Die Inszenierung der Geschlechterverhältnisse in Hartmanns von Aue "Erec"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Gender-Studies
II.I Gender-Studies und das Mittelalter

III. Das Wechselspiel zwischen Individuum, Identität und Individualität

IV. Erec und Enite
IV.I Die männliche Perspektive: Erec (ein ritter guot)
IV.II Die weibliche Perspektive: Enite (nâch wîplîchem site)

V. Formen emotionaler und sexueller Gewalt gegen Frauen

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Möchte man sich in einer klassisch literaturwissenschaftlichen Methodik einem Texte nähern, so ergeben sich verschiedene Ansätze dies zu tun. Im Allgemeinen unterscheidet man drei große Theoriefelder: die textimmanenten Theorien (u.a. Strukturalismus, Hermeneutik), die interdisziplinären Richtungen, hier vorzugsweise der psychoanalytische Interpretationsansatz und schließlich die kulturwissenschaftlichen Interpretationsansätze (z.B. Gender Studies)

Im Verlauf dieser Hausarbeit möchte ich den letztgenannten Ansatz auf Hartmanns von Aue höfischen Roman Erec anzuwenden.

Erec ist der erste Artusroman in deutscher Sprache und besticht durch sein Protagonisteninventar dadurch, dass der heldenhafte Ritter nicht alleine auf âventiure geht, sondern seine Frau auf die Reise mitnimmt. Diese Konstellation stellt eine Rarität dar und bietet wegen dieser und der erzählerischen Weise einen Anstoß die Inszenierung der Geschlechterrollen genauer zu betrachten.

Im Verlauf dieser Arbeit werde ich zunächst einen sehr groben Überblick über das Theoriefeld der Gender Studies im Allgemeinen und danach im Hinblick auf das Mittelalter geben. Es folgt eine ebenfalls theoretische Einführung, wie sich im Wechselspiel aus Individuum, Individualität und Identität ein Charakter während des Vorgangs der Sozialisation herausbildet, wie wir ihn in Erec und Enite vorliegen haben. Ich werde ausgewählte Passagen des Artusromans genauer unter dem Aspekt der Geschlechterrollendarstellung Erecs und Enites untersuchen und schließlich schildern, welche andere Formen der patriachalischen Machtausübung auf Enite einwirken.

Ferner wird die Frage aufgeworfen, ob das geschlechtliche Hierarchiegefälle in Hartmanns Roman expliziete Intentionen des Autors wiedergibt, oder ob hier nur eine kontemporäre Spiegelung gesellschaftlicher Konventionen erfolgt, d.h., ob Hartmann unmotiviert handelt.

II. Gender-Studies

Das englische Wort gender beschreibt im Gegensatz zu sex nicht das natürliche, biologische Geschlecht, sondern eine Form der Konstruktion von Geschlecht, die männliche und weibliche Attribute in einem kulturellen, gesellschaftlichen Rahmen definiert. Das soziale Geschlecht wird als „dynamische Kategorie verstanden, nicht als Essenz, nicht als Wesen eines Menschen. Die geschlechtliche Zuordnung ergibt sich aus bestimmen Verhaltensrepertoires, Kleidercodes, Mimik und Gestik, die einen Mann zum Mann und eine Frau zur Frau machen.“[1]

Die Gender Studies halten seit Beginn der 1990er Jahre Einzug in die Textauslegung in deutschen Universitäten und legen den Fokus auf Rollenerwartungen, Geschlechterhierarchie, Differenzen und Stereotypen von Männern und Frauen in gesellschaftlicher Normierung beziehungsweise Verstößen gegen diese.

Oft spielen feministische Ansätze eine tragende Rolle, insofern, dass die Feministinnen der Meinung sind, dass die gängige Geschlechterordnung Machtverhältnisse verschleiere. Dies implizert die Ansicht, dass es Profitierende im Gender-System gibt: Männer haben im Geschlechterdiskurs die Vormachtsstellung im Bereich der Machtverteilung und begründen diese als naturgegeben.[2]

Geschlechtliche Identitätsfindung, die aufoktruyiert zu sein scheint, bilde demnach das Fundament für das heterosexuelle Begehren mitsamt der Verahltensweisen, die dieses mit sich führt.

Der Bezeichnung nach hegen die Gender-Studies einen Anspruch darauf, eine beide Geschlechter umfassende Forschung bieten zu wollen, was bedeutet, dass explizit auch die männliche Perspektive involviert werden muss.

„In vielen Fällen müssen sich Arbeiten, die unter dem Label Gender Studies operieren, den Vorwurf gefallen lassen, dass zwar häufig Geschlechterforschung angekündigt, inhaltlich aber Frauen forschung betrieben werde.“[3]

Aus diesem Grund gibt es abgesehen von der feministischen Betrachtungsweise auch den Ansatz, dass sich die Geschlechter in einem „relationalen Verhältnis kultureller Geschlechtsrepräsentationen“[4] befinden, wodurch auch der Mann ab Mitte der 1980er Jahre zum Untersuchungsgegenstand geworden ist (Men's Studies).

Auch wird auf andere intersektionale „Determinanten wie Race, Ethnie, Nationalität, [und] Klasse...“[5] der Blick gerichtet .

Heute, wie im Mittelalter, herrscht in unserem Kulturkreis das binäre Denken, in dem es männlich- und weiblich-typische Verhaltensweisen gibt, sprich es gibt eine statische Zuweisung mit einhergehenden Erwartungen im konventionellen Muster.[6]

II.I Gender-Studies und das Mittelalter

Die vor knapp zwei Jahrzehnten aufgekommenen neuen Betrachtungsweisen der genderorientierten und feministischen Textinterpretationen hat auch die Sicht auf die, eine äußerst lange Rezeptionsgeschichte besitzende, Literatur des Mittelalters eröffnet. Das ist insofern der Fall, dass die völlig neuen Fragestellungen der Geschlechterforschung dem Fokus der Analyse von Texten neue Dimensionen liefern und diesen verbreitern und modifizieren[7]

Schwerpunkte feministischer Mediävistik „wären als 1. ein matriarchatsgeschichtlich- und tiefenpsychologischer Zugang, 2. die Beschäftigung mit Frauenliteratur und weiblicher Ästhetik, 3. historisch-soziologische Untersuchungen, und 4. eine ideologiekritische Perspektive bzw. die Frauenbildforschung.“[8]

Während im anglophonen Raum bereits eine längere Rezeption von mittelalterlichen Texten in Bezugnahme auf geschlechtsspezifische Analysekriterien besteht, ist es in der germanistischen Mediävistik noch ein relatives Novum. Möchte man sich im Genderkontext einem mittelalterlichen Text nähern, so muss jedoch auch miteinbezogen werden, welche Vorstellungen von Geschlechtsdifferenz das Mittelalter prägten. Das uns heute völlig selbstverständlich erscheinende Modell von zwei Geschlechtern und den damit einhergehenden genderorientierten Herangehensweisen greift in Hihblick auf das Mittelalter insofern nicht, dass das Selbstverständnis von Geschlecht damals eher im “one-sex-model“[9] bestand. Das Geschlechtermodell, „das die Frau nicht qua distinktiver, sondern deviatorischer Merkmale vom Mann unterschied, d.h. die Frau als defizitären Mann betrachtete...“[10] war verbreitet.

Auch die uns kontemporär selbstverständlich erscheinende Trennung von sex und gender lässt sich nicht unreflektiert auf das Mittelalter übertragen.

„Der Grund dafür ist der, dass sich Geschlecht im Mittelalter insbesondere in der Literatur nicht wie heute über Merkmale definiert, die eindeutig-distinktiv jeweils dem männlichen oder weiblichen Körper zugeordnet sind, sondern – je nach Diskursbereich – über ein variables Bündel von Denotaten ,männlich' bzw. ,weiblich' zugeschriebenen Attributen.“[11]

Um nicht die Unterschiede der Geschlechtermodelle von Mittelalter und Gegenwart herauszuarbeiten, sondern die Gemeinsamkeiten zu bestimmen, lässt sich sagen, dass „die gezielte Vereinnahmung der Geschlechterdifferenz zur Legitimation männlicher Machtsysteme“[12] herangezogen wird.

III. Das Wechselspiel zwischen Individuum, Identität und Individualität

Folgt man dem Text Hartmanns von Aue, so wird relativ schnell evident, dass das Verhalten von Männern und Frauen, sofern es als positiv bewertet wird, Stereotypen entspricht. Es wird geformt durch eine höfische Erziehung, in der das Individuum lernt, was von ihm erwartet wird. Man nennt dieses Sozialisation.

Wenn wir von dem Wort Individuum sprechen, muss zunächst geklärt werden, welche gesellschaftlichen und individualpsychologischen Überlegungen dahinter stehen, beziehungsweise in welcher Relation diese zu dem mittelalterlichen Wertehorizont gegen Ende des 13. Jahrhunderts stehen.

Das gegenseitige Wechselspiel der Begriffe Identität und Individualität ergibt sich dadurch, dass diese die Faktoren sind, die Persönlichkeit konstituieren. „Sozialpsychologisch [..] drückt 'Identität' das Verhältnis von individuellem Anspruch auf ein bestimmtes Selbstkonzept und dessen sozialer Anerkennung bzw. Realisierung aus. In diesem Sinne kann Identität sowohl als psychisches wie auch als soziales Ordnungssystem verstanden werden.“[13]

Das Ergebnis desVerhältnisses von Individuum und Gesellschaft, das für das Mittelalter charakteristisch ist, wird oft mit dem Terminus Typus bezeichnet. Der Typus resultiert daraus, dass sich im mittelalterlichen Welterleben eine Kongruenz aus der Identität des Einzelnen mit den gesellschaftlichen Vorgaben besteht, der Einzelne mit dem Kollektiv verschmilzt und für einen Aspekt von Individualität wenig bis kein Platz bleibt.[14] Selbstredend gibt es keine vollständige Verschmelzung: Eine Person ist nur mit selbst identisch, sonst wäre sie nicht in der Masse identifizierbar. Letztendlich ist die Sozialisation, sprich die höfische Erziehung, dafür verantwortlich, dass ein individueller Prozeß in Gange kommt, der verbunden mit den historischen Phänomenen den Menschen (abgesehen von seiner genetischen Disposition) formt.

Das Wechselspiel bzw. durch individuelle Verarbeitung entstehende Spannungsfeld aus Individuum und Gesellschaft wird dann als Rolle verstanden. Die soziale Rolle kommt dadurch zustande, dass jedes Individuum eine definierte Position innerhalb der Gesellschaft einnimmt, der entsprechende Rechte und Pflichten inne sind. Psychische und moralische Konflikte sind häufige Folgen, differieren Innen- und Außenerwartungen.[15]

Es lässt sich durchaus die These aufstellen, dass dieser höfische Roman die Genese und Modifikation von Identität thematisiert.

Geht man davon aus, dass sich der Text in zwei Handlungsteile unterteilen lässt, stellt der erste die Exposition dar, in der Erec aus seinem Interaktionsrahmen heraustritt und aus Furcht vor Scham und Schande seine Identität als heldenhafter Ritter organisiert, während im zweiten Teil eine Re-Organisation und Stablisierung dieser durch das „verligen“ ins Wanken geratenen erfolgt. Der Artushof stellt dabei eine Form des Normenhorizont in der Erzählung dar:[16]

„Erecs Sorge um seine soziale Stellung und externe Bewertung – im ersten Handlungsteil Motivation für seine Vorbildlichkeit – bewahrheitet sich nun: Die potentielle Labilität, die Emotionen wie Sorge und Furcht implizieren, kommt in Karnant zum Tragen. Die Krise, Erecs wandelunge (V.2984), tritt somit nicht unmotiviert und unvorhergesehen ein, sondern hat ihre Wurzeln bereits im ersten Teil der Erzählung. Gerade in der Motivation von Erecs Vorbildlichkeit und Aktivität ist die Krise angelegt.“[17]

Es ist offensichtlich, dass die beiden Protagonisten innerhalb der Doppelweg-Struktur durch das Wechselspiel von âventiure und minne charakterisiert werden. Dabei wird Erec schlussendlich zum Idealbild eines (geläuterten) heldenhaften Mannes und Enite zum Idealbild einer tugendhaften (Ehe-)Frau stilisiert. Diese Entwicklung geht selbstredend sukzessive vonstatten, das heißt die Protagonisten sind nicht frei von Verfehlungen. Darauf werde ich an späterer Stelle erneut Bezug nehmen.

IV. Erec und Enite

IV.I Die männliche Perspektive: Erec (ein ritter guot)

Erec ist zu Beginn des Romans ein kampfunerfahrener jungelinc (757).[18] Dies soll sich im Verlaufe des Textes entscheidend ändern. Nach der Schande, die er durch das verligen auf sich lud, wird er erst zum gefeierten Kämpfer und schließlich ein in allen Ländern viel gerühmter König.

Am Anfang der Erzählung bekommen wir zunächst Einblicke in die emotionale Stimmungslage Erecs und welche Mechanismen sein Handeln steuern. Zentrale Punkte dabei stellen schame und prîs dar, die sein Ansehen in der Gesellschaft bestimmen. Er will sich profilieren und nach der Begegnung mit dem Zwerg seine Schmach rächen und sein gesellschaftliches Ansehen wieder etablieren. Als es zum Kampf um den Sperberpreis kommt, sind Erec und Enite in ihrer ärmlichen Ausstattung und Kleidung erneut öffentlicher Schande und dem Schmach der höfischen Gesellschaft ausgesetzt.[19] Doch mit dem Sieg über Iders erfährt Erec zum ersten Male etwas, was zum zentralen Motor seines „männlichen“ Handelns werden soll, nämlich er kann seine êre wiederherstellen. Nachdem er zum Artushof zurückgekehrt war und dort als der beste Ritter gefeiert wird, reitet er mit Enite nach Karnant, wo es nun zum verligen kommt. Erec und seine Frau nehmen nicht mehr am Hofleben teil, sondern verbringen den ganzen Tag im Bett. Sein Ansehen verkêrte sich ze schanden (2986). der hof wart aller vreuden bar (2989).[20] „Seine am Ende des ersten Handlungsteils scheinbar stabile Identität erweist sich in der Selbständigkeit eigener Regentschaft als labil.“[21]

[...]


[1] Vgl. Bergmann, Franziska; Schlössler, Franziska; Schreck, Bettina: Die Universalität von Geschlecht, in Bergmann, Franziska u.a. [Hrsg.]: Gender Studies. Bielefeld 2012, S. 10.

[2] Vgl.ebenda, S. 9.

[3] Uttenreuther, Melanie: Die (Un)Ordnung der Geschlechter. Zur Interdependenz von Passion, Gender und Genre in Gottfrieds von Strassburg Tristan. Bamberg 2009, S. 29.

[4] Bergmann, u.a.: Gender Studies, S. 11.

[5] Ebenda, S. 11.

[6] Vgl ebenda, S. 10.

[7] Uttenreuther,: Die (Un)Ordnung der Geschlechter, S. 17.

[8] Ebenda, S. 18.

[9] Uttenreuther,: Die (Un)Ordnung der Geschlechter, S. 37 unter Berufung auf Thomas Laqueur.

[10] Ebenda, S. 21.

[11] Ebenda, S. 36.

[12] Ebenda, S. 22.

[13] Vgl. Grubitzsch/ Rexilius: Psychologische Grundbegriffe. Hamburg 1997, S.474.

[14] Vgl. Sosna: Fiktionale Identität im höfischen Roman, S. 17 f.

[15] Vgl. ebenda, S. 26.

[16] Ebenda, S. 154 f.

[17] Ebenda, S. 72.

[18] Versangabe im Primärtext.

[19] Bumke, Joachim: Der »Erec« Hartmanns von Aue. Eine Einführung. Berlin 2006, S. 96 f.

[20] Vgl. ebenda, S.98.

[21] Sosna: Fiktionale Identität im höfischen Roman, S. 72.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung der Geschlechterverhältnisse in Hartmanns von Aue "Erec"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät/Germanistik)
Veranstaltung
Hartmann von Aue- "Erec"
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V340711
ISBN (eBook)
9783668304079
ISBN (Buch)
9783668304086
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arthusroman, Hartmann von Aue, Erec, Gender, Mediävistik
Arbeit zitieren
Martin Hinz (Autor), 2015, Die Inszenierung der Geschlechterverhältnisse in Hartmanns von Aue "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340711

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