Im Beitrag wird die Bedeutung der beiden Dorf- bzw. Flurnamen mit „Elend“ im Osterzgebirge analysiert. Örtlichkeiten mit dem Namen „Elend“ oder „das Elend“ sind danach nicht auf eine notleidende Siedlung oder ein Vorwerk zurückzuführen, sondern auf die althochdeutsche Wurzel eli-lenti mit der Bedeutung „abgelegenes, fremdes Land“.
Diese Bedeutung trifft am ehesten auf mittelalterliche Rastplätze im sog. Wildland, also abseits von Siedlungen oder Klöstern zu. Es wird gezeigt, dass Rastplätze im Wildland jedoch gewisse verkehrs-logistische und geomorphologische Bedingungen erfüllen müssen, die sie als solche geeignet erscheinen lassen. Dies sind insbesondere ein hinreichend ebenes, trockenes, hochwasserfreies, ausreichend großes und einigermaßen windgeschütztes Gelände als Rastplatz etwa in Form einer Quellmulde, das Vorhandensein von Frischwasser, die Lage an einer überregionalen Verkehrstrasse, eine Entfernung von 25-30km von Siedlungen oder Klöstern sowie das Vorhandensein von Weidemöglichkeiten für Reit-, Saum- und/oder Zugtiere.
Geländeuntersuchungen ergaben, dass diese Bedingungen im hohen Mittelalter sowohl vom heutigen Dippoldiswalder Ortsteil Elend als auch von einer Örtlichkeit am sog. Elendsteig zwischen Börnchen und Bärenstein erfüllt wurden. Im Korridor dieses Elendsteiges wurden zwei unterschiedliche, durch Hohlwegabschnitte gekennzeichnete mittelalterliche Verkehrstrassen nachgewiesen.
Durch Auswertung der Hohlwegprofile und an Hand der näherungsweise bestimmten Spurweiten der einstmals in den Hohlwegen verkehrenden Fahrzeuge wurde versucht, die beiden Trassen des Verkehrskorridors „Elendsteig“ funktionell und zeitlich einzuordnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Zur Bezeichnung mittelalterlicher Rastplätze in Sachsen und Böhmen
3. Zur Deutung von Orts- und Flurnamen mit „Elend“
4. Der heutige Ortsteil Elend von Dippoldiswalde
5. Der „Elendsteig“ bei Bärenstein
6. Der Elendsteig - eine Altstraße mit Rastplatz „ellende“ im Wildland?
Das Hohlwegsystem am Müglitzhang im Bereich des Elendsteiges
Altstraße Elendsteig – Trasse A
Altstraße Elendsteig – Trasse B
Der mögliche Rastplatz
7. Der Flurname „das Elend“
8. Versuch einer funktionellen und zeitlichen Einordnung des Verkehrskorridors „Elendsteig“ zwischen Börnchen und Bärenstein
9. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Orts- und Flurnamen mit dem Bestandteil „Elend“ im Osterzgebirge, um zu prüfen, ob diese auf die Existenz ehemaliger mittelalterlicher Rastplätze für Fernreisende im sogenannten Wildland hindeuten.
- Analyse der althochdeutschen etymologischen Wurzeln des Toponyms „Elend“.
- Identifikation verkehrslogistischer und geomorphologischer Kriterien für mittelalterliche Rastplätze.
- Untersuchung des heutigen Ortsteils Elend bei Dippoldiswalde als möglicher Rastort.
- Analyse des „Elendsteiges“ bei Bärenstein durch Hohlwegvermessungen und Spurweitenbestimmung.
- Versuch einer zeitlichen und funktionellen Einordnung der historischen Verkehrstrassen.
Auszug aus dem Buch
3. Zur Deutung von Orts- und Flurnamen mit „Elend“
Einige Indizien weisen darauf hin, dass im mittelalterlichen deutschen Sprachraum Örtlichkeiten bzw. Flurnamen mit „Elend“ auf Rastplätze außerhalb von Ansiedlungen, also im Wildland hindeuten. Ein Beispiel einer Wegstrecke mit zwei Klöstern und zwei dazwischen liegenden Herbergsplätzen über immerhin drei Tagesreisen von zusammen etwa 75km hat sich im westlichen Mitteldeutschland erhalten: Vom Kloster Ilsenburg ging ein Weg über den Harz zum südlich gelegenen Kloster Walkenried. Dieses konnte jedoch nicht in einem Tagesmarsch erreicht werden, da die Entfernung etwa 50km betrug. Eine Zwischenübernachtung musste im Oberharz, und zwar im Dorfe oder in der Nähe des heutigen Dorfes Elend (PLZ 38875) eingelegt werden. Elend im Harz lag und liegt etwa in der Mitte zwischen beiden Klöstern. Die Entfernung beträgt je etwa 25km. Die Mönche von Ilsenburg sollen ihre erste Raststation im Harz außerhalb eines Heimatgefühl vermittelnden Klosters, also in der Fremde oder auf fremden Gebiet im Freien, „eli-lenti“ – anderes, fremdes Land genannt haben, aus dem sich der Ortsname (das) "Elend" entwickelte /9/. Von Walkenried ging die Reise weiter nach Süden. Nach weiteren etwa 25km wurde in Ermangelung eines Klosters die nächste Übernachtung im ursprünglichen Wildland fällig. Tatsächlich trifft man in dieser Entfernung auf den Ort Elende (PLZ 99759), heute bereits zu Thüringen gehörig /8/.
Obgleich die beschriebene Route über den Harz wegen der Rolle der Klöster an der Strecke klerikalen Reisenden auf den Leib geschrieben zu sein scheint, ist es aus zwei Gründen sehr wahrscheinlich, dass auch Händler, Fuhrleute und Fahrende unterschiedlichen Typs diesen Weg benutzten:
Zum Einen boten die meisten frühen Klöster nicht nur klerikalen, sondern sehr häufig auch weltlichen Reisenden sichere Unterkunft. Denn für klassische Klöster war die monastische Lebensform bestimmend. Sie ist durch geistliche Aktivitäten, körperliche Arbeit, geistiges und geistliches Studium sowie Gastfreundschaft gegenüber Reisenden gekennzeichnet /11/.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der historischen Bedeutung von Fernwegen im Mittelalter und der Notwendigkeit von Zwischenübernachtungen im sogenannten Wildland.
2. Zur Bezeichnung mittelalterlicher Rastplätze in Sachsen und Böhmen: Erläuterung der Übernachtungsmöglichkeiten für Reisende und Hinweis auf Flurnamen, die auf frühe Rastplätze hindeuten.
3. Zur Deutung von Orts- und Flurnamen mit „Elend“: Herleitung der Bedeutung von „Elend“ als althochdeutsches Toponym für abgelegenes, fremdes Land abseits von Siedlungen.
4. Der heutige Ortsteil Elend von Dippoldiswalde: Analyse des Vorwerks Elend und Prüfung der Hypothese, ob hier eine Siedlung oder ein Rastplatz vorlag.
5. Der „Elendsteig“ bei Bärenstein: Beschreibung des Wanderwegverlaufs und seiner Bedeutung als historischer Verkehrsweg.
6. Der Elendsteig - eine Altstraße mit Rastplatz „ellende“ im Wildland?: Detaillierte Untersuchung des Hohlwegsystems und der baulichen Indizien für die Trassen A und B sowie die Eignung als Rastplatz.
7. Der Flurname „das Elend“: Erörterung der Lage des Flurnamens im Meilenblatt und dessen räumliche Diskrepanz zum vermuteten Rastplatz am Stauweiher.
8. Versuch einer funktionellen und zeitlichen Einordnung des Verkehrskorridors „Elendsteig“ zwischen Börnchen und Bärenstein: Einordnung der Trassen basierend auf technischer Spurweitenanalyse und historischen Kontexten des Bergbaus.
9. Zusammenfassung: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse, dass „Elend“ auf mittelalterliche Rastplätze hinweist, die verkehrslogistische Bedingungen erfüllten.
Schlüsselwörter
Elendsteig, Osterzgebirge, Mittelalter, Rastplatz, Wildland, Altstraße, Hohlweg, Spurweite, Ortsnamenforschung, Flurnamen, Verkehrsgeschichte, Müglitz, Siedlungsgeschichte, Dippoldiswalde, Bärenstein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung von Orts- und Flurnamen mit dem Begriff „Elend“ im Kontext mittelalterlicher Verkehrswege im Osterzgebirge.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Etymologie, der historischen Wegeforschung, der Identifikation von Rastplätzen im Wildland sowie der archäologischen Untersuchung von Hohlwegsystemen.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Örtlichkeiten mit der Bezeichnung „Elend“ tatsächlich auf ehemalige mittelalterliche Rastplätze für Fernreisende hindeuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus sprachwissenschaftlicher Etymologie, historischer Kartenanalyse (Meilenblatt) und geländegängiger archäologischer Untersuchung, inklusive der Vermessung von Hohlwegprofilen zur Spurweitenbestimmung.
Was wird im Hauptteil des Dokuments detailliert behandelt?
Der Hauptteil befasst sich konkret mit dem Ortsteil Elend bei Dippoldiswalde sowie dem Elendsteig bei Bärenstein, wobei topographische und verkehrslogistische Kriterien für eine Nutzung als Rastplatz geprüft werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Typische Begriffe sind Elendsteig, Rastplatz, Osterzgebirge, Wildland, Hohlweg, Spurweite und Mittelalter.
Wie unterscheidet sich die im Text interpretierte Bedeutung von „Elend“ vom heutigen Sprachgebrauch?
Im heutigen Sinne bedeutet Elend oft Not oder Elend; der Autor belegt jedoch die althochdeutsche Wurzel „eli-lenti“, die neutral ein „abgelegenes, fremdes Land“ bezeichnet.
Welche Rolle spielt die Spurweitenanalyse für die zeitliche Einordnung der Trassen?
Anhand der Spurweiten von Fahrzeugen lässt sich ableiten, ob Wege bereits in der Zeit vor der Aufsiedelung des Osterzgebirges (vor 1200) genutzt wurden oder erst in einer späteren Phase durch den Bergbau an Bedeutung gewannen.
- Arbeit zitieren
- Dr. Bernd Hofmann (Autor:in), 2016, Elend. Notleidende Siedlung, abgelegenes Vorwerk oder mittelalterliche Raststation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343377