Afrika ist ein Land mit vielen Sprachen. Wobei das Wort Sprache sowohl die „Fähigkeit des Menschen zu sprechen; das Sprechen als Anlage, als Möglichkeit des Menschen sich auszudrücken“ beschreibt, als auch die symbolische Kommunikation mittels eines „(historisch entstandenen und sich entwickelnden) System[s, I.T.] von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft als Verständigungsmittel dient“. Nahezu allen Sprachen gemein ist ein, sich nach Kultur und Sprachraum richtendes, spezifisches System von Zeichen, seien es Symbole oder Buchstaben, „mit denen Laute, Wörter, Sätze einer Sprache sichtbar festgehalten werden“ können. Die also zur Verschriftlichung dienen und somit die nonverbale Weitergabe von Wissen ermöglichen.
So zum Beispiel durch die Skarifikation der Haut, also das Aufbringen von Schmucknarben auf die obere Hautschicht, welche einen Menschen sein ganzes Leben lang begleiten und Auskunft geben, sowohl über ihn, seine Umgebung als auch über seine Vergangenheit. Um diese Verschriftlichung mittels geometrischer oder tierischer Symbole lesen, oder besser, entschlüsseln zu können, bedarf es besonderer Kenntnisse, da „many have been developed by and for […] specialized groups or individuals.“ Innerhalb einiger afrikanischer Kulturen wird dieses Wissen von Generation zu Generation weiter gegeben und trägt somit zur Erhaltung der jeweilig spezifischen Schriftkultur und Identität bei. Doch auch eine fest in den Gesellschaften verankerte symbolische Sprache unterliegt dem Wandel der Zeit und der Veränderung.
Nicht nur Die Schrift an sich verändert sich, wird neu erfunden oder gar ersetzt sondern auch die Bedeutungen verschieben sich. Auch der Wandel von Schönheitsidealen und Wertvorstellungen tragen dazu bei, dass alte Formen der Kommunikation und Identitätsbildung immer weiter in den Hintergrund gedrängt oder gar verboten werden. Doch ihre Methodik wird durch die länderübergreifende Migration und zunehmende Technisierung weitergetragen und teilweise von einer anderen Kultur übernommen oder eingegliedert. So erhielt auch die Technik Skarifizierungen anzufertigen Einzug in die westliche Welt und findet heute ihren Ausdruck in der jüngeren Generation. Sie gilt als eine der extremeren Formen der Körperbemalung oder Körperveränderung.
Eine Verschmelzung von Tradition und Moderne ist dort unabdingbar, wo neue Wertvorstellungen und Schönheitsideale beginnen eine Gesellschaft zu verändern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Körper als Medium
2.1 Skarifikation – Schmucknarben als Schriftsystem und Träger von Information
3 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Skarifikation als eine Form nonverbaler Kommunikation in afrikanischen Gesellschaften und analysiert, wie diese Körperveränderungen als Träger von Wissen, Identität und gesellschaftlichen Werten fungieren sowie welchen Wandel diese Tradition im Kontext von Globalisierung und Modernisierung erfährt.
- Der menschliche Körper als Medium der Kommunikation und Identitätsstiftung.
- Die Funktion von Skarifikationen als Schriftsystem zur Informationsvermittlung.
- Soziale, rituelle und ästhetische Hintergründe der Narbengestaltung.
- Wandel und Transformation der Tradition im globalen und technisierten Kontext.
Auszug aus dem Buch
2.1 Skarifikation – Schmucknarben als Schriftsystem und Träger von Information
Die Haut ist, mit einer ungefähren Gesamtfläche zwischen 1,5 m² und 2 m², das größte Organ des Menschen. Sie umgibt und schützt uns. Wenn sie nicht von Bekleidung bedeckt wird, so ist sie, wie Dr. med. Markus Schwarz in seiner 2005 erschienenen Publikation ´Von der Sprache unserer Haut (Afrika)´ zutreffend beschreibt, „die ´letzte Schicht´ zwischen dem Individuum und seiner Umwelt“18. In einigen „afrikanischen Gesellschaften verzieren sich die Menschen mit auffälligen Narben, die in variantenreichen Mustern den Körper schmücken.“19 So unterschiedlich die Symbole der Skarifizierungen sind, so unterschiedlich sind auch die Gründe für ihre Anbringung. Im umfassenden Sinn aber dienen sie als Schriftsystem zur Weitergabe von Informationen. So ist in inscribing meaning von unter anderen Christine Mullen Kraemer zu lesen, dass „systems of graphic inscription […] function much as writing does: to record, archive and transmit knowledge and information.“20
Alle Skarifikationen begründen sich in Sinn und Funktion auf sozialen, medizinischen, religiös-mythischen oder künstlerisch-kosmetischen Hintergründen21. So können sie zum Beispiel auf eine bestimmte Altersgruppe, einen Verwandtschaftsverband, die Zugehörigkeit zu einer Wohngruppe oder die gesellschaftliche Stellung hinweisen, sowie Hoffnungen und Ängste schildern und Tapferkeit, Heldentaten im Kampf oder besonderes Geschick bei der Jagd dokumentieren. Im rein künstlerisch-kosmetischen Sinn können sie auch die Gesundheit und Schönheit der Haut unterstreichen.22 Aber außerhalb dieser Zuordnungen zeigen sie zudem einen anderen, ästhetischen und künstlerischen Weg des Wissens und der Erzählung auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Körper als Medium und thematisiert die Skarifikation als nonverbale Kommunikationsform, die im Kontext kultureller Identität und gesellschaftlichen Wandels betrachtet wird.
2 Der Körper als Medium: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen, in dem der Körper als Grundfläche kultureller Einschreibungen dient, und geht detailliert auf die Skarifikation als Schriftsystem sowie als Mittel zur sozialen und ästhetischen Markierung ein.
3 Resümee: Das Resümee bilanziert, dass die traditionelle rituelle Bedeutung der Skarifikation abnimmt, während sie in der westlich geprägten Moderne eine Transformation zu einer eher persönlichen oder rebellischen Ausdrucksform vollzogen hat.
Schlüsselwörter
Skarifikation, Körperveränderung, nonverbale Kommunikation, Identität, afrikanische Gesellschaften, Körper als Medium, Schriftsystem, Tradition, Moderne, Schmucknarben, Initiation, Kulturgeschichte, Symbolik, soziale Ordnung, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Skarifikation als Form der symbolischen Kommunikation in afrikanischen Gesellschaften und analysiert ihre Rolle als Informations- und Bedeutungsträger auf dem menschlichen Körper.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Körper als Medium, die Skarifizierung als kulturelle Technik, der Wandel von Traditionen durch Modernisierung sowie die Bedeutung von Hautverzierungen für soziale Identität und Status.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Funktion der Skarifikation als "Schriftsystem" im soziokulturellen Kontext zu beleuchten und den Einfluss von globalen Werten auf diese traditionelle Praxis aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und den vergleichenden Blick auf verschiedene afrikanische Kulturen, um die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte der Körpermodifikationen einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition des Körpers als Medium, der technischen Ausführung von Skarifikationen, ihrer Rolle als soziales Identitätsmerkmal und dem Einfluss moderner Einflüsse auf diese Tradition.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Skarifikation, Identität, nonverbale Kommunikation, Schmucknarben, kultureller Wandel und Körperkunst.
Warum spielt die Skarifikation bei Gruppen wie den Yaelima oder Yoruba eine besondere Rolle?
Bei diesen Gruppen dienen Skarifikationen spezifisch als Stammeskennzeichen oder Ausdruck sozialer Ordnung und religiöser Weltbilder, was die Funktion als komplexes Kommunikationssystem unterstreicht.
Wie verändert die Urbanisierung die Tradition der Skarifikation?
Zunehmende Technisierung, Landflucht und die Übernahme westlicher Werte führen dazu, dass die traditionellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für diese Formen der Körperverzierung schwinden und die Praxis an ritueller Bedeutung verliert.
- Citation du texte
- Inga Tiezel (Auteur), 2012, Symbolische Kommunikation in afrikanischen Gesellschaften. Medium Skarifikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344410