Ist die "Berliner Schule" die Verzerrung oder Verschönerung des Films? Kritik zur Trilogie "Dreileben" von Petzold, Graf und Hochhäusler


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1.6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Trilogie - Dreileben
Erster Teil: Regisseur Christian Petzold
Zweiter Teil: Regisseur Dominik Graf
Dritter Teil: Regisseur Christoph Hochhäusler

Symbolik und Interpretation –
Die Symbolik der Musik
Das Spiel mit der Kamera

Die Problematik - Schwerpunkte des Films

Einfluss auf die Berliner Schule
Welches Genre entspricht der Trilogie?
Kritik - Kritik ist die Kunst zu loben
Ende – Spiel mit offenen Fragen und offenem Ende

Schlusswort

Bibliographie

Vorwort

Ich habe lange gebraucht, um mir diese Art von Filmen anzueignen, denn dieses Genre gehört normalerweise nicht zu den alltäglichen Filmen, die man als herkömmlicher Zuschauer mustert. Für den gewöhnlichen Zuschauer ist dies fremd und noch nicht ausgeprägt genug, um darüber mit anderen zu sprechen. Was meine ich nun mit gewöhnlichen Filmen? Zu den alltäglichen Filmen zählen die Blockbuster und die kommerziellen primitiven amerikanischen Filme, die man sich einfach anschaut, ohne wirklich darüber nachzudenken. Die Ausschussware, die übrig bleibt, kann zu keiner Selbstreflexion führen.

Erst als ich in der Oberstufe im Gymnasium einen Anhänger der Berliner Schule als Lehrer hatte, hat er mir die Lust und Neigung zu diesem Genre vermittelt. Wir schauten uns Filme an und debattierten stundenlang über Hanekes Grundideen über die gesellschaftlichen Probleme. Das war für uns fremd und andersartig – also wuchs unser Interesse und unsere Neugier immer mehr dafür, solche Filme anzuschauen. Letztendlich stellte ich fest, dass ich einen Film erst dann faszinierend fand, wenn dieser keine Antworten lieferte. Ich erwarte nicht, dass alle meine Fragen mit Antworten gefüllt werden und brauche einen Freiraum für meine eigene Interpretation.

Meine Hausarbeit möchte ich mit der Frage beginnen, welches Verhältnis der Zuschauer mit dem Film verbindet und wie weit dies eine wichtige Rolle für den Regisseur spielt.

Der Zuschauer schlüpft in den Film hinein und setzt sich mit der Handlung und mit den Bildern auseinander. Ob er träumt, zweifelt oder Stellung nimmt, ist nicht von großer Bedeutung. Dass es der Regisseur geschafft hat, eine Verbindung zwischen seinem Werk und dem Beobachter zu konstruieren, das ist sein Erfolg. Über die filmische Technik wird sich der durchschnittliche Zuschauer keine Gedanken machen, denn dieser hat es zunächst nur mit der Wirkung des Filmes zu tun. Man kann sich für die Filmtheorie interessieren, doch Ziel des Regisseurs ist es, den Zuschauer handeln zu lassen. Das Grundelement ist das Verhältnis zwischen Zuschauer und Werk. Durch das Werk bilden sich kontroverse Meinungen, die den Film dann anders erscheinen lassen. Der Regisseur spielt mit dem Zuschauer und versucht ihn so gut wie möglich agieren zu lassen. Das Ziel für den Regisseur ist das wahre Urteil des Zuschauers zu erhalten, der wie ein Filter alle Informationen persönlich auswertet. Alles liegt im Auge des Betrachters.

Als ich den Regisseur Christoph Hochhäusler um Erklärungen und Interpretationsvorschläge zu meinen Fragen bat, antwortete er mir, dass er seine Regiearbeit bereits abgeschlossen hätte – die Interpretation sei nun mir überlassen – Sein Ziel hätte er in dem Moment erreicht.

Die Trilogie - Dreileben

Verschiedene Schicksale, verschiedene Liebesbeziehungen. Intrigen. Trauer. Gewalt. Rache. Moral. Tod. Die Trilogie Dreileben ist voll von brisanten Themen. Und demnach eine perfekte Ausgangsbasis für eine spannende, bewegende und mitreißende Verfilmung.

Aktuell, originell und einfach anders. Ein Highlight ist es, drei unterschiedliche Filme miteinander zu verknüpfen. Nach und nach setzen sich die drei Teile wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammen. Dies verleiht dem Film eine unvorstellbare Dynamik und Reflexion. Die verschiedenen Ideen sind innovativ und kreativ, denn in jedem erwecken sie andere Vorstellungen. Demzufolge sorgt die Trilogie „Dreileben“ für kontroverse Meinungen. Dieser Einfall ist gewagt und kommt sehr gut an. So beweist sich die unabhängige Ader der drei Regisseure.

Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben es geschafft, in den drei Geschichten der Trilogie „Dreileben“, drei unterschiedliche Perspektiven zu gewinnen und auf ihre individuelle Art den Mehrteiler miteinander zu verknüpfen. Der gemeinsame Nenner der Geschichten ist der Handlungsort und die Problematik.

Erster Teil: Regisseur Christian Petzold

Im ersten Teil, „Etwas Besseres als den Tod“ erzählt der Regisseur Christian Petzold die Liebesgeschichte zwischen Johannes und Ana, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Während Johannes seinen Zivildienst in einem Krankenhaus macht um später Medizin zu studieren, ist das polnische Mädchen Ana als Zimmermädchen in einem Hotel tätig. Ihre sozio- kulturellen Voraussetzungen sind zu unterschiedlich, um miteinander auszukommen. Als Sarah, die Tochter des Chefarztes im Leben des Jungen auftaucht, ist er zwiegespalten. Folgt er dem Abbild der Gesellschaft? Bleiben sozial hohe Milieus generell unter sich und schließen somit die sozial benachteiligten Milieus aus? Darüber hinaus bricht ein Sexualstraftäter aus dem Krankenhaus aus. Das Ende des Films ist plötzlich und abrupt, doch unvorhersehbar. Johannes entscheidet sich für Sarah und lässt Ana zurück. Doch als Johannes und Sarah auf dem Weg Richtung Berlin sind und kurz anhalten, um den Fahrer zu wechseln, fällt Johannes schlagartig und unerwartet um. Spielt der Regisseur mit dem Kontrast des großen Glücks und des sofortigen Unglücks danach?

Was hat uns der Regisseur bloß mit dieser Liebesbeziehung vermitteln wollen? Ist die Liebe eines unterschiedlichen kulturellen Milieus automatisch zum Scheitern verurteilt? Kann die Liebe nicht über die Grenzen und über die Milieus hinausgehen? Regieren Macht und Geld auch über Liebe und Gefühle?

Zweiter Teil: Regisseur Dominik Graf

Im zweiten Teil, „Komm mir nicht nach“ spielt der Regisseur Dominik Graf mit einem krassen Wechsel der Atmosphäre. Hier herrscht eine andere Tonlage: Leichtigkeit und Tragbarkeit. Man könnte meinen, dass es sich hier um eine Beziehungskomödie handelt.

Eine Polizeipsychologin namens Jo muss für Ihre Arbeit nach Dreileben gehen, um den gewalttätigen Sexualstraftäter, der auf der Flucht ist, festzunehmen. Jo trifft ihre alte Freundin Vera, die sich jetzt mit ihrem Partner Bruno eine Villa gekauft hat. Durch reinen Zufall stellen die Frauen fest, dass sie zur selben Zeit in denselben Mann verliebt waren. Vera braucht Erklärungen und macht sich auf die Suche nach dem damaligen gemeinsamen Lover, von dem heutzutage nichts mehr zu hören ist.

Kann man ab diesem Zeitpunkt von einem Scheitern der alten Freundschaft sprechen? Wie kann ein damaliger Frauenschwarm eine so alte Freundschaft zerbrechen? In welcher Beziehung steht die Dreiecksgeschichte? Wie weit wird dem anderen vertraut?

Klischees spielen in diesem Teil eine sehr große Rolle: Die Ost- und Westdeutschen stehen im Zentrum des Konflikts. Dies spürt der Zuschauer in Jos Arbeitswelt durch ihren Umgang mit ihren Kollegen. Diese bilden zwei Gruppen. Ost- und Westdeutsche, die sich Bosheiten und ironische Späße an den Kopf werfen. Es kommt zum Vorschein, dass Jos Kollegen korrupt sind und damit den moralischen Verfall anspornen. Diese werden letztendlich in Untersuchungshaft gestellt.

Jo scheint eine starke und selbstbewusste Frau zu sein. Sie spielt mit ihren weiblichen Reizen, doch in Wahrheit behält sie ihre Enttäuschungen und ihre Frustration für sich. Sie wurde von ihrem Ex- Mann verletzt und der Vater ihres Kindes ist den Film über ein großes Geheimnis. Erst zum Ende hin, weiß der Zuschauer, dass der gemeinsame Liebhaber der beiden Frauen, der leibliche Vater ihrer Tochter ist. Jo ist beziehungs- und freundschaftsunfähig, denn für sie zählen lediglich die Arbeit und ihre traditionelle Familie. Sie wirkt kühl und distanziert und der Zuschauer lernt Jo erst durch die anderen Figuren besser kennen.

Dritter Teil: Regisseur Christoph Hochhäusler

In drittenund letzten Teil schafft es Christoph Hochhäusler mit "Eine Minute Dunkel" den Zuschauer in die Enge zu treiben und ihn bis zum Ende zu manipulieren. Er erzählt die vollständige Geschichte des gewalttätigen Sexualstraftäters Molesch und sollte dem Zuschauer die Antwort der ganzen Lücken der laufenden Handlung geben. Es handelt sich hier um eine psychisch unstabilen Person, der bei seiner strengen Pflegemutter aufgewachsen ist. Als Moleschs Mutter stirbt, wird er ins Krankenhaus gebracht, wo Johannes seinen Zivildienst macht. Wieder einmal schafft er es zu fliehen. Molesch versteckt sich im Wald und begegnet persönlichen Traumgespenstern. Er stößt auf einen kleinen Jungen, der von Zuhause geflüchtet ist. Das Kind repräsentiert ihn selbst als Kind: Alleine und einsam, keine Freunde und auf sich selbst gestellt. Man stößt ebenso auf den Mann „ohne Gesicht“, der Moleschs böse Seite repräsentiert. Die beiden Personen sind sein Ebenbild und zugleich sein Gegenstück.

Nebenher versucht der körperlich erschöpfte Kommissar, Moleschs Fall zu lösen, denn auf dem Beweisvideo fehlt die Szene des brutalen Erschlagens, für die Molesch verurteilt wurde. Diese "Eine Minute Dunkel" bringt den Zuschauer in Zweifel.

Wurde Molesch zu Unrecht beschuldigt? Treibt die Gesellschaft den angeblichen Täter dazu, diese Vorurteile zu bekennen? Drängt es die Gesellschaft so weit, Menschen zu manipulieren? Schafft es die Gesellschaft eine unstabile Person zu einem Täter zu drängen? Der Regisseur spielt mit diesen offenen Fragen.

Schlussendlich stellt sich heraus, dass Molesch nicht schuld an dem Mord ist, für den er beschuldigt worden ist. Der Regisseur spielt mit folgendem Aspekt: Zwingt die Gesellschaft einen kriminell zu werden?

Molesch hat alles verloren und weiß von seiner Freiheit nicht. Letztlich nimmt das Ende eine überraschende Wendung: Er bringt das polnische Mädchen um. Hat der Teufelskreis sein Ende gefunden? Endet das Leben für die Guten immer positiv und für die Bösen immer negativ?

Symbolik und Interpretation –

Drei Geschichten, verschiedene Menschenschicksale treffen alle in der Stadt namens „Dreileben“ aufeinander ein. Deren unterschiedliche Lebensstränge berühren sich zufällig und greifen ineinander ein. Drei verschiedene Filme werden verbunden und bilden eine Einheit.

Spielt die Natur eine Gefahr? Befindet man sich im Reich der Bösen? Soll das eine Rückkehr in einer Märchenwelt sein?

Alle drei Filme spielen in der Natur in Thüringen. Welche Bedeutung hat dieser Wald? Der Wald stellt die pure grenzenlose Freiheit dar. Doch was verbirgt sich in der Freiheit? Sowohl Gutes als auch Schlechtes? In diesem Raum kann sich viel abspielen: Ruhe, Bedürfnislosigkeit und Frieden. Doch es kann sich auch Panik, Angst und Furchtsamkeit dahinter verbergen. Es scheint ein Kosmos zu sein, wo man seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist die "Berliner Schule" die Verzerrung oder Verschönerung des Films? Kritik zur Trilogie "Dreileben" von Petzold, Graf und Hochhäusler
Hochschule
Université de Strasbourg
Veranstaltung
Filmkritik
Note
1.6
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V340076
ISBN (eBook)
9783668299276
ISBN (Buch)
9783668299283
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berliner, schule, verzerrung, verschönerung, films, kritik, trilogie, dreileben, petzold, graf, hochhäusler
Arbeit zitieren
Camille Raynaud (Autor), 2011, Ist die "Berliner Schule" die Verzerrung oder Verschönerung des Films? Kritik zur Trilogie "Dreileben" von Petzold, Graf und Hochhäusler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340076

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