Übersetzung und Blindheit. Walter Benjamins Theorie der Übersetzung


Hausarbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

I. Die Aufgabe des Übersetzers
a. Die Figur des Übersetzers
b. Das Verhältnis zwischen Original und Übersetzung

II. Übersetzung und Blindheit
a. Les Aveugles
b. Die Blinden

Bibliographie

Vorwort

Mir schien, daß dieser Text von Benjamin über »Die Aufgabe des Übersetzers« ein Text ist, der sehr bekannt ist, sowohl in dem Sinn, daß er weit verbreitet ist, als auch in dem Sinn, daß man in unserer Profession nur dann etwas gilt, wenn man etwas zu diesem Text gesagt hat.[1]

Auf den folgenden Seiten soll eine Gegenüberstellung zwischen Benjamin und Benjamin stattfinden, zwischen Benjamin als Theoretiker der Übersetzung und Benjamin als Übersetzer. Denn, wie Paul de Man feststellt (s. oben), scheint in unserer Profession die Diskussion von Benjamins Übersetzer-Aufsatz zwar ein Muss zu sein für alle, die sich in jener hervortun möchten. Jedoch scheint die Frage, wie sich Theorie und Übersetzung Benjamins zueinander verhalten aus unerfindlichen Gründen zweitrangig zu sein.

In demselben Aufsatz schreibt de Man: «Übersetzen kann man nur ein Original»[2]. Eine gewagte These, gewagt aber in dem Sinn, dass sie wie dahergesagt erscheint. Denn, de Man war das sicherlich bewusst, übersetzen lässt sich schlechterdings alles, also auch eine Übersetzung. Ist jedes Original denn auch ein Originaltext? Bereits einen beliebigen Text als Original zu bezeichnen, mithin als ursprünglich, als vom Ursprung aufgegriffen, führt nicht bloß an der Grundhypothese jeder Intertextualitätstheorie, der auch de Man, wenn er sich auch scheuen mag, das Wort Intertextualität zu verwenden, verschuldet ist, scharf vorbei, sondern mitten in die ausgetrockneten Savannen des Positivismus, dessen einziges Ziel bekanntlich ist, die Augen vor allem und vor allem vor demjenigen zu verschließen, dem er sich widmet. Es heißt nichts anderes, als das Alphabet auf zwei Buchstaben zu reduzieren. Die Schwierigkeiten, die das Thema Übersetzung mit sich bringt, sind vielleicht am deutlichsten daran zu erkennen, dass es immer wieder dazu reizt, diese Angelegenheit auf solche Sätze zu reduzieren, in der von vornherein zum Scheitern verurteilten Hoffnung, Licht in etwas bringen, was allzu konfus scheint. Die Schwierigkeiten, diese Diskussion zu führen, sind aber keineswegs unverständlich. Sie wohnen in der Natur der Sache. Sie wohnen in der Tatsache, dass es Übersetzer gibt; und ein Übersetzer kann seine Aufgabe nur verrichten, indem er vom Original ausgeht, indem er am Original als Original festhält. Gleichwohl weiß er, dass seine Aufgabe zum Scheitern verurteilt ist. Wenn de Man obigen Satz formuliert hat, dann spricht er aus der Perspektive des Übersetzers, der die Abgründigkeit seines Tuns vergessen muss: «Der Übersetzer muß aufgeben angesichts der Aufgabe, das wiederzufinden, was im Original gegeben ist»[3]. Wenn bereits das Übersetzen ein abgründiges Geschäft ist, so wäre es unendlich abgründiger durch die Annahme, dass auch die Übersetzung übersetzt werden könnte. Der Übersetzer übersetzt nicht, damit wiederum er übersetzt würde. Doch auch eine Übersetzung kann übersetzt werden. Nicht zuletzt, weil jeglichem Original immer unterstellt werden kann, dass es übersetzt worden ist, da die Sprache, in dem es verfasst ist, selbst eine übersetzte Sprache ist, sowohl im sprachhistorischen Sinn, als auch im Sinne Benjamins, demzufolge die menschliche Sprache keine menschliche ist, sondern dem Menschen übertragen wurde.

Es ist in dieser zweiten Schöpfungsgeschichte die Erschaffung des Menschen nicht durch das Wort geschehen: Gott sprach –und es geschah–, sondern diesem nicht aus dem Worte geschaffenen Menschen wird nun die Gabe der Sprache beigelegt, und er wird über die Natur erhoben.[4]

Und weiter unten in demselben Aufsatz führt Benjamin aus:

Es ist notwendig, den Begriff der Übersetzung in der tiefsten Schicht der Sprachtheorie zu begründen, denn er ist viel zu weittragend und gewaltig, um in irgendeiner Hinsicht nachträglich, wie bisweilen gemeint wird, abgehandelt werden zu können. Seine volle Bedeutung gewinnt er mit der Einsicht, daß jede höhere Sprache (mit Ausnahme des Wortes Gottes) als Übersetzung aller anderen betrachtet werden kann.[5]

Fraglich bleibt am letzten Zitat, was Benjamin unter höhere Sprache versteht, und demnach unter einer niederen Sprache. Jede Theorie der Übersetzung muss also nicht nur eine Theorie der Sprache beinhalten oder reflektieren, sondern vor allem die Tatsache, dass jede Sprache die Übersetzung aller anderen darstellt, dass sich aus jeder Sprache in alle anderen übersetzen lässt, also die Tatsache der Übersetzbarkeit jedes sprachlichen Gehalts. Aus dieser a priorischen Übersetzbarkeit entwickelt Benjamin sein Theorem der reinen Sprache und der Ergänzung, die das Ziel einer Übersetzung zu sein hat. Die Übersetzung ist eine Tätigkeit, die die Sprachen zu ihrem ungeteilten vorbabelischen Zustand zurückführt, sie zur reinen Sprache ergänzt. Paradox daran ist, dass jede Übersetzung auch immer eine Doppelung des Originals, eine Abspaltung und Distanznahme von ihm ist. Paradox also ist, dass infolge dieser Separation eine Ergänzung zustande kommen soll.

Das Übersetzen scheint insgesamt eine durch und durch paradoxe Tätigkeit zu sein, wahrscheinlich, weil es paralogisch ist, weil es zwei Sprachen in eine Gegenüberstellung zwingt.

Kann sich der Übersetzer diesen Paradoxien entziehen?

I. Die Aufgabe des Übersetzers

a. Die Figur des Übersetzers

Dem Titel zufolge ist Benjamins Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers, in dem seine Theorie der Übersetzung festgehalten ist, nicht zunächst ein Aufsatz über die Übersetzung, sondern vor allem ihrem Verrichter gewidmet[6]. Der Übersetzer – als Übersetzer ist er also jemand, der über-setzt, sich über ... hinaus setzt. Dieses über, als Anzeiger einer Bewegung, ist zu fassen und zu verorten unmöglich. Der Übersetzer ist dem Wort nach jemand, der sich durch eine permanente Verschiebung seiner Situation und seines Setzens auszeichnet, durch eine Unverortbarkeit ferner, die dazu führt, dass das -setzen in Übersetzen nicht sesshaft werden kann; über- und -setzen stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander; worauf das -setzen abzielt ist, wird durchs über- vereitelt.

Es ist dieses Wort, Aufgabe, das im Titel von Benjamins Aufsatz auf die Tücke der Übersetzertätigkeit aufmerksam macht. Das Wort Aufgabe selbst muss übersetzt zu werden. Da Aufgabe zwei Lesarten birgt, zwingt es zu einer Paraphrasierung und einer Explikation: Bewegungen, die schon ins Regime des Übersetzens hineinreichen, die allesamt versuchen «›Dasselbe‹ wiederholt zu sagen»[7].

Aufgabe kann man im Sinne des englischen task, wie auch im Sinne eines Aufgebens verstehen. Die Tragweite dieser Doppeldeutigkeit im Titel Die Aufgabe des Übersetzers erschließt sich vielleicht am deutlichsten im Gegenlicht des folgenden Passus:

So ist die Übersetzung zuletzt zweckmäßig für den Ausdruck des innersten Verhältnisses der Sprachen zueinander. [...] Jenes gedachte, innerste Verhältnis der Sprachen ist aber das einer eigentümlichen Konvergenz. Es besteht darin, daß die Sprachen einander nicht fremd, sondern a priori und von allen historischen Beziehungen abgesehen einander in dem verwandt sind, was sie sagen wollen. [p. 12]

Benjamins einleitenden Worte zur Afinalität eines jeglichen Kunstwerks [p. 9] dienen, genau besehen, der Vorbereitung auf eine Akausalität des Übersetzers. So wie Benjamin die Aufgabe des Übersetzers skizziert, lässt sich kein Rückschluss von der Übersetzung auf den Übersetzer ziehen. Der Zweck der Übersetzung ist das Aufzeigen der innersten Blutsbande zwischen den Sprachen, die sie aus ihrem Schlaf löst und ins Werk setzt. Dieses Werk zu schaffen, ist die Aufgabe (task) des Übersetzers, die jedoch auch seine Aufgabe, sein Verschwinden als Mittelsmann für etwas, das a priori keiner Vermittlung bedarf, bedeutet. Die Finalität des Übersetzens, ihr Zweck, ist die Tilgung des Übersetzers als Mittler zwischen der a priorischen Verwandtschaft zwischen den Sprachen. Seiner Aufgabe nachzugehen, bedeutet für den Übersetzer zwangsläufig die stückweise Auf-gabe seiner selbst in dieser Funktion. Der Vollzug der Aufgabe bedeutet den Entzug von sich selbst als Übersetzer; die Erfüllung der Aufgabe besteht in einer Leerstelle, in der sich derjenige zwangsläufig wiederfinden muss, der nichts Neues vollbracht hat, der nur wiederholt hat, was seit Jahr und Tag unumstößlich feststeht. Der Übersetzer, wenn er übersetzt, arbeitet an seiner eigenen Zersetzung.

[...]


[1] P. de Man, Schlußfolgerungen: Walter Benjamins »Die Aufgabe des Übersetzers«, p. 182. – Die vollständige bibliographische Angabe findet sich, dies gilt für alle zitierten Werke, auf die in den Fußnoten nur durch Autor, Titel und Seitenangabe verwiesen wird, auf Seite 16.

[2] Ibidem, p. 195.

[3] Ibidem, p. 192.

[4] W. Benjamin, Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen, p. 148.

[5] Ibidem, p. 151.

[6] Derrida verweist darauf in seinem Aufsatz Des tours de Babel, p. 214.

[7] W. Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, p. 9. – Sämtliche Seitenzahlen in eckigen Klammern in diesem Kapitel beziehen sich auf diesen Text.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Übersetzung und Blindheit. Walter Benjamins Theorie der Übersetzung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V341618
ISBN (eBook)
9783668314641
ISBN (Buch)
9783668314658
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Benjamin, Übersetzungstheorie, Baudelaire, Paul Deman, Jacques Derrida, Dekonstruktion, Gedichtanalyse, Intertextualität
Arbeit zitieren
Adrian Giacomelli (Autor), 2011, Übersetzung und Blindheit. Walter Benjamins Theorie der Übersetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341618

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