Mit der Einführung der gemeinsamen Währung war die Europäische Integration einen richtungsweisenden und greifbaren Schritt vorangegangen. Die Geburtsstunde der Gemeinschaftswährung wurde als historischer Moment gefeiert; der Euro galt als Symbol für ein friedliches und vereintes Europa. Inzwischen ist die Euphorie verschwunden. 11 Jahre nach seiner Implementierung steckt der Euro in einer tiefen Misere. Mit zunehmender Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung in den südlichen und östlichen Ländern auf der einen Seite und einem wirtschaftlich prosperierenden Norden auf der anderen, wird die Einigkeit Europas auf eine Zerreißprobe gestellt. Die Krise der Gemeinschaftswährung die droht die Union zu spalten. Der Zweifel und die ablehnende Haltung gegenüber dem Euro kanalisieren sich in Deutschland in der neuen Partei „Alternative für Deutschland“. Diese wirbt mit der Abschaffung des Euros um die Gunst der Wähler bei der nächsten Bundestagswahl.
Einstellungen zu politischen Sachfragen können die Stimmabgabe der Wähler zugunsten einer Partei beeinflussen. Die Autoren des sozialpsychologischen Ansatzes zur Erklärung von Wahlverhalten sehen in Sachfragenorientierungen einen der drei Bestimmungsfaktoren für Wahlverhalten. Im Folgenden wird zunächst der sozialpsychologische Ansatz der Michigan Schule vorgestellt, wobei besonders auf die Konzeption von politischen Sachfragen eingegangen wird. Anschließend wird gezeigt, wie sich der Euro von einer allgemein akzeptierten Währung (Valenzissue) zu einer umstrittenen policy (Positionsissue) gewandelt hat.
Welche Personen stehen dem Euro positiv gegenüber, welche lehnen ihn ab? Die seit der Eurokrise entstandene negative Einstellung gegenüber der Gemeinschaftswährung lässt sich mithilfe der Theorie der relativen Deprivation erklären. Anhand von Deprivation, unter der man einen Zustand der Entbehrung versteht, kann die Wahl von populistischen Parteien erklärt werden. Dieses Konzept werde ich im Folgenden vorstellen. Anschließend soll untersucht werden, bei welchen Personen durch die Europäisierung ein Gefühl der relativen Deprivation hervorgerufen wird, welches sich in einer negativen Einstellung gegenüber dem Euro äußert und damit eine Wahlentscheidung zugunsten der Alternative für Deutschland wahrscheinlich macht.
Gliederung
1. Einleitung
2. Sachfragen als Determinanten von Wahlverhalten
3. Die Debatte über den Euro – der Wandel vom Valenz- zum Positionsissue
4. Theorie der relativen Deprivation zur Erklärung der Wahl populistischer Parteien
5. Hypothesengenerierung
6. Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel des Euro-Themas von einem allgemein akzeptierten Valenzissue hin zu einem kontroversen Positionsissue und analysiert, inwiefern dies zur Wählerbindung an die Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) beiträgt. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, welche sozioökonomischen Gruppen durch die Europäisierung ein Gefühl relativer Deprivation entwickeln und ihre Unzufriedenheit durch eine Stimmabgabe für die AfD ausdrücken.
- Sozialpsychologische Grundlagen des Wahlverhaltens
- Transformation politischer Sachfragen (Valenz- vs. Positionsissues)
- Anwendung der Theorie der relativen Deprivation
- Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Benachteiligung und Euro-Kritik
- Einfluss der europäischen Integration auf die Wählerpräferenzen
Auszug aus dem Buch
2. Sachfragen als Determinanten von Wahlverhalten
Im Rahmen des sozialpsychologischen Ansatzes werden issue-Einstellungen als Determinanten für individuelles Wahlverhalten gewertet. Unter einem ,political issue` versteht man alle Sachfragen die sich auf gesellschaftliche und politische Themen beziehen; Campel et al definieren issues als „questions of public policy“ (Campbell et al. 1960:168). Inhaltlich lassen sich politische Sachfragen entweder als Valenz oder Positionsissue klassifizieren Zu Valenzissues zählen diejenigen policy-Fragen, bei denen hinsichtlich des Ziels Konsens besteht. Das angestrebte Ergebnis ist unstrittig und die politischen und gesellschaftlichen Akteure vertreten (weitgehend) denselben Standpunkt. Unterschiede bestehen lediglich darüber, als wie wichtig die Sachfrage angesehen wird (vgl. Falter/Schoen 2005: 227). Valenzissues sind ausschlaggebend für die Wahlentscheidung wenn die Wähler die zu lösenden Probleme, mit den Fähigkeiten der Parteien in Verbindung bringen. Diejenige Partei, die als besonders kompetent bewertet wird, das angestrebte Ziel zu realisieren, wird gewählt. Diese Einschätzung kann entweder retrospektiv, auf Grundlage von bisher Geleistetem, oder prospektiv, nach zukünftigen Absichten erfolgen. Trifft ein Wähler seine Entscheidung auf Basis retrospektiver Leistungsbewertung, so kann diese als Belohnung oder Bestrafung der jeweiligen Partei interpretiert werden.
Im Gegensatz zu Valenzissues stellen Positionsissues kontroverse politische Sachfragen dar, über die keine einheitliche Einstellung existiert. Stattdessen werden innerhalb der politischen Arena, wie auch in der Gesellschaft unterschiedliche teils diametrale Standpunkte vertreten. Positionsissues erzeugen daher ein konflikthaftes Verhältnis zwischen den Akteuren. Stimmt ein Wähler aufgrund seiner Einstellung zu einem Possitionsissue für eine Partei, kann dies als Auftrag zur Ausgestaltung einer konkreten policy interpretiert werden (vgl. Schmitt 1998).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Eurokrise und die Entstehung der AfD als eurokritische Kraft im Kontext des Wahlverhaltens.
2. Sachfragen als Determinanten von Wahlverhalten: Theoretische Erläuterung der Unterscheidung zwischen Valenz- und Positionsissues sowie deren Einfluss auf die individuelle Wahlentscheidung.
3. Die Debatte über den Euro – der Wandel vom Valenz- zum Positionsissue: Analyse der historischen Entwicklung der Euro-Akzeptanz in der Bevölkerung hin zur heutigen Kontroverse.
4. Theorie der relativen Deprivation zur Erklärung der Wahl populistischer Parteien: Anwendung des Konzepts der relativen Deprivation zur psychologischen Erklärung für die Zuwendung zu populistischen Parteien.
5. Hypothesengenerierung: Aufstellung spezifischer Hypothesen, die sozioökonomische Gruppen identifizieren, bei denen die Europäisierung relative Deprivation und damit AfD-Wahlverhalten auslöst.
6. Zusammenfassung und Schluss: Resümee der theoretischen Herleitung und Ausblick auf notwendige empirische Überprüfungen der aufgestellten Hypothesen.
Schlüsselwörter
Wahlverhalten, Eurokrise, Alternative für Deutschland, Valenzissue, Positionsissue, relative Deprivation, Sozialpsychologie, Europäische Integration, Parteibindung, Politische Soziologie, Wählerwandel, Wirtschaftspolitik, Populismus, Modernisierung, Bundestagswahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Einstellung zum Euro von einem Konsens-Thema zu einem konfliktträchtigen Sachverhalt gewandelt hat und warum dies Wähler dazu bewegt, für die eurokritische Partei Alternative für Deutschland zu stimmen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Wahlsoziologie, der Theorie der relativen Deprivation, der Analyse politischer Sachfragen (Issues) sowie den sozioökonomischen Auswirkungen der europäischen Integration.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche Bevölkerungsgruppen durch die europäische Integration eine relative Deprivation empfinden und wie dieses Gefühl der Benachteiligung eine Wahlentscheidung zugunsten der AfD beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf dem sozialpsychologischen Ansatz der Michigan Schule basiert und Hypothesen zur Erklärung von Wahlverhalten ableitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil erörtert die theoretischen Grundlagen des Wahlverhaltens, die Transformation des Euro-Themas sowie die Anwendung des Deprivationskonzepts auf ökonomisch oder sozial benachteiligte Gruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wahlverhalten, Eurokrise, AfD, Positionsissue, relative Deprivation und Parteibindung sind die zentralen Begriffe.
Warum wird der Euro in der Arbeit als "Positionsissue" bezeichnet?
Weil es zu diesem Thema mittlerweile diametral entgegengesetzte Standpunkte in der Politik und Gesellschaft gibt, was einen Konflikt erzeugt, im Gegensatz zur früheren Einstimmigkeit (Valenzissue).
Wie definiert die Autorin den Begriff der "relativen Deprivation"?
Es wird als Wahrnehmung sozialer Benachteiligung verstanden, die mit einem Empfinden von Ungerechtigkeit einhergeht, weil angestrebte Ziele im Vergleich zu einer Referenzgruppe nicht erreicht werden.
Welche Rolle spielt die "Parteiidentifikation" bei der Analyse?
Die Parteiidentifikation ist ein langfristiger Faktor des Wahlverhaltens; da die AfD jedoch eine neue Partei ist, können Wähler noch keine starke Bindung zu ihr aufgebaut haben, weshalb Sachfragen (Issues) hier eine primäre Rolle spielen.
Welchen Zusammenhang sieht die Autorin zwischen beruflicher Qualifikation und der Wahlentscheidung?
Sie postuliert, dass Geringqualifizierte sich durch den offenen europäischen Arbeitsmarkt stärker in ihrer Existenz bedroht fühlen und dieses Gefühl der Benachteiligung zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Euro führt.
- Citar trabajo
- Sandra Martin (Autor), 2013, Sachfragenorientiertes Wahlverhalten. Debatte über den Euro, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344508