Pachamama und Buen Vivir. Unterschiede des verfassungsmäßig bestimmten Umweltschutzes in Ecuador und Deutschland


Hausarbeit, 2016
10 Seiten, Note: 1,3
Silvana Vialova (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pachamama und die Konzeption des „Vivir bien“

3. Die neue ecuadorianische Verfassung

4. Okzidentale Ontologie

5. Umweltschutz in der deutschen Verfassung

6. Der verfassungsmäßig bestimmte Umgang mit Natur im Vergleich: Ecuador und Deutschland

7. Ausblick

8. Literatur

1. Einleitung

„Das kapitalistische System hat uns eine Denkweise der Konkurrenz, des Fortschritts und des Wachstums ohne Grenzen aufgezwungen. Dieses Produktions- und Konsumregime strebt nach schrankenlosem Profit, es trennt den Menschen von der Natur und folgt einer Logik der Herrschaft über diese, es verwandelt alles in Ware: das Wasser, den Boden, die menschlichen Gene, die überlieferten Kulturen, die Biodiversität, die Gerechtigkeit, die Ethik, die Rechte der Völker, selbst den Tod und das Leben.“

(Conferencia mundial de los Pueblos: 2010)

Während des internationalen Umweltgipfels in Rio de Janeiro rief die bolivianische Regierung zu einer alternativen Weltkonferenz auf, die sich mit dem Klimawandel und den Rechten der Mutter Erde befassen sollte. Zahlreiche internationale NGOs nahmen daran Teil und entwickelten eine Charta der Rechte der Mutter Erde. Zentral darin ist das indigene Konzept des Buen vivir1 / Vivir bien2, welches ein paar Jahre zuvor in die Verfassungen Boliviens und Ecuadors in unterschiedlicher Weise aufgenommen wurde. Weiterer Anlass für dieses Treffen war die Tatsache, dass das Thema Umwelt, Natur- und Klimaschutz in den letzten zwei Jahrzehnten omnipräsent in Politik und Nachrich- ten geworden ist. Auch in Deutschland bestimmen Klimagipfel, Temperaturschwan- kung, Umweltkatastrophen und düstere Zukunftsvoraussagen die Berichterstattung. Gleichzeitig ist in Deutschland aber auch das ökologische Bewusstsein in der Bevölke- rung gestiegen. Umweltschutz wird im privaten, wie im öffentlichen Bereich vermehrt thematisiert. Andine Konzepte, wie das des Buen Vivir kennt die deutsche Verfassung zwar nicht, der Umweltschutz ist darin aber dennoch festgeschrieben (§ 20a des GG). Vor dem Hintergrund der jährlich steigenden Brisanz des Themas Umweltschutz möch- te ich in dieser Arbeit untersuchen, inwiefern sich die in die Verfassung Ecuadors auf- genommene Konzepte des Buen Vivir und der Pachamama von dem in der deutschen Verfassung verankerten Umweltschutz unterscheiden und welche elementaren Kon- zeptionen der Welt sich dahinter jeweils verbergen. Dazu führe ich zuerst in die Begrif- fe Pachamama und Buen Vivir ein und lege dann ihre Verankerung in der ecuadoriani- schen Verfassung dar. In einem zweiten Schritt erläutere ich auf das okzidentale Ver- ständnis der Welt und zeige anschließend auf, wie der Umweltschutz in der deutschen Verfassung eingebettet ist. Im Anschluss erarbeite ich die grundlegenden Unterschiede in der Gesetzgebung der beiden Staaten vor dem Hintergrund des jeweils prävalenten Verhältnisses zur Natur. Bisherige Aktionen und Reaktionen im Zuge der ecuadoriani- schen Verfassungsänderung darstellend, ziehe ich ein Fazit für den künftigen Umgang der Politik mit dem Umweltgedanken.

2. Pachamama und die Konzeption des „Vivir bien“

“De acuerdo a (...) la cosmo-convivencia andina no solo los elementos que indicas tienen vida, sino, que los diversos mundos: de la gente, vegetal, animal, las deidades y la tierra, viven, conviven, complementan las energías haciendo ayni/reciprocidad, en armonía integral y de respeto mutuo y no del dominio del uno sobre otro.” (Yampara 2010: o.S.)

(Gemäß der andinen Kosmologie sind alle verschiedenen Welten lebendig: die Menschen, Pflanzen, Tiere, Gottheiten und die Erde. Sie leben miteinander und ergänzen die Ener- gien durch Reziprozität, in vollkommener Harmonie und gegenseitigem Respekt - nicht durch die Dominanz des einen über den anderen. [Übersetzung der Verfasserin])

In der andinen Kosmologie spielt die Pachamama eine entscheidende Rolle. Sie wird unter anderem bei den Inka und Aymara in den Anden Südamerikas als Göttin der Erde verehrt. Durch die Verbreitung der christlichen Lehre im Rahmen der Eroberung des Andenraumes durch die spanischen Kolonialherren wurde die Göttin Pachamama mit der Figur der Jungfrau Maria vereint (Wernhart 2003: 280). Die enge Verbindung mit der Jungfrau Maria hat sich bis heute erhalten und das Konzept der Pachamama ist in dieser Region in vielen Kreisen allgegenwärtig. Beispielsweise werden beim Verzehr von Bier vor oder nach dem Trinken einige Tropfen der Mutter Erde zugedacht. Wie aus dem ein- führenden Zitat hervorgeht, steckt hinter der tellurischen Göttin Pachamama ein tief- greifendes Konzept der andinen Kosmologie. Demnach begründet sich der Ursprung allen Seins aus zwei Quellen: dem Pachakama und der Pachamama. Der kosmische Vater Pachakama und die tellurische Mutter Pachamama generieren gemeinsam alle möglichen Formen der Existenz. Alles Leben ist miteinander vereint, lebt in gegenseiti- ger Abhängigkeit voneinander und pflegt ein reziprokes Verhältnis mit Pachakama und Pachamama (Huanacuni 2010: 20). Der Begriff Pacha bezieht sich auf die Gesamtheit des Seins, er steht dabei für die Vereinigung der unsichtbaren Kraft des Pachakama und der sichtbaren Kraft der Pachamama3. In ihm spiegelt sich auch das andine Zeit- verständnis wieder: „Pacha no sólo es tiempo y espacio, es la capacidad de participar activamente en el universo, sumergirse y estar en él” (Huanacuni 2010: 22) - Das Wort Pacha umfasst nicht nur Raum und Zeit, sondern auch die aktive Teilhabe am Univer- sum, das vollkommene Eintauchen in die Welt. Durch das ganzheitliche Eintreten ist es möglich ein Leben in Fülle zu führen. An ein solches Leben in Fülle schließt das Konzept des Buen Vivir an. Auch dieses Modell beruht auf den Traditionen und dem Wissen der indigenen, andinen Völker. Zentral dabei ist das Gleichgewicht zwischen Natur und Menschen und ein Leben in Harmonie und gegenseitigem Respekt (Fatheuer 2011: 17). Der Name Buen Vivir mag in seiner Übersetzung „Gutes Leben“ im Deutschen etwas irreführend sein. Hierzu müsste es im Gegenteil auch ein schlechtes Leben geben, ein solcher Gegensatz kann von dem andinen Begriff Suma kawsay jedoch nicht gebildet werden. Auch wäre es falsch mit dem „Guten Leben“ den Wohlstand der Menschen zu assoziieren, geht es doch im Kern um die Harmonie und Vollkommenheit der biotischen Weltgemeinschaft, welche ein Leben in Fülle auf Grundlage von gegenseitigem Respekt und Reziprozität ermöglicht (Yampara 2010: o.S.).

3. Die neue ecuadorianische Verfassung

Zwischen 2007 und 2008 wurde unter der Regierung von Rafael Correa eine neue Ver- fassung erarbeitet, die explizit auf Veränderungen abzielt. Eine Besonderheit war die große Partizipation der Ecuadorianer an der Entwicklung der Verfassung, insbesondere die Präsenz indigener Bewegungen (Fatheuer 2011: 15f). Deshalb spiegelt die neue Verfassung in gewisser Weise den Weg wieder, den Ecuador in Zukunft gehen möchte. Sie stellt sozusagen eine Neugründung Ecuadors in einem postkolonialem Kontext dar (ebd.: 17). Im September 2008 wurde die Verfassung von den Bürger*innen Ecuadors angenommen (Gudynas 2009: 214). Zentral darin ist der Bruch mit der Denkweise, Modernität nur durch Fortschritt erreichen zu können. Den Basisrahmen dieser Neue- rungen bilden ein Abschnitt über die Rechte der Natur und ein zweiter Abschnitt über die Rechte des Buen Vivir (ebd.: 215). Die beiden Begriffe Pachamama und Natur wer- den hierbei auf derselben Ebene verortet (Verfassung Ecuador: Kapitel 7, Art. 71). Ver- ankert sind die sogenannten Rechte der dritten Generation, also das Recht der Bevöl- kerung auf ein Leben in einer ökologisch ausgeglichenen Umwelt und deren Schutz und Erhalt. Von besonderer Bedeutung ist der Punkt, der der Pachamama oder Natur eigenständige Rechte einräumt. Dazu gehört das Recht, „… dass die Existenz, der Erhalt und die Regenerierung ihrer Lebenszyklen, Struktur, Funktionen und Evaluationspro- zesse respektiert werden“ (Gudynas 2009: 214). Außerdem die Tatsache, dass der Staat dazu aufgefordert werden kann, die Rechte der Natur umzusetzen und er wiede- rum Personen dazu anhalten kann, die Natur zu schützen (ebd.: 214). Dies wird noch intensiviert dadurch, dass der Pachamama oder Natur eigene Rechte zugesprochen werden, sie also als Rechtssubjekt auftritt. Dabei wird das Recht der Natur auf eine vollständige Wiederherstellung festgeschrieben, unabhängig von der Verpflichtung des Staates die Personen zu entschädigen, die von geschädigten Natursystemen betroffen sind. Es geht hierbei um die Wiederherstellung zerstörter Ökosysteme, um den Aus- gangszustand der Erde wieder zu erreichen (ebd.: 216). Das festgelegte Verfassungsziel ist also zum einen das Buen Vivir und zum anderen die Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt. Während einerseits das Buen Vivir die Menschenrechte der dritten Ge- neration fördert, im Sinne eines Gleichgewichts der Natur und der Verantwortung der Menschen für ein harmonisches Zusammenleben mit der Natur, wird anderseits in der Pachamama selbst der Rechtsstatus zugeschrieben (Fatheuer 2011: 16).

4. Okzidentale Ontologie

Dies ist deshalb so bahnbrechend, da sich ein solches Konzept fundamental von einer okzidentalen Denkweise unterscheidet. In den Anden wird die Natur als integraler Be- standteil des Lebens in Form einer allesumfassenden Pachamama betrachtet. In ihr ist menschliches, wie auch nichtmenschliches Sein vereint: „Pachamama is in us and we are in Pachamama“ (Mignolo 2011: 168). In Ländern des globalen Westens dagegen existiert der Begriff Natur nur als Gegenteil von Kultur, innerhalb welcher das mensch- liche Sein verortet wird (Mignolo 2011: 11). Schon zu Zeiten der Aufklärung machte Kant unmissverständlich klar, dass „der Verstand (…) seine Gesetze nicht aus der Natur [schöpft], sondern (…) sie dieser vor[schreibt]“ (Kant 1783: 113). Damit stellt sich der Mensch über die Natur und betrachtet sich als König der Schöpfung (Huanacuni: 17). Dieser Dualismus zwischen Natur und Kultur strukturiert das Denken und ist verant- wortlich für die Überzeugung alle Umweltressourcen nutzen und ausnutzen zu dürfen, die den Menschen umgeben. Huanacuni sieht den Ursprung dieses Gegenteildenkens in der Sprache, in der nur zwischen Ja und Nein unterschieden wird. Wohingegen in andinen Sprachen (zum Beispiel Quechua und Aymara) für diese beiden Worte eine Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungsnuancen existieren (Huanacuni 2010: 17; 20). Die beiden westlichen Konzepte Individualismus und Kollektivismus, beziehungsweise Kommunismus, ziehen auf Kapitalakkumulation und auf das Wohlergehen der Men- schen ab. Es sind die Zivilisation fördernde, aber niemals das ganze Universum einbe- ziehende Konzepte (ebd.: 17). Die Distinktion liegt aber nicht in der Natur der Dinge selbst, sondern ist ein Konstrukt unserer dualistischen Denkweise. Diese Art der Onto-logie bezeichnet Phillipe Descola in seinem Werk „Beyond Nature and Culture“ als Naturalismus (Descola 2013: 77).

[...]


1 Spanische Übersetzung des Quechua-Begriffs Sumak Kawsay; Gängige Bezeichnung in Ecuador

2 Spanische Übersetzung des Aymara-Begriffs Suma Qamaña; Gängige Bezeichnung in Bolivien 1

3 „Pa“ bedeutet „Zwei“ und „Cha“ bedeutet „Kraft“

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Details

Titel
Pachamama und Buen Vivir. Unterschiede des verfassungsmäßig bestimmten Umweltschutzes in Ecuador und Deutschland
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V340217
ISBN (eBook)
9783668298255
ISBN (Buch)
9783668298262
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pachamama, Buen Vivir, Vivir bien, Umweltschutz, Klimaschutz, Naturschutz, Bolivien, Ecuador, Verfassung
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor), 2016, Pachamama und Buen Vivir. Unterschiede des verfassungsmäßig bestimmten Umweltschutzes in Ecuador und Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340217

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