Funktion der Türschwelle als rechtlicher und moralischer Raum sowie der Bedeutung des Gastrechts gegenüber dem geschriebenen Gesetz.
5. Das Metaereignis: Analyse des sexuellen Aktes als endgültige Grenzüberschreitung für die Figur Toni und dessen Folgen für ihre Selbstfindung und ihr Schicksal.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, welche die Kritik am Kolonialismus und die Ablehnung einer simplen Schwarz-Weiß-Sichtweise durch den Autor unterstreicht.
Schlüsselwörter
Raumsemantik, Postkolonialismus, Heinrich von Kleist, Die Verlobung in St. Domingo, Juri Lotman, Grenzüberschreitung, Kolonialstrukturen, Identität, Erzähltheorie, Hautfarbe, Gastrecht, Literaturanalyse, Haiti, Haiti-Revolution, Semantische Räume.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter Zuhilfenahme der raumsemantischen Theorie, um koloniale Machtstrukturen und deren Darstellung im Text zu beleuchten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Themen Kolonialismus, Rassenzugehörigkeit, die Struktur von Innen- und Außenräumen sowie die moralischen Dilemmata der handelnden Figuren in einer Kriegssituation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die narrative Struktur der Novelle aufzudecken, um zu zeigen, dass Kleist keine einseitigen, sondern komplexe, kritische Perspektiven auf die Kolonialzeit entwirft.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine strukturalistische Analyse nach dem Modell von Juri Lotman durchgeführt, ergänzt durch postkoloniale literaturwissenschaftliche Ansätze.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in die Raumsemantik, die Analyse der räumlichen Teilbereiche (Haus vs. Außen), die Symbolik von Licht und Dunkelheit sowie die Bedeutung spezifischer Ereignisse wie des Eintritts über die Türschwelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Schlüsselwörter wie Raumsemantik, Postkolonialismus, Grenzüberschreitung und Identitätszuschreibung sind essenziell für das Verständnis dieser Arbeit.
Warum spielt das Konzept der „Türschwelle“ eine so zentrale Rolle für die Analyse?
Die Türschwelle fungiert als konstitutiver Parameter der Erzählung, der über Leben und Tod entscheidet und den Punkt markiert, an dem sich die ideologischen Fronten der Figuren berühren oder kollidieren.
Welche Bedeutung misst die Autorin der Figur Toni bei?
Toni wird als eine Figur analysiert, die durch das Metaereignis der sexuellen Vereinigung eine moralische Grenzüberschreitung vollzieht, welche zu ihrer Selbstfindung, aber letztlich auch zu ihrem tragischen Tod führt.
- Citar trabajo
- Sarah Steppke (Autor), 2015, Raumsemantische Analyse der Kleist'schen Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ unter postkolonialen Gesichtspunkten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339087