„No bourgeoise, no democracy.“ Die Erfolgsformel der Demokratie nach Barrington Moore erwartet eine Mittelschicht als Fundament einer Demokratie. In den letzten Jahren entwickelte sich vor allem in den russischen Städten eine solche Mittelschicht. Kann diese Formel noch rückwirkend einen Demokratisierungsprozess in Russland bewirken? Die Proteste im Rahmen der Duma Wahlen im Dezember 2011 haben gezeigt, dass sich die russische Bevölkerung als aktive Zivilgesellschaft organisieren kann. Die Demonstranten waren vor allem Mitglieder einer wachsenden modernen, gebildeten, urbanen Mittelschicht. Die Entstehung dieser Bevölkerungsschicht, deren Werte und Orientierungen stehen im Gegensatz zu der Mehrheit der konservativen traditionsbewussten Russen.
Bei dieser gespaltenen Gesellschaft stützt sich die Regierung in ihren politischen Maßnahmen auf die Werte der Traditionalisten. Es besteht eine große Kongruenz der Wünsche der Traditionalisten und den Inhalten der Regierung. Nun ist zu untersuchen, ob durch eine sozio-ökonomische Modernisierung eines Teils der russischen Bevölkerung ein Wandel in der politischen Kultur stattfindet und sich somit der politischen Struktur noch gemäß der politischen Kultur verhält. Die Hypothese, die die Funktion der politischen Kultur für sozialwissenschaftliche Forschung angibt, lautet: „Um das Überleben eines politischen Systems zu gewährleisten muss zwischen politischer Struktur und politischer Kultur eine Kongruenz bestehen“ (Westle/Gabriel 2002: S.14).
Putins Regierungsstil der „starken Hand“ wird von der Mehrheit der russischen Bevölkerung befürwortet. Die modern orientierte Mittelschicht jedoch fordert Mitbestimmungsrechte und vertritt demokratische Werte, die politische Partizipation voraussetzen. Deshalb stellt sich die Frage, ob und welche Legitimationsvorstellungen und Legitimationsurteile in der politischen Kultur der russischen Bevölkerung zu finden sind, die hohen Zustimmungsraten zum politischen Herrschaftsträger erklären.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORIE
2.1 POLITISCHE KULTUR
2.2 POLITISCHE KULTUR
2.3 KAUSALMECHANISMUS DER ARBEIT
2.4 PARTIZIPATIONSMÖGLICHKEITEN
3. METHODIK
3.1 Untersuchungsobjekte und Untersuchungszeitraum
4. EMPIRISCHE ANALYSE
4.1 HISTORISCHE KONTEXTBEDINGUNGEN DER ENTSTEHUNG DER POLITISCHEN KULTUR RUSSLANDS
4.1.1 Russischer Regierungsstil
4.1.2 Gesellschaftsverträge der Modernisten und Traditionalisten
4.2 AUSPRÄGUNGEN DER RUSSISCHEN MITTELSCHICHT
4.2.1 Wirtschaftswachstum und der daraus resultierende Anstieg der russischen Mittelschicht
4.3 POLITISCHE KULTUR DER MITTELSCHICHT
4.3.1 Kognitive Orientierung
4.3.2 Normative Orientierung
4.3.3 Evaluative Orientierung
4.4 PARTIZIPATION DER RUSSISCHEN MITTELSCHICHT
5. FAZIT
5.1 ERGEBNISSE
5.1.1 Tendenzen erkennbar
5.1.2 Parteien
5.2 EINSCHRÄNKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der sozio-ökonomischen Modernisierung einer wachsenden russischen Mittelschicht und deren Auswirkungen auf die politische Kultur sowie die Partizipationsbereitschaft innerhalb des politischen Systems Russlands.
- Analyse des Wandels politischer Werte in der Mittelschicht im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.
- Untersuchung der Rolle der Mittelschicht im Demokratisierungsprozess Russlands.
- Bewertung der Kongruenz zwischen staatlicher politischer Struktur und der politischen Kultur der Bürger.
- Erforschung von Partizipationsformen und dem Einfluss postmaterialistischer Bedürfnisse.
Auszug aus dem Buch
Politische Kultur
Das Konzept der politischen Kultur basiert auf den Ideen zu „Civic Culture“ von Almond und Verba (1963). Als Funktion der Erarbeitung können Legitimationsurteile innerhalb der Bevölkerung nachvollzogen werden. Almond und Verba definieren politische Kultur einer Nation als „the particular distribution of patterns of orientation toward political objects among he members of the nation“ (Almond/ Verba 1963: 13) . Es folgten mehrere Ausarbeitungen der Theorie u.a.durch Westle und Gabriel in „Politische Kultur“ (2009), die die Orientierungsobjekte in politische Ordnung, Gemeinschaft und Herrschaftsträger differenzierten und eine ausführliche Analyse der Bundesrepublik Deutschland und auch den internationalen Vergleich veröffentlichten. Die Analyse der politischen Kultur hilft der Forschung den Einfluss der politischen Kultur in Form von Werten und Orientierungen auf Verhaltensabsichten der Bevölkerung und Persistenz eines politischen Systems zu erarbeiten. Die Wandlungsfähigkeit der politischen Kultur beinhaltet den Einfluss der historischen Kontextbedingungen zur der jeweiligen Ausprägung der politischen Kultur. Diese modifizierende Funktion hat seinen Ursprung in der Wirkung von Input und Outputprozessen.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Hinführung zum Thema der politischen Partizipation und Mittelschicht in Russland basierend auf der Demokratieformel von Barrington Moore.
THEORIE: Darstellung der Konzepte von Almond und Verba zur politischen Kultur sowie Einbettung in Modernisierungs- und Partizipationstheorien.
METHODIK: Erläuterung der qualitativen und quantitativen Orientierungsanalyse sowie der Eingrenzung auf den Zeitraum 2000 bis 2013.
EMPIRISCHE ANALYSE: Analyse der historischen Bedingungen, des Wirtschaftswachstums und der spezifischen Werteausprägungen der russischen Mittelschicht im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.
FAZIT: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Kongruenzproblematik und Einschätzung der politischen Wirkmacht der Mittelschicht sowie deren Grenzen.
Schlüsselwörter
Politische Kultur, Russland, Mittelschicht, Demokratisierung, Partizipation, Modernisierung, Civic Culture, Wertewandel, Postmaterialismus, Regierungsstil, Zivilgesellschaft, Protestbewegung, Politische Orientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwiefern die sozio-ökonomische Entwicklung einer wachsenden russischen Mittelschicht zu einer veränderten politischen Kultur führt und welche Folgen dies für das Verhältnis zum bestehenden politischen System hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die politischen Einstellungen der Mittelschicht, der Einfluss von Bildung und materiellem Wohlstand sowie der Vergleich dieser Werte mit denen der russischen Gesamtbevölkerung.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist zu klären, ob die wachsende, unabhängige Mittelschicht die politische Struktur Russlands durch einen Wertewandel und Partizipationsbestrebungen in Richtung einer stärkeren Demokratisierung beeinflussen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird auf das Konzept der politischen Kultur von Almond und Verba zurückgegriffen, ergänzt durch Modernisierungstheorien, um Umfrageergebnisse und gesellschaftliche Trends zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Kontextualisierung des russischen Regierungsstils, die ökonomische Ausprägung der Mittelschicht sowie die detaillierte Analyse kognitiver, normativer und evaluativer Orientierungen der Bürger.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern zählen politische Kultur, Mittelschicht, Demokratisierung, Partizipation und die Unterscheidung zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werten.
Welche Bedeutung haben die Proteste von 2011 für die Argumentation?
Die Proteste dienen als empirischer Beleg für den Bruch mit dem inoffiziellen Gesellschaftsvertrag der Nichteinmischung und als Zeichen für ein gewachsenes politisches Bewusstsein der urbanen Mittelschicht.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Traditionalisten und Modernen wichtig?
Diese Unterscheidung ist essenziell, da sie die Diskrepanz zwischen der regierungskonformen Mehrheit und der kritischen Mittelschicht erklärt, was die zentrale Inkongruenz im politischen System Russlands verdeutlicht.
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- Vera Henne (Author), 2013, Die Politische Kultur Russlands. Kann die wachsende Mittelschicht einen Demokratisierungsprozess bewirken?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341507