Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Erinnerungsstrukturen und -prozessen, bezüglich der Geschehnisse des zweiten Weltkrieges, die in der Kriegs- und den zwei Nachkriegsgenerationen des 20ten Jahrhunderts zum tragen kommen. Dabei wird ein Vergleich mit verschiedenen Figuren aus den Familienromanen Unscharfe Bilder und Himmelskörper gezogen.
Anhand dieser Romane können vor allem Parallelen, aber auch Unterschiede gegenüber der Theorie aufgezeigt werden. Teil eins der Arbeit erörtert dazu den Forschungsstand der literarischen Gattung Familienroman sowie den darin enthaltenen Erinnerungsdiskurs. Um eine Grundlage für die nachfolgende Analyse der Erinnerungsstrukturen zu schaffen, wird in Kapitel zwei anschließend eine knappe Betrachtung der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung sowie eine zeitliche Einordnung der Generationen gegeben, die für diese Arbeit relevant sind.
Auf eine kurze inhaltliche Zusammenfassung der zwei Romane in Kapitel 3.1 und 3.2 folgt, aufbauend auf die im Vorfeld erläuterte Theorie, eine Analyse des unterschiedlichen Umgangs der Generationen mit Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg. Dabei wird die Fragestellung "Wie vollzieht sich Erinnerung in und zwischen den drei Generationen des 20ten Jahrhunderts in Familienromanen?" in den Fokus der Untersuchung genommen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Neuere deutsche Familienromane
1.1 (Literatur-)Geschichtliche Perspektive und Entwicklung
1.2 Forschungsdiskurse in neueren deutschen Familienromanen
2. Inter- und intragenerationelles Erinnern
2.1 Kollektives, kulturelles und kommunikatives Gedächtnis
2.2 Zeitliche Einordnung der Generationen
3. Erinnerungsstrukturen der Kriegs- und der ersten zwei Nachkriegsgenerationen in neueren deutschen Familienromanen
3.1 Unscharfe Bilder
3.2 Himmelskörper
3.3 Erste Generation
3.3.1 Forschungsstand
3.3.2 Vergleich mit Unscharfe Bilder und Himmelskörper
3.4 Zweite Generation
3.4.1 Forschungsstand
3.4.2 Vergleich mit Unscharfe Bilder und Himmelskörper
3.5 Dritte Generation
3.5.1 Forschungsstand
3.5.2 Vergleich mit Unscharfe Bilder und Himmelskörper
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Erinnerungsstrukturen und -prozesse bezüglich der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs in der Kriegsgeneration und den zwei darauf folgenden Nachkriegsgenerationen des 20. Jahrhunderts in neueren deutschen Familienromanen verarbeitet werden. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie vollzieht sich Erinnerung in und zwischen den drei Generationen des 20. Jahrhunderts in Familienromanen?“
- Analyse inter- und intragenerationeller Erinnerungsprozesse.
- Vergleich der Romane „Unscharfe Bilder“ von Ulla Hahn und „Himmelskörper“ von Tanja Dückers.
- Untersuchung von Verdrängung, Schuld und Identitätskonstruktion innerhalb von Familien.
- Rolle von Erinnerungsmedien (z.B. Fotografien) bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte.
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Vergleich mit Unscharfe Bilder und Himmelskörper
In beiden Romanen findet sich eine Vielzahl an Übereinstimmungen im Verhalten der Figuren mit den in dieser Arbeit erörterten Erinnerungsmechanismen. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit werden in erster Linie aus Unscharfe Bilder Hans Musbach und aus Himmelskörper Johanna analysiert.
Hans Musbach war als Lehrer sehr geschätzt, u. a. für die Art wie er die humanitäre Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des zweiten Weltkrieges predigte. Er beschäftigte sich sein Leben lang aktiv mit diesem Thema und auch im Pensionsalter liest er neue Veröffentlichungen darüber, jedoch aus der Außenseiterperspektive. Er hat sein Gedächtnis so strukturiert, dass die „Geschichte der Nazijahre […] eine schreckliche Abfolge von Bildern“44 darstellt „auf denen es ihn nicht gab. Eine vergangene Welt – ohne Hans Musbach“45. Somit treten die Mechanismen des Verdrängens und des Leugnens eigener Verstrickungen deutlich zum Vorschein. Dass er die Geschehnisse vergessen will, zeigen auch Kommentare, wie „sein Unglück vergessen können ist die Hälfte des Glücks“46, mit denen er den Vortrag in seiner Seniorenresidenz über die „Gedächtniskunst der Antike“47 würzt. Das auch die anderen Residenzbewohner dem ‚Vergessen-wollen‘ beistimmen wird deutlich, wenn sie davon sprechen, dass „Glücklich ist wer vergisst, was doch nicht zu verändern ist“48. Musbach hat sich, wie viele Mitglieder seiner Generation, in der Gegenwart eingerichtet und die Erinnerungen an den Krieg „abgekapselt wie die Splitter in (s)einem Bein“49. So ist es auch charakteristisch, dass er das intergenerationelle Gespräch zunächst versucht abzuwehren und bei Gesprächsbeginn versucht auszuweichen, sich zu verteidigen, Verständnis zu wecken und nur die verschönten Erinnerungen nach außen zu lassen. Er spricht anfangs nicht von den eigenen Erfahrungen, sondern von den „Erfahrung(en) seiner Generation“50 und verflüchtigt sich damit in eine Gruppe. Ebenso wie die meisten ‚Leidensgenossen‘ fühlt Musbach sich von der jüngeren Generation angeklagt und nicht verstanden51. Wiederholt erzählt er von dem Leid, dass ihm wiederfahren ist, wobei er sich als Opfer des Nationalsozialismus betrachtet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung nach Erinnerungsprozessen im Kontext des Zweiten Weltkriegs in Familienromanen vor und erläutert das methodische Vorgehen.
1. Neuere deutsche Familienromane: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Familienromans und beleuchtet dessen literaturgeschichtliche Entwicklung sowie aktuelle Forschungsdiskurse.
2. Inter- und intragenerationelles Erinnern: Hier werden theoretische Grundlagen wie das kollektive, kulturelle und kommunikative Gedächtnis sowie die generationelle Einordnung erörtert.
3. Erinnerungsstrukturen der Kriegs- und der ersten zwei Nachkriegsgenerationen in neueren deutschen Familienromanen: Dieser Hauptteil analysiert die Erinnerungsarbeit und -strukturen anhand der Romane „Unscharfe Bilder“ und „Himmelskörper“ differenziert nach der Kriegs-, der zweiten und der dritten Generation.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und stellt fest, dass Erinnerung für die Identitätsbildung essenziell ist und unterschiedlich zwischen den Generationen funktioniert.
Schlüsselwörter
Familienroman, Erinnerungskultur, Zweiter Weltkrieg, Kriegsgeneration, Nachkriegsgeneration, Enkelgeneration, Gedächtnisforschung, Identitätsbildung, Verdrängung, Schuld, Kommunikation, Intergenerationalität, Nationalsozialismus, Unscharfe Bilder, Himmelskörper
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Generationen innerhalb von deutschen Familienromanen verhandelt und konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Prozess des Erinnerns und Vergessens, generationelle Traumata, Schuldfragen, Familiengeschichte sowie der Wandel der Erinnerungskultur nach 1945.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, wie sich Erinnerung innerhalb und zwischen der Kriegsgeneration, der zweiten Generation und der Enkelgeneration des 20. Jahrhunderts in der literarischen Form des Familienromans vollzieht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse der ausgewählten Romane „Unscharfe Bilder“ und „Himmelskörper“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die drei Generationen (Kriegs-, zweite und dritte Generation) im Hinblick auf ihren spezifischen Umgang mit Kriegserinnerungen und vergleicht dies anhand der beiden Primärtexte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Familienroman, Erinnerungskultur, Intergenerationalität, Identitätsbildung und Vergangenheitsbewältigung charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Erinnerung der ersten Generation von der der Enkel?
Während die erste Generation (Kriegsgeneration) stark auf Mechanismen der Verdrängung, Leugnung und Stilisierung zum Opfer setzt, blickt die dritte Generation (Enkel) meist mit einer größeren emotionalen Distanz und einem Forschungsinteresse an der eigenen Herkunft auf diese Zeit.
Warum spielt die Wehrmachtsausstellung in „Unscharfe Bilder“ eine so zentrale Rolle?
Die Ausstellung dient als Auslöser für das intergenerationelle Gespräch, da sie das Bild der „ganz normalen Männer“ erschüttert und die Protagonistin dazu bringt, ihren eigenen Vater direkt mit Fragen zu dessen möglicher Täterschaft zu konfrontieren.
Welche Rolle spielt das Familiengeheimnis in „Himmelskörper“?
Das Familiengeheimnis um die nationalsozialistische Gesinnung und Denunziation der Großeltern steht metaphorisch für die Suche der Protagonistin nach ihrer Identität und ihre Auseinandersetzung mit der moralischen Erblast ihrer Familie.
- Citar trabajo
- Jana Völlmecke (Autor), 2016, Inter- und intragenerationelles Erinnern. Erinnerungsstrukturen der Kriegs- und der ersten zwei Nachkriegsgenerationen in neueren deutschen Familienromanen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339737