Surrealistische Theatertheorie. Antonin Artaud "Le jet de sang"


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 10


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Artaud im Kreis der Surrealisten – surrealistische Denkkategorien und literaturtheoretische Positionen in Le jet de sang

2.1 Bühnenbilder in Le jet de sang und die Idee einer inneren Gesetzmäßigkeit

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antonin Artaud war ein französischer Schauspieler, Regisseur und Theatertheoretiker. Auf sein Schaffen geht neben weiteren Werken unter anderem dasThéâtre Alfred Jarryund dasThéâtre de la Cruautézurück. Artauds Schaffenszeit als Regisseur und Schauspieler lag Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit entwickelte sich zunehmend die Literaturbewegung des Surrealismus, deren Leitidee es war mit Schriften eine revolutionäre Veränderung des Kunstverständnisses und der Lebenspraxis anzustreben.

Den TheatertextLe jet de sangschrieb Antonin Artaud vor seinen drei großen Schaffensphasen[1]und während seiner Mitgliedschaft im Kreise der Surrealisten.[2]Eigentlich für das, während seiner ersten Schaffensperiode geschriebeneThéâtre Alfred Jarry[3], bietetLe jet de sangbereits erste Eindrücke von Artauds Theatertheorie, die durch die drei Aspekte desTraumtheaters, derImprovisationbeziehungsweise (bzw.) desSpontantheatersund derEinbeziehung des Zuschauersgeprägt sind.[4]

Der EinakterLe jet de sang, der in Schriftform gerade einmal 4 Seiten zählt, besteht aus „assoziativ aneinandergereihten traumartigen Sequenzen“[5]. Die verschiedenen Traumsequenzen bringen eine Unruhe in das Stück und regen den Zuschauer somit zum nachdenken an. DaLe jet de sangaus scheinbar sinnlos aneinander gefügten Szenen besteht, soll näher betrachtet werden, aus welchem Grund Artaud keine sich eindeutig erschließende Handlungskette für die Inszenierung wählte, sondern bewusst auf Unlogik setzte.

Der surrealistische Bezug anLe jet de sangwird vor allem durch die abrupten Brüche zwischen den verschiedenen Sequenzen und durch eindrucksvolle Requisiten, sowie detailliert formulierte Regieanweisungen deutlich. So fallen nach einem Orkan scheinbar wahllos Dinge unterschiedlichster Art (fleischige Beine, Arme, Haare, Masken, Rahmen) vom Himmel.

Diese verschiedenen Bühnenanweisungen bzw. Bühnenbilder vermitteln einen Eindruck der Vorstellungen, die Artaud mit den Möglichkeiten einessurrealistischen Theatersverband.

Für mich stellt sich die Frage, wie Artaud seine surrealistische Theatertheorie und seine Forderungen an ein neues Theater zu Beginn seines Schaffens umsetzt. Dies soll im Rahmen dieser Hausarbeit am Beispiel vonLe jet de sanguntersucht werden.

Hierzu möchte ich zunächst zeigen, welche surrealistischen Kategorien und literaturtheoretischen Positionen des Surrealismus sich inLe jet de sangwiederfinden. Unvermeidbar ist es daher, Artauds Wirken im Kreise der Surrealisten zu betrachten, um erkennen zu können, welche Positionen er mit den Surrealisten teilte und übernahm und welchen er kritisch gegenüberstand. Da die Regieanweisungen und Requisiten einen großen Teil des Stückes einnehmen, soll untersucht werden, was Artaud damit bezwecken möchte, sie den Dialogen des Stückes überzuordnen. Nach der Analyse des Stückes unter genannten Gesichtspunkten steht ein Fazit, das die aufgeworfenen Fragen abschließend beantwortet.

2. Artaud im Kreis der Surrealisten – surrealistische Denkkategorien und literaturtheoretische Positionen in Le jet de sang

Der Begriff Surrealismus setzt sich aus dem Substantiv Realismus und dem Präfix sur (lat./franz.: über) zusammen. Die Bedeutung des Wortes Surrealismus stellt wörtlich also etwas „über-“ realistisches, etwas, das sich nicht im Bewusstsein befindet, dar. Spricht man von Surrealismus, so ist surreal bezeichnend für traumhaft im Sinne von unwirklich.

Um die inLe jet de sangvorkommenden surrealistischen Denkkategorien verständlich darzustellen, ist es nötig, diese zunächst zu erklären und in Artauds präludierende Schaffensphase zeitlich einzuordnen. Die Literaturbewegung des Surrealismus begann in den 1920er Jahren[6]und wurde in ihren Grundzügen vor allem durch André Breton und dessenerstes surrealistisches Manifest(1924) geprägt.[7]Die Entstehung vonLe jet de sangist in die Mitte von Artauds Schaffenszeit im Kreise der Surrealisten (1924-1926)[8]einzuordnen:le jet de sangentstand 1925.[9]Artaud brach 1926 mit den Surrealisten.[10]

Breton, der als Leitfigur des Surrealismus gelten kann, fordert in seinem Manifest „Literatur als Teil einer innovativen Lebensgestaltung, die sich als radikale Kritik an den rationalistisch-logischen Kulturformen der bestehenden Gesellschaft versteht“[11], aufzufassen. Der Kreis der Surrealisten gibt in seinen Leitideen bekannt, mit seinen Schriften eine revolutionäre Veränderung des Kunstverständnisses und der Lebenspraxis anstreben zu wollen.[12]Im Vergleich zu Breton, der das Theater aus kommerziellen Gründen ablehnte[13], sah Artaud im Theater eine Möglichkeit, surrealistische Ideen zu vermitteln.

Artaud stimmt jedoch mit Bretons Forderung überein und setzt sich „eine innere Veränderung des Bewusstseins“[14]als oberstes Ziel, die er vor allem durch eine Verunsicherung des Zuschauers zu erreichen versucht.

InLe jet de sangwird diese Verunsicherung durch die bestimmte Abkehr vom konventionellen Theater realisiert. Artaud bricht mit der bekannten logischen Handlungskette, die der gemeine Theaterbesucher gewohnt ist und ersetzt diese Logik durch Unlogik. Es entsteht eine Zusammenhangslosigkeit einzelner Szenen, die zu einem Stück zusammengeklebt scheinen.

Absurd und für den Theaterbesucher ungewohnt ist direkt der Beginn des Stücks, in dem eine Frau und ein Mann sich ihre Liebe zusprechen. Diese Liebesbekundungen erscheinen jedoch nicht lieblich, sondern bizarr, da Mann und Frau von Mal zu Mal ihre Stimmhöhe und Stimmfarbe ändern, sodass die Frau zuweilen tiefer spricht als der Mann. Artaud setzt hier eine Art sonores Zeichensystem ein. Die andauernden Veränderungen in der Tonhöhe der Stimmen von Mann und Frau bringen eine ungeahnte Unruhe in das Stück. Diese ist von Artaud beabsichtigt[15]und lässt sich auch in weiteren Teilen des Stückes wiederfinden.

Bretons Forderung einer Kritik an den rationalistisch-logischen Kulturformen der Gesellschaft greift Artaud auf und verarbeitet sie ebenfalls inLe jet de sang. Nach den Liebesbekundungen zu Beginn, bricht direkt nachdem der Mann erklärt, die Erde sei gut gebaut, ein Orkan aus. Wiederum nach dem Orkan sieht der Zuschauer zwei gegeneinander schlagende Gestirne auf die herunterfallende Extremitäten, Masken, Kolonnaden u.v.w. folgen. Es ist zu vermuten, dem Zuschauer solle das Gefühl des Endes des Himmels vermittelt werden.

An diese Stelle gehört als Anmerkung, dass Artaud ein ähnliches Ende des Himmels auch im Stückil n’ y a plus de firmament, das das Himmelsende bereits im Namen trägt, inszeniert.

Am Ende der Serie herunterfallender Dinge stehen drei Skorpione, ein Frosch und ein Käfer. Der junge Mann, der nun mit lauter Stimme schreit, erklärt, der Himmel sei verrückt geworden und gibt damit am Ende dieser Sequenz die Kritik Artauds an einer rationalistisch-logischen Kulturform wieder, da mit dem Himmel indirekt Gott gemeint ist.

Nichts von dem, was Artaud in Schriftform auf dieser Seite geschehen lässt, scheint sich logisch erschließen oder erklären zu lassen. Artaud lässt den Zuschauer an der Sinnhaftigkeit zweifeln (Vgl.: „Jeter le specatateur dans le doute cherché“[16]).

[...]


[1]Vgl. Blüher, Karl Alfred,Antonin Artaud und das „Nouveau Théâtre“ in Frankreich, Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1991, S. 15.

[2]Vgl. ebd., S. 17.

[3]Vgl. ebd., S. 42.

[4]Vgl. ebd., S. 40.

[5]Blüher, Karl Alfred,Antonin Artaud und das „Nouveau Théâtre“ in Frankreich, Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1991, S. 42.

[6]Vgl. Antle, Martine,Théâtre et Poésie surréalistes, Birmingham: Summa Publications Inc. 1988, S. 70.

[7]Vgl. Blüher, Karl Alfred,Antonin Artaud und das „Nouveau Théâtre“ in Frankreich, Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1991, S. 19.

[8]Vgl. ebd., S. 16, 17.

[9]Vgl. ebd., S. 42.

[10]Vgl. ebd., S. 16.

[11]Vgl. ebd., S. 19.

[12]Vgl. ebd., S. 17.

[13]Vgl. Blüher, Karl Alfred,Antonin Artaud und das „Nouveau Théâtre“ in Frankreich, Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1991, S. 16.

[14]Vgl. ebd., S. 19.

[15]Vgl. Fischer-Lichte, Erika,Das Drama und seine Inszenierung, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1985, S. 112.

[16]OC II, 17.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Surrealistische Theatertheorie. Antonin Artaud "Le jet de sang"
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Surrealistische Theatertheorie
Note
10
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V339379
ISBN (eBook)
9783668289253
ISBN (Buch)
9783668289260
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
surrealistische, theatertheorie, antonin, artaud
Arbeit zitieren
Niklas Werner (Autor), 2014, Surrealistische Theatertheorie. Antonin Artaud "Le jet de sang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339379

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